Der Vater als Nebenbuhler seines Sohnes

[154] Nach dem Französischen.


Zauberin voll Liebreiz! ach vergebens

Fesseltest du meinen Sohn und mich;

Ich bin schon am Abhang meines Lebens,

Und mein Sohn ist noch zu jung für dich.


Wider uns hat sich die Zeit verschworen,

Mir und meinem Sohn entzog sie dich:

Viel zu früh ward'st du für ihn geboren

Ach! und leider viel zu spät für mich.


Die Natur scheint selbst zu widerstreben,

Sie vereitelt sein und mein Bemüh'n:

Was sie nun kaum anfängt, ihm zu geben,

Will die Karge mir jetzt schon entzieh'n.


Könnt ich ihm so viele Jahre geben,

Als er braucht zur Gunst, nach der er strebt,

O, so dürft' er sie nicht erst erleben,

Und ich hätte sie nicht überlebt.


Würde, so durch ein allmächtig' Wesen

Gleich getheilet beider Lebensfrist,

Sieh, ich würde, was ich einst gewesen,

Und er wäre, was er noch nicht ist.


Beide würden wir dann deinen Küssen

Voller Zuversicht entgegen geh'n,

Und du würdest nun zu deinen Füssen

Zwei gleich brünstige Verehrer seh'n.


Doch was wünsch' ich? – Ach, auch dann entzweiten

Eifersüchtig Sohn und Vater sich,

Und, bestürmt von zwei verschied'nen Seiten,

Wähltest du auch dann vielleicht nicht mich!
[155]

Also mag mein Sohn allein dich lieben,

Mag noch werden, was ich nicht mehr bin,

Amor gebe Flügel seinen Trieben,

Und du, Theure, harre nur auf ihn.


Aber wird dein Herz sich auch entschliessen

Sein zu harren bis er mündig ist;

Wird es nicht ein Plätzchen haben müssen,

Wo es sicher aufgehoben ist?


Ja, und wem es in Verwahrung geben

Dieses Herzchen, das so zärtlich liebt?

Jeder, dem du's gibst, läßt eh' sein Leben,

Eh' er dir den Schatz zurücke gibt.


Gieb es mir; ich will es treu bewachen,

Und so kann es immer unverführt

An dem Vater erst die Probe machen;

Wie es seinen Sohn einst lieben wird.

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 154-156.
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Gedichte und Satiren

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»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

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