Achte Geschichte

[727] Biondello führt den Ciacco mit einer Mahlzeit an, wofür sich Ciacco listig rächt, indem er ihn tüchtig durchbleuen läßt.


Allgemein behauptete jeder in der fröhlichen Gesellschaft, was Talano im Schlafe gesehen, sei nicht sowohl ein Traum als eine Vision gewesen, so vollständig und ohne Fehl sei es eingetroffen. Als indes alle schwiegen, befahl die Königin der Lauretta fortzufahren, und diese sprach:

Wie fast alle, ihr klugen Mädchen, die heute vor mir erzählt haben, von etwas schon Besprochenem zu ihren Erzählungen angeregt wurden, so bewegt auch mich die grausame Rache, die, wie Pampinea uns gestern berichtet, der junge Gelehrte nahm, euch von einer ähnlichen zu erzählen, die zwar dem, der sie zu tragen hatte, hart genug erschien, doch bei weitem nicht so grausam wie jene war.

Ich sage euch daher, daß einst in Florenz ein Mann lebte, den jedermann Ciacco nannte, ein Leckermaul, wie es kein zweites gab. Da sein Vermögen nicht ausreichte, die Kosten zu bestreiten, die seine Leckereien erforderten, und da er im übrigen gute Manieren und lustige Einfälle in Menge besaß, machte er es sich zum Geschäft, zwar nicht geradezu ein Spaßmacher, wohl aber ein Lästermaul zu werden und mit denen zu verkehren, die reich waren und sich einer guten Tafel erfreuten. Bei solchen erschien er denn oft, auch ohne gerade eingeladen zu sein, teils zum Imbiß, teils zum Abendessen.

Desgleichen lebte in jenen Tagen zu Florenz ein anderer Mann, der dasselbe Handwerk wie Ciacco trieb. Er wurde Biondello genannt, war klein von Person, sehr zierlich und sauberer als eine Fliege, mit einer Kappe auf dem Kopf und langem blondem Haupthaar, so glatt gekämmt, daß auch nicht ein Härchen verschoben war.

Dieser war eines Morgens in der Fastenzeit dahin gegangen, wo die Fische feilgeboten werden, und wurde dort von Ciacco erblickt, als er eben zwei große Lampreten für Herrn Vieri de' Cerchi kaufte. Sogleich näherte sich jener dem Biondello und sprach: »Nun, was hat das zu bedeuten?« Biondello antwortete[728] ihm: »Gestern abend wurden unserm Herrn Corso Donati drei noch viel schönere als diese hier und ein Stör zugesandt. Doch da ihm diese nicht genug schienen, um heute einigen Edelleuten ein Festmahl zu geben, so hat er mich gebeten, ihm noch zwei andere dazuzukaufen. Kommst du nicht auch hin?« »Du weißt wohl«, antwortete Ciacco, »daß ich kommen werde.«

Und so ging er, als es ihm an der Zeit schien, zu Herrn Corsos Haus und fand ihn mit einigen seiner Nachbarn eben im Begriff, zu Tische zu gehen. Als dieser ihn fragte, was er begehre, antwortete er: »Herr, ich komme, um mit Euch und Eurer Gesellschaft zu essen.« »Du bist willkommen«, antwortete ihm Herr Corso, »und da es an der Zeit ist, so laßt uns gehen.« Man setzte sich nun zu Tische, wo es zuerst Erbsen mit gesalzenem Thunfisch gab, darauf gebratene Fische aus dem Arno und weiter nichts. Ciacco ward nun wohl inne, daß Biondello ihn gefoppt hatte, und in seinem Verdruß darüber nahm er sich vor, es ihm heimzuzahlen.

Nicht viele Tage vergingen, da lief ihm jener wieder einmal über den Weg, der mit diesem Streich schon viele lachen gemacht hatte. Biondello grüßte ihn, als er ihn sah, und fragte ihn lachend, wie ihm die Lampreten bei Herrn Corso geschmeckt hätten. »Ehe acht Tage herum sind«, antwortete ihm Ciacco, »sollst du das besser wissen als ich.«

Und nun machte er sich ohne Aufschub davon, suchte einen verschmitzten Tagedieb auf, einigte sich mit ihm über die Bezahlung, gab ihm eine große Weinflasche und zeigte ihm in der Halle der Cavicciuli, zu welcher er ihn hinführte, einen Ritter, der Filippo Argenti hieß, einen großen, kräftigen und sehr starken Mann, der mehr als irgendein anderer hitzig, jähzornig und wunderlich war. Darauf sagte er zu ihm: »Geh zu dem da mit dieser Flasche in der Hand und sprich so zu ihm: ›Herr, mich schickt Biondello zu Euch. Er läßt Euch bitten, daß es Euch gefalle, ihm diese Flasche mit Eurem guten roten Wein ein bißchen rubinrot zu färben, denn er will sich mit einigen seiner Gesellen ein frohe Stunde verschaffen.‹ Und dann gib acht, daß er dich nicht etwa faßt, denn er spielte dir nur übel mit, und mir hättest du meinen Spaß verdorben.« »Habe ich sonst noch etwas zu sagen?« fragte der Tagedieb. »Nein«, antwortete[729] Ciacco, »und wenn du das gesagt hast, so komm mit der Flasche zu mir zurück, und ich werde dich dafür bezahlen.«

