392. Die Kunkelstube im Allgäu.

[435] Im Allgäu sind die Liecht- oder Kerzengänge oder Hohstuben arg im Schwang. Die Dienstboten spinnen. Vor noch nicht gar langer Zeit mußten auch die Knechte spinnen. Man bringt mit den Kunkeln das Werg in die Hohstube, woraus das sog. Bollengarn gesponnen wird, aus dem das Hopfensacktuch und anderer rauher Zeug besteht. Am Fästenmarkt wird die Sache verkauft. Seitdem die Buben nicht mehr spinnen, sitzen sie zusammen da, wo die Mädchen in der Kunkelstube sind. Spilen sie gerade nicht, so fordert die oder die Einen auf und sagt: »komm, du mueşt mer e-n Ãdrëhet şpinne!«

In der Rottenburger Gegend ladet man zum Kunkelheben ein; Kunkelheber hört man oft. Ein Mädchen prahlt, wenn sie einen rechten Kunkelheber hat. Um die Fastnacht ist im Allgäu die Liechtstube zu Ende. Da wird in dem Hause, wo man den Winter über hingewandelt, eine »Letze« gehalten, wie man's auf dem Heuberge heißt. Es muß die Frau ihrer Magd, die Mutter ihrer Tochter einen Weißlaib, zwei Pfund Schmalz, Eier und Milch mitgeben. Es wird drauf los gebacken und gebraten nach Noten; die eingeladenen Buben bringen Zucker, Kaffee, lassen oft ein ganzes Fäßlein Bier kommen und schaffen alles an, was Geld verlangt. Zulezt tanzt man bis weit in die Nacht hinein.

Quelle:
Birlinger, Anton: Sitten und Gebräuche. Freiburg im Breisgau 1862, S. 435.
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