XI. Capitul.
Zendorio kommt auf Ludwigs Castell.

[121] Der Tag bricht nach der Nacht herein,

Auf Regen folget Sonnenschein.


Der Jäger hatte bei dem Feuer seine Rede mit einer sonderlichen Höflichkeit beschlossen, als ich in meinem Herzen viel tausend Kreuz gemachet, zumalen er solche Sachen erzählet, die wohl eine mehrere Verwunderung als diese würdig waren. Ich seufzete unter währender Erzählung unzähligmal und wußte meine Affecten nicht so tief zu verbergen, daß der Jäger nicht eines und das andere an mir wohl wahrgenommen. Denn es ist einem recht Verliebten unmöglich, die Schalkheit so gar aus dem Grund und Fundament zu verbergen und auf die Seite zu stellen, so sehr und beflissen er auch ist, sich mit einem scheinheiligen Fuchsschwanz zu verdecken.

Er fragte mich dannenhero, was ich so bitterlich über und unter währender seiner Erzählung geseufzet hätte, und ob mir von gegenwärtiger Sache etwas bekannt wäre. Ich gab zur Antwort, daß ich nicht ein Wort um seine erzählte Begebenheit wüßte, sondern daß ich mich vielmehr in meinem Herzen erfreuete, daß Monsieur Ludwig noch im Leben wäre, welcher ehedessen mein vertrautester Freund unter Tausenden gewesen, auch so es möglich wäre, wollte ich wünschen, daß ich ihn noch vor meinem Tod sehen möchte.[121] Der Jäger versprach, mir hierzu fleißige Hülfe zu leisten, redete darauf eines und das andere, ich aber legte mich hinum und schlief auf meinen eingenommenen Schrecken ein wenig aus.

Sie bliesen schon ihr Horn, als ich morgens aufwachte und das Feuer ausgeloschen befand. Der vorige Jäger hieß mich mitkommen, so gut ich könnte, und damit eilete ich mit diesen Leuten den Wald mit müden Füßen hin und wider, bis wir nach dreien Tagen ganz ermüdet nach Hause und auf das Schloß Monsieur Ludwigs gerieten.

Sie hatten etliche Tiere gefället, mit welchen man der Küche zueilete, weil man beflissen war, den Faustus mit einer guten Mahlzeit zu bewillkommen, welcher mit seinen Leuten ganz herrlich eingezogen war. Ich stund in der Jägerstube, dahin mich meine Begleiter logieret hatten, und sah mit Verwunderung, wie sehr er sich zu seinem Hochzeittage gerüstet. Seine Diener prangten mit der schönsten Liverey, aber wie ich berichtet war, so weinete die Caspia unermeßlich, und Ludwig war beflissen, die Sache zu hintertreiben, soviel ihm möglich, weil er gesehen, daß sie durchaus gegen dem Fausto mit einziger Gegenliebe nicht zu bewegen war.

Ludwig forschte endlich aus den Jägern, wo sie bishero herumgestreifet, und erfähret endlich von denselben, daß sie einen Eremiten mit sich gebracht, der nach seiner Person so vielmal geseufzet und verlanget hätte. Er lachte und kam auf die Botschaft der Jäger selbst zu mir in ihre Stube, allwo er mich angeredet und gefraget, was meines Tuns wäre und wie ich mit ihm bekannt wäre. Ich nahm Monsieur Ludwig ein wenig auf die Seite und sagte ihm ins Ohr: »Monsieur Ludwig, kennest du deinen Bruder Zendorio nicht mehr?« Auf diese Frage wendete er sich schnell gegen mir, heißet die Jäger hinausgehen und sagte: »Ach, allerliebster Freund unter der Sonnen, welch ein wunderlich Glück gibt mir zu, daß ich dich hier in meine Arme schließen kann? Ich grüße dich, o allerwertester Freund, und erfreue mich über deiner Gegenwart mehr denn über Gold und Silber. Herzliebster Bruder, sage mir, wie hat dirs gegangen und wie[122] kommst du in diesen artlichen Habit? Wett der Teufel, wie siehst du aus? Ich hätte dich viel eher vor einen Wiedhopf als vor den Zendorio gehalten, erzähle mir doch nur mit wenigem, wie es dir ergangen, denn ich sterbe fast vor Begierde, deine Zustände zu erfahren.«

