Achte Geschichte

[650] Zwei Freunde verkehren miteinander. Der eine schläft bei der Frau des anderen; dieser merkt es und nötigt seine Frau, ersteren in eine große Truhe zu sperren, auf der er nun, während jener darin ist, mit dessen Frau sein Spiel treibt.


Schwer und schmerzlich waren Helenas Unglücksfalle den Damen anzuhören gewesen, allein, weil sie der Meinung waren, sie seien zum Teil mit Recht über sie gekommen, hatten sie dieselben mit gemäßigterem Mitgefühl angehört, obwohl sie den Gelehrten einen harten und unerbittlichen, ja einen grausamen Mann nannten. Doch als Pampinea nun zu Ende gekommen war, gebot die Königin der Fiammetta fortzufahren, und diese sprach, bereit zu gehorchen, also:

Anmutige Mädchen, weil es mir so vorkommt, als sei die Strenge des beleidigten Gelehrten euch doch etwas zu Herzen gegangen, scheint es mir schicklich, die schmerzlich bewegten Geister wieder etwas aufzuheitern. Darum gedenke ich euch eine kleine Geschichte von einem jungen Mann zu erzählen, der mit ruhigerer Seele eine Beleidigung hinnahm und diese gemäßigter vergalt. Aus dieser Geschichte könnt ihr lernen, daß es jedem genügen muß, wenn der Esel wiederbekommt, wie er gegen die Wand schlug, und daß man, um die erlittene Unbill zu rächen, nicht darauf ausgehen soll, die Gegner mit einer über die Gebühr gesteigerten Rache zu verletzen, während man nur eine Beleidigung rächen wollte.

Wie ich gehört habe, lebten einst in Siena zwei junge Leute, die wohlbegütert waren und aus guten Bürgerhäusern stammten. Der eine hieß Spinelloccio Tanena, der andere Zeppa di Mino, und sie waren beide Hausnachbarn in der Straße Camollia. Diese jungen Männer lebten beständig miteinander und schienen sich ihrem ganzen Benehmen nach mehr zu lieben, als wenn sie Brüder gewesen wären, und jeder von ihnen hatte eine ganz hübsche Frau zur Gattin. Nun begab es sich aber, daß Spinelloccio, der viel in Zeppas Haus verkehrte, mochte dieser da sein oder nicht, sich so mit Zeppas Frau befreundete, daß er anfing, bei ihr zu schlafen, und dies setzten sie beide geraume Zeit fort, ehe jemand etwas davon gewahr ward.[651]

Im Verlaufe der Zeit geschah es jedoch, daß Zeppa eines Tages zu Hause war, während die Frau es nicht wußte und Spinelloccio ihn abzuholen kam. Als die Frau entgegnete, er sei nicht zu Hause, kam Spinelloccio schnell herauf, und da er die Frau im Vorsaal fand und sonst niemand darin erblickte, umarmte und küßte er sie, und sie ihn. Dies sah Zeppa; allein er sagte kein Wort, sondern hielt sich verborgen, um zu sehen, wie dies Spiel enden würde. In der Tat sah er seine Frau und Spinelloccio Arm in Arm nach seiner Kammer gehen und sich dort einschließen. Dies entrüstete ihn natürlich sehr. Da er jedoch einsah, daß durch Lärmen und dergleichen seine Beleidigung nicht geringer, vielmehr die Schmach nur noch vergrößert würde, so beschränkte er sich darauf, darüber nachzudenken, wie er Rache nehmen könne, die, ohne daß andere davon erführen, sein Gemüt vollständig befriedigte.

Nach langem Nachsinnen glaubte er endlich den Weg dazu gefunden zu haben und hielt sich nun solange verborgen, wie Spinelloccio bei seiner Frau verweilte. Sobald dieser fort war, trat er in die Kammer, wo er die Frau noch damit beschäftigt fand, sich das Kopftuch wieder zurechtzumachen, das Spinelloccio ihr im Scherze abgenommen hatte. »Weib«, sagte er, »was treibst du?« »Nun, siehst du es nicht?« entgegnete die Frau. »Jawohl«, sagte Zeppa, »und ich habe auch noch anderes gesehen, das ich nicht gesehen zu haben wünschte.« Nun sprach er mit ihr über das Geschehene, und nach vielen Ausreden gestand sie ihm in größter Angst, was sie von ihrem Verkehr mit Spinelloccio nicht gut leugnen konnte. Darauf begann sie ihn weinend um Vergebung zu bitten. Zeppa antwortete ihr: »Sieh, Weib, du hast ein Unrecht begangen, und wenn du willst, daß ich dir dieses Unrecht verzeihe, so habe acht, vollständig auszuführen, was ich dir gebieten werde. Dies aber besteht darin: ich will, daß du dem Spinelloccio sagen läßt, er solle morgen um die dritte Tagesstunde irgendeinen Vorwand finden, sich von mir loszumachen, und hierher zu dir kommen. Wenn er dann hier sein wird, werde ich zurückkommen, und sobald du mich hören wirst, sieh zu, daß er in diese Truhe kriecht und schließe ihn darin ein. Wenn du dies vollbracht hast, werde ich dir das übrige, was du zu tun hast, schon sagen. Bei dem[652] allem brauchst du keine Furcht zu haben; denn ich verspreche dir, daß ich ihm nichts zuleide tun werde.«

Um ihn zu besänftigen, sagte die Frau, sie wolle es tun, und so geschah es auch. Am folgenden Tag, als Zeppa mit Spinelloccio um die dritte Morgenstunde zusammen war, sprach der letztere, welcher der Frau verheißen hatte, um diese Stunde zu ihr zu kommen, zum Zeppa: »Ich muß heute morgen mit einem Freund essen, den ich nicht warten lassen mag, und darum Gott befohlen.« »Es ist ja jetzt nicht Essenszeit«, sprach Zeppa. »Schadet nichts«, antwortete Spinelloccio, »ich habe auch mit ihm über eine Sache zu sprechen und muß darum zeitig dort sein.«

Nachdem Spinelloccio sich von Zeppa losgemacht hatte, ging er mit einem kleinen Umweg zu der Frau des letzteren, und wie sie beide in der Kammer waren, dauerte es nicht lange, so kehrte Zeppa heim. Als die Frau ihn hörte, stellte sie sich sehr erschrocken und hieß ihren Liebhaber sich in der Truhe verbergen, die ihr Gatte ihr bezeichnet hatte, schloß ihn darin ein und verließ dann die Kammer. Zeppa kam herauf und rief: »Frau, ist es nicht Essenszeit?« »Jawohl«, antwortete ihm diese, »viel fehlt nicht mehr.« Nun fuhr Zeppa fort: »Spinelloccio ist heute morgen zu einem Freund zum Essen gegangen und hat seine Frau allein gelassen. Geh also ans Fenster und rufe sie und sag ihr, sie soll zu uns zum Essen kommen.« Die Frau, die immer noch für sich selbst fürchtete und darum ganz gehorsam geworden war, tat, was der Mann ihr befahl.

Spinelloccios Frau erschien auf die dringlichen Bitten der Frau des Zeppa, als sie hörte, daß ihr Mann nicht zu Hause essen würde. Zeppa empfing sie mit der größten Zuvorkommenheit, ergriff sie vertraulich bei der Hand, und indem er seiner Frau heimlich befahl, in die Küche hinabzugehen, führte er sie in die Kammer, die er, sobald sie eingetreten waren, von innen verschloß. Als die Frau ihn die Kammertür verschließen sah, rief sie: »Weh mir, Zeppa, was soll dies bedeuten? Darum also habt Ihr mich herüberkommen lassen? Ist dies die Liebe, die Ihr dem Spinelloccio beweist, und die treue Freundschaft, die Ihr mit ihm haltet?« Hierauf entgegnete ihr Zeppa, indem er sich der Truhe, worin ihr Mann eingeschlossen war, näherte[653] und sie festhielt: »Ehe du mir Vorwürfe machst, höre, was ich dir sagen werde. Ich habe den Spinelloccio geliebt und liebe ihn noch wie meinen Bruder. Doch gestern habe ich, obgleich er noch nichts davon weiß, entdeckt, wie das Vertrauen, das ich auf ihn gesetzt habe, dahin geführt hat, daß er bei meiner Frau schläft wie bei dir. Nun aber will ich, eben weil ich ihn liebe, meine Rache an ihm so nehmen, wie die Beleidigung gewesen ist. Er hat meine Frau besessen, und ich beabsichtige, dich ebenso zu besitzen. Willst du dies nicht, wahrlich, so muß ich ihn anders fassen, und weil ich diesen Schimpf durchaus nicht ungestraft zu lassen gedenke, so muß ich ihm dann ein Spiel machen, daß weder du noch er je wieder froh sein werdet.«

