Sechste Geschichte

[719] Zwei junge Männer herbergen bei einem Wirt. Der eine schleicht sich zu dessen Tochter, während die Wirtsfrau sich aus Versehen zu dem anderen legt. Darauf steigt der, welcher bei der Tochter war, zum Vater ins Bett und erzählt ihm alles, in dem Glauben, er erzähle es dem Freunde. Darüber entsteht Lärm, die Frau merkt ihren Irrtum, schleicht zur Tochter ins Bett und beschwichtigt hier alles mit geschickter Rede.


Calandrino, der die Gesellschaft schon so oft lachen gemacht hatte, tat es auch jetzt wieder. Doch als die Damen über seine Abenteuer schwiegen, gebot die Königin dem Panfilo zu erzählen. Dieser aber sprach:

Ihr löblichen Damen, der Name der Niccolosa, der Geliebten Calandrinos, hat mir eine Geschichte von einer andern Niccolosa ins Gedächtnis gerufen, die euch zu erzählen mir gefällt, weil ihr in dieser Geschichte sehen werdet, wie die Geistesgegenwart einer wackeren Frau ein großes Ärgernis hinwegzuräumen imstande war.

In der Ebene des Mugnone lebte vor noch nicht langer Zeit ein guter Mann, der den Reisenden für ihr Geld zu essen und zu trinken gab und, obwohl er arm und seine Hütte klein war, doch bisweilen in dringenden Fällen zwar nicht jedermann, aber doch seine Bekannten beherbergte. Dieser hatte nun eine recht hübsche Frau zum Weibe, von der er zwei Kinder besaß. Eines von ihnen war ein hübsches und zierliches Mädchen von etwa fünfzehn oder sechzehn Jahren, das noch keinen Mann hatte, das andere ein kleiner Knabe von noch nicht einem Jahr, den die Mutter selbst nährte.

Auf dies Mädchen nun hatte ein hübscher und gefälliger junger Mann aus unserer Stadt, der häufig in der Gegend verkehrte, ein Auge geworfen und liebte es feurig. Sie aber, die es sich zu ihrem Ruhme rechnete, solch einen Liebhaber zu besitzen, verliebte sich, während sie ihn mit freundlichen Mienen in seiner Neigung zu erhalten versuchte, gleicherweise in ihn, und schon mehrmals hätte diese Liebe zur Freude beider Teile Erfolg gehabt, wenn nicht Pinuccio, so hieß der Jüngling, die Schande des Mädchens und seine eigene gescheut hätte. Als jedoch[720] die Liebesglut sich von Tag zu Tag mehrte, flößte sie Pinuccio das Verlangen ein, sich mit jener zusammenzufinden. Dabei verfiel er auf den Gedanken, dies dadurch möglich zu machen, daß er bei ihrem Vater übernachtete, wobei er, der die Einrichtung jenes Hauses wohl kannte, hoffte, wenn er nur dort herberge, zu ihr gelangen zu können, ohne daß jemand es gewahr würde.

In der Tat führte er diesen Vorsatz ohne Aufschub aus. Begleitet von einem vertrauten Genossen namens Adriano, der von dieser Liebschaft unterrichtet war, nahmen sie eines Abends spät zwei Mietgäule, legten ihnen zwei Mantelsäcke auf, die vielleicht mit Stroh gefüllt waren, verließen Florenz und machten einen weiten Umweg nach dem Mugnonetal, das sie erreichten, als es schon Nacht war. Hier drehten sie um, so daß es schien, als kämen sie eben aus der Romagna, ritten auf das Haus zu und klopften an die Tür des guten Mannes, welcher, da er mit den beiden sehr bekannt war, sogleich öffnete. »Sieh«, sagte Pinuccio zu ihm, »du mußt uns diese Nacht beherbergen. Wir glaubten noch nach Florenz hineinzukommen, haben uns aber doch nicht so zu beeilen gewußt, daß wir nicht zu so später Stunde, wie du siehst, hier angelangt wären.« »Pinuccio«, antwortete ihm der Wirt, »du weißt wohl, wie wenig ich eingerichtet bin, solche Herren wie euch bei mir aufnehmen zu können. Doch da euch einmal die späte Stunde hier überrascht hat und es keine Zeit mehr ist, anderswo unterzukommen, so will ich euch für die Nacht gern beherbergen, so gut ich eben kann.« Die jungen Männer stiegen nun ab, traten in das kleine Wirtshaus ein, brachten erst ihre Pferde unter und speisten dann, da sie zum Abendessen etwas mitgebracht hatten, zusammen mit ihrem Wirt.

Nun hatte dieser nur eine einzige, ziemlich kleine Kammer, in welcher er drei Betten, so gut es sich tun ließ, aufgestellt hatte. Da nun zwei dieser Betten auf der einen Seite, das dritte aber ihnen gegenüber auf der andern Seite stand, so war nur so viel Raum übriggeblieben, daß man mit genauer Not hindurchgehen konnte. Von diesen drei Betten ließ der Wirt das am wenigsten schlechte für die beiden Reisegefährten richten und sie darin sich niederlegen. Bald darauf, als noch keiner von[721] jenen schlief, obschon sie taten, als schliefen sie längst, hieß er seine Tochter in das eine der beiden andern Betten sich legen und bestieg mit seiner Frau das dritte. Die letztere stellte noch neben das Bett, in dem sie schlief, die Wiege, in der sie ihren kleinen Sohn hatte.

Nachdem diese Einrichtungen getroffen waren und Pinuccio, der alles wohl bemerkt hatte, nach Verlauf einer gewissen Zeit glauben konnte, daß sie alle eingeschlafen seien, stand er leise auf, ging zu dem Bette hin, wo sein geliebtes Mädchen ruhte, legte sich ihr, die ihn furchtsam und freudig zugleich empfing, zur Seite und verweilte bei ihr im Genüsse der Lust, die sie beide vor allem ersehnt hatten.

Während Pinuccio so bei dem Mädchen lag, begab es sich, daß die Katze etwas umwarf, worüber die Frau erwachte und es hörte. Besorgt, was geschehen sei, stand sie im Finstern auf und ging, nackt wie sie war, dorthin, von wo sie das Geräusch vernommen hatte. Adriano, der hierauf nicht achtete, erhob sich inzwischen wegen eines körperlichen Bedürfnisses gleichfalls, und während er dies abzumachen ging, traf er auf die Wiege, welche die Frau dorthin gestellt hatte. Da er nun nicht vorüber konnte, ohne sie wegzunehmen, ergriff er sie, hob sie von der Stelle weg, wo sie stand, und setzte sie an der Seite des Bettes nieder, in dem er selbst schlief. Nachdem er verrichtet hatte, wozu er aufgestanden war, kehrte er zurück und legte sich, ohne weiter an die Wiege zu denken, wieder in sein Bett.

Die Frau, die unterdessen gesucht und gefunden hatte, daß das, was gefallen war, nicht das Vermeintliche gewesen, wollte nicht erst Licht anzünden, um zu sehen, was es gewesen sei, sondern schalt nur mit der Katze, kehrte dann in die Kammer zurück und ging tappend auf das Bett zu, worin ihr Mann schlief. Da sie jedoch hier die Wiege nicht fand, sprach sie bei sich selbst: »Oh, ich Ärmste! Seht nur, was ich eben zu tun im Begriff war! So wahr Gott lebt, ich ging gerade auf das Bett unserer Gäste zu.« Dann ging sie noch ein wenig weiter, fand endlich die Wiege und legte sich nun in das Bett, an dessen Seite sie stand, zum Adriano, während sie bei ihrem Mann zu liegen glaubte. Adriano, der noch nicht schlief, merkte dies, empfing sie gut und freudig, und ohne weiter ein Wort zu[722] sagen, warf er zum großen Vergnügen der Frau mehr denn einmal Anker.

Während diese beiden so beschäftigt waren, fürchtete Pinuccio, daß der Schlaf ihn bei seiner Geliebten überraschen möchte, und da er die Freude genossen hatte, nach der er verlangte, erhob er sich von ihrer Seite, um in sein Bett zum Schlafen zurückzukehren. Als er dahin kam, traf er auf die Wiege und glaubte nun nicht anders, als dies sei das Bett des Wirtes, weshalb er ein wenig weiterging und sich zu dem Wirt legte. Dieser wachte von der Ankunft des Pinuccio auf. Pinuccio, der an der Seite Adrianos zu liegen glaubte, sprach nun: »Ich sage dir, wahrhaftig, nichts Süßeres gab es je in der Welt als diese Niccolosa! Beim Leibe Gottes, ich habe die größte Wonne genossen, die nur je ein Mann bei einem Weibe gehabt hat, und ich sage dir, sechsmal und öfter bin ich zur Stadt gefahren, seitdem ich von dir wegging.« Als der Wirt diese Botschaft hörte, die ihm nicht allzu wohl gefiel, sprach er erst bei sich: »Was zum Teufel macht der denn hier?« Dann rief er, mehr vom Zorn als von der Klugheit geleitet: »Pinuccio, was du getan hast, ist eine große Schändlichkeit, und ich weiß nicht, wie du mir dies antun konntest. Aber beim Leibe Christi, du sollst mir dafür bezahlen.«

Pinuccio, der nicht eben der Klügste war, versuchte keinerlei Ausrede, um seine Übereilung soviel wie möglich wieder gutzumachen, sondern fragte: »Wofür soll ich dir bezahlen? Und was kannst du mir tun?« Die Wirtsfrau, die bei ihrem Manne zu liegen glaubte, sagte nun zu Adriano: »O weh, hörst du unsere Gäste, die sich, wer weiß über was, miteinander streiten?« »Laß sie nur«, antwortete Adriano lächelnd, »Gott schicke ihnen böse Zeit; sie haben gestern zuviel getrunken.« Die Frau, der es doch vorkam, als hätte sie ihren Mann zanken gehört, sah nun, als sie die Stimme des Adriano erkannte, wohl ein, wo und bei wem sie gewesen war. Sofort stand sie als eine verständige Frau, ohne ein Wort zu erwidern, auf, nahm die Wiege ihres kleinen Sohnes und trug sie, obwohl in der Kammer auch nicht ein Schimmer von Licht zu sehen war, aufs Geratewohl zu dem Bett hin, wo ihre Tochter schlief, und legte sich zu dieser.[723]

Dann aber rief sie ihren Mann, als wäre sie von dem Lärm, den er machte, erwacht, und fragte ihn, was er mit Pinuccio für einen Streit habe. »Hörst du nicht«, antwortete der Mann, »was er sagt, das er diese Nacht mit unserer Niccolosa gemacht?« »Da lügt er gründlich in seinen Hals hinein«, erwiderte die Frau, »denn bei der Niccolosa ist er nimmer gewesen. Ich habe mich gleich gestern zu ihr gelegt und seitdem nicht einen Augenblick schlafen können, und du bist ein Tropf, wenn du ihm glaubst. Ihr Männer trinkt immer des Abends so viel, daß ihr nachts träumt und hier und dort umhergeht, ohne etwas von euch zu wissen, und dann glaubt ihr wunder was. Schade nur, daß ihr euch nicht den Hals brecht. Aber was macht denn Pinuccio dort, und warum liegt er nicht in seinem Bett?«

Adriano, der nun seinerseits erkannte, wie klug die Frau ihre eigene Schmach und die ihrer Tochter zu verdecken wußte, sprach dazwischen: »Pinuccio, ich hab es dir schon hundertmal gesagt, du sollst nachts nicht umhergehen, denn diese deine Untugend, im Schlaf aufzustehen und dann den Unsinn, den du träumst, als Wahrheit zu erzählen, wird dich noch einmal ins Unglück bringen. Komm zurück, oder Gott schicke dir eine üble Nacht.« Als der Wirt vernahm, was seine Frau und Adriano sagten, fing er an, völlig überzeugt zu werden, daß Pinuccio träume. Darum nahm er ihn bei der Schulter, rüttelte ihn und rief ihm zu, indem er sagte: »Pinuccio, wach doch auf und geh in dein Bett zurück.«

Pinuccio, der sich endlich zusammenreimte, was hin und her gesprochen worden war, fing nun nach Art eines Träumenden an, noch allerhand andern Unsinn zu schwatzen, worüber der Wirt in das herzlichste Lachen von der Welt ausbrach. Zuletzt aber tat er, als wache er von jenem Rütteln auf, rief den Adriano und sagte: »Ist es schon Tag, daß du mich weckst?« »Jawohl«, antwortete Adriano, »komm nur her.« Jener verstellte sich ferner und spielte den Schlaftrunkenen, bis er endlich von der Seite des Wirtes aufstand und zu Adriano ins Bett zurückkehrte.

Als der Tag anbrach und alle aufgestanden waren, lachte der Wirt noch herzlich über ihn und hatte ihn wegen seiner Träume[724] zum besten. Und so von einer Scherzrede zur andern richteten die jungen Männer wieder ihre Pferde her, legten ihnen die Mantelsäcke auf, tranken noch einmal mit dem Wirt, schwangen sich dann in den Sattel und kehrten, nicht minder zufrieden mit der Art, wie sich die Sache zugetragen, als mit ihrem Erfolg selbst, nach Florenz zurück.

Später aber wußte Pinuccio andere Wege zu finden und traf noch oft mit der Niccolosa zusammen, die ihrer Mutter beteuerte, er müsse sicherlich geträumt haben. Diese aber, welche sich der Umarmungen Adrianos erinnerte, dachte bei sich, sie allein sei die Wachende gewesen.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 719-725.
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