Hiermit führte er mich mit sich über eine steinerne Treppe von acht Stufen hoch, daselbst setzte ich mich mit ihm in ein kleines Zimmer, allwo ich ihm ganz umständlich erzählet, wie und auf was Weise ich bis dahero gelebet und wie elend ich meine Zeit zugebracht hatte. Bald sprang er in die Höhe, bald setzte er sich wieder nieder, so sehr konnte er sich über meine Erzählung verändern. Er wand die Hände zusammen, schwang dieselbe bald über den Kopf, bald auf den Bauch, bald umfaßte er mich gar mit beiden Armen und trieb ein rechtes Affenspiel mit mir. »Du armer Schelm,« sagte er, »kommst gleich noch recht zur Hochzeit. Deine Liebste hat sich fast die Augen ausgekratzet, dadurch sie endlich würde ausgesehen haben wie diejenigen, welche in dem Meer oft ohne Nasen, Augen und Ohren an das Ufer geworfen werden, welches nach dem Zeugnis unterschiedlicher Autoren von den Meerwundern, so sich in der Tiefe des Wasserreichs befinden, geschehen solle. Deine Zustände sind zu beschmerzen, aber weil du nach ausgestandenem Ungewitter nunmehro unter warmer Sonnen stehest, hast du dich nicht mehr zu betrüben über ein solches Geschicke, welches dir vielmehr Anlaß gegeben, deine Freude zu verdoppeln. Mein Schloß soll diesen Tag vor den allerfreudenreichsten halten, und nichts wird in meinem geringen Vermögen stehen, das ich dir zu Ehren zurückhalten werde. Lebe wohl, ich gehe nun zu der Caspia, welche sich in dem obern Geschoß ganz alleine verschlossen.«

Nach diesen Worten verließ mich der ehrliche Ludwig, und ich legte mich indessen auf eine Bank, weil ich von der Reise noch nicht ausgeruhet hatte. Nach einer Viertelstund kam er wieder herunter, und ich hörete ihn schon über die Treppe springen, als er zugleich an der Tür war und mich geschwinde mit sich kommen hieß, weil er einen Hauptpossen angestellet hatte. Er machte es fast wie Marchetti, der kaiserliche[123] Musicus. Als sich ein teutscher Violinist zu Wien wollte hören lassen, lauft er zu ihm und sagt: »Schwind, schwind, schwind, schwind, fein schwind!« So ging es auch mit mir, denn ich konnte mich kaum so bald von der Bank erheben, als er mich schon bei dem Ärmel genommen und mit sich zu der Caspia Gemach hinaufgeschleppet. Er eröffnete die Tür und führte mich mit sich in großer Ehrerbietigkeit zu ihr hinein, und nach solchem nahm er seinen Abschied, uns ganz alleine beieinander lassend.

Caspia, welche noch voll Tränen stund, fing an, gegen mir folgende Worte zu reden: »Allerliebster Herr Doctor, ich höre, Er habe eine Salbe, die Tränen zu stillen. Weil mir nun meine Augen von denselben ganz wund geworden, bitte ich, Er lasse mir welche zukommen.« Ich mußte heimlich lachen, daß Ludwig in dieser ernstlichen Sache seine Narrenpossen nicht verbergen können, sondern mich bei der Caspia vor einen Quacksalber ausgegeben, die da Salben vor die Augen verkaufen, und mußte dahero lachen, wenn mich nicht die plötzliche Freude sowohl als die große Erbarmnis über dieses unschuldige Kind zu einem Mitleiden bewogen hätten. »Caspia,« sagte ich, »Ludwig ist ein scherzhafter Mensch, welcher unter einem Waldbruder und Gassenarzt keinen Unterscheid machet. Aber warum bittet Sie um eine Salbe vor die Tränen? Sie ist eine Braut und hat vielmehr Ursach, zu frohlocken als zu weinen!«

