Vierte Geschichte

[609] Der Propst von Fiesole liebt eine Witwe, von der er nicht wiedergeliebt wird. Während er bei ihr zu schlafen glaubt, beschläft er ihre Magd, mit der ihn die Brüder der Frau von seinem Bischof ertappen lassen.


Elisa war mit ihrer Geschichte, die sie nicht ohne großes Ergötzen der ganzen Gesellschaft erzählt hatte, zu Ende. Die Königin wandte sich nun zu Emilia und deutete ihr dadurch an, daß sie nun ihr zu erzählen gebiete. Diese begann daher schnell in folgender Art:

Wie sehr, ihr wackeren Mädchen, die Priester und die Mönche und überhaupt alle Geistlichen Versucher unserer Gemüter sind, wurde euch, wie ich mich erinnere, schon durch mehr als eine Geschichte bewiesen. Aber weil man nie so viel davon erzählen kann, daß nicht noch mehr davon zu sagen wäre, so gedenke ich euch zu jenen anderen noch eine Geschichte von einem Propst zu erzählen, welcher der ganzen Welt zum Trotz es durchsetzen wollte, daß eine edle Frau ihn liebe, mochte sie nun wollen oder nicht. Diese aber behandelte ihn, weil sie klug war, gerade so, wie er es verdiente.

Wie jede von euch weiß, war Fiesole, dessen Berg wir von hier aus sehen können, eine alte und sehr bedeutende Stadt, die, obgleich jetzt fast zerstört, darum doch nie aufgehört hat, ihren Bischof zu besitzen und ihn noch besitzt. Hier nun, nahe beim Dom, wohnte einst eine Witwe von guter Familie, namens Monna Piccarda, auf ihrem Gute in einem nicht allzu großen[609] Hause. Da sie nicht eben die reichste Frau auf Erden war, so verlebte sie hier den größten Teil des Jahres, und mit ihr zwei von ihren Brüdern, wackere junge Leute von Anstand und Sitte.

Während die Dame den Dom oft besuchte, geschah es, weil sie noch jung, schön und anmutig war, daß der Propst dieser Kirche sich so heftig in sie verliebte, daß er bald nicht mehr aus noch ein wußte. Nach einiger Zeit wuchs ihm der Mut so sehr, daß er selbst der Dame seine Wünsche offenbarte und sie beschwor, seine Liebe anzunehmen und ihn wiederzulieben, wie er sie. Dieser Propst war in den Jahren schon vorgerückt, aber dabei noch von jugendlicher Gemütsart, unternehmend und keck, daneben höchst eingenommen von sich selbst und von so geziertem und unangenehmem Betragen, daß niemand im Ort war, der ihm wohlwollte. Und gab es ja jemand, der ihn einigermaßen leiden mochte, so war es doch nicht unsere Dame, der er verhaßter war als Kopfschmerzen. Deshalb antwortete sie ihm denn als eine kluge Frau: »Herr, daß Ihr mich liebt, kann mir nur sehr angenehm sein, und auch ich muß und werde Euch gern lieben. Allein in Eure wie in meine Liebe darf sich nichts Unehrbares einschleichen. Ihr seid mein geistlicher Vater, seid Priester und dem Alter schon nahe. Alle diese Dinge müssen Euch ehrbar und züchtig machen. Auf der andern Seite bin ich aber selbst kein junges Mädchen mehr, dem dergleichen Liebschaften noch anständen. Ich bin Witwe, und Ihr wißt, welche Ehrbarkeit man von Witwen verlangt. Darum haltet mich denn für entschuldigt, wenn ich Euch so, wie Ihr begehrt, nie lieben werde, noch von Euch ferner so geliebt sein will.«

Da der Herr Propst für diesmal keine andere Antwort von ihr erlangen konnte, machte er es nicht wie einer, der auf den ersten Streich abgeschreckt wird oder sich besiegt fühlt, sondern, seine unverschämte Zudringlichkeit fortsetzend, ließ er nicht ab, sie häufig mit Briefen und Bestellungen, ja auch persönlich, sooft er sie in der Kirche sah, zu behelligen. Diese beständige Plage schien der Dame endlich so lästig und unerträglich, daß sie darüber nachsann, ihn sich auf solch eine Weise vom Halse zu schaffen, wie er sie verdiente. Doch wollte sie nichts unternehmen, was sie nicht vorher mit ihren Brüdern besprochen[610] hätte. Sie sagte ihnen daher, wie der Propst sich ihr gegenüber benähme, auch was sie zu tun gesonnen sei, und nachdem sie ihre volle Zustimmung erhalten hatte, ging sie einige Tage darauf wieder in die Kirche, wie sie gewohnt war.

Sobald der Propst sie kommen sah, eilte er zu ihr und fing nach seiner Gewohnheit mit vertraulichen Worten ein Gespräch mit ihr an. Sie blickte, schon als sie ihn kommen sah, nach ihm hin, machte ihm ein freundliches Gesicht und ging dann mit ihm beiseite. Nachdem der Propst ihr nun in seiner üblichen Art vielerlei gesagt hatte, sprach sie nach einem lauten Seufzer: »Herr, ich habe schon oft gehört, es sei keine Burg so fest, daß sie nicht, wenn sie täglich bestürmt wird, endlich doch einmal eingenommen werde. Dies habe ich nun auch an mir selbst erfahren. So sehr habt Ihr mir bald mit süßen Worten, bald mit dieser, bald mit jener Aufmerksamkeit zugesetzt, daß Ihr mich meinen Vorsatz aufzugeben bewogen habt. Und da ich Euch nun einmal so sehr gefalle, bin ich entschlossen, die Eurige zu werden.«

Der Propst, ganz außer sich vor Freude, erwiderte hierauf: »Großen Dank, Madonna! Euch die Wahrheit zu gestehen, so habe ich mich nicht wenig gewundert, daß Ihr Euch so lange gehalten habt; denn ich bedachte, daß mir dies nie bei einer andern begegnet ist. Vielmehr habe ich öfter behauptet, daß, wenn die Weiber von Silber wären, sie nicht zum Gelde taugten, weil keine von ihnen den Hammer aushielte. Doch lassen wir das jetzt beiseite und sagt mir lieber, wann und wo wir zusammentreffen können.« Hierauf versetzte die Frau: »Mein süßer Herr, das Wann kann stattfinden, sobald es uns gefällt, denn ich habe keinen Gatten, dem ich Rechenschaft von meinen Nächten geben müßte; allein das Wo weiß ich nicht zu ersinnen.« »Nicht?« sprach der Propst; »warum nicht in Eurem Hause?« »Herr«, entgegnete die Frau, »Ihr wißt, daß ich zwei junge Brüder habe, welche bei Tag und Nacht mit ihrer Gesellschaft in das Haus kommen. Weil aber mein Haus nicht groß ist, wäre einer darin nur sicher, wenn er sich wie ein Stummer, ohne ein Wort oder einen Laut von sich zu geben, zu verhalten und wie ein Blinder im Finstern umherzutappen[611] wüßte. Wollten wir das tun, könnten wir es; denn in meine Kammer kommen sie niemals. Allein die ihrige ist dieser so nahe, daß man darin kein Wörtchen so leise sprechen kann, daß es dort nicht gehört würde.« »Nun«, sprach der Propst, »Madonna, darum wollen wir es nicht noch einige Nächte aufschieben; unterdes werde ich darüber nachdenken, wo wir mit mehr Gemächlichkeit anderwärts zusammensein können.« »Das ist Eure Sache, Herr«, sprach die Dame. »Aber um dies eine bitte ich Euch, daß alles geheim bleibe und nie ein Wort davon verraten werde.« Hierauf erwiderte der Propst: »Fürchtet nichts, Madonna, und kann es sein, so macht, daß wir noch diesen Abend zusammentreffen.« »Das bin ich auch zufrieden«, sagte die Dame. Dann gab sie ihm Anweisungen, wie und wann er zu kommen habe, trennte sich von ihm und kehrte nach Hause zurück.

Nun hatte diese Dame eine Magd, die nicht mehr allzu jung war und das häßlichste und entstellteste Gesicht besaß, das man sehen konnte. Ihre Nase war breitgedrückt, der Mund stand schief, die Lippen waren dick, die Zähne groß und schlecht zusammengefügt; sie schielte, nie waren ihre Augen gesund, und ihre Haut sah so grün und gelb aus, daß es schien, als hätte sie den Sommer nicht in Fiesole, sondern in Sinigaglia zugebracht. Zu alldem war sie auch noch lahm, und ihr rechtes Bein war etwas zu kurz geraten. Ihr Name aber war Ciuta, und weil sie solch ein garstiges Mopsgesicht hatte, wurde sie von jedermann Ciutazza genannt. Doch so widerwärtig sie auch von Gestalt war, so fehlte es ihr doch nicht an einiger Schlauheit.

Diese Magd nun ließ die Dame zu sich rufen und sprach zu ihr: »Ciutazza, wenn du mir diese Nacht einen Dienst erweisen willst, so schenke ich dir ein schönes neues Hemd.« Als Ciutazza das Hemd erwähnen hörte, sagte sie: »Madonna, schenkt Ihr mir ein Hemd, so stürze ich mich für Euch ins Feuer.« »Nun gut«, sprach die Dame, »ich will nur, daß du diese Nacht mit einem Mann in meinem Bett schläfst und ihm Liebkosungen erweist. Du mußt dich nur zu sprechen hüten, damit du nicht von meinen Brüdern gehört wirst, die, wie du weißt, nebenan schlafen; dann will ich dir das Hemd schenken.«[612] Hierauf sprach Ciutazza: »Mit sechsen will ich schlafen, wenn es darauf ankommt, geschweige denn mit einem.«

Als nun der Abend gekommen war, kam auch der Herr Propst, wie ihm geheißen war, und die beiden jungen Männer befanden sich, wie die Dame mit ihnen verabredet hatte, in ihrem Zimmer und ließen sich deutlich vernehmen. Deshalb trat der Propst still und im Finstern in die Kammer der Frau und näherte sich, wie sie ihm gesagt hatte, dem Bett. Von der andern Seite tat die Ciutazza, die von der Frau über alles, was sie zu tun hatte, wohl unterrichtet war, desgleichen. Der Herr Propst glaubte sich nun an der Seite seiner Geliebten, nahm die Ciutazza in den Arm und fing an sie zu küssen, ohne ein Wort zu reden, und sie küßte ihn ebenso. So begann er sich mit ihr zu freuen und von den lange ersehnten Gütern Besitz zu nehmen.

Als die Dame dies geschehen wußte, gebot sie ihren Brüdern, das übrige noch zu tun, was sie verabredet hatten. Diese verließen daher leise ihr Zimmer und gingen zum Marktplatz, wo ihnen das Glück zu ihrem Unternehmen günstiger war, als sie selbst verlangten. Denn da die Hitze groß war, hatte der Bischof der Stadt nach eben diesen beiden jungen Leuten gefragt, um nach ihrem Hause zu lustwandeln und mit ihnen zu trinken. Als er sie nun kommen sah, teilte er ihnen seine Absicht mit, machte sich mit ihnen auf den Weg, trat dann in ihren kühlen Hof, wo viele Lichter brannten, und trank mit großem Vergnügen von ihrem guten Wein.

Nachdem er getrunken hatte, sprachen die Jünglinge zu ihm: »Herr, da Ihr uns so große Güte erwiesen und unser geringes Haus eines Besuchs gewürdigt habt, in das wir Euch einzuladen kamen, so bitten wir Euch auch, daß es Euch gefallen möge, eine Kleinigkeit mit anzusehen, die wir Euch zeigen wollen.« Der Bischof erwiderte, daß er das gern wolle. Nun nahm einer der Jünglinge eine kleine brennende Fackel in die Hand, ging voran, so daß der Bischof und die andern ihm folgten, und wandte sich nach jener Kammer, wo der Herr Propst bei der Ciutazza lag. Dieser, um desto schneller anzukommen, hatte seinem Pferde die Sporen gegeben, so daß er, bevor jene eintraten, schon mehr als drei Meilen zurückgelegt hatte, jetzt[613] aber, etwas ermüdet, der Hitze ungeachtet mit der Ciutazza im Arm ein wenig ruhte.

Als nun der junge Mann mit dem Licht in der Hand die Kammer betreten hatte, und der Bischof und die andern hinterher, sah der letztere den Propst mit der Ciutazza im Arm vor sich. Unterdessen erwachte auch der Herr Propst, sah das Licht und die Gesellschaft um sich her und steckte tief beschämt und voller Furcht den Kopf unter die Decke. Der Bischof aber sagte ihm die härtesten Worte, ließ ihm den Kopf hervorziehen und nachsehen, bei wem er gelegen hatte. Der Propst, der nun den Betrug der Dame gewahr ward, wurde sowohl dieserhalb als auch der Schmach wegen, die er jetzt daraus erntete, plötzlich betrübter als irgendein Mensch, der je gelebt hatte. Der Bischof aber befahl ihm, sich anzukleiden, und ließ ihn unter guter Bewachung nach Hause abführen, um hier eine schwere Buße für die begangene Sünde zu bestehen.

Dann wollte der Bischof wissen, wie es geschehen sei, daß er hierher gekommen, um bei der Ciutazza zu schlafen. Die jungen Leute erzählten ihm alles der Ordnung nach. Als der Bischof dies hörte, lobte er die Frau und auch die jungen Männer sehr, welche, ohne sich mit dem Blut eines Priesters die Hände beflecken zu wollen, ihn doch so behandelt hatten, wie er es verdiente. Vierzig Tage lang ließ ihn der Bischof diese Sünde beweinen. Die Tränen aber, die Liebe und Zorn ihm auspreßten, dauerten wohl mehr als neunundvierzig Tage, abgesehen davon, daß er noch lange Zeit nachher nie über die Straße gehen konnte, ohne daß die Buben mit den Fingern auf ihn wiesen und sagten: »Ei, seht doch den, der bei der Ciutazza geschlafen hat!« Und dies gereichte ihm so zum Ärger, daß er nahe daran war, den Verstand darüber zu verlieren.

Auf diese Art aber hatte sich die treffliche Frau den lästigen Propst für immer vom Halse geschafft, die Ciutazza aber hatte ein Hemd und eine schöne Nacht gewonnen.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 609-614.
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