Neunter Auftritt

[24] Oeffentliche Promenade, Gebüsche und Bäume. Spaziergänger gehen vorüber, und begegnen sich einander. Mariane, Wagner, der sie führt, und Faust treten auf.


FAUST. Viel Volk, viel Getümmel!

WAGNER. Der schöne Tag hat die Menschen heraus gelockt.

FAUST. Hier ist ein einsames Plätzchen, hier[24] wollen wir ausruhen, und des angenehmen Wetters genießen. Sie setzen sich.

MARIANE. Ich bin selber ganz heiter geworden.

FAUST. Nicht wahr: der Champagner macht Muth? Aber wenn wir auch keinen Champagner getrunken hätten, so müßten wir doch heiter seyn; was fehlt uns, Weibchen, sind wir nicht glücklich?

MARIANE. Gottlob, wir sind's.

WAGNER. Ja gewiß! Es möchten wenige unter den Lustwandelnden seyn, die sich so glücklich nennen können.

FAUST. Nun, das freut mich, daß auch mein Wagner sich umstimmen läßt! Ist das nicht meine Tochter, die dort hinten herkömmt?

MARIANE. Ja, sie ists; sie hat Lisetten bei sich. Vielleicht sucht sie uns.

FAUST. Es ist ein trefliches Mädchen. Wie sie daher geht, geschmückt mit Unschuld, mit Sittsamkeit, mit jugendlichem Reiz.

WAGNER. Und die es so wenig weiß, daß sie reizend ist; das ist viel werth.

MARIANE. Bis itzt war sie die Unbefangenheit selbst; an den Spiegel dachte sie nicht.

FAUST. Gebt nur Acht, wie viel Freier sich nun finden werden, da das Mädchen reich ist. Aber[25] wer nach ihrem Gelde freit, der bekömmt sie wahrhaftig nicht!


Theodora und Lisette treten lustwandelnd auf.


THEODORA. O wenn ich Dir glauben könnte, Lisette, da würde ich nicht so unruhig seyn. Ach da sind meine Aeltern! Kömmt zu ihnen herangehüpft, und verneigt sich vor Wagner.

MARIANE. Und Du hast Dich allein mit Lisetten hieher gewagt? Das thut ja sonst meine Theodora nicht.

FAUST. O laß sie! Heute müssen wir alle etwas ausgelassen seyn. Und vor Theodora bin ich nicht bange, die kann ja keinem Manne ins Auge sehn! Theodora schlägt die Augen nieder.

MARIANE. Wo ist denn Dein Bruder?

THEODORA. Ich habe ihn dort in Gesellschaft einiger jungen Leute gesehn. Er wollte nicht mit mir kommen.

FAUST. Wo willst Du denn eigentlich hin, Mädchen?

THEODORA. Ich wollte blos frische Luft schöpfen.

FAUST. Nun so geh! In der Nähe sehe ich Dich immer, jetzt möchte ich Dich gern etwas in der Ferne sehen. Theodora verneigt sich, und geht mit Lisetten weiter. Faust umarmt seine Frau. Sieh, Weib,[26] das ist unsere Tochter! Wallt Dir nicht das Herz vor Freude? O Wagner, heirathe, heirathe! Es ist etwas Großes, etwas Göttliches, Menschen hervor gebracht zu haben!

WAGNER. Wären alle Kinder, wie die Deinigen, und alle Gattinnen, wie Deine Mariane, ich würde gleich heirathen.

MARIANE die ihm eine Verbeugung macht. Immer mehr Vollkommenheiten entdecken wir an unserm Wagner, sogar, daß er auch galant ist.

FAUST. Ja, Wagner, ich schwöre Dir, mein jetziges Glück würde mir nicht halb so viel Freude machen, wenn meine Lieben nicht um mich wären, die Theil daran nehmen könnten.

WAGNER. Sehr glaublich! Ein Paradies, worin man allein wäre, bliebe kein Paradies.


Moritz und Paulina gehen vorüber, doch so, daß die Gegenwärtigen sie nur im Rücken wahrnehmen.


FAUST. Was ist das für ein Paar junger Leute?

WAGNER. Ich kenne sie nicht.

MARIANE. Ich auch nicht.

FAUST. Das Frauenzimmer ist vortreflich gewachsen. Einen schönern Wuchs sah ich noch nie.


