Fünfte Geschichte

[237] Zima schenkt Herrn Francesco Vergellesi ein schönes Pferd und erhält dafür die Erlaubnis, mit dessen Frau reden zu dürfen. Als sie schweigt, antwortet er selbst in ihrem Namen, und dann erfolgt alles seinen Antworten gemäß.


Panfilo hatte nicht ohne das Gelächter der Damen die Geschichte des Bruders Puccio vollendet, als die Königin Elisa fortzufahren gebot. Sie begann in der spöttischen Weise, die weniger ihrem eigenen Wesen als einer alten Gewohnheit entsprang, folgendermaßen:

Viele, die viel wissen, halten andere Leute für ganz dumm, und so sehen sie sich denn manchmal, während sie andere anzuführen glaubten, am Ende selbst angeführt. Darum halte ich es für eine große Torheit, wenn sich einer ohne Not darauf einläßt, die Stärke eines fremden Verstandes auf die Probe zu stellen. Weil aber vielleicht nicht ein jeder meiner Meinung sein dürfte, so will ich, die für unsere Geschichten gesetzte Ordnung einhaltend, euch erzählen, was einem Edelmann von Pistoja begegnet ist.

Zu Pistoja war in der Familie der Vergellesi ein Edelmann namens Francesco, der bei großem Reichtum, vieler Erfahrung und hellem Verstande über die Maßen geizig war. Als nun dieser in Mailand zum Stadtvogt erwählt worden war, hatte er sich mit allem, was er zur Reise brauchte, anständig versehen. Nur fehlte es ihm noch an einem Pferde, das gut genug für ihn gewesen wäre, und da er keines finden konnte, war er in einiger Verlegenheit. Nun lebte damals in Pistoja ein Jüngling namens Ricciardo, der zwar von geringer Familie, aber äußerst reich war und so geschmückt und sorgfältig gekleidet ging, daß man ihn allgemein nur Zima, zu deutsch Stutzer, nannte. Dieser hatte seit langer Zeit die Frau des Herrn Francesco, die von großer Schönheit und Tugend war, geliebt und ihr ohne Erfolg den Hof gemacht. Zima aber hatte eines der schönsten Pferde in Toskana, das er auch seiner Schönheit wegen sehr wert hielt, und da es offenkundig war, daß er sich um die Frau des Herrn Francesco bemühte, riet irgendein guter Freund dem letzteren,[238] er möge den Zima um sein Pferd ansprechen, und gewiß werde dieser aus Liebe zu der Frau es ihm schenken.

Herr Francesco ließ sich vom Geiz verleiten, den Zima zu sich rufen zu lassen, und bat ihn alsdann, ihm das Pferd zu verkaufen, in der Hoffnung, Zima werde es ihm zum Geschenk anbieten. Als Zima den Antrag vernahm, freute er sich und sagte zu dem Edelmann: »Herr, und wenn Ihr mir Euer ganzes Vermögen schenktet, so wäre mir mein Pferd darum doch nicht verkäuflich. Wenn Ihr's aber zum Geschenk von mir annehmen wollt, so könnt Ihr's haben; doch nur unter der Bedingung, daß ich, ehe Ihr das Pferd erhaltet, mit Eurer Erlaubnis und in Eurer Gegenwart mit Eurer Gattin einige Worte reden darf, jedoch so weit von jedermann entfernt, daß niemand außer ihr selbst mich hören kann.« Der Edelmann antwortete, von der Habsucht getrieben und in der Hoffnung, jenen zu foppen, er sei es zufrieden und Zima möge reden, soviel er wolle.

Und so ließ er ihn im großen Saale seines Palastes und suchte seine Frau in ihrem Gemach auf. Hier erzählte er ihr, wie wohlfeil er zu Zimas Pferd gelangen könne, hieß sie mitkommen, um Zima anzuhören, befahl ihr aber auch, sich wohl zu hüten, auf irgend etwas, das er sage, zu antworten, weder viel noch wenig. Die Dame mißbilligte diesen Handel sehr. Da sie sich jedoch den Wünschen ihres Mannes fügen mußte, fand sie sich endlich bereit und folgte ihm in den Saal, um zu hören, was Zima ihr zu sagen hätte.

Als dieser den Vertrag mit dem Edelmann noch einmal festgemacht hatte, setzte er sich mit der Dame, fern von den Leuten, an das eine Ende des Saales und sagte: »Verehrte Dame, unzweifelhaft scheint es mir, daß Ihr, einsichtig wie Ihr seid, schon seit langem bemerkt habt, welche große Liebe für Euch, Eure Schönheit, die alles, was ich bisher in meinem Leben gesehen habe, um vieles übertrifft, in mir entfacht hat, zu schweigen von Euren untadeligen Sitten und besonderen Vorzügen, die Ihr in solchem Maße besitzt, daß selbst der hochgesinnteste Mann nicht imstande wäre, ihnen zu widerstehen. Und so ist es denn unnötig, daß ich Euch mit Worten erkläre, wie diese Liebe die größte und glühendste ist, die je ein Mann für seine[239] Dame empfunden hat. Auf die gleiche Weise werde ich aber auch so lange fortfahren, Euch zu lieben, als mein elendes Leben diese Glieder noch aufrechterhalten wird; ja, wenn man im Jenseits so wie hier liebt, so werde ich auch in der Ewigkeit Euch ebenso lieben. Darum könnt Ihr überzeugt sein, daß Ihr nichts besitzt, sei es Euch teuer oder von Euch gering geschätzt, das Ihr so Euer eigen nennen und auf das Ihr unter allen Umständen so zählen könntet wie auf mich und auf alles, was mir gehört. Um Euch einen klaren Beweis dafür zu geben, versichere ich Euch, daß ich es für eine große Gnade hielte, wenn Ihr mir in etwas, das zu tun ich imstande wäre und das Euch gefiele, Eure Befehle erteilen wolltet, als wenn die ganze Welt unweigerlich meinen Geboten gehorchte. Bin ich nun so sehr Euer eigen, wie Ihr es hört, so darf ich nicht ohne Ursache meine Bitten zu Eurer Hoheit erheben, da Ihr allein imstande seid, mir Frieden, Glück und Heil zu verleihen. Und so bitte ich Euch denn als Euer demütigster Diener, Euch, mein teures Kleinod, einzige Hoffnung meiner Seele, die sich im Feuer der Liebe noch durch Hoffen erhält, daß Ihr mir gewogen sein und die Härte, die Ihr mir bisher bewiesen habt, aufgeben möget; denn ich gehöre ja nur Euch zu, auf daß ich, von Eurem Mitleid erquickt, sagen könne, Eure Schönheit habe mich zwar in Liebe entzündet, dann aber auch das Leben mir wiedergeschenkt, ein Leben, das unfehlbar verlöschen wird, wenn Euer stolzer Sinn meinen Bitten nicht nachgibt, und als dessen Mörderin Ihr dann nach meinem Tode erscheinen werdet.

Gereichte aber auch nicht mein Tod Euch zu geringer Ehre, so glaube ich doch, Euer Gewissen machte Euch zuzeiten Vorwürfe. Ihr würdet bedauern, so hart gewesen zu sein, und wohl einmal in freundlicherer Gesinnung sagen: Wie übel tat ich doch, mit meinem Zima kein Mitleid gehabt zu haben. Dann aber führte Eure Reue zu nichts und betrübte Euch nur um so mehr. So laßt denn, damit Eure Reue nicht zu spät komme, sie im voraus Euch zum Erbarmen bewegen, derweil Ihr mir noch Hilfe gewähren könnt; denn bei Euch allein steht es, mich zum frohesten und zum betrübtesten Menschen auf der Welt zu machen. Ich hoffe, Eure Huld wird groß genug sein, um es nicht zuzulassen, daß ich als Lohn für so heiße und lange Liebe[240] den Tod empfange; vielmehr werdet Ihr mit freundlicher und liebevoller Antwort meine Lebensgeister beruhigen, die ganz verwirrt sind und bei Eurem Anblick zittern.«