Als die Frau dies hörte und es nach vielen Beteuerungen Zeppas glaubte, sprach sie: »Lieber Zeppa, da nun deine Rache auf mich fallen soll, so bin auch ich damit zufrieden, wenn du nur Sorge trägst, daß ich wegen dessen, was wir tun sollen, mit deiner Frau in Frieden bleibe, wie ich, trotz allem, was sie mir angetan, mit ihr in Frieden zu bleiben gedenke.« Hierauf sprach Zeppa: »Gewiß, das will ich schon machen. Überdies aber schenke ich dir auch einen so kostbaren und schönen Edelstein, wie keine andere als du ihn haben soll.« Und nach diesen Worten umarmte er sie, fing an sie zu küssen, streckte sie dann auf die Truhe hin, in der ihr Mann eingeschlossen war und ergötzte sich hier mit ihr und sie mit ihm, solange es ihm gefiel.

Spinelloccio, der in der Truhe steckte und dieses ganze Gespräch, sowohl was Zeppa gesagt, als auch was seine Frau geantwortet, mit angehört und dann den Trevisaner Tanz über seinem Kopf vernommen hatte, fühlte lange Zeit solchen Schmerz darüber, daß er zu sterben meinte, und hätte er sich nicht vor Zeppa gefürchtet, so hätte er seiner Frau ein schlimmes Wort zugerufen und ihr, eingeschlossen wie er war, die ärgsten Sachen gesagt. Zuletzt bedachte er jedoch, daß der Schimpf von ihm ausgegangen war und Zeppa recht hatte zu tun, was er tat, ja daß er sich menschlich und wie ein Freund gegen ihn benahm, und deshalb versprach er sich selbst, mehr noch als zuvor Zeppas Freund sein zu wollen, wenn dieser es begehrte. Nachdem jener, solange er wollte, mit der Frau verweilt, stieg er von der Truhe herunter, und da die Frau den[654] versprochenen Edelstein von ihm forderte, öffnete er die Kammer und ließ seine Frau kommen, welche weiter nichts sagte als: »Madonna, Ihr habt mir Gleiches mit Gleichem vergolten.« Und auch dies sagte sie lächelnd. »Nun«, sprach Zeppa zu ihr, »mach die Truhe auf.« Und so tat sie. Er aber zeigte jener darin ihren Spinelloccio.

Es läßt sich schwer entscheiden, wer von beiden sich mehr schämte, Spinelloccio, als er den Zeppa erblickte, von dem er wußte, daß ihm bekannt war, was er getan hatte, oder die Frau, als sie ihren Mann sah und nun erkannte, daß er gehört und gefühlt habe, was sie auf der Truhe getrieben. Doch Zeppa sagte zu ihr: »Sieh, hier ist der Edelstein, den ich dir schenke.« Spinelloccio indes sprang aus der Truhe und sagte, ohne viel Umstände zu machen: »Zeppa, wir sind quitt, und darum ist es gut, daß wir, wie du vorhin zu meiner Frau gesagt hast, Freunde bleiben, wie wir waren; ja daß, wie bisher nichts unter uns geschieden war als die Frauen, wir auch diese fortan zwischen uns teilen.« Zeppa war damit einverstanden, und im besten Frieden von der Welt aßen sie alle viere zusammen. Von nun an aber hatte jede dieser beiden Frauen zwei Männer, und jeder Mann zwei Frauen, ohne daß deshalb jemals ein Streit oder Gezänk zwischen ihnen entstand.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 650-655.
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