Zehnte Geschichte

[737] Don Gianni stellt auf Gevatter Pietros Bitten eine Beschwörung an, um dessen Frau in eine Stute zu verwandeln. Als er aber daran geht, ihr den Schwanz anzusetzen, verdirbt Pietro den ganzen Zauber, indem er erklärt, er wolle keinen Schwanz haben.


Die Erzählung der Königin hatte den jungen Damen Gelegenheit zum Flüstern und den jungen Männern zum Lachen gegeben. Als sie aber aufhörten, begann Dioneo folgendermaßen zu sprechen:

Reizende Damen, in einer Menge weißer Tauben hebt ein schwarzer Rabe deren Schönheit mehr hervor, als dies etwa ein[737] weißer Schwan täte. So vermehrt auch zuweilen unter zahlreichen Weisen ein weniger Weiser nicht nur den Glanz und die Schönheit ihres reifen Geistes, sondern auch die Freude und die Lust. Als verständige und wohlgesittete Damen müßt ihr mich, der ich etwas von einem Toren an mir habe, deshalb um so höher schätzen, je mehr ich durch meine Mängel eure Vollkommenheit nur glänzender mache, statt sie durch meinen eigenen Wert zu verdunkeln. Infolgedessen müßt ihr mir, damit ich mich so zeigen kann, wie ich bin, ein weiteres Feld einräumen und das, was ich erzählen will, mit größerer Geduld anhören, als wenn ich weniger einfältig wäre. Ich will euch also eine nicht allzulange Geschichte erzählen, aus welcher ihr lernen könnt, wie genau man alles zu beachten hat, was diejenigen anordnen, welche durch die Kraft der Zauberei etwas ins Werk richten wollen, und wie der geringste Verstoß dawider alles verdirbt, was der Beschwörende zustande gebracht hat.

Vor einigen Jahren lebte zu Barletta ein Priester, welcher Gianni di Barolo hieß. Weil er nur eine ärmliche Pfarre hatte, begann er, um seinen Lebensunterhalt zu erwerben, mit einer Stute, die er besaß, Waren umherzuführen, um solche hier und dort auf den Märkten Apuliens zu kaufen und wieder zu verkaufen. Auf diesen Wanderungen schloß er nähere Bekanntschaft mit einem, der Pietro da Tresanti hieß und mit einem Esel dasselbe Gewerbe trieb wie er, und zum Zeichen der Liebe und Freundschaft nannte er ihn nach apulischer Sitte nicht anders als Gevatter Pietro. Sooft dieser nun nach Barletta kam, nahm er ihn mit in sein Pfarrhaus, behielt ihn bei sich zur Herberge und erwies ihm soviel Ehre, wie er nur konnte. Gevatter Pietro hinwieder, der überaus arm war und ein kleines Häuschen in Tresanti besaß, das kaum groß genug für ihn, seine junge und schöne Frau und seinen Esel war, nahm auch Don Gianni, sooft dieser nach Tresanti kam, mit in sein Haus und bewirtete ihn nach seinen Kräften, um sich für die Ehre erkenntlich zu zeigen, die dieser ihm in Barletta erwies. Was die Wohnung betraf, so konnte er ihn freilich, da Gevatter Pietro nichts als ein kleines Bett hatte, in dem er selbst mit seiner schönen Frau schlief, nicht so aufnehmen, wie er gewünscht hätte, sondern Don Gianni mußte sich, nachdem seine[738] Stute neben dem Esel in einem kleinen Stall untergebracht war, damit begnügen, ein wenig Stroh neben ihr als Lager zu beziehen.

Die Frau, welche wußte, wie der Priester ihren Mann in Barletta aufnahm, war mehrere Male, wenn dieser kam, willens gewesen, zu einer ihrer Nachbarinnen, welche Zita Carapresa di Giudice Leo hieß, zum Schlafen zu gehen, damit der Priester mit ihrem Mann im Bett ruhen könne, und hatte es dem Don Gianni öfter gesagt. Allein, er hatte nie gewollt, und unter andern Malen erwiderte er ihr einmal hierauf: »Gevatterin Gemmata, mach dir um mich keine Sorge, ich bin gut untergebracht; denn sooft es mir gefällt, verwandle ich meine Stute in ein hübsches Mädchen und schlafe bei der, und wenn ich dann will, mache ich sie wieder zur Stute, und darum will ich mich auch nicht von ihr trennen.«

Die junge Frau wunderte sich zwar, doch glaubte sie es und erzählte es ihrem Manne wieder, wobei sie hinzufügte: »Wenn er so sehr dein Freund ist, wie du sagst, warum läßt du dir diesen Zauberspruch nicht von ihm sagen, damit du auch mich in eine Stute verwandeln könntest, um dein Geschäft mit Esel und Stute zu betreiben? Und wir gewönnen dann doppelt soviel! Wären wir dann nach Hause zurückgekehrt, könntest du mich ja wieder zu der Frau machen, die ich eben bin.«

