II. Capitul.
Der Seilfahrer courtesiert.

[209] Das Garn spinnt man so kleine nicht,

Es kommt doch an das Sonnenlicht.


Zwischen und in solchem Gespräche endete sich unser Abendmahlzeit, bei welcher noch gar viel andere Historien erzählet worden, welche aus dem Grund solcher Schriften entsprungen, die da pflegen die Phantasie des Lesenden zu verleiten und aus Klugen Narren zu machen. Nach dem Essen tanzte man aufs neue, und nach solchem nahm man die Abrede, morgen wieder zusammenzukommen und die angefangene Ordnung zu vollführen, mit dem Anhang, daß sich diese Nacht keiner auf erlogene und niemals geschehene Geschichten legen sollte, dadurch die Compagnie viel mehr betrogen als ergötzet und gebessert würde. Ludwig sagte, er wollte so viel Hörner zum Kopfe herausgewachsen haben, als viel er verlogene und unwahrhaftige Worte hervorbringen würde, und die andern gaben zur Antwort, daß man[209] ein solches Beginnen von adeligen Leuten nicht præsumieren solle, zudem wollten sie auch nicht hoffen, daß man argwohnen sollte, als wären ihre Lebensläufe so schröcklich besudelt, daß sie dardurch beweget würden, sich auf andere Inventiones zu legen. Mit solchem ging man zu Bette, und ich legte mich mit meiner Caspia nächst an einen Erker, welcher in den Schloßhof ging.

Nachdem nun fast alle Lichter in den Zimmern ausgeleschet worden, hörten wir in dem Schloßhofe eine Laute. Und weil dieses Instrument absonderlich zu Nachtszeiten recht lieblich und sehr angenehm zu hören, stund ich mit der Caspia an das Fenster, und verwunderten uns, daß der Lautenist in dieser großen Kälte ohne Handschuh spielen könnte, dahero urteileten wir, daß er entweder von der Natur oder von der Liebe gegen das Frauenzimmer so hitzig sein müßte, weil er endlich angefangen und folgende Strophen gesungen:


»Ihr Lippen, derer Zier ich tausendmal geküsset, seid gegrüßet!

Ihr Lichter, derer Strahl mein Herze eingenommen, seid willkommen!

Seid willkommen, o ihr Flammen!

Flammet nun in mir zusammen!«


Diese Verse schrieb ich geschwind bei dem Nachtlicht in meine Schreibtafel, aber indem ich solche mit Hülfe der Caspia aufzeichnete, vergaß ich darüber das andere Gesätz, welches noch viel stattlicher herauskam. Und wenn es nicht so tief in der Nacht gewesen wäre, hätten wir ihn ohne Zweifel heraufkommen heißen, weil absonderlich Caspia eine große Liebhaberin solcher Liebeslieder gewesen, deren sie ein ganzes Buch, von eigener Hand geschrieben, ganz voll hatte. Aber als wir am besten zuhören wollten, hörete der Sänger auf, und wir wußten nicht, wer der Kerl sein müßte, weil wir zuvor keine solche Stimme in dem Schlosse vernommen hatten.

Wir legten uns wieder zu Bette, das übrige Teil dem Morpheus zu überliefern und uns ein wenig in dem Traumreich umzusehen. Aber morgens weckte mich die Caspia aus dem[210] Schlafe, weil sie jemanden an das Zimmer anklopfen hören. Ich eröffnete die Tür noch in den Schlafhosen, denn ich vernahm, daß es mein Diener war, welchen ich erst vorgestern aufgenommen hatte. Und als er hereingekommen, nahm er mich auf eine Seite und bat mich, ihm zu verzeihen, daß er mich von meiner Ruhe verstöret, er müßte mir etwas Artiges erzählen, was er heute nacht wäre gewahr worden.

»Gestern abends,« sagte er, »als ich mich in meiner Kammer zu Bette geleget, kam der Seiltänzer mit einem langen Kerl und noch einem andern, welcher eine Laute trug und auf derselben überaus schön geschlagen. Er marschierte vor das Gemach der Kunigunda, allwo ein kleines Mägdlein stund, welches ihn hineingehen hieß. Ich weiß die Gelegenheit dieses Schlosses gar wohl, indem ich ehedessen und gleichsam von Jugend auf mein Schneiderhandwerk hierin getrieben, und weil ich wußte, daß es einen Kamin hat, welcher in die Kammer der Kunigunda ging, eilete ich geschwinde hinter das Dach hinauf, ihrem Gespräche zuzuhören. Sie mögen allem Ansehen nach schon eine Weile miteinander geredet haben, als ich das Brett-Fenster, so in den Kamin gehet, ganz sachte hinweggehoben. Da hörte ich mit Verwunderung, wie ihr der Seilfahrer erzählet, daß er kein so schlechter Kerl sei, wie sie ihn geschätzet, sondern er wäre einer vom Adel, hätte sich auch auf gegenwärtigem Orte aus keiner andern Ursache eingefunden, als sich bei dem Frauenzimmer beliebt zu machen.

›Das Schreiben‹ sagte er, ›welches Monsieur Ludwig um einen Gaukler geschicket, ist mir in dem Dorfe zuhanden gekommen, welches ich heimlich erbrochen. Und weil ich ehedessen vor die lange Weil auf dem Seil fahren lernen, bekam ich Lust, mich anstatt desselben hier anzugeben und einzufinden.‹ Auf solches antwortete die Kunigunda, daß sie solches überaus gerne hörte, und wenn er auch gleich kein Edelmann, sondern der allerniedrigste Bauernkerl wäre, so wollte sie sich doch glückselig schätzen, seine Person zu lieben. Deswegen solle er morgen abends, und zwar um diese Zeit, mit einem langen Schlafrock vor ihr Fenster kommen und nur mit einem Steinlein an dasselbe anwerfen,[211] dadurch sie ihn alsobald einlassen und fernere Gewogenheit erweisen wollte.«

Diese Worte erzählte mir der Schneider an meinem Fenster mit großer und ungemeiner Verwunderung. Ich sagte hierauf, daß er bei Leib und Leben keinem Menschen etwas davon vermelden sollte, alsdann mußte er mir gar erzählen, was sie weiter miteinander getan. Aber der Schneider wußte keinen fernern Proceß, sondern vermeldete, daß sie ihn wegen Argwohn seiner Mitgesellen nicht länger aufzuhalten verlangte, und er sagte, daß solche seine Musici wären, deren er immer zwei oder drei auf seinem Schlosse aufzuhalten pflegte. Anitzo aber hätte er sie, gleichwie Gauklersleuten zustehet, angekleidet, wie denn er selbsten sich bei solcher Gelegenheit eines solchen Kleides bedienen müssen, auf daß er durch die Federn den Vogel nicht verraten möchte. Mit diesem wäre der Seilfahrer hinweggegangen, und als ihn Kunigund um seinen Namen gefragt, hätte er ihr zur Antwort geben, daß er Caspar genennet würde und daß sein gestriger erzählter Lebenslauf erstunken und erlogen wäre. Sie sollte sich nicht daran kehren, er hätte es seinem angenommenen Stand gemäß tun müssen. Darauf hätte die Kunigunda seine köstliche Invention gelobet und bekennet, daß sie seinesgleichen wenig unter den Leuten gesehen. Solchergestalten wäre er hinweggegangen, nachdem sie nochmals gewisse Abrede miteinander genommen, daß er morgen um diese Zeit gewiß in einem Nachtrock vor das Fenster ihrer Schlafkammer kommen wollte.

Die Wahrheit zu bekennen, so war mir die Relation des Schneiders viel lieber, als wenn er mir vier Paar Hosen geflickt hätte. Ich gebot ihm nochmals, von der Sache reinen Mund zu halten, und unerachtet mich meine Caspia tausendmal ersuchte, ihr zu offenbaren, was der Schneider so geheim mit mir geredet, sagte ich ihrs doch keinesweges, und dannenhero entäußerte ich mich von der Anzahl derjenigen Weibernarren, welche kaum so bald eine neue Zeitung oder anders Geheimnis angehöret, da gehen sie stracks hin, sagens ihren Weibern nicht allein, sondern auch allen denen, so ihnen auf der Gasse begegnen. Man klaget, daß so[212] wenig Treu und Redlichkeit in der Welt sei, aber viel mehr ist zu beklagen, daß es gar keinen Papyrium mehr gibt. Aber das kann man nicht leugnen, daß die Verschwiegenheit ziemlich papierern geworden, dardurch oftermalen großes Herzeleid angerichtet wird. Was gehen die Weiber solche unnötige Sachen an? Mancher sagt: Meine Frau ist ja kein Block, sie muß ja auch wissen, wie es in der Welt zugehet. Ich sage: Ja, sie ist freilich kein Block, aber sie ist auch der Kerl nicht darnach, eine Sache zu wissen, daran ihr nichts gelegen ist. Viel Wäschereien verderben nur die Sitten, und hätte mancher keine neue Zeitung gehöret, so wäre er nicht darüber zum Narren worden.

Als der Schneider aus dem Zimmer war, ließ ich Monsieur Ludwig zu mir rufen, welchem ich die ganze Comödia vertrauete, so gut als sie mir von dem Schneider erzählet worden. Er raufte sich fast vor Freuden die Haar aus dem Kopfe, denn er nahm sich vor, den ehrlichen Caspar, als vermeinten Seilfahrer, so durch die Hechel zu ziehen, daß nichts darüber. Er resolvierte sich, daß er künftigen Abend selbst in dem Schlafpelz vor der Kunigunda Kammer gehen wollte, und indessen sollte ich dem Caspar mit dem Trunk wacker zusetzen, damit er keine Gelegenheit hätte, die Sache ins Werk zu richten. Und nachdem wir es alles genau hinten und vornen, unten und oben überleget, gingen wir wieder voneinander und erwarteten der Zeit.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 209-213.
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