Der Tagedieb machte sich auf den Weg und richtete bei Herrn Filippo seine Botschaft aus. Als Messer Filippo, der nur wenig brauchte, um in Zorn zu geraten, dies hörte, glaubte er, daß Biondello, den er wohl kannte, ihn zum besten haben wolle, verfärbte sich im ganzen Gesicht und rief aus: »Was willst du mit deinem Rubinrotfärben und deinem Genossen? An den Galgen mit dir und ihm!« Damit sprang er auf und streckte den Arm aus, um den Tagedieb zu packen. Allein dieser, der auf seiner Hut gewesen war, machte sich eiligst davon, kehrte auf einem andern Weg zu Ciacco zurück und hinterbrachte ihm, der alles mit angesehen hatte, die Worte Messer Filippos.

Ciacco war zufrieden, bezahlte ihn und ruhte nun nicht eher, als bis er auch den Biondello gefunden hatte. Zu dem sagte er: »Warst du schon in der Loggia der Cavicciuli?« »Nein«, antwortete Biondello, »warum fragst du mich danach?« »Weil ich dir sagen kann«, antwortete Ciacco, »daß Herr Filippo dich überall suchen läßt; ich weiß nicht, was er von dir will.« »Gut«, sagte Biondello hierauf, »ich gehe in der Richtung und werde mit ihm reden.« Biondello schied nun, und Ciacco ging ihm nach, um zu sehen, wie die Sache ausginge.

Messer Filippo, der den Tagedieb nicht hatte einholen können, war wütend zurückgeblieben und nagte an seinem Zorn, da er aus den Worten des Boten nichts anderes entnehmen konnte, als daß Biondello ihn auf irgend jemandes Veranlassung hin habe foppen wollen. Und während noch so der Zorn in ihm kochte, erschien Biondello. Sobald Filippo diesen erblickte, trat er ihm entgegen und gab ihm einen tüchtigen Faustschlag ins Gesicht. »Weh, Herr!« rief Biondello, »was soll das bedeuten?« Doch Messer Filippo ergriff ihn bei den Haaren, zerriß ihm die Kappe auf dem Kopf, warf ihm den Mantel zu Boden und schrie, indem er fortwährend auf ihn losschlug: »Was schickst du zu mir und läßt mir vorfaseln von Rubinrotfärben und deinen Genossen? Denkst du, ich sei ein Kind, das du zum Narren haben kannst?« Während er so sprach, schlug er ihm mit seinen Fäusten, die so hart wie Eisen waren, das ganze Gesicht entzwei und ließ ihm auf dem ganzen[730] Kopf nicht ein Haar, das ihm noch gut gestanden hätte. Dann warf er ihn in den Schmutz, zerriß ihm alle Kleider auf dem Leibe und war so eifrig bei der Sache, daß Biondello nach seinem ersten Wort weder ein zweites sagen noch ihn fragen konnte, warum er ihm dies alles antue. Er hatte wohl etwas von Rubinrotfärben und seinen Genossen gehört, doch wußte er nicht, was das bedeuten sollte.

Endlich, nachdem ihn Messer Filippo wohl zerbleut, rissen ihn die umstehenden Zuschauer mit der größten Mühe von der Welt, zerzaust und übel zugerichtet wie er war, aus des Ritters Händen und sagten ihm dann, warum ihm Messer Filippo das angetan, schalten ihn aber auch zugleich, daß er eine solche Botschaft an ihn gerichtet, da er diesen Herrn doch nachgerade kennen und wissen müsse, daß Filippo kein Mann sei, der mit sich spaßen lasse. Biondello rechtfertigte sich weinend und beteuerte wiederholt, daß er nie zu Messer Filippo nach Wein geschickt habe.

Nachdem er sich dann einigermaßen wieder in Ordnung gemacht hatte, kehrte er traurig und wehklagend heim und merkte nun wohl, daß dies ein Werk des Ciacco gewesen war. Als nach einer Reihe von Tagen die blauen Flecke aus seinem Gesicht verschwunden waren und Biondello wieder auszugehen anfing, traf es sich, daß Ciacco ihm begegnete und ihn lachend fragte: »Biondello, nun, wie schmeckte dir neulich der Wein des Messer Filippo?« »Ich wollte«, antwortete Biondello, »daß dir die Lampreten des Herrn Corso ebenso geschmeckt hätten.« »Es steht jetzt bei dir«, antwortete Ciacco hierauf, »ob du mir noch einmal so gut zu essen geben willst, wie du getan hast. Geschieht es, so werde ich dir dafür auch sicher wieder einen so guten Trank bereiten, wie du ihn gekostet hast.«

Biondello, der nun wohl einsah, daß es leichter war, gegen Ciacco etwas Böses im Schilde zu führen, als es in die Tat umzusetzen, bat Gott um seinen Frieden und hütete sich fortan wohl, ihn wieder zum besten zu haben.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 727-731.
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