Gevatter Pietro, der etwas zum Tropfe hinneigte, glaubte die Geschichte, stimmte ihrem Vorschlag bei und fing nun den Don Gianni zu bitten an, daß er ihn die Sache lehren möchte. Don Gianni gab sich alle Mühe, ihn von diesem törichten Wunsch abzubringen. Allein, da er dies nicht vermochte, sagte er endlich: »Sieh, weil du es denn durchaus verlangst, so wollen wir morgen, wie es unsere Gewohnheit ist, vor Tag aufstehen, und dann will ich euch beiden zeigen, wie man es macht. Wahr ist es aber, das schwerste bei der Sache ist, wie du sehen wirst, den Schwanz anzuheften.«

Gevatter Pietro und Gevatterin Gemmata hatten die Nacht über kaum geschlafen, mit solcher Ungeduld erwarteten sie das Ereignis, als sie vor Tag aufstanden und den Don Gianni riefen. Dieser erhob sich nun ebenfalls und trat, nur im Hemde, in die Kammer des Gevatters Pietro. Dort sagte er: »Ich wüßte[739] keinen Menschen in der Welt, dem ich dies zeigte, als euch allein. Doch weil ihr es denn durchaus wollt, so will ich es tun. Allein ihr müßt genau befolgen, was ich euch sagen werde, wenn ihr wollt, daß es gelinge.« Jene versicherten, daß sie tun wollten, was er sagte.

Nun ergriff Don Gianni ein Licht, gab es dem Gevatter Pietro in die Hand und sagte zu ihm: »Gib wohl acht, was ich tue, und behalte wohl, was ich sagen werde, und hüte dich, wenn du nicht alles wieder verderben willst, ein Wort zu sprechen, was du auch sehen oder hören mögest. Und dann bitte Gott, daß wir den Schwanz gut anheften.« Gevatter Pietro nahm das Licht und sagte, er wolle alles wohl verrichten.

Hierauf hieß Don Gianni die Gevatterin Gemmata nackt, wie sie zur Welt gekommen war, sich ausziehen und auf Händen und Füßen sich so auf die Erde stellen, wie die Stuten stehen, indem er sie gleichermaßen anwies, kein Wort zu reden, was ihr auch geschehen möge. Dann begann er, ihr mit den Händen Gesicht und Kopf zu streicheln, und sagte dabei: »Dies sei ein schöner Stutenkopf.« Ebenso berührte er ihre Haare und sprach: »Dies sei eine schöne Stutenmähne«, und ihre Arme betastend: »Dies seien schöne Beine und Füße einer Stute.« Als er dann ihre Brust befühlte und sie fest und rund fand, erwachte einer, der nicht gerufen worden war, und erhob sich. Don Gianni aber sagte: »Und dies sei eine schmucke Stutenbrust«, und ebenso machte er es mit dem Nacken, dem Bauch und dem Rücken, mit Hüften und Beinen. Zuletzt, als ihm nichts mehr übrigblieb, als den Schwanz zu machen, hob er das Hemd auf, nahm den Pflanzstock, mit dem er Menschen zu pflanzen pflegte, und schob diesen schnell in die dazu bestimmte Furche, indem er sprach: »Und dies sei ein schöner Stutenschweif!«

Gevatter Pietro, der bis jetzt alles sorgsam beobachtet hatte, rief, als er dieses letzte sah, was ihm nicht gut zu sein schien: »Don Gianni, ich will keinen Schwanz, ich will keinen Schwanz daran!« Doch schon war der Wurzelsaft, der alle Pflanzen keimen macht, gekommen, als Don Gianni das Pflanzholz zurückzog und rief: »O weh, Gevatter Pietro, was hast du getan! Habe ich dir nicht gesagt, daß du kein Wort reden solltest,[740] was du auch sehen möchtest? Die Stute war fast fertig, aber mit deinem Gerede hast du alles verdorben, und nun können wir sie heute nicht mehr machen.« »Schon gut«, sagte Gevatter Pietro, »aber ich wollte nun einmal keinen solchen Schwanz daran. Warum sagtet Ihr auch nicht zu mir: ›Mach du den!‹ Und überdies setztet Ihr ihn zu tief an.« Don Gianni antwortete: »Weil du ihn das erste Mal nicht so anzusetzen verstanden hättest wie ich.«

Als die junge Frau diesen Streit vernahm, richtete sie sich auf und sagte in vollem Ernst zu ihrem Mann: »Tropf, der du bist! Warum hast du deinen und meinen Vorteil so verscherzt? Hast du je eine Stute ohne Schwanz gesehen? So wahr mir Gott helfe, arm bist du, aber dir geschähe recht, wenn du noch weit ärmer wärest.«

Da es nun wegen der Worte, die Gevatter Pietro dazwischen gesprochen hatte, kein Mittel mehr gab, um aus seiner Frau eine Stute zu machen, kleidete sie sich klagend und übelgelaunt wieder an. Gevatter Pietro aber setzte, wie er gewohnt war, mit seinem Esel sein altes Gewerbe fort, zog mit Don Gianni zusammen auf die Messe von Bitonto, und forderte nie wieder diesen Dienst von ihm.