»Ach, Ihr irret ganz weit,« sagte Caspia, »mein frommer Eremit. Ludwig scherzet zwar, und ist mir leid, daß er Euch vor einen Arzt bei mir angegeben, der Ihr doch nicht seid. Entgegen aber habt auch Ihr in diesem unrecht geschlossen, daß ich eine Braut sei, die ich doch nicht zu sein verlange.« Hiermit fing sie wieder an zu weinen, aber Ludwig eröffnete das Zimmer und sagte: »Bruder Zendorio, was machst du mit ihr viel dicentes?« Hiermit riß er mir die Mütze vom Kopfe und sagte gegen die Caspia: »Jungfer, erschrecket nicht und sehet den Kerl recht an!« Mit diesen Worten lief er wieder zum Zimmer hinaus. Caspia war fast vor Freuden zu Boden gesunken, als sie mich zu betrachten angefangen, denn sie erkannte mich mehr als zuviel. Ich war so weichherzig,[124] daß ich mit ihr zu weinen anfing, ob uns schon Ludwig von Herzen außer der Tür aushöhnete. Ich küssete sie wohl tausendmal, und sie wußte nicht, was sie mir vor übergroßen Freuden vor Freund- und Liebsstücke erweisen sollte, bis uns Ludwig voneinander brachte und sagte: »Nun muß aller Scherz auf die Seite gesetzet sein. Die Sach braucht Ernst. Denn Faustus muß mit Manier abgewiesen, und dir, Bruder Zendorio, muß die Jungfrau werden. Das ist das beste, daß er noch keine Versicherung hat, sonst dörfte der Handel blutig ablaufen. Aber er mag beginnen, was er will, wenn er Verstand im Kopf hat, so wird er spüren, daß ihm die wunderliche Zustände des Glückes und nicht wir ihm die Braut aus den Händen gespielet haben.«

Hierauf redete er die Sache ganz ausführlich mit uns ab und ließ zur Beförderung dessen Monsieur Isidoro von dem Schlosse hierherrufen, welcher sich fast zu Tode verwundert, da er mich in meinem lästerlichen Einsiedlersrocke betrachtet. Sie machten die Sache ganz kurz und unterrichteten die Caspia auf eine solche Weise, daß sie zu Fausto sagen sollte, er solle ihr in Gegenwart gewisser und nötiger Zeugen einen Eid ablegen, daß er sie nicht heuraten wollte, sofern sich Zendorio innerhalb vierundzwanzig Stunden auf dem Schlosse einfinde, käme er aber zwischen dieser gesetzten Zeit nicht, so wollte sie ihm entgegen schwören, ihn, den Faustus, zu ehelichen, und auf eine solche Weise wäre sie entschlossen, die Ehe zu schließen und zu contrahieren.

Faustus, welcher sich nichts weniger als die Gegenwart des Zendorio eingebildet noch geglaubet hätte, daß ich solle so nahe sein, ließ sich mit einer hohen Verpflichtung nach Verlangen der Caspia heraus und vermeinete, nunmehr den Fisch gefangen zu haben.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 121-125.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Teutsche Winter-Nächte
Teutsche Winter-Nächte

Buchempfehlung

Mickiewicz, Adam

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz erzählt die Geschichte des Dorfes Soplicowo im 1811 zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilten Polen. Im Streit um ein Schloß verfeinden sich zwei Adelsgeschlechter und Pan Tadeusz verliebt sich in Zosia. Das Nationalepos von Pan Tadeusz ist Pflichtlektüre in Polens Schulen und gilt nach der Bibel noch heute als meistgelesenes Buch.

266 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon