Erste Geschichte

[692] Madonna Francesca wird von Rinuccio und von Alessandro geliebt. Da sie keinen von beiden wiederliebt, schafft sie sich beide klüglich vom Halse, indem sie dem einen aufträgt, als Toter in ein Grab zu steigen, dem andern aber, jenen als einen Toten daraus hervorzuholen, was beide nicht zustande bringen.


Madonna, es ist mir willkommen, daß ich, weil Ihr es so befehlt, auf diesem offenen und unbeschränkten Felde, welches Eure Großmut uns eingeräumt hat, mit dem Erzählen den Anfang machen und als erste die Bahn durchlaufen soll. Gelingt mir dies wohl, so zweifle ich nicht, daß meine Nachfolger es ebenfalls gut oder noch besser vollbringen werden.

Schon oft, reizende Mädchen, ist uns in unseren Geschichten gezeigt worden, wie groß und von welcher Art die Macht der Liebe ist. Doch ich glaube darum nicht, daß dieser Gegenstand erschöpft sei oder es jemals werden könnte, selbst wenn wir von heute an bis übers Jahr von nichts andrem sprächen. Und weil die Macht der Liebe die Liebenden nicht allein häufig in mannigfache Lebensgefahr führt, sondern sie sogar zwingt, als Tote in die Gräber der Toten hinabzusteigen, so gefällt es mir, euch zu den anderen Geschichten, die schon erzählt worden sind, noch eine zu erzählen, aus welcher ihr nicht allein die Gewalt der Liebe, sondern auch die List kennenlernen könnt, welche eine wackere Frau anwandte, um zwei Liebhaber loszuwerden, die sie gegen ihren Willen mit ihrer Liebe verfolgten.

Ich sage also, daß in der Stadt Pistoja einst eine sehr schöne Witwe lebte, die von zwei Florentinern, die dort in der Verbannung[692] lebten, heftig geliebt wurde, und von denen der eine Rinuccio Palermini, der andere Alessandro Chiarmontesi hieß. Beide von ihrem Reiz gefesselt, und ohne daß einer vom andern etwas wußte, boten sie vorsichtig alles auf, was ein jeder vermochte, um die Gegenliebe der Witwe zu gewinnen. Die edle Dame, deren Name Francesca de' Lazzari war, wurde häufig durch Botschaften und Anträge dieser beiden belästigt. Nachdem sie anfangs denselben unbedachterweise zuweilen ein Ohr geliehen hatte, wollte sie sich jetzt zwar klüglich zurückziehen, wußte aber nicht recht wie. Da kam ihr endlich ein Gedanke, wie sie sich dieser Last entledigen könne: wenn sie nämlich von jedem einen Dienst verlangte, der zwar nicht unmöglich war, dessen Ausführung sie jedoch keinem von beiden zutraute. Vollbrächten sie ihn dann nicht, so meinte sie einen anständigen Vorwand zu haben, um ihre Anträge künftig nicht mehr anzuhören.

Ihr Plan aber war folgender: Es war an dem Tag, an dem ihr dieser Gedanke kam, zu Pistoja ein Mann gestorben, der, obschon seine Vorfahren adelige Leute gewesen waren, doch für einen der schlechtesten Menschen nicht nur dieser Stadt, sondern der ganzen Welt gehalten wurde. Überdies aber war er zu seinen Lebzeiten so mißgestaltet und von so abschreckendem Aussehen gewesen, daß jeder, der ihn nicht gekannt und ihn zum ersten Male gesehen, sich vor ihm gefürchtet hätte. Jener Mensch war in einem Grabmal vor der Kirche der Minoriten beigesetzt worden, und dieser Umstand fügte sich gut zu ihrem Plan. Deshalb sprach sie zu einer ihrer Mägde: »Du kennst die Belästigungen, denen ich täglich durch die Anträge dieser beiden Florentiner Rinuccio und Alessandro ausgesetzt bin. Nun bin ich nicht gesonnen, ihnen meine Liebe zu schenken, und um sie mir endlich vom Halse zu schaffen, habe ich beschlossen, sie wegen ihrer großartigen Beteuerungen in einer Sache auf die Probe zu stellen, die sie meiner Ansicht nach nicht vollbringen werden, und dann werde ich diese Last glücklich los. Höre nun aber, wie. Du weißt, daß erst heute morgen auf dem Kirchhof der Minoriten der Scannadio« – so wurde jener schlechte Mensch genannt, von dem wir oben berichtet haben – »beigesetzt worden ist, vor dem die mutigsten[693] Männer dieses Ortes schon Furcht hatten, solange er noch am Leben war, geschweige denn jetzt, da er tot ist. Nun sollst du heimlich erst zu Alessandro gehen und zu ihm sagen: ›Madonna Francesca schickt mich, um dir zu melden, daß jetzt endlich die Stunde gekommen ist, wo du ihre Liebe gewinnen kannst, nach der du so sehr getrachtet hast. Und zwar kannst du, wenn dir der Sinn danach steht, auf die folgende Weise mit ihr zusammenkommen. Aus einem Grund, den du später erfahren wirst, soll diese Nacht von einem ihrer Verwandten der Leichnam des Scannadio, der heute morgen begraben wurde, in ihr Haus gebracht werden. Nun hat sie Furcht vor ihm, tot wie er ist, und möchte ihn nicht im Hause haben. Darum bittet sie dich, daß du diesen Abend zur Zeit des ersten Schlafes dorthin gehst, dich in das Grabmal legst, in dem Scannadio beigesetzt worden ist, seine Kleider anziehst und so lange still bleibst, als wärest du der Tote, bis man kommen wird, um dich zu holen. Dann aber sollst du dich, ohne etwas zu sagen oder einen Laut von dir zu geben, herausnehmen und nach ihrem Hause tragen lassen. Dort magst du dann bei ihr, die dich empfangen wird, verweilen und wieder fortgehen, wann es dir beliebt, denn wegen alles übrigen überlasse ihr allein die Sorge.‹ – Sagt er nun, er wolle das tun, so ist es gut. Erwidert er aber, er könne das nicht unternehmen, so sag ihm von mir aus, er solle sich nicht mehr blicken lassen, wo ich anzutreffen bin, und wenn er sein Leben liebe, solle er sich hüten, mir weder einen Boten noch irgendeine Bestellung zu schicken. Danach wirst du zum Rinuccio Palermini gehen und zu ihm sagen: ›Madonna Francesca teilt dir mit, daß sie bereit sei, deine Wünsche zu erfüllen, wofern du ihr einen großen Dienst erweist. Dieser besteht darin, daß du heute Mitternacht zu dem Grabmal gehst, in dem heute morgen der Scannadio beigesetzt wurde, ihn, ohne ein Wort zu sagen, was du auch hören oder wahrnehmen mögest, behutsam aus dem Grabe herausnimmst und ihr ins Haus bringst. Dort wirst du sehen, warum sie dies wünscht, und von ihr erlangen, was du nur begehrst. Wolltest du dies aber nicht tun, so sollst du ihr weder Boten noch Briefe mehr schicken.‹«

Die Magd begab sich zu beiden und richtete jedem ihren[694] Auftrag ordentlich aus, wie ihr befohlen war. Vom einen wie vom andern wurde ihr geantwortet, daß sie nicht nur in ein Grab, sondern in die Hölle selbst hinabsteigen wollten, wofern es ihrer Dame gefiele. Diese Antwort brachte die Magd ihrer Gebieterin zurück, und diese wartete nun, ob sie wirklich so töricht wären, jenen Auftrag auszuführen.

