Dritter Auftritt.

[72] Quisenow allein.


QUISENOW laut triumphierend. Ah, jetzt wissen wir, wer Herr im Hause ist! Wie das wohl tut, sich endlich Lust gemacht zu haben! Ist denn niemand hier zum Umarmen? Es war göttlich! Und mein Gewissen sagt mir, daß ich recht getan, und das ist die Hauptsache, denn hier – hier – Er zeigt auf das Herz. hier muß es ruhig sein! Vom Gewissen spricht jeder einmal, aber nur bei wenigen das Gewissen.


Nr. 11 Couplet.


Dem Hauswirt klagt ein armer Mann,

Daß er nicht Miete zahlen kann.

Mein Weib ist krank – groß ist die Not,

Sechs kleine Kinder schrein nach Brot!

I was – so ruft der harte Mann –

Was gehn mich Eure Kinder an.

Wenn es mit Euch so schlecht bestellt.

Setzt keine Kinder in die Welt.

Da möcht ich das Gewissen sein,

Dem Mann sagt ich ins Ohr

:|: O schäme dich, du wirfst ihm ja

Des Himmels Segen vor! :|:


Verzweifelt ruft ein Mann: Wohlan,

Nicht länger ich's ertragen kann,

Mein ganzes Geld verspekuliert,

Kredit und Ruh ist ruiniert.

Mag Weib und Kind auch betteln gehn,

Ich kann den Jammer nicht mehr sehn.

Leb wohl, du schnöde Welt, leb wohl –

Und hastig greift er zum Pistol.

Als Gewissen spräche ich zu dem:

Wirf das Pistol zur Erd',

:|: Ein Vater, der die Seinen verläßt.

Ist kein'n Schuß Pulver wert :|:


Ein Wucherer, der ohne Scham,

Von Witwen es und Waisen nahm,[73]

Spricht: Wenn verachtet mich die Welt,

Verachtet man doch nicht mein Geld.

Und daß ihm nichts passieren kann,

Kein Brand ihn ruinieren kann,

Von Arnheim er sich bauen läßt

'nen eisernen Geldschrank, feuerfest.

Dochs Gewissen sagt dem Bösewicht:

's gibt dort ne Hölle noch,

:|: Dort hilft dir auch dein Arnheim nicht,

Dort Freund, verbrennst du doch. :|:


Ein Fräulein mit andächt'gem Sinn,

Sitzt Sonntags in der Kirche drin;

Doch blickt sie öfters links und rechts

Nach Menschen männlichen Geschlechts.

Auf einmal knarrt die Kirchenrür,

Es tritt ein junger Mann herfür.

Rasch schließt sie das Gesangbuch – klapp,

Und singt nicht mehr und geht schnell ab.

Wenn die nur ein Gewissen hätt,

Das spräch': Stells Beten ein,

:|: Denn Beten so mit rechts und links,

Bringt keinen Himmel ein. :|:


Ein armer Schuster wird todkrank;

Dem Weib, den Kindern wird ganz bang.

Der älteste Knabe eilt im Lauf

Und läutet schnell 'nen Doktor auf.

Der Doktor fragt am Fenster: Wo?

»Zum Schuster Pickenbach!« – Ach so –

Ich bin selbst krank, laßt mich in Ruh' –

Und klirrend fällt das Fenster zu.

Wenn ich nun sein Gewissen wär',

Im Traum macht ich's ihm kund:

:|: Wenn Pickenbach Geheimrat wär',

Da wärst du schon gesund. :|:


Er geht ab.[74]


Verwandlung.


Quelle:
O.F. Berg und D[avid] Kalisch: Berlin, wie es weint und lacht. Leipzig [o.J.], S. 72-75.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Holz, Arno

Die Familie Selicke

Die Familie Selicke

Das bahnbrechende Stück für das naturalistische Drama soll den Zuschauer »in ein Stück Leben wie durch ein Fenster« blicken lassen. Arno Holz, der »die Familie Selicke« 1889 gemeinsam mit seinem Freund Johannes Schlaf geschrieben hat, beschreibt konsequent naturalistisch, durchgehend im Dialekt der Nordberliner Arbeiterviertel, der Holz aus eigener Erfahrung sehr vertraut ist, einen Weihnachtsabend der 1890er Jahre im kleinbürgerlich-proletarischen Milieu.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon