Siebente Geschichte

[253] Tedaldo verläßt Florenz im Unfrieden mit seiner Geliebten. Nach einiger Zeit kehrt er, als Pilger verkleidet, zurück, spricht mit ihr, bringt sie zur Erkenntnis ihres Unrechts, rettet ihren Mann, der des Mordes an ihm überführt ist, vor dem Tode, versöhnt ihn dann mit seinen Brüdern und erfreut sich mit der Geliebten in aller Vorsicht des Glücks der Liebe.


Schon schwieg Fiammetta, und ihre Geschichte wurde von allen gelobt, als die Königin, um keine Zeit zu verlieren, schnell Emilia das Erzählen übertrug, worauf diese also begann:

Mir beliebt es, wieder in unsere Stadt zurückzukehren, von der meine beiden Vorgängerinnen sich zu entfernen für gut fanden, und euch zu berichten, wie einer unserer Mitbürger seine verlorene Geliebte wiedergewann.

Es lebte nämlich in Florenz ein junger Mann von Adel[253] namens Tedaldo degli Elisei, der in eine Dame, die Monna Ermellina hieß und einen gewissen Aldobrandino Palermini zum Gatten hatte, über die Maßen verliebt war und durch sein musterhaftes Betragen auch wirklich, wie er's verdient hatte, ans Ziel seiner Wünsche gelangte. Diesen Freuden widersetzte sich indes das den Glücklichen feindliche Schicksal. Was auch immer der Grund sein mochte, die Dame, die zuvor mit ihrer Gunst freigebig gegen Tedaldo gewesen war, weigerte sich durchaus, ihm weiter zu Willen zu sein, und wollte ferner sogar keinerlei Botschaft von ihm anhören oder annehmen. Darüber verfiel er in tiefen Trübsinn. So sehr aber war seine Liebe verborgen geblieben, daß niemand die wahre Ursache seiner Traurigkeit erriet. Als er sich nun nach Kräften vielfach bemüht hatte, die Liebe wiederzugewinnen, die er ohne Schuld verloren zu haben glaubte, und alle seine Anstrengungen ohne Erfolg bleiben sah, beschloß er, in die Welt zu fliehen, um derjenigen, welche die Schuld seines Unglücks trug, nicht die Freude zu gewähren, ihn allmählich sich verzehren zu sehen. Zu dem Ende raffte er an Geld zusammen, was er konnte, und verließ insgeheim Florenz, ohne irgendeinem Freunde oder Verwandten, einen Vertrauten ausgenommen, dem er alles mitteilte, von seinem Vorhaben ein Wort zu sagen.

So gelangte er unter dem angenommenen Namen Filippo von Sandoleccio nach Ancona, wo er sich mit einem reichen Kaufmann einigte, sich als Diener bei ihm verdingte und mit ihm auf einem Schiffe nach Zypern fuhr. Sein gutes Betragen und seine einnehmenden Sitten gefielen dem Kaufmann so wohl, daß er ihm nicht nur einen bedeutenden Lohn aussetzte, sondern ihn zu seinem Teilhaber machte und ihm über dies einen großen Teil seiner Geschäfte ganz übergab. Dieser Angelegenheiten nahm sich Tedaldo wieder mit solchem Eifer und so vielem Glück an, daß er nach wenigen Jahren ein geschickter, reicher und berühmter Kaufmann ward. Obgleich er nun bei seinen neuen Geschäften oftmals an seine grausame Dame zurückdachte und sich noch immer schwer von der Liebe verwundet fühlte, auch sehnsüchtig sie wiederzusehen begehrte, so war er doch standhaft genug, sieben Jahre lang siegreich diesen Kampf zu bestehen.[254]

Als es aber eines Tages sich zutrug, daß er in Zypern ein Lied singen hörte, welches er früher gedichtet hatte und in dem die Liebe zu seiner Dame und ihre zu ihm und die Freuden, die sie miteinander genossen, geschildert wurden, da deuchte es ihm unmöglich, daß sie ihn vergessen haben sollte, und er entbrannte in solchem Verlangen, sie wiederzusehen, daß er es nicht länger ertragen konnte und sich entschloß, nach Florenz zurückzukehren. Und so reiste er denn, nachdem er alle seine Angelegenheiten geordnet hatte, mit einem einzigen Diener nach Ancona, von wo aus er seine Sachen sämtlich nach Florenz an einen Freund seines Handelsgenossen sandte, selbst aber heimlich in der Tracht eines vom Heiligen Grabe heimkehrenden Pilgers mit seinem Diener desselben Weges zog.

Als sie in Florenz angelangt waren, kehrte er in einem kleinen Gasthof ein, der zwei Brüdern gehörte und ganz nahe an dem Hause seiner Dame war. Nicht eher aber wollte er sonstwohin gehen, bis er nicht vor ihrem Hause gewesen war und sie zu sehen versucht hatte. Er fand indes Türen und Fenster und alles verschlossen und besorgte, sie möchte ausgezogen oder gar gestorben sein. Nachdenklich hierüber wandte er sich nach der Wohnung seiner Brüder und fand sie daselbst alle vier in Trauerkleidern vor der Tür sitzen. Da ihn dies sehr verwunderte und da ihm bekannt war, seine Gestalt und seine Tracht seien gegen die, welche man vor seiner Abreise an ihm gewohnt war, so verändert, daß er nicht leicht wiedererkannt werden könne, trat er dreist auf einen Schuhmacher zu und fragte ihn, weshalb jene schwarz gingen. Der Schuster antwortete ihm: »Sie gehen schwarz, weil es noch nicht vierzehn Tage her ist, daß einer ihrer Brüder, der lange fort gewesen war und Tedaldo hieß, ermordet worden ist. Und wenn mir recht ist, so habe ich gehört, sie hätten vor Gericht bewiesen, daß einer namens Aldobrandino Palermini, der auch gefangen sitzt, ihn umgebracht habe, weil jener seiner Frau gut und, um bei ihr sein zu können, unerkannt heimgekehrt war.« Tedaldo verwunderte sich ausnehmend, wie jemand ihm so sehr gleichen sollte, daß er für ihn gehalten worden sei, und bedauerte das Unglück des Aldobrandino.

Nachdem er nun noch erfahren hatte, seine Dame sei gesund[255] und am Leben, kehrte er, als es schon Nacht geworden war, den Kopf voll mancherlei Gedanken, in die Herberge zurück. Er aß mit seinem Diener zu Abend, und dann wurde ihm im obersten Stockwerk des Hauses ein Schlafkämmerchen angewiesen. Teils der vielen Gedanken, teils des schlechten Bettes wegen, vielleicht auch weil das Abendessen sehr mager gewesen war, konnte er, als schon die halbe Nacht vorüber war, immer noch nicht einschlafen. Wie er nun so wachte, glaubte er vom Dach her Leute in das Haus einsteigen zu hören, und gleich darauf sah er durch die Ritzen der Kammertür ein Licht die Treppe heraufkommen. Er stand leise auf und legte das Auge an die Spalte, um zu sehen, was das bedeuten solle. Da sah er, wie ein recht hübsches junges Mädchen das Licht in den Händen hielt und wie drei Männer, die vom Dach heruntergestiegen waren, auf es zukamen. Nachdem sie sich bewillkommnet hatten, sagte der eine: »Gottlob, nun können wir ruhig sein; denn wir wissen bestimmt, daß der Mord des Tedaldo Elisei von dessen Brüdern dem Aldobrandino Palermini bewiesen und von diesem eingestanden, das Urteil auch schon ausgefertigt ist. Das hindert aber nicht, daß wir noch ferner schweigen müssen; denn erführe man jemals, daß wir es gewesen sind, so hätten wir dasselbe zu befürchten, was jetzt dem Aldobrandino bevorsteht.« Nach diesen Worten, über die das Mädchen die größte Freude bezeigte, stiegen sie die Treppe hinunter und gingen schlafen.

Tedaldo aber war bei dem, was er gehört hatte, aufmerksam darauf geworden, wie vielfach und groß die Irrtümer sind, denen der menschliche Verstand ausgesetzt ist. Zuerst dachte er daran, wie seine Brüder einen Fremden statt seiner beweint und begraben und wie sie dann des irrigen Verdachts wegen einen Unschuldigen angeklagt und durch falsche Zeugen dessen bevorstehenden Tod herbeigeführt hätten. Ferner aber dachte er der blinden Strenge der Gesetze und der Richter, welche im Eifer, die Wahrheit zu erforschen, sich oft so verhärten, daß sie sich das Falsche beweisen lassen und, während sie sich Diener Gottes und der Gerechtigkeit nennen, in der Tat der Unbilligkeit und des Teufels Schergen sind. Zuletzt aber richtete er seine Gedanken darauf, wie er den Aldobrandino retten könne, und beschloß, was er zu diesem Zwecke tun wollte.[256]

Als er am andern Morgen aufgestanden war, ließ er seinen Diener zurück und ging, sobald es ihm Zeit schien, allein zum Hause seiner Dame. Zufällig fand er die Tür offen, und wie er eintrat, sah er in einem Vorsaal zu ebener Erde die Dame auf dem Boden in tausend Tränen und großer Traurigkeit sitzen. Fast hätte er selbst vor Mitleid geweint. Er trat aber zu ihr und sagte: »Madonna, härmt Euch nicht, der Trost ist nahe.« Als die Dame diese Worte hörte, hob sie das Gesicht und sagte weinend: »Guter Freund, du scheinst mir ein fremder Pilger; was weißt du von Trost und von meiner Betrübnis?« »Madonna«, erwiderte darauf der Pilger, »ich bin aus Konstantinopel und eben erst angelangt, von Gott hierher gesandt, um Eure Tränen in Lachen zu verwandeln und Euren Mann vom Tode zu befreien.« »Wie«, sagte die Dame, »bist du aus Konstantinopel und trafst erst eben hier ein, wie kannst du wissen, wer ich bin und wer mein Mann ist?« Der Pilger begann nun die ganze Geschichte von Aldobrandinos Mißgeschicken von Anfang an zu erzählen und sagte ihr auch ihren eigenen Namen, wie lange sie verheiratet sei und eine Menge anderer, ihm wohlbekannter Umstände, die sie betrafen.

Die Dame wunderte sich sehr darüber, hielt ihn für einen Propheten, warf sich vor ihm auf die Knie und bat ihn um Gottes willen, wenn er zu Aldobrandinos Rettung gekommen sei, möge er sie beschleunigen, denn die Zeit sei kurz. Der Pilger, der sich als besonders frommer Mann gebärdete, sagte: »Madonna, stehet auf und weinet nicht. Merkt vielmehr auf das, was ich Euch sagen werde. Hütet Euch aber wohl, jemand etwas davon wiederzusagen. Soviel Gott mir offenbart hat, ist die Trübsal, welche Ihr erduldet, Euch um einer Sünde willen auferlegt worden, für die Gott Euch zum Teil durch diese Eure Mißgeschicke hat bestrafen wollen und die Ihr im übrigen vollständig abbüßen müßt, wollt Ihr nicht in ein noch größeres Unglück verfallen.«

Darauf sagte die Dame: »Lieber Herr, ich habe der Sünden viele begangen und weiß nicht, welche es ist, von der Gott vorzugsweise verlangt, daß ich sie abbüßen soll. Darum sagt mir's, wenn Ihr es wißt, und ich will tun, was ich vermag, um die Buße zu vollenden.« »Madonna«, erwiderte der Pilger, »ich[257] weiß gar wohl, was für eine Sünde es ist, und fragte Euch nicht, um es von Euch besser zu erfahren, sondern nur um Eure Gewissensbisse durch Euer Bekenntnis zu vermehren. Doch ich will zur Sache kommen. Sagt mir, erinnert Ihr Euch, jemals einen Liebhaber gehabt zu haben?«

