IX. Capitul.
Abschied aus dem Schlosse. Lächerlicher Betrug wird zwischen dem Seilfahrer, Kunigund, Isidoro und Ludwig offenbar.

[248] Wir meinen oft, wir geigen recht,

Hört jemand zu, so klingt es schlecht.


»Wenn ihr nichts anders vorzubringen wisset,« sagte Monsieur Ludwig, »so könnet ihr mit solchen Erzählungen nur zu Hause bleiben. Ich sehe wohl, daß ihr gar zu viel vergessen und dannenhero auch das meiste unterwegen lasset, welches zur Lust gedienet hätte. Was nützen solche Trauergeschichten an einem Ort, da man nur wegen Kurzweil beisammen wohnet? Ich seh es doch gar zu klar, daß man die Wahrheit mit zwölf Peitschen nicht aus dem Frauenzimmer treiben kann, weil sie allerlei Wege suchen, ihre eigene Zufälle zu verhehlen.

Oh, wie wird euch heut nacht mein Gespenst drücken! Zusia, Zusia, Sie wird wohl das meiste davon zu empfinden haben, weil Ihr etwas erzählet, das ich schwerlich glauben kann. Und weil ihr demnach mit der Wahrheit gar zu tief hinter dem Berg haltet, ist es gar eine schlechte Kurzweil, den übrigen zuzuhören, denn ich weiß besser um all ihr Tun als sie selbst. Und ob sie gleich was Lustiges erzähleten, so wäre es doch nicht wahr, weil mir bekannt ist, daß sie von Jugend auf nicht über vier Meil Weges von ihren Geburtshäusern gekommen und stets als eingeschlossene Personen zu Hause sitzen müssen. Aber dieses reuet mich am allermeisten, daß ich nicht mit eingedungen, auf daß alle, die nicht weit in der Welt gewesen, aufs wenigste ihre Gedanken eröffnen sollten, die sie die Zeit ihres Lebens von der Liebe getragen. Alsdann würden wir wahrhaftig zu lachen genug bekommen, so sie anders nicht den vorigen gleich sein wollten und den meisten Teil davon zu vertuschen suchten.«[248]

Über dieser Loszählung war das übrige Frauenzimmer gar wohl zufrieden, denn sie studierten wie die Canari-Vögel auf ihre Relation, und weil sie mit schlechter Beredsamkeit begabt waren, scheueten sie sich, viel ungereimte Worte auf die Bahn zu bringen. Was ihnen aber an der Beredsamkeit abging, das ersetzten sie im Gegenteil mit ihrem Stolz um ein merkliches, wurde also eines mit dem andern gutgemachet und aufgehoben. Also zertrennte sich vor diesmal das Gespräch. Und weil sich die meisten entschlossen, morgen das Schloß zu verlassen und wiederum nach Hause zu kehren, ließ Monsieur Ludwig den Bauren zur Vorspanne ansagen, und der übrige Abend wurde mit Spielen verbracht, bei welchem Isidoro über hundert Ducaten in den Säckel schob.

Zwischen solchem Spielen hatte das Frauenzimmer eine andere Ergötzung, welche ihnen der Irländer mit Katzen angerichtet. Denn er war ein Mensch von sonderlicher Kurzweil und doch nicht halb so garstig mit Worten als Monsieur Ludwig. Derowegen hatte ihn das Frauenzimmer gerne um sich und spendierten ihm allerlei Angedenken zur Belohnung seiner steten Aufwartung.

Bei der Abendmahlzeit wurde er gebeten, abgeredetermaßen seinen Lebenslauf zu entwerfen. Aber er entschuldigte sich erstlich, weil er sich nicht darauf gefaßt gemacht, indem er bis dahero mit dem Frauenzimmer beschäftigt gewesen. Vors andere gedünkte ihn nicht übelgetan zu sein, wenn er solchen bis morgen zur Abreise versparete, indem auf dem Weg ohnedem wenig würde zu discurrieren sein; mit welcher Entschuldigung wir uns gar wohl zufriedengaben. Und Monsieur Ludwig setzte anbei, daß er selbsten noch ein Stücklein zu offenbaren hätte, welches ihm erst vor einer Viertelstunde eingefallen. Denn er war entschlossen, all dasjenige, so ihm heute nacht mit der Kunigund begegnen würde, zu erzählen und der Compagnie nicht eine geringe Lust zu verursachen, weil er wohl so klug war, die Sache so artig an den Mann zu bringen, daß sich auch derjenige nicht zu beklagen hätte, welcher am meisten durch die Hechel gezogen würde.[249]

Hiermit erhebte sich ein abscheuliches Turnieren, weil es gleichsam das Valet war, nach welchem sie morgen fortzureisen gedachten. Es wurden auf die Gesundheit einer glücklichen Reise so viel Gläser herumgetrunken, davon sie bald wären verhindert und zurückgehalten worden, solche mit gesunden Köpfen anzutreten, denn des andern Morgens lag noch alles in tiefen Federn, unerachtet es schon eilf Uhr auf der Schloßglocke geschlagen.

Ich selbsten wußte nicht, wo ich lag, und der Kopf lief dergestalten in dem Circul herum, daß ich alles vor doppelt ansah. Dahero gedünkte mich auch, als lägen zwei Weiber bei mir, und sooft ich nach beiden griff, fand ich doch nur eine. Ludwig sprang indessen an allen Zimmern herum und weckte uns mit einem großen Geschrei aus dem Schlafe. Alle seine Leute mußten hinter ihm dreinschreien und heulen wie die Wölfe. Und wer nicht geschwind hervor wollte, dem rissen sie das Oberbett hinweg und spritzten ihm mit Wasser auf den Leib. Er machte sich auch nur deswegen so lustig, weil er gedachte, vergangene Nacht einen solchen Possen gerissen zu haben, dergleichen noch nicht auf der Welt geschehen. Aber im Gegenteil ist er selbst so mit dem Handel der Kunigunda betrogen worden, daß nichts darüber. Muß derohalben dem Leser die Geschicht gar mit wenigem eröffnen.

Daroben habe ich geschrieben, wie der Schneider zu mir in das Zimmer gekommen und erzählet, welchergestalten er heute nacht bei einem Kamin zugehöret und verstanden, was Worte die Kunigunda mit dem vermeinten Seiltänzer gehalten. Und solche Geschicht habe ich hernachmals dem Ludwig erzählet, als welchen ich unter allen Cavalieren vor den schlauesten und arglistigsten gehalten. Er hat sich auch darüber dermaßen ergötzet, daß er vor großem Verlangen kaum die Nacht erwarten können, weil er sich entschlossen, seine Arglistigkeit hierinnen merklich an den Tag zu bringen, indem ihm die Zeit seines Lebens keine so bequeme Gelegenheit an die Hand gestoßen. Aber es ging in der Sach eine ganz andere Meinung vor. Der Schneider hat zwar wohl am rechten Kamin gehorchet, aber in der Kammer lag anstatt der Kunigund Isidoro, welcher sich in der Finster[250] vor die Kunigund ausgegeben, auf daß er nur erforschen möchte, wer der Seilfahrer eigentlich wäre, weil er ihm unter der Erzählung gar wohl abgemerket, daß seine Geschicht ganz erlogen sei.

Ich habe zuvor gesagt, daß Isidoro nur deswegen auf das Schloß gekommen, die Zusia zu lieben, und sie hatten auch schon heimlich miteinander gesprochen, wie sie den Seilfahrer fangen wollten. Dahero verwechselte die Zusia mit der Kunigund die Kammer, und ist also kein geringer Betrug vorgegangen, wie sich der geneigte Leser bestermaßen wird einbilden und schließen können, wie der betrogene Monsieur Ludwig angelaufen sei.

Ich hielt nach unserer Abrede vergangenen Abend den Seilfahrer fast bis zwölf Uhr mit Gesundheit-Trünken auf und vermerkte gar wohl, daß er gerne bei der Kunigunda wäre, denn er glaubte fest, sie hätte mit ihm gesprochen. Aber ich ließ alle gegenwärtige Diener vor die Tür stellen, und so sehr er auch durch allerlei Ungebärden hinauszukommen gesuchet, ließ ich ihn doch nicht von der Stelle, sondern zwang ihn, wider seinen Willen zu bleiben, weil ich ihm solche Gesundheiten zugetrunken, die er mir als ein ehrlicher Kerl nicht ausschlagen können.

Indessen hatte sich Ludwig in einen Nachtpelz verkleidet und kam zur bestimmten Zeit vor die Kammer der vermeinten Kunigund, welche ihm auch nach gegebenem Zeichen eröffnet und er durch das vorige Mägdlein hineingelassen worden. Er wurf sich mit tausend Seufzern hin auf den Isidoro und küssete ihn, nicht anders glaubend, als wäre es der Seilfahrer, flocht sich also ein Betrug in den andern. Und weil Isidoro willens war, den Seilfahrer bei der ganzen Compagnie zuschanden zu machen, nahm er dem unerkannten Ludwig die Schlafmütze ab, auf daß er solche morgen – als heute – vorzeigen und jedermänniglich weisen könnte, auf was der vermeinte ehrbare Seilfahrer in dem Schlosse umgegangen und gesonnen gewesen.

Ludwig war kaum so bald in mein Zimmer gekommen, als er mir, noch in dem Bette liegend, mit sonderlicher Vergnügung erzählete, wie er in der Kunigunda Kammer gelanget[251] und dieselbe mehr denn vierzigtausendmal geherzet und geküsset hätte. Er hätte auch mit ihr ganz in der geschwinde abgeredet, wie sie miteinander wollten ein Paar werden und noch heute früh davonziehen. Wir eröffneten endlich auch meiner Caspia die Abenteuer, welche sich nicht genugsam über die Arglist verwundern konnte. Ludwig sprang vor Freuden über Tisch und Bänke, hieß mich auch geschwinde aus dem Bette aufstehen, damit wir die Lust inzeiten genießen könnten. Man kam gar bald in dem vorigen Zimmer zusammen, und ich hielt es nicht unfüglich, so Ludwig die Erzählung dieser Geschicht bis auf die Reise versparete. Und alsdann gäbe es bei dem Abschied einen desto größern Possen, zumalen in dem Schlosse leichtlich ein Unheil entstehen dörfte, weil die Sach an sich selbst etwas kützlig wäre. Er gab sich endlich in meinen Willen, und damit wurde das Frühstück angerichtet, bei welchem allerlei vorgelaufen, welches ich wegen allzu weitläuftiger Umschweifung nicht vermelden kann, zumalen ich entschlossen bin, etwas Angenehmers auf die Bahn zu bringen.

Die Bauren hatten sich schon vor Eröffnung des Tores mit ihren Pferden auf dem Schlosse eingefunden, und nachdem allenthalben angespannet worden, fuhren teils auf Kutschen, teils ritten [wir] auf Pferden nebenher, und also schied man mit großem Frohlocken und vielen Pistolschüssen aus dem Castell.

Nachdem sie das Feld erreichet, fuhr man etwas langsamer, damit sie der Erzählung des Irländers möchten Gehör geben. Darauf erzählte er ganz weitläuftig, wie er in einer Meerinsul geboren und sein Leben unter den Barbaren zugebracht. Hernachmals wäre er kommen nach Trapezunt, allwo er durch vier Jahr als ein Jüngling in Eisen und Banden zugebracht. Von dar hätte ihn die Fortun durch einen Teutschen von Adel in hiesiges Land gebracht, allwo er nicht allein studiert, sondern auch seine Exercitien gelernet. Er hätte sich unter der französischen Fahne drei Jahr versuchet, und von dar wäre er in gegenwärtigen Zustand geraten, darinnen er sich bis auf diese Stunde befinde. Diesen Discurs des Irländers hab ich darum nicht mit eignen geführten[252] Worten entwerfen und aufsetzen wollen, weil ich dadurch ziemlich lang verweilen müssen, zu der Hauptlust zu gelangen, welche kurz darauf vorgelaufen. Denn nachdem der Irländer seine Rede fast auf eine ganze Meil Weges hinaus getrieben, trafen wir auf den Scheidweg, bei welchem ein großes Wirtshaus gelegen war. Man achtete es vor gar tunlich, daß man daselbsten absteigen und sich sowohl wärmen als zum Valet miteinander letzen möchte. Und als man in die Stube gekommen, wurden nebenst vielem Weine etliche Biscotten aufgetragen, die man in dem Lande häufig zu backen pfleget.

Indem nun Monsieur Ludwig anfangen will, die vergangene Geschicht verblümterweise vorzubringen, fängt Isidoro an und fragte die Compagnie, was derjenige wert sei, welcher sich vergangene Nacht unterstanden hätte, einer Frauensperson auf dem Schlosse in einem Nachtpelze zuzusprechen und sich zu ihr ins Bette zu legen. Wie sehr diese Rede den Seilfahrer, noch mehr aber den Ludwig bestürzet, ist leichtlich zu gedenken. Aber Ludwig, welcher diesesfalls das Sicherste getroffen zu haben vermeinte, gab zur Antwort, daß derjenige ein solcher Mauskopf wäre, als einer zwischen Himmel und Erden sein könnte. Hierauf zog Isidoro die abgenommene Schlafmütze hervor, sagte, er hätte sie in dem Schlosse gefunden und wem solche angehörte. Ludwig bekräftigte, daß sie sein wäre, und die Frau Ludwigin war selbst ein Zeuge, daß sie ihm solche mit eigenen Händen gemacht hätte. »Ha, ha, Bruder,« sagte Isidoro, »bist du der ärgste Mauskopf zwischen Himmel und Erden? Wett der Teufel, was hast du bei mir in der Kammer vorgehabt? Gelt, du hast mich zerküsset und zerherzet?« Ludwig wußte nicht, was er vor Bestürzung antworten oder sagen sollte, ingleichem war auch der Seilfahrer käsweiß, und die Kunigund half ihnen folgendermaßen aus dem Traum:

»Ihr Herren, man weiß gar wohl, auf was die Karte angesehen gewesen. Ich hätte nicht mehr vermeinet, daß man ein solches von mir præsumieren solle. Monsieur Seilfahrer, Er ist schröcklich in der Sache angefahren, und ich weiß nicht, wie Monsieur Ludwig so artig erhaschet worden. Ich[253] gestehe es, daß ich nicht ein weniges an der Erzählung des Herrn Seilfahrers gezweifelt. Dahero verwechselte ich mit Herrn Isidoro die Schlafkammer, dahin ihn Isidoro unter meiner Person durch das Mägdlein kommen heißen, und der Herr Seilfahrer war so voll Ehr und Redlichkeit und ließ sich also stattlich verführen. Was er darinnen getan, wird Monsieur Isidoro schon sagen.«

»Er hat«, sagte Isidoro, »geglaubet, als wäre ich die Kunigunda. Er ließ sich von mir bereden, als liebte ich ihn, und auf eine solche Art brachte ich aus ihm, wer er wäre. Er heißet Caspar und ist einer vom Adel wie wir. Wie ich aber sehe, so kam des andern Abends Monsieur Ludwig zu mir, der herzte mich wohl vierzigtausendmal nacheinander und sagte solche Sachen zu mir, die ich nicht erwähnen mag.«

Hiermit brach Ludwig auch heraus und sagte, wie er durch mich und ich durch meinen Schneider hinter die Sach gekommen. Da ist nicht auszusprechen, wie man den Seilfahrer und Ludwigen ausgelachet. So sehr sie zuvor gelachet hatten, daß ich den Ludwigen anstatt der Caspia umfangen, so sehr, ja noch viel stärker lachten sie darnach über gegenwärtigen Zustand.

»Ha,« sagte Ludwig, »der Spott ist mir die Zeit meines Leibens nicht widerfahren. Gazo, wie habe ich mich so abscheulich verirret. Ich gebe dreihundert Taler vor den Schimpf«; und der Gaukler wollte gar aus der Haut fahren. Je mehr sie sich aber anstelleten, je mehr wurden sie verspottet, und dieses währte so lang, bis wir endlich voneinander schieden und ein jeder seinen Weg fortreisete.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 248-254.
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