An das neue Jahr

[59] 1783.


Warum, o neues Jahr! soll ich

Mich deiner Ankunft freuen?[59]

Man weiß ja niemals, soll man dich

Mehr wünschen, oder scheuen.


Du trittst, ohn' anzuklopfen, ein,

Und setzest fest dich nieder,

Und trollst dich, um recht grob zu sein,

Auch ohne Urlaub wieder.


Man heißt mit freudigem Gesicht

Dich überall willkommen,

Und doch verräth dein Anblick nicht,

Ob du als Freund gekommen.


Was hilft es uns, wird gleich von dir

Ein eigen Buch geschrieben,

Wir wissen doch nicht, sollen wir

Dich hassen oder lieben.


Gleich bei dem ersten Kompliment

Fängst du schon an zu blasen,

Und machst zugleich uns ein Präsent

Mit Frost und rothen Nasen.


Da kommt Lakey, Friseur, Barbier

Mit dir in's Haus gelaufen,

Die uns den kleinsten Wunsch von dir

Um baares Geld verkaufen.


Kaum bist du da, so figurirt

Dein Nam' auf allen Thüren,

Und was gedruckt, geschrieben wird,

Muß deinen Namen führen.


Ja mache dich nur breit damit:

Die nomina Stultorum

Schreibt man, damit sie jeder sieht,

In quodlibet locorum.


Du lässest dich das neue Jahr

Von Menschen tituliren,

Und kannst doch weder graues Haar,

Noch Jungfern renoviren.
[60]

Du machst die Damen und die Herr'n

In ihrem Ehstand kälter,

Auch sieht dich nie ein Mädchen gern,

Du machst es ja nur älter.


Nein, unser ein's ist nicht so toll,

Dich vor der Hand zu preisen;

Verdienst du es, so wird sich's wohl

Am Ende schon noch weisen.


Und juckt's dich denn nach Lob so sehr,

So laß dich's nicht verdriessen,

Uns deinen ganzen Kram vorher

Ein Bischen aufzuschliessen.


Sag' an, wird heuer Korn und Wein

Und Kraut und Kohl gedeihen?

Wird uns dein Lenz mit Sonnenschein

Zu rechter Zeit erfreuen?


Wird man nicht über deine Pflicht

Dich hageln seh'n und blitzen?

Und werden wir im Sommer nicht

Wie Kälberbraten schwitzen?


Wirst du dich weigern, dann und wann

Die Felder zu begiessen,

Und werden wir um Regen dann

Dich wieder bitten müssen?


Und wenn du regnest, wird dir's da

Nicht etwa gäh behagen,

Die Herren all', en Chapeau bas,

Vom Graben wegzujagen?


Wirst du mit uns am Ende, wie

Dein toller Bruder, spassen,

Und uns mit Blitz und Donner, wie

Der Grobian, verlassen?


Und was an dir politisch ist,

Sprich, wird uns das auch frommen?[61]

Es wird ja wohl der Antichrist

Mit dir nicht etwa kommen?


Wird heuer, wie die Sage geht:

Ein Hirt und Schafstall werden?

Sag' oder ist der Herr Prophet

Das einz'ge Schaf auf Erden?


Wird Aberglaube die Vernunft

In Wien noch lang bekriegen,

Und wird die Wahrheit bald die Zunft

Der Eiferer besiegen?


Sag' an, wird's bei den wenigen

Apostelbriefen bleiben,

Und wird kein Bischof mehr so schön

An seine Schäflein schreiben?


Wird Pater Fast denn hier fortan

Im Amt der Sendung schmieren,

Und wird man den geplagten Mann

Nicht einmal jubiliren?


Wird Pater Pochlin, um in Eil

Die Gegner zu verjagen,

Noch ferner mit dem Fleischerbeil

Nach ihren Stirnen schlagen?


Wird unser Pöbel, groß und klein,

Noch immerfort in Haufen

Mit gleicher Lust zum Rabenstein,

Und in die Hetze laufen?


Wird er noch stets in's Schauspiel geh'n,

Um da mit allen Vieren

Dem Purzelbaum des Sterbenden

Im Stück zu applaudiren?


Sag' an, wird uns're Scriblerschaar

Das Sudeln nicht verdriessen,

Und werd' ich länger, als dies Jahr,

Sie recensiren müssen?
[62]

Erfüllest du dies alles hier

Nach Wunsch vor deinem Ende,

So preis' ich dich, und klopfe dir

Mit Freuden in die Hände.

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 59-63.
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