Als die Dame dies hörte, seufzte sie tief auf und verwunderte sich sehr; denn sie glaubte nicht, daß jemand etwas von dieser Liebe erfahren hätte, obwohl dergleichen Reden sich in den Tagen, wo der vermeintliche Tedaldo ermordet worden war, in der Stadt verbreitet hatten, weil Tedaldos Vertrauter, der um das Geheimnis wußte, einige unvorsichtige Worte hatte fallen lassen. Sie erwiderte: »Wahrlich, ich sehe, daß Gott Euch die Geheimnisse der Menschen offenbart, und so bin ich denn auch nicht gesinnt, Euch die meinigen vorzuenthalten. Es ist wahr, ich habe in meiner Jugend den Unglücklichen, dessen Tod mei nem Gatten zur Last gelegt wird, zärtlich geliebt und habe auch jetzt meinem Schmerze über diesen seinen Tod freien Lauf gelassen. Denn so streng und unfreundlich ich mich auch vor seiner Abreise gegen ihn erwies, so haben doch weder die Trennung noch die lange Abwesenheit, noch selbst sein unglücklicher Tod sein Bild in meinem Herzen vertilgen können.«

Der Pilger entgegnete hierauf: »Nicht den unglücklichen Jüngling, der jüngst getötet ward, habt Ihr je geliebt, sondern Tedaldo Elisei. Sagt mir aber, was war der Grund, um dessentwillen Ihr Euch gegen ihn erzürntet? Beleidigte er Euch denn jemals?« »Nein«, sagte die Dame, »beleidigt hat er mich wahrlich nie. Meine Entfremdung wurde durch die Worte eines vermaledeiten Pfaffen veranlaßt, bei dem ich einmal zur Beichte ging. Denn als ich ihm von meiner Liebe zu Tedaldo und von unserer Vertraulichkeit erzählte, machte er mir einen Lärm und ein Aufhebens, daß ich mich noch davor fürchte. Er sagte mir, wenn ich das nicht sein ließe, führe ich in den Abgrund der Hölle und in die Feuerqualen, dem Teufel in den Rachen. Darüber erschrak ich nun so sehr, daß ich mich fest entschloß, die Vertraulichkeit Tedaldos nicht mehr zu leiden, und um der Versuchung zu entgehen, wollte ich auch keine Botschaft und keinen Brief mehr von ihm annehmen. Freilich vermute ich, daß ich meinen harten Entschluß aufgegeben hätte, wenn er ausgeharrt[258] hätte, statt verzweifelt davonzugehen und sich zu verzehren; trage ich doch zu nichts in der Welt so großes Verlangen wie zu ihm.«

Der Pilger sagte darauf: »Madonna, dies ist die einzige Sünde, um deretwillen Ihr Trübsal erleidet. Ich weiß gewiß, daß Euch Tedaldo auf keine Weise zur Liebe gezwungen hat. Als Ihr ihn liebgewannet, tatet Ihr es aus freien Stücken, weil er Euch wohlgefiel. Dann kam er, Eurem eigenen Willen gemäß, zu Euch, und Ihr erzeigtet ihm in Eurem weiteren Umgang in Worten und Taten so viel Freundlichkeit, daß, wenn er Euch schon früher liebhatte, seine Liebe sich nun wohl tausendfach vermehrte. Verhielt es sich nun so – und ich weiß, daß es sich so verhalten hat –, was für ein Grund durfte dann vorhanden sein, daß Ihr Euch so feindlich ihm entzoget? Über diese Dinge hättet Ihr im voraus nachdenken müssen, und glaubtet Ihr, sie als ein Verbrechen bereuen zu müssen, so hättet Ihr sie ganz unterlassen sollen. Ihr wurdet die Seinige, wie er der Eurige wurde. Ihr konntet, wie mit allem anderen, das Euch gehört, es allerdings nach Eurem Belieben dahin bringen, daß er nicht mehr der Eurige war; aber Euch ihm, dem Ihr gehörtet, entreißen zu wollen, das war, wenn er nicht seine Einwilligung dazu gegeben hat, ein Raub und ein unziemliches Benehmen.

Nun müßt Ihr wissen, daß ich selbst ein Geistlicher bin. Daher kann ich mich, Euch zu Nutz und Frommen, etwas ausführlicher über die Sitten der Geistlichen auslassen. Für mich ist es nicht, wie für einen andern, unschicklich, und ich sage gern etwas darüber, damit Ihr für die Zukunft eine richtigere Meinung von ihnen haben möget, als ihr sie bisher gehabt. Einst waren allerdings Mönche und Geistliche gar heilige und wackere Leute. Aber die man heute so nennt und die dafür gelten wollen, die haben nichts vom Mönch wie die Kutte. Und selbst die ist keine echte Mönchskutte mehr; denn während diese von den Stiftern der Orden eng und ärmlich und von schlechtem Zeug bestimmt wurde, um einer Seele zu entsprechen, welche die weltlichen Dinge geringschätzte, da der Körper sich in ein so niedriges Gewand hüllte, machen die jetzigen Mönche ihre Kutten weit und kostbar und von feinem, glänzendem Zeuge, geben ihnen dabei eine erlesene und hohepriesterliche Form und[259] entblöden sich dann nicht, in Kirchen und auf Straßen und Plätzen darin herumzustolzieren wie die Weltleute in ihren Kleidern. Und wie der Fischer sich bestrebt, im Flusse so viele Fische wie möglich in seinem Netz zu fassen, so sind auch sie bedacht, in die Fransen und Falten ihrer weiten Gewänder recht viele Betschwestern, Witwen und andere törichte Männer und Weiber zu verwickeln, und kennen außer diesem keine anderen Sorgen, keinen anderen Beruf. Darum haben denn diese Leute in der Tat nicht mehr Mönchskutten, sondern nur noch die Farben der Kutten. Während ehemals die Geistlichen danach strebten, die Menschen zur Seligkeit anzuleiten, streben sie heute nur nach Weibern und Reichtümern und verwenden ihre ganze Sorgfalt schon seit langem nur darauf, durch Lärmen und Schreckbilder die Gemüter der Toren zu entsetzen. Dabei reden sie ihnen vor, daß die Sünden durch Almosen und Messelesen gebüßt würden, damit ihnen, welche nicht aus Frömmigkeit, sondern allein aus niedriger Gesinnung ihre Zuflucht vor Arbeit und Mühe im geistlichen Stande gesucht haben, der eine Brot, der andere Wein bringe und der dritte für Seelen der Verstorbenen Mahlzeiten spende. Nun ist es freilich vollkommen wahr, daß Almosen und Gebete uns helfen, die Sünden abzubüßen. Sähen und wüßten aber diejenigen, die sich ihrer befleißigen, wem sie zugute kommen, so behielten sie viel lieber ihre Geschenke oder würfen sie ebenso vielen Säuen vor.

Weil diese Mönche aber ferner recht wohl wissen, daß, je geringer die Anzahl der Besitzer eines großen Vermögens ist, desto reichlicherer Anteil einem jeden zufällt, so geben sie sich alle Mühe, durch ihr Geschrei und durch ihre Drohungen die andern von dem entfernt zu halten, was sie mit niemand zu teilen wünschen. Sie schelten vor den Leuten die Wollust, damit diese ihr entsagen und die Weiber ihnen allein bleiben mögen. Sie verdammen Wucher und schlechten Erwerb, damit man ihnen auftragen möge, das übel gewonnene Gut wiederzuerstatten, auf daß sie sich bequemere Kutten, Bistümer und einträglichere Prälaturen mit dem Gelde erkaufen können, von dem sie versicherten, daß es seine Besitzer notwendig ins Verderben stürze.

Wirft man ihnen nun dies und was sie sonst noch an Unrecht[260] tun, vor, so bilden sie sich ein, durch die Antwort: ›Handelt nach unseren Worten und nicht nach unseren Taten!‹ sich vollkommen ihrer großen Schuld zu entladen, als ob es den Schafen leichter fiele, standzuhalten und den Feind zu schlagen, als den Hirten. Auch wissen die meisten unter ihnen recht gut, wie viele von denen, die sie mit einer solchen Antwort abfertigen wollen, dieselbe ganz anders verstehen, als sie gemeint war. Die Pfaffen von heutzutage wollen nämlich, nach der Meinung dieser letzteren, daß man nach ihren Reden handle, das heißt, man soll ihnen die Beutel mit Geld füllen, ihnen alle Geheimnisse anvertrauen, Keuschheit bewahren, geduldig sein, Beleidigungen vergeben und des üblen Leumundes sich enthalten – lauter gute, schöne und fromme Sachen; aber warum soll man so handeln? Darum, daß sie tun können, was ihnen nicht gewährt würde, wenn die Laien ebenso täten. Wem ist unbekannt, daß die Faulenzerei ohne Geld nicht bestehen kann? Gibst du nun selbst das Geld zu deinem Vergnügen aus, so wird der Pfaffe in seinem Kloster nicht faulenzen können. Bist du nicht geduldig und vergibst du nicht Beleidigungen, so wird sich der Mönch nicht in dein Haus wagen, um die Ehre deiner Familie anzutasten. Wozu soll ich erst alles ausführen? Gewiß, sooft sie diese Entschuldigungen vorbringen, klagen sie im Auge der Verständigen sich dadurch an. Warum bleiben sie nicht zu Hause und in der Welt, wenn sie sich für unfähig halten, heilig und enthaltsam zu leben? Wollen sie sich aber einmal dem geistlichen Stande widmen, warum befolgen sie dann nicht das heilige Wort des Evangeliums: ›Jesus fing an Gutes zu tun und dann zu lehren‹? Mögen sie denn erst tun und dann andere belehren. Ich habe in meinem Leben gewiß tausend gesehen, die den Hof machen, sich verlieben und nicht nur weltliche, sondern auch Klosterfrauen besuchen und dabei auf der Kanzel gerade den ärgsten Lärm machen. Solchen Menschen sollten wir nachleben? Nun, wer Lust hat, der mag es tun. Gott weiß aber, ob er wohl daran tut.

Aber auch angenommen, der Mönch, der Euch schalt, habe recht gehabt, wenn er sagte, die eheliche Treue zu brechen sei eine sehr große Sünde – so frage ich, ob jemand zu bestehlen nicht eine viel größere ist? Ob es nicht eine viel größere Sünde[261] ist, ihn zu töten oder ihn voller Jammer in die Welt hinauszustoßen? Das wird gewiß ein jeder zugeben. Der vertrauliche Umgang eines Mannes und einer Frau ist eine naturgemäße Sünde; aber Rauben, Töten und Verjagen entspringen aus der Bösartigkeit des Gemüts. Daß Ihr den Tedaldo beraubtet, wenn Ihr Euch, die Ihr freiwillig sein geworden waret, ihm wieder entzoget, ist Euch schon oben einleuchtend gemacht worden. Dann sage ich aber, daß Ihr ihn mordetet; denn an Euch, die Ihr Euch immer grausamer gegen ihn bezeigtet, hat es nicht gelegen, wenn er sich nicht mit eigenen Händen umgebracht hat. Die Gesetze aber bestimmen, daß, wer an einem geschehenen Übel schuld ist, demjenigen gleichsteht, der es durch seine eigene Tat vollbracht hat. Daß Ihr ferner an seinem Exil und seinem siebenjährigen unglücklichen Umherirren schuld seid, das läßt sich gar nicht leugnen. Und so habt Ihr denn in einem jeden dieser drei Fälle eine viel größere Sünde begangen, als indem Ihr ihm Euren Umgang gewährtet.

