Herbstvisite

[202] Ein Gespräch.


Ich:


–: Die ersten Trauben und Nüsse dabei –;

Meine Thüre ist offen, komm herein, wer es sei:

Will niemanden heut von der Schwelle weisen;

Soll Trauben zerdrücken und Nüsse zerbeißen.


Der mit der Sense (im Eintreten).


» Das nenn ich höflich. Ich bin so frei.«


–: Willkommen, Gevatter! und setz dich her!
[202]

Anmutig scheinst du mir zwar nicht sehr,

Doch hoff ich von deinen Knochenbacken,

Sie werden mir helfen, die Nüsse zu knacken.

Du siehst ja aus wie das ewige Gähnen.


»Ich renommiere gern mit den Zähnen.

Eine kleine Schwäche und Eitelkeit ...

Doch à propos: Bist du so weit?«


–: So weit? Wie weit?


»Dich einzuhenkeln

In meinen Arm ...«


–: An dürren Schenkeln

Mocht ich mir nie gerne meine reiben.

Auch hab ich noch große Lust, hier zu bleiben

Bei Trauben und Nüssen und sonst guten Sachen,

Die mir das Leben vergnüglich machen,

Zum Beispiel ...


»Gestatte, daß ich verzichte;

Ich kenne sie schon, die Schleckergerichte:

Die Liebe, die Schönheit, die Kunst und so weiter.

Eigentlich hielt ich dich für gescheiter.

Das alles, du weißt es so gut wie ich,

Ist bloß Zuckerglasur und äußerlich;

Inwendig, der Kern: puh, bitter und böse.

Gestatte, mein Freund, daß ich schnell dich erlöse.«


–: Sehr liebenswürdig. Indes ... ich glaube ...

Ach, sieh nur: Wie voll ist diese Traube![203]

Und heb nur: Wie schwer! Und denke: Der Wein!

Der Heurige wird recht trinkbar sein.


»Kein Rausch ist wie der meine tief.«


–: Ich wachte noch immer gern auf, wenn ich schlief.


»Dann bin ich in dem Haus zu früh.«


–: Nimm deine Sense, spar deine Müh.


»War keine Mühe, war eine Visite.«


–: Geh nicht im Aerger, Gevatter, bitte.

Du siehst mir so verdrossen aus ...


»Ich gehe nicht gerne leer aus dem Haus.«


–: So nimm eine Handvoll Nußschalen mit,

Denn dein ist die Schale.


»Einst sind wir quitt.«


Quelle:
Otto Julius Bierbaum: Irrgarten der Liebe. Berlin/Leipzig 1901, S. 202-204.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Irrgarten der Liebe
Der Neubestellte Irrgarten Der Liebe: Um Etliche Gaenge Und Lauben Vermehrt, Verliebte Launenhafte, Moralische Und Andere Lieder, Gedichte U. Sprueche . Bis 1905. 1 Bis 6 Tausend. (German Edition)

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Gustav Adolfs Page

Gustav Adolfs Page

Im Dreißigjährigen Krieg bejubeln die deutschen Protestanten den Schwedenkönig Gustav Adolf. Leubelfing schwärmt geradezu für ihn und schafft es endlich, als Page in seine persönlichen Dienste zu treten. Was niemand ahnt: sie ist ein Mädchen.

42 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon