Amor, als französischer Sprachmeister

[151] Als Amor jüngst kam aus Paris,

Lehrt' er die schöne Dorilis

Die Sprache aller Sprachen:

Courage, rief er, liebes Kind,

Sie werden unter mir geschwind

Den besten Fortgang machen.


Wie die gesammten Sterblichen

Aus männlichen und weiblichen

Geschöpfen nur bestehen;

So sind auch die Buchstaben all',

Der – Consonant und der – Vokal,

Wie wir im Curas sehen.


Der Consonant, beraubt des Schalls,

Kann ohne Hülfe des Vokals

Nicht ausgesprochen werden.

D'rum ist der Mann stets der Vokal,

Das Weibchen aber überall

Der Consonant auf Erden.
[151]

Bei jedem Substantivo wird

Nur der Artikel declinirt,

So wie in mehrern Sprachen,

Und aus dem Singularis kann

Mit einem kleinen Schlängchen man

Leicht den Pluralis machen.


Und jedes noch so männliche

Hauptwort kann durch einzig E

Zum Femininum werden:

Die Regel ist sehr general;

Denn durch die Ee wird überall

Der Mann zum Weib auf Erden.


Und wissen sie dies alles schon,

Will ich zur Conjugation

Nun mehr sie weiter führen,

Und da für's erste, merken Sie:

Ganz ohne Hülfswort läßt sich nie

Auf Erden conjugiren.


Nur der Indicativ erkiest

Den Mann, mit dem ihr Mädchen müßt

Den Conjunctivus schliessen:

Und aus dem Conjunctivus wird

Dann der Imperativ formirt,

Wie alle Männer wissen.


Und kaum sind oft neun Monden um,

So setzt es ein Gerundium;

Da läßt der Mann sich hören:

Gern wollt' ich die Gerundia,

Wenn nur die Participia

Nicht gar so nahe wären.


Was die Madam la Roche doch

Von Interjectionen noch

Zu guter Letzt uns lehret,[152]

Ist dies: daß man im Brautstand He!

Und! Heyda! nur – und in der Eh'

Helas! und Ah! nur höret.

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 151-153.
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