Aber verdiente nicht vielleicht Tedaldo eine solche Behandlung? Gewiß, er verdiente sie nicht. Ihr selbst habt das schon gestanden, und ich weiß auch außerdem, daß er Euch mehr als sich selbst liebte. Niemals ist ein Gegenstand so geehrt, erhoben und gefeiert worden, wie er es, vorzugsweise vor allen andern Damen, mit Euch tat, wenn der Ort es ihm erlaubte, frei und ohne Verdacht zu wecken, von Euch zu reden. Sein ganzes Glück, seine Ehre, seine Freiheit waren allein in Eure Hände gegeben. War er nicht ein adeliger Jüngling? War er nicht schön vor anderen seinesgleichen? War er nicht wacker in allem, was für junge Leute sich ziemt? War er nicht geliebt, hielt man ihn nicht wert, sah ihn nicht jedermann gerne? Auch hierauf werdet Ihr mir nicht mit Nein antworten. Wie konntet Ihr also um des Geschwätzes eines dummen, gemeinen und neidischen Pfäffleins willen gegen ihn einen so grausamen Entschluß fassen?

Ich weiß nicht, in was für einem seltsamen Irrtum die Weiber sich befinden, wenn sie die Männer verschmähen und geringschätzen, während sie doch, wollten sie nur bedenken, was sie sind und wie großer und hoher Adel vor allen andern Geschöpfen von Gott dem Manne gegeben ist, sich glücklich preisen[262] sollten, wenn sie von einem geliebt werden. Über alles sollten sie ihn wert halten und mit aller Sorgfalt sollten sie sich bestreben, ihm gefällig zu sein, damit er sie zu lieben nie aufhöre. Was Ihr dagegen auf die Worte eines Pfaffen hin tatet, der gewiß auch so ein Topfgucker und Pastetenfresser war, das wißt Ihr selbst. Vielleicht hatte er Lust, den Platz einzunehmen, von dem einen andern zu verdrängen er sich so viele Mühe gab.

Dies also ist die Sünde, welche die göttliche Gerechtigkeit, die mit gerechter Waage allen Handlungen ihre Folgen zuteilt, nicht hat unbestraft lassen wollen. Und so ist denn auch Euer Mann Tedaldos wegen ebenso ohne seine Schuld in Gefahr und Ihr in Angst gekommen, wie Ihr dem Tedaldo ohne dessen Schuld Euch zu entziehen bemühtet. Wollt Ihr nun aus dieser Not befreit sein, so müßt Ihr mir folgendes versprechen, noch viel mehr aber dereinst danach tun: geschieht es je, daß Tedaldo aus seiner langen Verbannung wieder zurückkehrt, so müßt Ihr ihm Eure Gunst, Eure Liebe, Euer Wohlwollen und Euren vertraulichen Umgang wieder gewähren und ihm erneut denselben Platz einräumen, den er einnahm, bevor Ihr, töricht genug, dem albernen Mönche Glauben beimaßet.«

Der Pilger hatte seine Rede beendigt und die Dame seine Worte auf das sorgsamste aufgenommen. Sie hielt die Gründe, die er vorgebracht hatte, für vollkommen wahr, und während sie ihn reden hörte, glaubte sie mit Bestimmtheit, sie erdulde ihre Trübsal um dieser Sünde willen, und sagte nun: »Freund Gottes, ich erkenne wohl, daß das, was Ihr mir gesagt habt, die Wahrheit ist und daß die Geistlichen, die ich bisher für Heilige gehalten habe, so sind, wie Eure Worte sie mir schildern. Auch sehe ich deutlich ein, daß ich in meinem Benehmen gegen Tedaldo sehr gefehlt habe, und würde es mir jemals möglich, so woll te ich diesen Fehler gern auf die mir von Euch angegebene Weise wiedergutmachen. Wie soll das aber geschehen? Tedaldo kann nie mehr wiederkommen, denn er ist tot. Und so sehe ich nicht ein, warum ich Euch versprechen soll, was doch unmöglich bleiben muß.«

Hierauf antwortete der Pilger: »Madonna, Tedaldo ist, wie Gott mir offenbart, durchaus nicht tot, vielmehr lebt er, und wenn er Eure Gunst wiedererlangt, so geht es ihm wohl.« Die[263] Dame erwiderte: »Habt acht, was Ihr sagt. Ich habe ihn vor meiner Tür mit Messerstichen ermordet gesehen. In diesen meinen Armen habe ich ihn gehalten und ihm das tote Angesicht mit vielen Tränen benetzt, die vielleicht schuld an dem gewesen sind, was man mir seit jener Zeit deswegen Übles nachgesagt hat.« Darauf sagte der Pilger: »Madonna, was Ihr mir auch sagen mögt, ich versichere Euch, daß Tedaldo am Leben ist, und wollt Ihr versprechen und halten, was ich Euch gesagt habe, so hoffe ich, Ihr sollt ihn bald sehen.« »Gern«, entgegnete die Dame, »will ich es tun und tue es hiermit; denn nichts könnte mir begegnen, das mir zu gleicher Freude gereichte, als meinen Mann unverletzt wieder frei und den Tedaldo lebend zu sehen.«

Nun schien es dem Tedaldo Zeit, sich zu offenbaren und die Dame durch sichere Hoffnung auf die Freiheit ihres Gatten zu erfreuen. »Madonna«, sagte er deshalb, »um Euch wegen Eures Mannes zu trösten, muß ich Euch ein Geheimnis mitteilen, das Ihr Euer Leben lang bewahren und niemandem verraten werdet.«

