Erster Auftritt.

[9] Eisleben. Schlepper. Dümmler. Kohlrepp. Bernhard. Ferdinand.


EISLEBEN die Karten abgehend. Roi et neuf! Trois et six! Er nimmt und zahlt Geld. Trois et deux! Ebenso. La Dame et huit!

SCHLEPPER. Attention! Er mischt seine Spielkarten, um eine Pointierkarte zu ziehen.

FERDINAND während dieser Pause laut schnarchend.

EISLEBEN. Nicht so schnarchen, Ferdinand!

FERDINAND ein Auge öffnend. Hm? – Er steckt die Zigarre verkehrt in den Mund, Ausdruck des Ekels, schläft wieder ein und schnarcht weiter.

SCHLEPPER. Auf den Valet! Er setzt.

EISLEBEN abziehend. Neuf et dix – Sept et l'as! – Madame et Valet! Er zahlt aus.

BERNHARD von dem Schnarchen Ferdinands erwachend, reibt sich die Augen und frägt schlaftrunken. Ist noch Zug?

EISLEBEN. Mehr als zuvor![9]

BERNHARD. Attention! Er sucht in allen Taschen nach Geld und findet nichts, steht auf, zieht sein Schnupftuch, es fallen zwei Kassenbillets aus demselben, hebt sie auf. Auf die Dame! Er wankt nach dem Tische und setzt, das Spiel geht weiter.

EISLEBEN ruft die Karten etwas leiser, um den Dialog im Vordergrunde zu decken.

BERNHARD gewinnt und verliert.

SCHLEPPER die leere Flasche sehend. Ist denn kein Stoff mehr da? Heda, Ferdinand!

FERDINAND. Hm! Was denn?

SCHLEPPER. Sekt her!

FERDINAND sitzen bleibend, laut für sich. I bewahre! Noch länger hier sitzen bleiben. Es kann ja nicht weit vom Morgen sein. Was ist denn die Uhr? – Er sieht nach. Dreiviertel auf Sechs! – Er sieht durchs Fenster. Heller, lichter Tag! Die schöne Nacht wieder um die Ohren geschlagen! Wenn man nicht seinen Profit davon hätte, es wäre nicht zum Aushalten. Aber ich denke, man muß sich nichts daraus machen. Andere Leute leben in den Tag hinein und kommen zu nichts, unsereins lebt in die Nacht hinein und kommt dadurch zu etwas. Er liest in dem Buche.

BERNHARD. Den letzten Louis auf die sept.

EISLEBEN wie oben. Madame et deux! Sept et roi!

BERNHARD. Pfui! – Alles fort! – Alles verloren!

EISLEBEN. Dix et l'as!

BERNHARD. Attention! Zwanzig Louisdor auf die neuf!

EISLEBEN zögert, den Einsatz des Geldes erwartend. Wenn ich bitten darf.

BERNHARD. Auf Ehrenwort!

EISLEBEN. Auf Ehrenwort! Gut! Er zieht ab. Roi et dix! – Roi et Madam! – Neuf et trois! – Sie haben verloren.

BERNHARD. Pest! Noch einmal zwanzig Louis auf die neuf!

EISLEBEN zieht ab. Cinq et deux! – neuf et quatre! Ich erhalte von Ihnen vierzig Louisdor, Herr Schlicht.

BERNHARD. Sie sollen sie bis heute abend haben.

EISLEBEN. Sie haben es gehört, meine Herren!

BERNHARD. Diese Bemerkung war sehr überflüssig.[10]

EISLEBEN. Ich weiß, daß Sie die Bedeutung eines gegebenen Ehrenwortes kennen. Sie werden aber auch wissen, daß ich in dieser Beziehung Erfahrungen gemacht habe.

BERNHARD stolz. Dann müssen Sie mit Leuten im Verkehr stehen, die von dem Prädikate »ehrenhaft« in angemessener Entfernung leben!

SCHLEPPER. Aber so stören Sie doch das Spiel nicht! – Weiter – weiter!

BERNHARD kommt leichenblaß mit verwilderten Haaren in den Vordergrund. Alles hin! Die 150 Taler, welche zu meinem Examen bestimmt waren und nun noch diese 40 Louisdor. Wenn ich das Geld nicht heut' noch auftreibe, bin ich ruiniert. Ich darf meinem Vater nicht unter die Augen treten. Was anfangen? Auf Ferdinand deutend. Der Kellner hat Geld. Ich weiß, er hat sich ein Kapital zusammengespart. Es ist demütigend, diesen Menschen anzusprechen, aber – wenn ich mich nur vorläufig aus dieser drückenden Verlegenheit reiße. Meine Tante Quisenow wird mich ja nicht im Stich lassen. Er ruft. Ferdinand!

FERDINAND immer noch sitzend, ohne von der Lektüre aufzusehen. Herr – hm!

BERNHARD verzagt, mit sich kämpfend. Ich brauche Geld – können Sie mir 200. Taler leihen?

FERDINAND. Sie belieben zu scherzen, Herr Schlicht!

BERNHARD. Ich weiß Sie haben sie – und noch mehr. Ich gebe Ihnen einen Wechsel.

FERDINAND. 'nen Wechsel? Entschuldigen Sie, das ist ein überwundener Standpunkt!

BERNHARD. Sie wissen, daß ich eine reiche Tante habe?

FERDINAND. Aber Ihre Frau Tante ist eine sehr ungemütliche Dame. Das letzte Mal, wie Sie auch nicht bei Mammon waren, und ich wegen der kleinen Nota kam, hat sie mich fast die Treppe hinuntergeworfen.

BERNHARD. Lieber Freund –

FERDINAND. Da muß man sich nichts daraus machen – gewiß! Aber es paßt sich doch nicht.

BERNHARD. So wollen Sie mir nicht helfen?

FERDINAND. Geht beim besten Willen nicht, Herr Schlicht. Ich habe mir meine paar Groschen mühsam zusammenapportiert[11] und muß sie zusammenhalten, denn unter uns gesagt, ich will heiraten, ich habe was in Aussicht; Sie werden reinen Gebrauch davon machen; ich etabliere etwas Großartiges – ich will den Leuten was zeigen.

BERNHARD der gar nicht hingehört. Bedenken Sie, ich bin der Verzweiflung nahe, meine Ehre steht auf dem Spiele.

FERDINAND. Da muß man sich nichts draus machen – wollte ich sagen, es ist mir unmöglich.

BERNHARD wirft sich wieder verzweiflungsvoll auf die Causeuse. Verfluchter Leichtsinn!

FERDINAND. Das wäre so was, jetzt mein Geld wegborgen, wo ich den Leuten was zeigen will. – Wenn sich die andere Schwefelbande nur auch endlich drücken wollte. Es ist schon heller Tag und ich muß auf den Markt gehen, Karolinen zu treffen. Falle ich bei ihr ab, so werfe ich mich an die Brand Agnes. Vorläufig habe ich beiden schon eine schriftliche Erklärung gemacht. Doppelt hält besser. Nun will ich doch schnell noch einmal nachlesen, was dieser »Ratgeber für Unverheiratete, oder die Kunst, in acht Tagen Bräutigam zu werden,« in bezug auf die erste persönliche Begegnung sagt – Er blättert und findet die Stelle. Aha hier –

KÖHLER kommt die Kellertreppe herunter.


Quelle:
O.F. Berg und D[avid] Kalisch: Berlin, wie es weint und lacht. Leipzig [o.J.], S. 9-12.
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