420. Zimmermannsspruch.

[447] Wird in der Gegend von Saulgau ein Haus aufgerichtet, so läßt der Bauherr vorerst eine heilige Messe lesen, bei der alle Handwerksleute erscheinen, auf daß die ganze Arbeit ohne einen Unglücksfall vorüber gehen möge. – Die Nachbarsleute bringen der Frau des Bauherrn Küchlein und geräuchertes Schweinefleisch. Die Handwerksleute und Diejenigen, welche beim Aufrichten sonst noch aus Gefälligkeit[447] mithelfen, haben den ganzen Tag zu essen und zu trinken genug. Steht der Bau mit Gottes Hülfe aufgerichtet da, alsdann hält einer der Zimmergesellen einen Spruch. Auf den Giebel des Hauses wird ein Maien aufgesteckt, an dem vile Bänder hängen und zwei Nastücher. Mit dem Sprecher steigt noch ein anderer Geselle mit einer Maas Wein und drei Weingläschen den Bau hinauf, der den Kellner und auch den Soufleur, wenn's nötig ist, macht; er hat den Spruch geschriben in der Hand. Derselbe lautet so:


Ich steig hinauf in Gottes Namen,

Wo Spitz und Knopf geht zusammen,

Ich steig hinauf auf Jesus Christ,

Der unser bester Helfer ist.


Nun meine Herren, ihr müßt aber nicht lachen,

Wenn ich sollte meinen Spruch nicht recht durchmachen;

Denn als ich gestern Abends hab' studiert,

So hat mich eine schöne Jungfer verführt;

So ließ ich alsbald das Studieren sein

Und ging mit meiner Jungfer in die Kammer hinein.

Als ich bin nun die ganze Nacht gesessen,

Mein Studieren gar und ganz vergessen,

So ließ ich alsbald mein Studieren sein

Und mach mich ganz gut zur Jungfer hinein.

Sollt ich meinen Spruch nicht recht fortbringen,

So werden sich Meister sammt Gesellen schämen.


(Der Sprecher hat jezt einen Maien in der rechten Hand.)


Hoch- und wolansehlicher, hoch- und wolbedachtsamer Umstand! Unter andern Handwerkern, die Gottes Weisheit und die Menschheit verordnet hat, ist nicht blos das geringste das Zimmerhandwerk anzusehen; denn Gott der Herr selbst[448] in der heiligen Schrift führt den Namen eines Bauherrn, auch die Altväter hatten sich vor Zeiten guten Teils in dieser Wissenschaft begabt. Sie lasen in dem Buche Moses und in andern Schriftstellungen ist klärlich zu ersehen: Noe baute eine Arche, die war dreihundert Ellen lang, fünfzig breit und dreißig hoch, seine Nachkommen erbauten den babylonischen Thurm, Moses die Stiftshütte, der König Salomon den Tempel zu Jerusalem, die Altväter Abraham, Isaak und Jakob hatten sich selbst Hütten gebaut, darin zu wohnen. Auch die beiden Profeten Isaias und Aaron hatten gute Wissenschaft in allerlei Gebäude. Dazu wird aber ein guter Verstand erfordert, einen Bau wol aufzurichten, den Grund zu legen und abzumessen, und alle Stücke der Gemächer schicklich abzuteilen, das gute Holz zu behauen und alles ordentlich ineinander zu fugen. In Ansehung dessen verglich Gott der Herr seine Gemeinde und seine kirchliche Lehre zu einem Hause; das unbehauene Holz dabei sind wir Menschen, die wir durch die Sünde sehr verharrt; der Zimmermann ist Gott, der heilige Geist aber belohnt und straft die Welt um Sündenwillen und macht aus wilden zahme Bäume; das Werkzeug ist Gottes Wort. Das ist wie ein Hammer oder ein Beil, wo man Felsen zerschmettern kann, und wie ein zweischneidiges Schwert, das Seele und Geist durchdringt; die Eckstein sind die Drohungen Gottes; welche Bäume nicht gute Früchte bringen, werden umgehauen und in's Feuer geworfen; die Späne sind die Werke des Fleisches, welche durch besagtes Werkzeug müssen abgehauen werden; die Sägen sind Gottes Strafen, als: Krieg, Hunger, Theurung und Pestilenz, dadurch die Menschen gemartert werden; das Winkelmaß und die Schnur ist das Gesetz und das Evangelium, nach welcher Lehre wir eingehen müssen; die Bauleute[449] sind die Lehrer, welche am Hause Gottes arbeiten. Der Hausschirmer ist Jesus Christus, dessen Pflegvater Joseph auch ein Zimmermann gewesen, weßwegen ihn die Juden einen Zimmermanns-Sohn geheißen, der auch wahrhaftig Bau-und Hausherr ist, sich der Gemeinde zu einem Hause Gottes durch den blutigen Schweiß am Stamme des heiligen Kreuzes willig gegeben hat, und ihm ist ein solches Verdienst; er ist der Eckstein an solchem Hause, das Kreuz ist das Holz, daß seine Gemeinde kann fest gebunden werden; die Balken sind die Gläubigen, die hangen aneinander durch den Band des Fridens, und tun einander die Hände reichen. Der Keller, das ist die Liebe Gottes; daraus geht allerlei Vorrat, solchen reichlich genießen zu können, damit die Seele kann gespeist und getränkt werden; die Kirche ist der Ort, durch welchen das Feuer der Trübsal bewahrt wird; die Kammern bilden ab der Menschen Todes-Schlaf; die Stube ist das Himmelreich, darinnen wir zu Tische sitzen, um geistliche Speisen zu essen und zu trinken; die oberen Gemächer sind des himmlischen Vaters Wohnungen, darin Jesus Christus einem jeden Gläubigen eine Wohnung bewahrt hat; das Dach ist der Schirm des Allerhöchsten, das unser Aller Bedeckung und Zuflucht ist. Die Thüre ist Jesus Christus, durch welche wir einmal sollen in den Himmel eingehen; die Stege ist die Leiter, darauf wir täglich durch Gebet und Glauben zu unserm himmlischen Vater auf- und absteigen; die Eckschwellen sind die vier Eigenschaften Gottes: die Allmacht, Barmherzigkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit; wer sich auf solche gründet, wird nicht zu Schanden werden.

Vivat! es lebe der Bauherr und seine Frau! (Er trinkt Wein und spricht alsdann:)
[450]

Jezt bin ich matt vom Trinken,

So muß das Glas auf die Erde sinken;

Wann das Glas zerbricht,

Ist keine Jungfer im Orte nicht;

Bleibt es aber ganz,

So erhalten sie wieder ihren Jungfernkranz.


So folgen nun mehrere Toaste; im Ganzen werden drei Gläschen hinunter geworfen und vor dem Wurf jedesmal Obiges gesprochen.

»Der Endzweck ist, daß Zimmerleute heißen bauen, daß der Mensch den von Gott bescheerten Segen zu seiner Ehre und zum Nutzen des Nebenmenschen anwende, und im gehenden Leben im Schweiße seines Angesichtes sein Brod esse und solches mit aller Gefahr sauer und hart erwerbe; zu dem Ende haben wir nun dieses gegenwärtige Haus allhier dem Bauherrn zum Nutzen auf den heutigen Tag glücklich aufgerichtet. Ich hoffe auch, es werde demselben unsere Arbeit nicht übel belieben, sondern er werde Gott dem Allerhöchsten danken, daß er uns nicht allein Kraft verliehen hat, dasselbe zu berichten, sondern auch aufzurichten; denn dieser Bau ist gut versehen mit Bug und Pfosten, es werde unsern hochgeehrten Bauherrn ein schönes Trinkgeld kosten. Dieser Bau ist allhier nicht nur berichtet, sondern er ist auch aufgerichtet; er ist verfertigt und hergestellt, er einem Jeden wolgefällt; er ist nicht gemacht für die Sünder, sondern blos für die frommen Gotteskinder. Und nun jezt hat dieser Spruch ein End, wann hier noch Jungfern sind, so patschen sie noch in die Händ.«

Der Sprecher und der Soufleur langen alsdann die beiden Nastücher vom Maien herab, die ihnen jezt eigen gehören. Dann geht's zum gemeinschaftlichen Mal, wobei[451] Küchlein und geräuchertes Fleisch die Hauptrolle spilen. Bier und Schnaps ist zur Genüge vorhanden. Alle, die beim Aufrichten mithalfen, bekommen ein Trinkgeld, der Sprecher aber einen kleinen Thaler. – Jezt kommt der Zimmermannsspruch beim Aufrichten eines Hauses nur noch als Seltenheit vor.

Quelle:
Birlinger, Anton: Sitten und Gebräuche. Freiburg im Breisgau 1862, S. 447-452.
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