Abseits

[303] Vorspruch:

Sieh, ringsum Glanz, und nur mein, Haus und Garten

In Wolkenbann ...

»Geniess auch das! Dem kommt das Licht, der warten

Und Wolkenschatten aus der Höhe sehen kann.«


Wenn, stolzes Mädchen, du mich fragen würdest,

Das nie mich fragen wird: Was giebst du mir,

Daß ich dir meine Jugend schenken soll,

Mein Mädchenleben und dies reine Herz ...?

Was könnt ich sagen?! Ach, ich habe nichts.

Bin allzulange schon kein Knabe mehr,[303]

Nicht schön, nicht reich, kein großer Herr und Held,

Doch auch kein wunderlicher, feiner Narr;

Trag keinen Orden, hab kein hohes Amt,

Und kam nicht unbeschmutzt aus diesem Kampf,

Der mein Geschick war, und in dem mein Herz

Hart ward und grimmig als ein Kriegerherz.

Auch bin ich müde und kein Tänzer mehr,

Ein Lächler ward ich, der ein Lacher war,

Und manchmal ist mein Lächeln gar nicht gut.

Ja, stolzes Kind, für eine Königin,

Wie du es bist, bin ich ein armer Tropf;

Im Hofstaat deiner Schönheit war mein Platz

Im finstern Winkel, wo die Bettler stehn,

Die ihre welke, abgehärmte Hand

Vergeblich strecken, daß von all dem Glanz

Ein Schimmer darauf falle. Bettelarm,

Nimm dieses Wort mit aller Schandenlast,

Wär ich bei dir, – drum will ich ferne sein.


Denn sieh: Ich hab ein Reich, drin bin ich Herr;

Ein Reich und Glück, das ist so voller Glanz,

Daß deine Schönheit selbst davor verbleicht.

Dies Reich ist mein, weil ich sein Schöpfer bin,

Ein Himmelreich mit mir als seinem Gott;

Du selber bist darin nur Kreatur.

In grader Säule steigt der Opferrauch

Von meinem Betherd, der der Schönheit dampft,[304]

Und, steh ich hier, ein Priester und ein Herr,

Sehn meine Augen bis zum tiefsten Grund

Des großen Meeres, das ihr Leben heißt.


Dich, Königin, erkenn ich und das Kind,

Das bleiche, das im Gassenkot verkommt,

Das große Weltrund und den Primelnkelch,

Und mir ist alles gleich verwandt und hold.

Umfassung ist mein Glück in diesem Reich,

Die ganze Welt zieh ich an meine Brust,

In die ein Gott mir eine Sonne gab,

Um die sich alles selig drehen muß.


Du lächelst, wie ihr Mädchen lächeln könnt,

Die grausam wie das liebe Leben sind,

Und denen gern Verachtung stolz und fein

Die schönen Lippen schürzt. – Ich seh auch das

Und nehm auch diese Schönheit in mein Reich

Und stehe vor mir selbst in deinem Spott

Und lächle still, lächle gottväterlich.


Könnt ich so lächeln, wäre ich dir nah?


Quelle:
Otto Julius Bierbaum: Irrgarten der Liebe. Berlin/Leipzig 1901, S. 303-305.
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