Die Dame hatte schon vorher das höchste Vertrauen zu der Heiligkeit gefaßt, die sie dem Pilger beilegte, und daher hatte sie ihn bereits in ein entferntes und einsames Zimmer geführt. So zog denn nun Tedaldo einen Ring hervor, den er mit der äußersten Sorgfalt bewahrt hatte und den die Dame ihm in der letzten Nacht geschenkt hatte, die er mit ihr zugebracht. Diesen zeigte er ihr und sagte: »Kennt Ihr dies, Madonna?« »Jawohl, Herr«, erwiderte die Dame, als sie den Ring sah und sogleich erkannte, »den schenkte ich einst dem Tedaldo.« Darauf richtete der Pilger sich auf, warf Pilgermantel und Hut schnell von sich und sagte in florentinischer Aussprache: »Und kennt Ihr mich denn nun?« Als die Dame ihn sah und erkannte, daß es Tedaldo war, erschrak sie heftig und fürchtete sich so sehr vor ihm, wie man sich vor den Leichnamen fürchtet, wenn man sie nach Art der Lebendigen herumgehen sieht. Daher eilte sie auch nicht, ihn als den von Zypern zurückgekehrten Tedaldo zu bewillkommnen, sondern vor ihm als dem aus dem Grabe Auferstandenen zu fliehen. Tedaldo hielt sie aber zurück, indem er sagte: »Madonna, zweifelt nicht, ich bin Euer Tedaldo, lebendig und gesund. Ich bin nicht gestorben[264] und war noch niemals tot, was Ihr und meine Brüder auch glauben möget.« Die Dame faßte ein wenig mehr Mut, und als sie seine Stimme erkannte, ihn etwas länger betrachtete und sich selbst überzeugte, daß er es wirklich war, fiel sie ihm weinend um den Hals, küßte ihn und sagte: »Mein süßer Tedaldo, gottlob, daß du wieder da bist.« Als Tedaldo Kuß und Umarmung erwidert hatte, sagte er: »Madonna, zu einem herzlicheren Empfange ist jetzt nicht Zeit. Ich will nun gehen und dafür sorgen, daß Euer Aldobrandino Euch wiedergegeben werde. Ich hoffe, Ihr sollt vor morgen abend willkommene Neuigkeiten darüber hören. Habe ich indessen, wie ich wohl denke, noch heute gute Nachrichten über seine Rettung, so sollt Ihr mich diese Nacht zu Euch kommen lassen, damit ich sie Euch mit größerer Bequemlichkeit erzähle, als ich es jetzt tun könnte.«

Darauf bekleidete er sich wieder mit Pilgermantel und Hut, küßte die Dame noch einmal und ging, nachdem er sie mit guten Hoffnungen getröstet hatte, dahin, wo Aldobrandino gefangen saß und mehr der Furcht vor dem bevorstehenden Tode als der Hoffnung auf Rettung nachsann. Tedaldo trat als ein geistlicher Tröster mit Zustimmung der Gefangenenwärter ein, setzte sich neben ihn und sagte: »Aldobrandino, ich bin dein Freund, von Gott, dessen Barmherzigkeit deine Unschuld erweckt hat, gesandt, um dich zu retten, und so sollst du, wenn du mir aus Ehrfurcht vor ihm ein kleines Geschenk gewähren willst, das ich von dir fordern werde, vor morgend abend, wo du dein Todesurteil erwartest, deinen Freispruch hören.« »Wackerer Mann«, erwiderte jener, »weil du um meine Rettung bemüht bist, so mußt du, obgleich ich dich nicht kenne und mich nicht erinnere, dich je gesehen zu haben, mein Freund sein, wie du sagst. In der Tat, die Sünde, wegen welcher ich, wie die Leute sagen, zum Tode verurteilt werden soll, habe ich nie begangen; wohl aber andere genug, um derentwillen Gott mich vielleicht in meine jetzige Lage brachte. Aber ich sage dir: hat Gott jetzt Erbarmen mit mir, so will ich gern aus Ehrfurcht vor ihm Größtes und wieviel mehr Geringes auf mich nehmen, vom Versprechen nicht zu reden. Darum fordere nur, was dir beliebt, und unfehlbar werde ich mein Wort halten, wenn ich glücklich davonkomme.«[265]

Der Pilger erwiderte darauf: »Ich verlange nichts weiter, als daß du den vier Brüdern des Tedaldo vergeben sollst, weil sie dich in dem Glauben, du seiest an dem Tode ihres Bruders schuld, in eine solche Lage gebracht haben, und daß du sie, wenn sie dich um Verzeihung bitten, als deine Freunde und Brüder behandeln sollst.« Aldobrandino antwortete ihm: »Niemand weiß, wie süß die Rache ist und wie sehnlich man nach ihr verlangt, als wer selbst Beleidigungen erlitten hat. Dessenungeachtet aber will ich, damit Gott meine Rettung bewirkt, ihnen gern vergeben und vergebe ihnen hiermit. Auch will ich, wenn ich erst lebendig aus diesem Gefängnis heraus bin und allen Gefahren entgehe, mich in dieser Sache so benehmen, wie es dir belieben wird.« Diese Antwort genügte dem Pilger, und ohne ihm weitere Auskunft zu geben, bat er den Aldobrandino, guten Mutes zu sein; denn er könne, noch ehe der nächste Tag zu Ende gehe, gewiß sein, die bestimmtesten Nachrichten über seine Befreiung zu erhalten.

Darauf verließ er ihn, um auf die Signorie zu gehen, wo er insgeheim dem Edelmann, der an diesem Tage die höchste Stelle einnahm, folgendes sagte: »Gnädiger Herr, ein jeder soll mit Freuden dazu beitragen, daß der wahre Hergang einer Sache erkannt werde, vor allem aber sollen es diejenigen, die den Platz einnehmen, auf den Ihr gestellt seid, damit die Strafe nicht die Unschuldigen, sondern die Schuldigen treffe. Damit dies also zu Eurer Ehre und zum Unheil derer geschehe, die es verdient haben, bin ich hierher gekommen. Ihr wißt, wie hart man gegen Aldobrandino Palermini verfahren ist, und Ihr glaubt nun, in Wahrheit gefunden zu haben, daß er den Tedaldo Elisei umgebracht hat, und steht im Begriff, ihn zu verurteilen. Gewiß aber ist Eure Meinung falsch, und ich gedenke den vollständigen Beweis dafür noch vor Mitternacht zu erbringen und Euch die wahren Mörder in die Hände zu liefern.« Der treffliche Mann, der großes Mitleid mit Aldobrandino hatte, lieh den Worten des Pilgers ein williges Ohr, und nachdem er mit ihm genauer über die Sache gesprochen hatte, auch von ihm in jenes Haus geführt worden war, ließ er die beiden Brüder, die Gastwirte waren, und ihre Diener im ersten Schlafe ohne Widerstand gefangensetzen. Er wollte sie foltern lassen,[266] um den wahren Hergang der Sache zu erfahren; aber sie ließen es nicht dazu kommen, sondern bekannten alle einzeln und nachher gemeinschaftlich unverhohlen, sie seien es gewesen, die Tedaldo Elisei, ohne ihn zu kennen, getötet hätten. Als sie um die Ursache gefragt wurden, antworteten sie, weil er die Frau des einen von ihnen, während sie nicht zu Hause gewesen seien, sehr geplagt und mit Gewalt habe nötigen wollen, ihm zu Willen zu sein.

Als der Pilger dies erfahren hatte, entfernte er sich, nicht ohne sich bei dem Herrn der Signorie zu beurlauben, und schlich sich heimlich in das Haus der Madonna Ermellina. Hier waren alle bis auf die Dame bereits schlafen gegangen. Sie aber erwartete ihn, gleich sehnsüchtig, gute Nachrichten von ihrem Gatten zu hören und sich mit ihrem Tedaldo völlig auszusöhnen. Gleich bei seinem Eintreten sagte er zu ihr: »Freu dich, mein liebstes Herz, denn gewiß sollst du morgen deinen Aldobrandino heil und gesund wieder hier haben.« Und um sie gründlicher zu überzeugen, erzählte er ihr nun ausführlich, was er getan hatte. Die Dame war über die beiden so unerwarteten Ereignisse, ihren Tedaldo, den sie als unzweifelhaft tot beweint hatte, lebendig wiederzuhaben, und Aldobrandino, dessen Tod sie in wenigen Tagen glaubte beweinen zu müssen, außer Gefahr zu wissen, unaussprechlich glücklich und umarmte und küßte ihren Tedaldo mit der herzlichsten Liebe. Dann gingen sie miteinander schlafen und schlossen, während sich eins am andern erfreute, einen ergötzlichen und anmutigen Frieden. Als der Morgen nahte, erhob sich Tedaldo, nachdem er seiner Dame erklärt, was er ferner zu tun gedenke, und ihr erneut empfohlen hatte, dies alles völlig geheimzuhalten. Noch immer in Pilgerkleidern verließ er ihr Haus, um, wenn es Zeit war, die Angelegenheiten Aldobrandinos wahrnehmen zu können.

Die Signorie glaubte hinlänglich über das Verbrechen aufgeklärt zu sein. Sie befreite daher gleich am Morgen den Aldobrandino und ließ wenige Tage darauf den Missetätern an der Stelle, wo sie den Mord begangen hatten, den Kopf abschlagen. Als nun Aldobrandino zu seiner Frau und aller Verwandten und Freunde großer Zufriedenheit frei geworden war und alle deutlich einsahen, daß dies nur durch die Bemühungen des[267] Pilgers gelungen war, baten ihn die beiden Eheleute, so lange in ihrem Hause zu wohnen und in der Stadt zu verweilen, als es ihm gefiel, und beide konnten nicht satt werden, ihm Liebe und Ehre anzutun, besonders aber die Frau, die ja wohl wußte, wen sie vor sich hatte.

Tedaldo aber schien es nach einigen Tagen Zeit, seine Brüder mit Aldobrandino wieder zu versöhnen; denn er vernahm, sie fühlten sich nicht allein durch dessen Freilassung beschimpft, sondern hätten sich auch aus Furcht bewaffnet. Er erinnerte also den Aldobrandino an die Erfüllung seines Versprechens, wozu dieser sich auch gern bereit erklärte. Der Pilger hieß ihn hierauf zum folgenden Tag ein schönes Gastmahl vorbereiten, bei dem, wie er verlangte, Aldobrandino mit seinen Vettern und den weiblichen Familienmitgliedern die vier Brüder und deren Frauen bewirten sollte. Er selbst, fügte er hinzu, werde sie sogleich im Namen des ersten zum Gastmahl und zur Versöhnung einladen. Aldobrandino war mit allem zufrieden, was der Pilger wünschte. Dieser ging alsbald zu den vier Brüdern und brachte es nach vielem Hin- und Herreden, wie es zu ihrer Aufklärung nötig war, am Ende mit unwiderlegbaren Gründen ziemlich leicht dahin, daß sie sich bereit erklärten, um Verzeihung zu bitten und Aldobrandinos Freundschaft wieder zu suchen. Darauf lud er sie samt ihren Frauen auf den andern Tag zum Mittagessen bei Aldobrandino ein, und sie nahmen im Vertrauen auf ihn die Einladung willig an.

Am andern Tag um die Essensstunde gingen zuerst die vier Brüder des Tedaldo, in Trauer wie sie waren, mit einigen ihrer Freunde in das Haus des Aldobrandino, der sie erwartete. Hier warfen sie in Gegenwart aller, die von Aldobrandino geladen waren, ihnen Gesellschaft zu leisten, die Waffen auf den Boden und lieferten sich selbst dem Aldobrandino aus, indem sie ihn zugleich deswegen, was sie gegen ihn unternommen hatten, um Verzeihung baten. Aldobrandino war zu Tränen gerührt und nahm sie liebevoll auf. Er küßte einen jeden auf den Mund und vergab mit wenigen Worten jede ihm widerfahrene Beleidigung. Hierauf kamen ihre Schwestern und ihre Frauen, alle in Trauer, und wurden von Madonna Ermellina und den andern Damen auf das freundlichste empfangen. Bei Tisch wurden[268] alle, Männer wie Frauen, auf das trefflichste bewirtet, und nichts bei diesem Gastmahl war anders als löblich, abgesehen von einer gewissen Schweigsamkeit, welche der noch neue Schmerz veranlaßte, der sich in den dunklen Kleidern der Angehörigen Tedaldos aussprach. Um dieser Trauer willen war auch das ganze Unternehmen des Pilgers samt dem Gastmahl von verschiedenen getadelt worden, wie er dies selbst recht wohl bemerkt hatte.

