151. Der Pfingstritt zu Nusplingen.

[143] Vor dem Pfingsttage versammeln sich 14- bis 16jährige Buben in einem bestimmten Haus und beratschlagen wegen des Pfingstrittes. Die Rollen werden ausgetheilt; immerhin fällt es schwer, den sog. »Pfingstbuzen« zu erhalten, da dieser Keiner werden will. Sind die Rollen einmal definitiv ausgetheilt, so kostet der Rücktritt sechs Batzen Strafe.[143]

Die Mitspielenden kleiden sich in ihre Festkleider, und die meisten sind mit preußischen Hüten und Säbeln versehen; die Pferde mit Sätteln. Am Pfingstmontag findet der Ritt statt. Unter der Vesper geschieht der Ausritt. Alle versammeln sich nämlich da außerhalb des Ortes. Ist die Vesper aus, so eröffnet der Platzmeister den Zug; er reitet etwa zwei Minuten voraus und erscheint auch so lange auf dem Platze zuvor, wo Halt gemacht wird. Zuerst geht's vor den Pfarrhof; da sagt aber der Platzmeister nicht: Platz ab etc., sondern: »Grüß Gott, Herr Pfarrer und sein ganzes Hausgesind!« hernach zum Schultheißen und den andern angesehenern Bürgern des Ortes, begleitet von Groß und Klein, Jung und Alt. – Der Pfingstbutz ist mit Stroh eingehüllt und steht unter der Obhut des Quartiermeisters. Man macht von Seiten älterer lediger Burschen verschiedene Anstrengung, um ihn zu erwischen. Gelingt dies, so wird er in's Wasser geworfen. Zur Abwehr dürfen er und der Platzmeister alles Mögliche thun, z.B. Schläge austheilen etc.

Ist der Ritt vorüber, so werden die Pferde den Eigenthümern wiederum zugestellt. Hernach begibt sich die ganze Schaar zu Fuß in die Häuser, wo die Sprüche hergesagt wurden. Dafür erhalten sie Geld, oft zusammen an sechs Gulden und darüber, Fleisch, Eier, Schmalz etc. Mit diesem Ersammelten begeben sie sich in ein Wirtshaus des Ortes. Das Geld wird vertrunken, die Viktualien aber werden von der Wirtin zu einem vollständigen Essen zubereitet, das alle Theilnehmer nicht nur reichlich sättigt, sondern sogar für die Mühewaltung der Wirtin Einiges übrig läßt. – Hiernach folgen nun die Sprüche der einzelnen Reiter mit dem Beifügen, daß der »Schneeweiß Gemahl« vom Kopf bis zu den Füßen »weiß« gekleidet ist. Der[144] Maienführer hat einen Maien, d.i. eine kleine, verzierte Tanne in seiner rechten Hand, der Fähndrich hingegen eine Fahne.

Platzmeister.

Ab Platz, ab Platz mit Weib und Kind,

Der Kaiser kommt mit seinem ganzen Regiment!

Den Platz, den Platz will rommen,

Es werden gleich mehrere Herren und Gesellen nach mir kommen;

Sie werden kommen, sie werden bald da sein,

Sie reiten schon in den Hof herein.


(Zum Quartiermeister sprechend:)


Wohin, woher jagt dich der Wind,

Daß deine Stiefel und Sporn so staubig sind?


Quartiermacher.

Ab alle meine Wiesen und Aecker,

Was geht's dich an, du junger Lecker!

Ich reit heraus aus Sachsen,

Wo die schönen Mädchen auf den Bäumen droben wachsen.

Hätt' ich bälder daran gedenkt,

So hätt' ich auch ein paar Dutzend an mein Pferd gehenkt.


Platzmeister.

So, so Kamrad, du hast dir recht gethan,

Daß du das Ding hast unterwegen gelassen,

Sonst könnt ein jeder Roß- und Stierbua

Eine schöne Jungfer in's Wirtshaus abfassen.

Hoch an seine Landstand gut, eine Requiesstiefel. (?)

Ein wenig zu losentoren, ein wenig zu hören,[145]

So wollens wir doch Gott bitten,

Daß wir sind auf diesen Platz hereingeritten.

Der Anfang wird gemacht durch einen Platzmeister und Gesellen,

Allhier, allhier, all folge mir.


Franziskus der römische Kaiser.

Franziskus der römische Kaiser bin ich genannt,

Das Schwert führ' ich in meiner rechten Hand,

Zu regieren das römische Reich,

Viele ander Städt und Dörfer zugleich.

Regiment war die schönste Stadt,

Die ich unter meiner Gewalt gehabt,

Krieg und Schweiß und anders zugleich

Gehört immer zu meinem Reich.

Es hat den Franzosen genug verdrossen,

Daß er hat so viel Pulver und Blei umsonst verschossen.

Er wird uns bitten, und durch das Beten wird es gehen,

So hat der Franzos sich vorzusehen.


Ludwig XVI., König von Frankreich.

Ludwigus der XVI., König von Frankreich,

Der die Macht und Gewalt hat, ist keinem zugleich,

Obschon noch mehrere Herren über mich sein,

So bin ich doch der König allein,

Der Alles kann mit Geld verzwingen,

Bei dem nicht viel Waffen klingen;

Schöne Thaler hab ich gar zu viel,

Mit denen ich's schon kriegen will.

