An den Mond

[111] Herr Mond, von mir erwart' er nicht,

Daß ich nach Dichterweise

Nun auch sein Alletagsgesicht

Aus vollen Backen preise.

Ich habe lang ihn observirt,

Und wahrlich wenig ausgespürt,

Was ihm gedieh' zur Ehre,

Und lobenswürdig wäre.


Da pflegt er, wie ein kleines Kind,

Mit seinem Licht zu prahlen;

Allein, man weiß ja wohl, es sind

Nur seines Weibes Strahlen.

Wär' nicht sein Weib, es ging ihm dann

Gewiß wie manchem Ehemann,

Den Niemand regardirte,

Wenn nicht sein Weib brillirte.


Und glaub' er ja nicht, daß dies Licht

Ihn so besonders kleide;

Er hat darin ein bleich' Gesicht,

Als wär's gemalt mit Kreide,[111]

Und gleichet dann bald einem Stier,

Bald einem Becken vom Barbier,

Und wird er voll und heller,

Gar einem Suppenteller.


Mit seinem Weib führt er von je

Ein skandalöses Leben;

Kann man den Männern in der Eh'

Ein schlechter Beispiel geben?

Kaum kömmt Madam nach Haus, so rennt

Er fort, und geht am Firmament

Die ganze Nacht spazieren,

Um sie nicht zu geniren.


Kein Hahnrei noch auf Erden war

So ein publiker Lappe.

Oft steckt er seinen Hauptschmuck zwar

In eine Nebelkappe;

Allein vergißt er die zu Haus,

So geht er auch mit Hörnern aus,

Daß manchen, die ihn sehen,

Die Augen d'rob vergehen.


Und macht Madam ihm dann und wann

Zu Haus zu viele Schwänke,

So geht er, wie so mancher Mann,

In der Frau Thetis Schenke,

Ersäuft im Meere seinen Groll,

Und kömmt nicht selten toll und voll

Zurück vom vollen Glase

Mit einer Kupfernase.


Bei all' dem Hauskreuz sucht er doch

Stets Herzen zu erweichen,

Und ist nebst allem diesem noch

Ein Kuppler ohne gleichen:

Er hält dem liebenden Gezücht

Bei dunkler Nacht so lang das Licht,

Bis oft die guten Lappen

Aus Inbrunst sich verschnappen.
[112]

Und dieser Liebeshehlerei

Geheimer Liebsgeschichtchen

Verdankt er manche Räumerei,

Und manches Lobgedichtchen;

Allein bei mir trägt's ihm nichts ein;

Denn auch ohn' allen Hörnerschein

Verstehen uns're Schönen

Sich gut genug auf's Krönen.

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 111-113.
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