Als es ihm aber Zeit schien, diese Trauer zu vertreiben, wie er schon früher bei sich beschlossen hatte, stand er auf, während die übrigen noch die Früchte genossen, und sagte: »Nichts hat uns gefehlt, um dieses Gastmahl fröhlich zu machen, als Tedaldo, den ich euch nun zeigen will, da ihr ihn so lange unter euch gehabt habt, ohne ihn zu erkennen.« Und damit nahm er den Pilgermantel und was sonst zur Pilgertracht gehörte ab und stand nun in einem Wams von grünem Zindeltaffet vor ihnen. Sie aber betrachteten ihn mit großer Verwunderung lange Zeit, und obgleich sie ihn allmählich erkannten, unterstand sich zuerst keiner zu glauben, daß er es wirklich sei. Wie Tedaldo dies bemerkte, erzählte er ihnen ausführlich von ihrer Verwandtschaft, von einer Menge sie betreffender Vorfälle und von seinen eigenen Schicksalen. Da eilten die Brüder und die übrigen Männer unter Freudentränen, ihn zu umarmen, und auch die Frauen, verwandte wie fremde, mit der einzigen Ausnahme Donna Ermellinas, taten ein Gleiches. Als Aldobrandino dies bemerkte, sagte er: »Was soll das, Ermellina, warum bezeigst du nicht wie die andern Frauen dem Tedaldo deine Freude über seine Rückkehr?« Die Dame aber antwortete ihm vor allen Anwesenden: »Keine unter allen hätte ihn lieber freundlich bewillkommnet als ich, die ich ihm mehr als irgendeine Dank schuldig bin, weil ich durch seine Hilfe dich wiedererlangt habe. Aber das unschickliche Gerede, das umging, als wir den beweinten, den wir für Tedaldo hielten, hält mich davon ab.« Aldobrandino erwiderte ihr: »Ei was, denkst du denn, ich werde den Kläffern glauben? Dadurch, daß er meine Rettung bewirkte, hat er deutlich genug die Unwahrheit jenes Geschwätzes bewiesen, an das ich ohnedies nicht glaubte. Steh nur auf und mach schnell, daß du ihn umarmst.« Die Dame,[269] die nichts anderes wünschte, zögerte nicht, dem Wunsche ihres Gatten zu gehorchen. Vielmehr erhob sie sich sogleich und umarmte ihn und hieß ihn willkommen, wie die anderen es getan hatten. Dieses adelige Benehmen des Aldobrandino gefiel den Brüdern Tedaldos und allen andern anwesenden Herren und Damen gar sehr, und jener kleine Makel, der wegen der früheren Reden etwa noch in dem einen oder anderen Gemüte gehaftet hatte, wurde dadurch völlig getilgt.

Während nun jeder dem Tedaldo seine Freude bezeigte, riß er selbst seinen Brüdern die schwarzen und seinen Schwestern und Schwägerinnen die braunen Gewänder vom Leibe und verlangte, sie sollten sich gleich andere Kleider kommen lassen. Wie sie nun alle sich umgekleidet hatten, ergötzten sie sich mit Gesang und Tanz und anderen Lustbarkeiten gar lange Zeit, so daß dieses Gastmahl, das einen stillen Anfang gehabt hatte, laut und fröhlich endete. Dann gingen sie, voller Freude wie sie waren, alle in Tedaldos Haus und aßen dort zu Abend. Die Feste aber dauerten auf die gleiche Weise noch mehrere Tage lang fort.

Die Florentiner betrachteten den Tedaldo geraume Zeit lang wie einen von den Toten Auferstandenen und wie ein Fabeltier, und viele, sogar die Brüder selbst, zweifelten innerlich noch einigermaßen, ob er es denn auch wirklich sei. Sie hielten es noch immer nicht für gewiß, und hätte sich nicht ein Vorfall zugetragen, der sie darüber aufgeklärt, wer der Ermordete gewesen, wären sie vielleicht noch eine Weile bei ihrem Zweifel geblieben. Und das trug sich folgendermaßen zu: Soldaten aus der Gegend von Luni gingen eines Tages vor Tedaldos Haus vorbei, und als sie diesen vor der Türe stehen sahen, gingen sie auf ihn zu und sagten: »Möge es dir wohl ergehen, Faziuolo.« Tedaldo antwortete ihnen in Gegenwart der Brüder: »Ihr verwechselt mich mit einem andern.« Als die Soldaten ihn reden hörten, schämten sie sich und baten ihn um Verzeihung. »Wahrlich«, sagten sie, »Ihr gleicht, mehr als wir je zwei Menschen sich gleichen sahen, einem Kameraden von uns, namens Faziuolo aus Pontremoli, der vor etwa vierzehn Tagen oder nicht viel länger hierher gekommen ist, ohne daß wir seither hätten erfahren können, was aus ihm geworden ist. Freilich wunderten[270] wir uns über Euer Gewand, denn jener war Soldat, wie wir es sind.« Der älteste der Brüder des Tedaldo trat bei diesen Worten vor und fragte sie, wie Faziuolo gekleidet gewesen sei. Sie gaben darüber Auskunft, und es fand sich, daß ihre Beschreibung dem Anzug des Ermordeten genau entsprach. So überzeugten sie sich, in Verbindung mit anderen Zeichen, daß dieser Faziuolo und nicht Tedaldo gewesen sei, und jeder Verdacht schwand denn aus der Seele der Brüder.

Tedaldo aber, der nun sehr reich geworden war, fuhr in seiner Liebe fort, ohne sich je wieder mit seiner Dame zu entzweien. Vielmehr genossen sie bei vorsichtigem Benehmen noch lange einander. Gott gewähre uns die gleichen Freuden!

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 253-271.
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