Xavev kömmt bald darauf Arm in Arm mit einem jungen Menschen, und im lebhaften Gespräch mit ihm.[27] Als er seine Aeltern wahrnimmt, verläßt er seinen Begleiter.


XAVER. Warte doch einen Augenblick, ich komme gleich zurück. Hier, liebe Mutter, will ich meine Schuld bezahlen. Ich bin glücklich gewesen; ich habe alles wieder gewonnen. Zählt Geld ab, und giebt es ihr.

MARIANE. Hast Du denn wieder gespielt?

XAVER. Ja, liebe Mutter, und so glücklich, so glücklich! O ich bin so froh, wie ich noch nie gewesen bin. Aber ich habe keine Zeit länger. Zieht den Hut ab, und läuft fort.

MARIANE. Xaver! Xaver! Höre doch! Der Ausgelassene hört mich nicht, und ich hätte doch so gerne mit ihm gesprochen.

FAUST. Was giebt es denn?

MARIANE. Er hat sich in ein Spiel eingelassen, und das gefällt mir nicht.

FAUST. Laß ihn! Heute verzeih ich ihm alles. Ist doch dem Vater der Kopf vor Freude schwindelnd, wie soll es mit dem Sohne anders seyn! Ich mögte ihn nicht leiden, wenn er heute den Kopf hängen ließe. Dir selber, Weibchen, vergebe ichs, wenn Du heute mit einem andern Manne liebäugelst.[28]

MARIANE. Wirklich? Vor neunzehn Jahren warst Du so nachsichtig nicht.

FAUST. Vor neunzehn Jahren war ich auch nicht so glücklich, wie heute. Sieh, über die Bäume dort mögte ich mich schwingen, so leicht fühle ich mich. Und wenn mir vollends einfällt, daß ich nun bald mein Amt abgeschüttelt habe, und daß ich dann ganz nach meinem Geschmack leben kann, o so – aber wer mögen denn die beiden jungen Leute seyn? Da kommen sie wieder her. Das Frauenzimmer ist wie eine Göttin. Die muß ich in der Nähe sehen. Steht auf, und geht näher nach dem Hintergrunde, wo er stehen bleibt.

WAGNER. Der Zug hat mir gefallen von Xaver, daß er seine Schuld sogleich bezahlte. Es bedurfte keines hohen Grades von Leichtsinn, um das Geld zurück zu behalten.

MARIANE. Eines hohen Grades freilich nicht; aber ich mögte auch keinen niedrigen Grad davon bei ihm entdecken. Mein Xaver war bis jetzt ein musterhafter Jüngling, und sein Spielen ängstigt mich.


Moritz und Paulina, gehen vorüber, und grüßen Faust. Dieser drückt die Veränderung aus, die

beim Anblicke Paulinens in ihm vorgeht.
[29]

FAUST für sich. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Der Anblick des Mädchens ist mir bis ans Herz gedrungen. Ich fühle mich wie zum Jüngling umgeschaffen. So schön sah ich noch keine. Ich muß sie kennen lernen! Aber Mariane! – Wie? Hundert und funfzig tausend Thaler im Vermögen, und ich sollte den Trieben meines Herzens nicht folgen?

WAGNER. Ich freue mich, daß er mit aufs Land gehet; da wird sich ihm keine Gelegenheit zu Fehltritten darbieten.

MARIANE. Das hoffe ich auch, und mir wird schon ganz bange in der Stadt. Sie glauben nicht, wie ich mich besonders jetzt sehne, in eine ruhige Einsamkeit versetzt zu seyn. Die obigen eingeklammerten Worte werden zugleich gesprochen. Mein Mann scheint fortgehen zu wollen. Kommen Sie, Wagner! Giebt ihm den Arm. Hast Du Lust nach Hause zu gehen, lieber Mann?

FAUST. Geh Du immer mit Wagner! Ich will noch einen Freund besuchen.

MARIANE. Du kömmst doch bald?

FAUST. Allerdings! Mariane und Wagner ab. Was ist das in mir? Welch ein klopfendes Herz, welche plötzliche Leidenschaft! Kämpfen mag ich nicht mit ihr, denn ich würde ihr unterliegen. Ich[30] muß ihr nacheilen, ich muß dem herrlichen Mädchen näher kommen. Ab.


Quelle:
Benkowitz, Karl Friedrich: Die Jubelfeier der Hölle, oder Faust der jüngere. Berlin 1801, S. 24-31.
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