Fünfte Geschichte

[614] Drei junge Leute ziehen einem Richter aus der Mark die Hosen herunter, während er in Florenz auf der Gerichtsbank sitzt und Recht spricht.


Emilia hatte ihre Erzählung beendet, und die Witwe war von allen gelobt worden, als die Königin, auf Filostrato blickend, sprach: »Nun ist die Reihe zu erzählen an dir.« Er entgegnete, daß er bereit sei, und begann:

Anmutige Damen, der junge Mensch, dessen Elisa vorhin gedachte, Maso del Saggio nämlich, ist die Ursache, daß ich eine Geschichte, die ich euch erzählen wollte, zurückstelle, um euch eine andere vorzutragen, die von eben diesem Maso und einigen seiner Gefährten handelt und weiter nicht unanständig ist, aber einige Worte enthält, die ihr euch zu gebrauchen scheut. Trotzdem ist sie aber so zum Lachen, daß ich sie euch erzählen will.

Wie ihr alle gehört haben mögt, kommen häufig Gerichtspfleger aus der Mark in unsere Stadt, meist Menschen von niedriger Denkart und so filziger und elender Lebensweise, daß jede ihrer Handlungen wie eine waschechte Knauserei ausschaut. Aus diesem ihnen angebornen Geiz und ihrer Filzigkeit führen sie denn auch meist Richter und Notare mit sich, welche eher das Aussehen von Leuten haben, die man hinter der Pflugschar weggenommen oder aus den Schusterbuden entführt hat, und nicht von Männern, die aus den Rechtsschulen hervorgingen.

Als nun einst ein solcher als Podesta erschien, brachte er unter den zahlreichen Richtern, die mit ihm waren, auch einen mit, der sich Messer Niccola da San Lepidio nennen ließ, ein Mensch, der einem Schlossergesellen aufs Haar glich; und dieser wurde nun mit andern Richtern zur Abhörung der Kriminalklagen eingesetzt. Und wie es zu geschehen pflegt, daß auch Bürger, die nicht das geringste dort zu tun haben, ins Gerichtsgebäude gehen, so ereignete es sich, daß Maso del Saggio eines Morgens auf der Suche nach einem Freund sich dorthin begab. Als er nun zufällig dahin blickte, wo Herr Niccola saß, schien ihm dieser Herr ein so besonderer Vogel, daß er sich die Mühe[615] machte, ihn genauer zu betrachten. Obgleich er die ganz schwarzgeräucherte Pelzmütze auf seinem Haupt, das Schreibzeug an seinem Gürtel, seine Weste, die länger als der Rock war, und viele andere Dinge genau ins Auge faßte, die bei einem ordentlichen und wohlerzogenen Manne schon sonderbar genug gewesen wären, so fiel ihm unter all diesen Seltsamkeiten doch eine auf, die seiner Meinung nach noch bemerkenswerter war als alles übrige: ein Paar Hosen, deren Hinterteil er, da die Oberkleider wegen ihrer Enge sich beim Sitzen vorn ganz auseinandergaben, bis auf die halbe Wade herunterhängen sah.

Ohne sie lange weiter zu betrachten, gab Maso das Suchen nach jenem Freunde auf und begann dafür eine neue Jagd, in deren Verlauf er zwei Kameraden fand, von denen der eine Ribi, der andere Matteuzzo hieß, beides Leute, die nicht weniger zu Schelmenstreichen aufgelegt waren als er selbst. Zu diesen sprach er: »Wenn euch etwas an mir liegt, so kommt mit mir ins Gerichtshaus. Dort will ich euch den seltsamsten Strohkopf zeigen, den ihr je gesehen habt.« Und als er nun mit ihnen das Gebäude erreicht hatte, wies er ihnen den närrischen Richter und seine Hosen. Jene fingen schon von ferne an, über diese Erscheinung zu lachen, und wie sie nun näher zu den Bänken kamen, auf denen der Herr Richter saß, sahen sie, daß man sehr leicht unter diese gelangen konnte, und bemerkten noch überdies, daß das Brett, auf welches der Herr Richter die Beine stützte, durchlöchert war, so daß man ohne große Mühe Hand und Arm hindurchstecken konnte. Nun sprach Maso zu seinen Kameraden: »Laßt uns ihm die Hosen ganz herunterziehen. Ihr seht ja, wie leicht das geht.« Jeder seiner Gesellen hatte nun schon erkannt, wie sie das bewerkstelligen konnten. Sie verabredeten daher, was sie zu tun und zu sagen hätten, und kehrten dann am folgenden Morgen zurück.

Der Gerichtshof wimmelte von Menschen, und Matteuzzo schlich sich, ohne daß jemand es gewahr wurde, unter die Bank und gerade bis zu der Stelle, wo der Richter seine Füße hatte. Nun trat Maso von der einen Seite heran, ergriff den Herrn Richter beim Rockzipfel und Ribi tat von der andern Seite desgleichen, worauf Maso zu reden anhob: »Herr, o Herr, ich beschwöre Euch bei Gott und ehe jener Spitzbube, der Euch[616] zur Seite steht, anderswohin entweicht, daß Ihr mir zu einem Paar Stiefeln wiederverhelft, die er mir gestohlen hat, wenn er's auch leugnet. Ich habe es gesehen, noch ist es keinen Monat her, wie er sie besohlen ließ.«

Ribi schrie von der andern Seite laut: »Glaubt ihm nicht, Herr, er ist ein unverschämter Geselle. Weil er weiß, daß ich gekommen bin, um ein Felleisen zurückzufordern, das er mir gestohlen hat, so drängt er sich nun herbei und erzählt Euch von den Stiefeln, die ich schon seit langem im Hause habe; und wenn Ihr mir nicht glauben wollt, so kann ich Euch die Hökerin Trecca, meine Nachbarin, und Grassa, die Kuttelhändlerin, und einen Mann zu Zeugen stellen, der den Kehricht bei Santa Maria a Verzaja sammelt und ihn gesehen hat, wie er vom Dorfe zurückkam.«

Maso wiederum ließ den Ribi nicht aussprechen, sondern schrie, und Ribi schrie nicht minder. Und während der Richter nun aufgestanden war und etwas näher zu ihnen hintrat, um sie besser zu verstehen, nahm Matteuzzo den Augenblick wahr, steckte die Hand durch das Loch des Brettes, ergriff den Boden der richterlichen Hosen und zog diese kräftig herunter. Die Hosen fielen sogleich herab, denn der Richter war sehr mager und ohne Hüften. Als dieser es merkte und ohne zu wissen, wie es zuging, die Kleider vorne zusammennehmen, sich bedecken und niedersetzen wollte, hielt ihn Maso von der einen und Ribi von der andern Seite fest und schrien überlaut: »Herr, Ihr versündigt Euch, wenn Ihr mir nicht mein Recht verschafft und mich anhört, statt weggehen zu wollen. Einer solchen Kleinigkeit wegen reicht man ja hierzulande keine schriftliche Klage ein.«

Und mit solchen Worten hielten sie ihn so lange an den Kleidern fest, bis alle, die im Gerichtssaal zugegen waren, gesehen hatten, daß ihm die Hosen heruntergezogen worden waren. Doch nachdem Matteuzzo sie eine Zeitlang festgehalten hatte, ließ er die Hosen los, schlich sich weg und ging fort, ohne gesehen zu werden. Ribi, der nun genug getan zu haben glaubte, rief: »Ich glaube bei Gott, ich werde das Obergericht anrufen!« Auch Maso ließ von der andern Seite den Rock los und rief: »Nein, ich will so lange herkommen, bis ich Euch nicht mehr[617] so beschäftigt finde, wie Ihr es heute morgen zu sein scheint.« Und nun machten sie sich davon, so schnell sie nur konnten: der eine hierhin, der andere dorthin.

Nachdem der Herr Richter, der nun erst gewahr wurde, was geschehen war, sich in Gegenwart aller die Hosen wieder hinaufgezogen hatte, als stände er eben von Schlafe auf, fragte er, wo die Leute hingekommen wären, die über die Stiefel und das Felleisen miteinander gestritten hätten. Als sie aber nirgends zu finden waren, schwor er bei den Eingeweiden Christi ein Mal über das andere, daß er erfahren und wissen müsse, ob es in Florenz Sitte sei, den Richtern die Hosen herunterzuziehen, während sie auf der Gerichtsbank säßen. Nicht minder machte der Podesta, als er von der Geschichte hörte, viel Aufhebens davon. Als ihm jedoch seine Freunde auseinandersetzten, daß dies jenem nur widerfahren sei, um ihm, dem Podesta, zu zeigen, wie die Florentiner wohl wüßten, daß er ihnen statt tauglicher Richter Schafsköpfe gebracht habe, nur um wohlfeileren Kaufes davonzukommen, hielt er es für das beste, zu schweigen, und für diesmal blieb die Sache ohne weitere Folgen.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 614-618.
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