Sankt Heinrich

[146] (M.P.)


Hinter Wipfelgrün am See

Liegt das Dorf des heiligen Heinrich;

Zwischen Wiese, Wald und Feldern

Ruht es mollig eingebettet;

Leise geht des Lebens Atem

Hinter Wipfelgrün am See.


Hinter Wipfelgrün am See,

In dem weißen Wallfahrtskirchlein,

Liegt der heilige Heinrich selber

Mit dem knorrigen Eichenknüppel.

Ruht sich aus von seinen Tugenden

Hinter Wipfelgrün am See.


Hinter Wipfelgrün am See,

Wo Henricus mit dem Knüppel

Schläft den Schlaf gerechter Seelen,

Schafft ein allerliebstes Mädel,

Tugendhaft wie Sankt Henricus,

Hinter Wipfelgrün am See.


Hinter Wipfelgrün am See,

In der kleinen Wirtshausstube,

Zwischen weißen Ahorntischen,

Zwischen dunklen Epheuranken

Weht Mariens weiße Schürze,

Hinter Wipfelgrün am See.
[147]

Hinter Wipfelgrün am See

Hab ich um den heiligen Heinrich

Und des heiligen Heinrichs Tugenden

Mich höchst wenig nur gekümmert,

Aber selig war ich dennoch

Hinter Wipfelgrün am See.


Hinter Wipfelgrün am See

War höchst selig mir zu Mute,

Sah ich in das Aug Marieen,

Drückte ich die Hand Marieen,

Küßte ich den Mund Marieen,

Hinter Wipfelgrün am See.


Hinter Wipfelgrün am See,

Wo des Lebens Atem leise

Weht und Sankt Henricus schlummert,

Träumt ich mir ein Friedensmärchen,

Sonnt ich mich in Märchenaugen,

Hinter Wipfelgrün am See.


Hinter Wipfelgrün am See

Liegt das Land, das herzverheißene,

Voller Blumen, voller Düfte,

Voller Lieder, voller Träume,

Meines Herzens Kanaan,

Hinter Wipfelgrün am See.
[148]

Hinter Wipfelgrün am See ...

Aus dem Paradies getrieben

Bin ich nun mit meinen Träumen.

Eichenknüppelheiliger Heinrich,

Dich beneid ich und dein Schlummern

Hinter Wipfelgrün am See.


Quelle:
Otto Julius Bierbaum: Irrgarten der Liebe. Berlin/Leipzig 1901, S. 146-149.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Irrgarten der Liebe
Der Neubestellte Irrgarten Der Liebe: Um Etliche Gaenge Und Lauben Vermehrt, Verliebte Launenhafte, Moralische Und Andere Lieder, Gedichte U. Sprueche . Bis 1905. 1 Bis 6 Tausend. (German Edition)

Buchempfehlung

Wette, Adelheid

Hänsel und Gretel. Märchenspiel in drei Bildern

Hänsel und Gretel. Märchenspiel in drei Bildern

1858 in Siegburg geboren, schreibt Adelheit Wette 1890 zum Vergnügen das Märchenspiel »Hänsel und Gretel«. Daraus entsteht die Idee, ihr Bruder, der Komponist Engelbert Humperdinck, könne einige Textstellen zu einem Singspiel für Wettes Töchter vertonen. Stattdessen entsteht eine ganze Oper, die am 23. Dezember 1893 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt wird.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon