An Herren J.F. Ratschky

[207] Im Brachmonat 1781.


Fünf Monden lang

An Faulheit krank,

Lag meine Mähre

Schon auf der Streu,

Und ich dabei.

Der Sporn der Ehre

War viel zu schwach;

Was er auch stach,

Ich streckt' und dehnte

Mich aus, und gähnte,

Und ward nicht wach.

Ich sah den Mayen,

Doch träumend nur,

Das Jahr erneuen.

Selbst die Natur

Sprang aus dem Bette,

Und zog sich an;

Und in die Wette

Erscholl ihr dann

In lauten Schlägen

Gesang entgegen.

Doch Aug und Ohr

Blieb mir, wie vor,

Fest zugeriegelt,

Als wären sie

Mit Pech versiegelt.

Die Harmonie

Von hundert Chören[207]

Vermochte nicht

Mich aufzustören,

Bis dein Gedicht

Mich aufgerüttelt:

Ich las, und sieh!

Die Lethargie

War abgeschüttelt,

Mein Kopf ward warm

Und in den Arm

Kam mir ein Jucken

Wie Fieberzucken,

Und, Freund, für dich

Ergossen sich

Durch meine Finger

Die kleinen Dinger

Zur Antwort hier

Auf das Papier.


Du, dem hienieden

Das höchste Gut

Ein tanzend Blut

Und frohen Muth,

Natur beschieden,

Du machest dir

Selbst öde Mauern,

Wo Menschen trauern,

Zum Lustrevier,

Und mahlest mir

Kirch' und Kapelle,

Und selbst die Schwelle

Am Kerkerthor

So reizend vor,

Wie in der That

Wohl kein Prälat

Den Kandidaten

Den Aufenthalt

Der Herr'n Castraten

Ex voto malt.


Allein der Bauer

Sey noch so schön,

D'rin wohnet Trauer.

Dem Vögelchen

Wird hinter'm Gitter

Wär's auch von Gold,

Der Zucker bitter:

Viel lieber holt

Es sich die Speise

Mit Müh', und lebt

Nach eig'ner Weise.

Es flattert, strebt

Nach seines gleichen:

Du magst ihm Trank

Und Futter reichen,

Es härmt sich krank,

Sieht seine Brüder

In freier Luft,

Hört ihre Lieder,

Sieht aus der Gruft

Der Liebe Freuden,

Und härmt sich ab

In seinem Grab


Zu solchen Leiden

Verdammten sich

Die Emigranten

Der Menschheit, bannten

Das all' von sich,

Was uns hienieden

Ein guter Gott

Zur Lust beschieden:

Ihr täglich Brod[208]

Sind Sehnsuchtsblicke

In's Vaterland,

Das sie verbannt.

Und nicht zurücke

Die Armen läßt,

Die, ach! so fest

Ein Schwur gefangen,

Und von der Welt

Gesondert hält.

D'rum laß die Stangen

Nur immerhin

Von Golde prangen,

So bleibt ihr Sinn

Am Golde hangen.


O; glaube mir,

Es würde dir

Gar schlecht behagen,

Durch einen Schwur

Von der Natur

Dich loszusagen,

Und immerhin

An jedem Sinn

Ein Schloß zu tragen.


Bedenke nur,

Wie die Natur

Die Ueberläufer

Der Menschheit straft.

Ein blinder Eifer

Gibt ihnen Kraft

Das inn're Treiben

Der Menschlichkeit

Zu übertäuben;

Doch pflegt im Streit

Den Geiselstreichen

Kein Härchen breit

Der Trieb zu weichen,

Dem Heid' und Christ

Gleich zinsbar ist.

Was hilft all' Ringen

Mit ihrem Fleisch?

Wer kann sich keusch

Und fühllos singen?

Ein Opiat

Wär' in der That

In solchen Nöthen

Viel besser, als

Durch den Hals,

Den Wurm zu tödten,

Den Kämpfern rinnt.

Wenn Leib und Seele

In Flammen sind,

Und durch die Kehle

Noch Feuer rinnt,

Wer kann da sagen:

Ich habe mich

Mit meinem Ich

Herumgeschlagen?

Was Wunder denn,

Wenn sie im Bette

Gespenster seh'n,

Und in der Mette

Das hohe Lied

An Sulamith –

Das uns're Zeiten

So mystisch deuten –

Im gleichen Ton,

Wie Salomon,

Herunter singen,

Und oft dabei

Nach Athem ringen?
[209]

Wie vielerlei

Gefahren dräuen

Der Phantasei,

Wenn fromme Layen

Dem Priesterohr

In Schildereien

Ganz ohne Flor

Abkonterfeien,

Was sie verübt?

Allein es giebt

Noch mehr Gefahren:

Ein Mädchen, kaum

Von achtzehn Jahren,

Spricht nur von Traum

Und von Ideen,

Läßt stotternd kaum

Im Nebel sehen,

Was sie gethan;

Da muß der Mann

Durch zwanzig Fragen

Das gute Kind

So lange plagen,

Bis es die Sünd'

Ihm so genau

Wie Gerhard Dow

Im Kleinen mahlet.

So angestrahlet

Vom Schein der Lust,

Muß nicht die Brust

Ihm höher pochen,

Und Wollust kochen?

Ein Amtsgesicht

In solchen Fällen

Hilft wahrlich nicht,

Sich zu verstellen.

Kein Ordenskleid

Hemmt da das Bäumen

Der Menschlichkeit,

Und des geheimen

Verlangens Spur

Glüht auf den Wangen

Zu deutlich nur.

Dich hält, Natur!

Kein Eid gefangen;

Kein Scapulier,

Und kein Brevier

Band deine Triebe.

Der Arme hier

Verdammt die Liebe,

Und glüht von ihr,

Erwehrt sich kaum,

Selbst in den Sünden

Sie schön zu finden.


Ein Busenbaum

Zwar ahndet kaum[210]

Das Echauffiren

In diesem Fall;

Denn judiciren

Muß nun einmal

Er über jeden

Gewissensfall:

D'rum hat er jeden,

Wie sich's gebührt,

Bei'm Sündenwägen

Privilegirt

Von Amtes wegen,

Weil ihn aus Pflicht

Der Kitzel sticht.


Kraft dieser Lehre

Die stets zur Ehre

Der Menschheit ist,

Bestimmt und mißt

Ein Casuist

Auf seiner Elle

Die Sündenfälle

Ohn' alle Fahr,

Und darf sogar

Ohn' Angst und Grauen

Der Sünderin

In's Antlitz schauen,

Die Sünde kühn

Anatomiren,

Mit Seel' und Sinn

Sich d'rein verlieren,

Darf, ohne Scham,

Dir jeden Schlamm

Von Lust filtriren. –

Noch nicht genug,

Er kann ein Buch,

Wie Sanchez, schreiben,

Und seinen Sinn

Zum Lustpfuhl in

Die Schwemme treiben,

Der gute Mann

Wird ohne Schaden

Darin sich baden,

Und bleibt – ein Schwan!


Genug für itzt!

Denn sieh, es schwitzt

Schon Roß und Reiter,

Auf einem Ritt

Bei solchem Schritt

Kömmt man nicht weiter.

Zudem sind ja

Die Verschen da,

Die kleinen Dinger

Dir, traun! von je

Gar bösliche

Gedankenzwinger.

Und Schritt vor Schritt

In dem Gebiet

Einher zu reiten

Ermüdet sehr;

Es auszureiten

Schickt es sich mehr

Zum Galoppiren,

Als zum Trottiren.

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 207-211.
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