Spanien habens wir gewonnen,

Altenbreisach eingenommen,[146]

Viele andere Städte und Dörfer desgleichen,

Die vom Kaiser haben müssen abweichen.


Maienführer.

Maien- Maienführer bin ich genannt,

Den Maien führ' ich in meiner rechten Hand;

Wenn der Maien fällt, so reit ich, daß der Boden schnellt,

Wenn der Maien wieder aufersteht,

So will ich mit meinen Kamraden in's Wirtshaus gehen;

Dem Wirt bin ich gar wohl bekannt,

Er bringt mir eine Bratwurst in der Hand,

Und ein Glas kühler Wein,

So wollens wir Pfingstreiter heut Nachmittag recht lustig sein.

Viva, heißa! rund ist mein Hut,

Frisch ist mein Blut,

Katzendreck hont alle Mädle zum Heiratgut,

Die's nit glaubt, die ist ein alte Vozenhur,

Vozenhur därf ich ihme Jeden it sagen,

's könnt Einer do stehen, könnt me unter d'Gaul unterschlagen.


Fähndrich.

Fähndri, Fähndri aus dem Chor,

Bei den Russen hab ich meinen Eid geschworen,

Die Fahne wurde mir geben in die Hand,

Er weht für unser ganzes Vaterland.

Diese Fahne werde ich nicht von Handen geben,

Und kost' es mich mein junges Leben.


Der türkische Kaiser.

Und ich als türkischer Kaiser komm auch auf diesen Platz

Mit meiner ganzen Türkenmacht,[147]

Die Russen gänzlich zu vertreiben,

Es soll kein Stein mehr auf dem andern bleiben.


Die russische Kaiserin.

Ach, du türkischer Sultan,

Für mich bist du lange nit Mann,

Bist du größer in der Macht,

So bin ich doch größer in der That.


Sultan.

Auf, auf ihr mein General und Hauptleut,

Macht euch fertig und bereit,

Wir müssen wieder in den Streit,

Die Russen wiederum zu agiren,

Mit denselben eine neue Hauptschlacht führen;

Hauptmann geh' in's Lager nein, sag's meinen Soldaten an,

Soll ein Jeder fechten so gut er kann.


Kaiserin.

Ach, du türkischer Kaiser,

Ich werde noch nicht abweichen,

Ich habe schon vor vielen Jahren

Noch wenig von deiner Macht erfahren.

Auch thu' ich schon sieben Jahr mit dir kämpfen und streiten,

Aber nein, aber nein, dir thu' ich nicht abweichen.


Kaiserin zum General.

General, General, ich sag es dir,

Daß du getreulich dienest mir,

Daß du mit mir wollst ziehen in das Feld,[148]

Mit den Türken wollens wir kriegen,

Mit denselben eine neue Hauptschlacht führen.


General der Kaiserin.

Auf, auf! ihr General und Hauptleut,

Macht euch fertig und bereit,

Wir müssen wieder zu dem Streit,

Um die Türken zu agiren,

Mit denselben eine neue Hauptschlacht führen.

Hauptmann geh' in's Lager nein,

Sag's meinen Soldaten an,

Soll Jeder fechten so gut er kann.


Korporal.

Ich bin der Korporal,

Mich kennt man überall.

Komm ich zum Bauern in's Quartier,

So heißt's gleich, schafft mir Wein und Bier,

Gib mir das Beste, was du hast im Haus,

Oder ich jag dich zur Thür hinaus.

So bin ich allein Herr im Haus.


Schneeweißer Gemahl.

Schneeweißer Gemahl bin ich genannt,

Ich reit herum im ganzen Land,

Arbeiten mag ich gar nicht viel,

Ich brauch kein Rechen und kein Stiel,

Brauch keine Gabel zum Heuumkehren,

Kann mein Glas Wein in der Hand umleeren.

Viva, heißa, rund ist mein Hut,[149]

Frisch ist mein Blut,

Katzendreck hont die Mädle zum Heiratgut.

Die's it glaubt, ist ein alte Vozenhur;

Vozenhur därf ich einem Jeden nit sagen,

Könnt Oiner do stehen und könnt mich unter den Gaul nunter schlagen.


Koch.

Koch, Koch bin ich genannt,

Ich kann kochen, 's ist an Schand,

Ich hab' meine Herren wol eingeladen,

D'Katz ist kommen, hot mer mein Fleisch fortgetragen,

Ich bin in Wald nein gangen,

Haun 300 Spizmäus g'fangen,

Haun's in Hafen g'steckt,

Sie hont mir und meine Herren wohl geschmeckt.


Pfingstbutz.

Jezt bin ich au erst no do,

Mit meim feuroten Haar,

Heut den Morgen bin ich schau früh aufg'standen,

Bin um halbe sechse schau vor der Bettlad g'standen,

Hau geloset, ob ma no it reit oder fahr,

Daß ich nit der Lezte war.

Der Lezt bin ich wora,

's hot mich verflucht und vermaledeitisch g'schora.

Jezt ihr Leut gebet mir ebes raus,

Daß ich komm in ein anders Haus.

Quelle:
Birlinger, Anton: Sitten und Gebräuche. Freiburg im Breisgau 1862, S. 143-150.
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