Als es nun Nacht geworden war und die Zeit des ersten Schlafes herankam, entkleidete sich Alessandro Chiarmontesi bis auf das Wams und verließ das Haus, um sich an der Stelle des Scannadio in das Grabmal zu legen. Unterwegs kam ihm ein gar zaghafter Gedanke in den Sinn, und er sagte bei sich selbst: »Oh, was für ein Tor bin ich! Wo gehe ich hin? Weiß ich denn, ob nicht ihre Verwandten vielleicht meine Liebe zu ihr bemerkt haben und in der Annahme, daß zutrifft, was nicht der Fall ist, ihr befohlen haben, mir diesen Auftrag zu erteilen, um mich dann in dem Grabmal zu töten? Geschähe das, so hätte ich den Schaden davon, und nichts würde ruchbar, das ihnen Schaden bringen könnte. Oder weiß ich, ob dies nicht irgendein Feind von mir angezettelt hat, dem sie vielleicht, weil sie ihn liebt, damit einen Dienst erweisen will?« Dann sprach er weiter: »Aber gesetzt auch, daß nichts von alledem zutrifft, und ihre Verwandten mich wirklich zu ihr ins Haus tragen sollten, so kann ich doch nicht glauben, daß jene den Leichnam des Scannadio nur begehren, um ihn selbst zu umarmen oder ihn ihr in den Arm zu legen. Vielmehr muß ich vermuten, daß sie ihn nur verlangen, um ihn irgendwie zu schänden, weil er sie vielleicht in irgendeinem Stück verletzt hat. Sie befiehlt mir, daß ich keinen Laut von mir geben soll, was ich auch wahrnehmen möchte. Wie, wenn sie mir nun die Augen ausstächen, oder die Hände abhieben, oder die Zähne ausrissen, oder sonst irgendein solches Spiel mit mir trieben – wie wäre ich dann daran? Könnte ich dazu wohl still sein? Und wenn ich rede, erkennen sie mich entweder und fügen mir vielleicht ein Leid zu, oder wenn sie mir nichts tun, so habe ich alsdann doch nichts ausgerichtet; denn sie werden mich nicht bei ihr lassen, und die Dame selbst wird sagen, ich hätte ihr Gebot übertreten, und nimmermehr tun, wonach ich Verlangen trage.«[695]

Unter diesen Gedanken war er nahe daran, nach Hause zurückzukehren. Dennoch trieb ihn die Macht der Liebe mit entgegengesetzten Gründen vorwärts, die so viel Kraft hatten, daß sie ihn bis zu dem Grabmal führten. Dies öffnete er, stieg hinein, kleidete den Scannadio aus, legte dessen Kleider an und schloß dann das Grab über sich wieder zu. Als er aber nun so an der Stelle des Scannadio dalag und darüber nachzudenken anfing, wer dieser Mann gewesen sei, und ihm einfiel, was er von Dingen gehört hatte, die nicht allein in den Gräbern der Toten, sondern auch anderswo nachts vorgegangen waren, da sträubte sich ihm allmählich jedes Haar am Leibe, und es kam ihm so vor, als müsse Scannadio sich jeden Augenblick aufrichten und ihm hier den Hals abschneiden. Doch die brennende Liebe half ihm wiederum, diese und andere fürchterliche Betrachtungen zu besiegen, und still daliegend, als wäre er selbst der Tote, fing er nun an zu erwarten, was mit ihm geschehen würde.

Als die Mitternacht nahte, verließ auch Rinuccio sein Haus, um ins Werk zu setzen, was seine Dame ihm hatte sagen lassen. Unterwegs aber fiel ihm auch mancherlei ein, was ihm möglicherweise begegnen könnte, wie zum Beispiel, daß er mit dem Körper des Scannadio auf dem Rücken der Obrigkeit in die Hände fallen und als Hexenmeister zum Feuer verdammt werden könnte, oder daß er, wenn man es erführe, sich den Haß der Verwandten des Toten zuziehen möchte, und andere ähnliche Betrachtungen, die ihn beinahe zurückgehalten hätten. Dann aber sagte er sich wieder: »Wie, soll ich in der ersten Sache, welche diese edle Frau, die ich so geliebt habe und noch liebe, von mir verlangt, nein sagen? Und besonders jetzt, wo ich ihre Gunst dadurch gewinnen soll? Nein, und müßte ich ohne Rettung sterben, so kann ich doch nicht umhin, das auszuführen, was ich versprochen habe.«

Nun ging er weiter, gelangte zu dem Grabmal und öffnete es mit leichter Mühe. Als Alessandro öffnen hörte, verhielt er sich ganz still, wie große Furcht er auch empfand. Rinuccio stieg hinein, faßte in der Meinung, den Leichnam des Scannadio zu ergreifen, Alessandro bei den Füßen, zog ihn heraus, lud ihn sich auf die Schultern und machte sich nun mit ihm[696] nach dem Hause der Edelfrau auf den Weg. Während er so weiterschritt, stieß er mit ihm, ohne weiter darauf zu achten, bald hier, bald dort an eine Ecke der Bänke, welche die Straßen säumten, denn die Nacht war so dunkel, daß er nicht zu unterscheiden vermochte, wo er ging.

So war er bis an die Türschwelle der Edelfrau gelangt, die mit ihrer Magd am Fenster stand, um zu hören, ob Rinuccio den Alessandro brächte, und sich schon gerüstet hatte, beide fortzuschicken, als es sich traf, daß die Scharwache, welche in der Straße lauerte, um einen Verbannten zu greifen, das Geräusch vernahm, welches der schwere Gang des Rinuccio verursachte. Schnell zogen sie ein Licht hervor, um zu sehen, was es gäbe und wohin sie sich zu wenden hätten, schlugen ihre Schilde und Speere zusammen und riefen: »Wer da?«

Rinuccio erkannte sie, und da er zu langer Überlegung keine Zeit hatte, ließ er den Alessandro von der Schulter fallen und lief davon, so rasch die Beine ihn tragen wollten. Alessandro aber sprang schnell auf und eilte, obwohl er die Kleider des Toten anhatte und diese gar lang waren, ebenfalls schnell von dannen.

Die Witwe, die bei dem Licht, das die Scharwache mit sich führte, Rinuccio mit dem Alessandro auf dem Rücken wohl erkannt und zugleich gesehen hatte, daß Alessandro das Leichengewand des Scannadio trug, erstaunte nicht wenig über die große Kühnheit beider Liebhaber. Allein allem Staunen zum Trotz mußte sie doch lachen, als sie sah, wie Rinuccio den Alessandro so abwarf und beide dann die Flucht ergriffen. Froh über diesen Ausgang und den Himmel preisend, daß er sie von der Verlegenheit mit diesen beiden erlöst hatte, kehrte sie zurück und begab sich in ihre Kammer, stimmte aber ihrer Magd darin bei, daß beide sie ohne Zweifel sehr liebhaben müßten, weil sie, wie sich nun gezeigt habe, ihren Auftrag ausgeführt hätten.

Wie bekümmert auch Rinuccio war und wie sehr er auch sein Mißgeschick verwünschte, ging er darum doch nicht nach Hause, sondern kehrte, nachdem die Scharwache jene Straße verlassen hatte, dahin zurück, wo er den Alessandro abgeworfen, und begann nun, mit den Händen tappend, nach ihm zu[697] suchen, um, wenn er ihn fände, seine Aufgabe zu vollenden. Als er ihn jedoch nicht fand und nun annehmen mußte, daß die Scharwache ihn weggetragen habe, ging er betrübt nach Hause.

Alessandro, der nichts anderes zu tun wußte und auch den nicht einmal erkannt hatte, der ihn dorthin getragen, ging bekümmert über sein Mißgeschick gleicherweise in seine Wohnung heim.

Als man aber am andern Morgen das Grab des Scannadio öffnete und seine Leiche nicht mehr fand, weil Alessandro sie in die untere Gruft gewälzt hatte, füllte sich ganz Pistoja mit verschiedenartigen Gerüchten, und die Toren meinten, die Teufel hätten ihn davongetragen. Dessenungeachtet benachrichtigte jeder der beiden Liebhaber die Witwe, was er getan habe und was dazwischengekommen sei und ihn ohne seine Schuld gehindert habe, den Auftrag vollständig auszuführen, weshalb denn jeder zum Lohn ihre Gunst und ihre Liebe begehrte. Sie stellte sich beiden gegenüber so, als könne sie dies nicht glauben, und antwortete ihnen entschieden, daß sie nichts für sie tun wolle, da sie ihren Auftrag nicht ausgeführt hätten. Solcherart schaffte sie sich denn beide vom Halse.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 692-698.
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