Hierauf schwieg Zima, und während er auf eine Antwort der edlen Dame wartete, folgten seinen tiefen Seufzern einige Tränen, die von den Augen niedertropften. So wenig nun seine langen Bemühungen, seine Waffenspiele, die Morgenständchen und die vielen andern Dinge, die Zima ihr zuliebe unternommen, sie zu bewegen vermocht hatten, so sehr ergriffen sie nun doch die liebevollen Worte, die der leidenschaftliche Liebhaber zu ihr sprach, und sie begann zu fühlen, was sie nie zuvor gefühlt hatte, was nämlich Liebe sei. Obgleich sie nun, um den Befehlen ihres Mannes Folge zu leisten, schwieg, konnten nichtsdestoweniger ihre verstohlenen Seufzer nicht verbergen, was sie in Worten Zima offenbart hätte. Als Zima einige Zeit auf die Antwort gewartet hatte und diese immer noch nicht erfolgte, wunderte er sich. Dann aber begann er die List zu erraten, welche der Edelmann ihm gegenüber angewendet hatte. Als er nun seiner Dame weiterhin ins Gesicht schaute und ihre Augen mehr als einmal bei seinem Anblick liebevoll aufblitzten, auch der Seufzer achtete, die sie nur mit gedämpfter Kraft aus ihrer Brust emporsteigen ließ, faßte er wieder einige Hoffnung und entschloß sich mit deren Hilfe zu einem andern Versuch. Er begann sich nämlich im Namen der Dame, die ihm zuhörte, folgendermaßen selbst zu antworten:

»Mein lieber Zima, wahrlich, schon seit langer Zeit bin ich inne geworden, daß deine Liebe zu mir sehr feurig und von edler Art ist. Nun erkenne ich es aus deinen Worten noch viel deutlicher und freue mich dessen, wie es recht ist. Bin ich dir übrigens bisher hart und grausam erschienen, so wünsche ich nicht, daß du glaubst, ich sei im Herzen ebenso gesinnt gewesen, wie mein Antlitz sich gezeigt hat. Ich habe dich vielmehr immer vor allen andern Männern geliebt und wert gehalten, mußte mich aber aus Furcht vor einem andern und aus Besorgnis um meinen Ruf so benehmen, wie ich es tat. Jetzt aber kommt die Zeit, wo ich dir deutlich werde zeigen können, ob ich dich liebe, und wie ich dich für die Liebe zu lohnen imstande bin, die du für mich empfunden hast und noch empfindest.[241] So freue dich denn und sei guter Hoffnung, denn Herr Francesco ist, wie du weißt, im Begriff, in wenigen Tagen als Stadtvogt nach Mailand zu gehen, wozu du ihm ja selbst mir zuliebe dein schönes Pferd geschenkt hast. Sobald er abgereist sein wird, verspreche ich dir unfehlbar bei meiner Ehre und bei der warmen Liebe, die ich für dich empfinde, daß du in wenigen Tagen mit mir allein sein sollst und wir alsdann unsere Liebe zu völligem und ergötzlichem Ziele führen wollen. Und damit ich dir in dieser Sache nicht noch einmal eine Botschaft zu schicken brauche, so sage ich dir jetzt: sobald du eines Tages zwei ausgebreitete Handtücher am Fenster meiner Schlafkammer, die auf den Garten hinausgeht, hängen siehst, so komme an diesem Abend, wenn es dunkel geworden ist, durch die Gartentür zu mir herauf; doch sei vorsichtig, daß du von niemandem gesehen wirst. Dann sollst du mich finden. Ich werde deiner schon warten, und wir werden beide die ganze Nacht über soviel Freude und Vergnügen aneinander haben, wie wir es nur wünschen.«

Als Zima im Namen der Dame also gesprochen hatte, fing er wieder an, für sich zu reden und antwortete: »Vielgeliebte Dame, das unendliche Entzücken über Eure gute Antwort hat alle meine Kräfte so befangen, daß ich kaum vermag, zum Dank, den ich Euch sagen möchte, die rechten Worte zu finden. Könnte ich aber reden, wie ich es wünschte, so wäre mir keine Frist weit genug, um den vollen Ausdruck meines Dankes, meinem Gefühl und meiner Pflicht entsprechend, in sich zu fassen, wie er meinem Gefühl und meiner Pflicht entspräche. So muß ich es nun Eurem verständigen Ermessen überlassen, das zu erkennen, was ich trotz meiner Wünsche in Worten nicht zu sagen vermag. Nur das erwidere ich Euch: wie Ihr mir anbefohlen habt, so denke ich unfehlbar zu tun, und wenn ich dann vielleicht beruhigter bin, werde ich mir Mühe geben, für das unaussprechliche Geschenk, das Ihr mir gewährt habt, Euch nach Kräften so sehr zu danken, wie ich nur immer kann. Nun habe ich für jetzt nichts weiter zu sagen, und darum, meine geliebteste Dame, gebe Euch Gott das Schönste und Beste, was Ihr an Glück und Freude ersehnt, und somit lebet wohl.«

Zu alldem sagte die Dame kein Wort, weshalb nun Zima aufstand[242] und zu dem Edelmann zurückkehrte. Als dieser die Sitzung aufgehoben sah, ging er ihm entgegen und sagte lachend: »Nun, was meinst du, habe ich mein Versprechen gut gehalten?« »Nein, Herr«, antwortete Zima. »Ihr verspracht mir, mich mit Eurer Gattin reden zu lassen, und ich habe zu einem Marmorbild sprechen müssen.« Diese Rede war dem Edelmann äußerst willkommen; denn wie gut auch seine Meinung von der Frau gewesen war, so wurde sie doch hierdurch noch vermehrt. »Genug«, sagte er, »das Pferd gehört nun mir, das bisher dein war«; worauf Zima antwortete: »Freilich, Herr. Hätte ich aber gedacht, daß die Gunst, die Ihr mir gestattet habt, solche Früchte trüge, wie sie es getan hat, so hätte ich, ohne sie mir erst zu erbitten, Euch lieber gleich das Roß geschenkt. Wollte Gott, ich hätte so gehandelt; denn jetzt habt Ihr den Gaul gekauft, ich aber habe ihn nicht verkauft.« Der Edelmann lachte darüber und reiste nun, da er ein Pferd hatte, wenige Tage später ab und ging nach Mailand, um Stadtvogt zu werden.

Als die Dame nun im Hause ihre eigene Herrin war, sagte sie wohl bei sich selbst, wenn sie an die Worte des Zima, an seine große Liebe zu ihr und an das Pferd dachte, das er um ihretwillen weggeschenkt hatte, und wenn sie ihn dann so oft wieder an ihrem Hause vorübergehen sah: »Was tue ich? Warum verliere ich meine Jugendzeit? Der ist nach Mailand gegangen und kommt in den nächsten sechs Monaten nicht wieder. Wann wird er sie mir je ersetzen? Etwa wenn ich alt bin? Und überdies, wann werde ich je wieder so einen Verehrer wie Zima finden? Ich bin allein und brauche mich vor niemand zu fürchten. Ich weiß nicht, warum ich mir die guten Tage, die ich mir machen kann, entgehen lassen soll. Ich werde nicht immer die Freiheit haben, die ich jetzt habe. Niemand wird etwas davon erfahren, und käme es am Ende doch heraus, so ist es besser, Genossenes zu bereuen, als zu bereuen, daß man nichts genossen hat.«

Als sie so mit sich selbst zu Rate gegangen war, hängte sie eines Tages, wie es Zima gesagt hatte, zwei Handtücher zum Gartenfenster hinaus. Zima, hocherfreut als er sie sah, ging, sobald die Nacht angebrochen war, heimlich und allein zur Tür des Gartens seiner Dame. Er fand sie offen, und als er schnell[243] hindurchgegangen war, erwartete die Edeldame ihn schon an der Haustür. Sie ging ihm entgegen und empfing ihn mit dem Ausdruck der größten Freude. Er aber folgte ihr unter hunderttausend Umarmungen und Küssen die Treppe hinauf. Ohne ferner zu zögern, legten sie sich nieder und beeilten sich, das letzte Ziel der Liebe zu erreichen. Dieses Mal war aber nicht, wie es das erste gewesen, auch das letzte; denn solange der Edelmann in Mailand war und auch nach seiner Rückkehr, besuchte Zima zum großen Vergnügen beider Teile seine Dame noch vielmals.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 237-244.
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