Wieviel über diese Geschichte gelacht wurde, welche die Damen besser verstanden, als Dioneo gewünscht hatte, kann sich jedermann vorstellen, der noch darüber lachen wird. Da aber die Geschichten zu Ende waren und die Sonne sich zum Untergange neigte, sah die Königin, daß das Ende ihrer Herrschaft gekommen war. Sie erhob sich, nahm den Kranz ab, setzte ihn Panfilo auf, der allein noch mit dieser Würde zu bekleiden war, und sagte lächelnd: »Herr, dir verbleibt eine schwere Aufgabe, denn als letzter hast du meine Fehler und die aller andern, die dieses Amt vor dir innegehabt haben, wiedergutzumachen. Gott leihe dir dazu seine Gnade, wie er sie mir geliehen hat, dich zu unserem König erheben zu dürfen.«

Panfilo nahm die Ehre freudig an und sagte: »Eure Tugend und die meiner andern Untertanen werden bewirken, daß ich ebensolches Lob verdienen werde wie die andern.« Nachdem er nach dem Brauch seiner Vorgänger mit dem Seneschall alle[741] notwendigen Vorbereitungen besprochen hatte, wandte er sich wieder zu den harrenden Mädchen und sagte: »Liebevolle Mädchen! Um euren Kräften ein wenig Erholung zu gönnen, hat die Güte Emilias, der Königin des heutigen Tages, euch anheimgestellt, den Gegenstand eurer Erzählungen nach Belieben zu wählen. Da ihr nun ausgeruht seid, halte ich es für gut, zu dem gewohnten Gesetz zurückzukehren. Und darum will ich, daß jeder morgen daran denke, von Menschen zu erzählen, die in Liebesangelegenheiten oder in andern Dingen Großmut oder Edelsinn bewiesen haben. Dergleichen Reden und Taten werden ohne Zweifel eure Seelen, die schon zum Guten geneigt sind, zu hochherzigen Taten entflammen, damit unser Leben, das in einem sterblichen Leibe nicht anders als von kurzer Dauer sein kann, sich in ehrenvollem Angedenken erhalte. Solches muß ja jeder, der nicht nur seinem Bauche lebt wie die Tiere, nicht allein begehren, sondern auch mit allem Eifer suchen und erstreben.«

Dies Thema gefiel der frohen Gesellschaft, und sie erhob sich nun mit Erlaubnis des neuen Königs, um sich den gewohnten Vergnügungen zu widmen. Und so tat jeder nach seinem Geschmack bis zur Stunde der Tafel. Dann kamen sie heiter wieder zusammen, und nach dem Mahl, bei dem sie hurtig und ordentlich bedient wurden, standen sie zu den gewohnten Tänzen auf. Nachdem man verschiedene Liedchen gesungen, die mehr den Worten nach ergötzlich als dem Gesänge nach meisterhaft waren, befahl der König der Neifile, in ihrem eigenen Namen ein Lied anzustimmen.

Diese begann daher mit klarer und heiterer Stimme sogleich anmutig und ohne Zögern:


Jung bin ich, und in diesen Frühlingsstunden

Ergötz ich singend mich und mit Behagen,

Weil ich die Lieb in tiefer Brust empfunden.


Wandle ich durch die Frühlingspracht der Auen,

Der tausend Blüten bunten Farbenglanz,

Der Lilie Schnee, die Ros im Dornenkranz,

So glaub ich überall nur ihn zu schauen,[742]

Den ich erkor in liebendem Vertrauen.

Sein eigen, weiß ich nichts und will nichts fragen,

Als was den einen freut, dem ich verbunden.


Tut dann vor andern wohl der Blumen eine

Willkommne Ähnlichkeit mit ihm mir kund,

So drück ich liebend sie an Herz und Mund

Und sag ihr, was in dem geheimsten Schreine

Des Herzens ich empfinde, denke, meine.

Im Strauß mit andern will ich dann sie tragen,

Von meinem blonden, weichen Haar umwunden.


Und wie dem Auge Blumen Lust gewähren,

Gibt mir dies Ebenbild kaum mindres Glück,

Als stünd er selbst vor meinem trunknen Blick,

Für den der Liebe Flammen mich verzehren.

Doch, wie die Düfte dieses Glücks noch mehren,

Das könnt ich nimmermehr in Worten sagen,

Nur meine Seufzer sollen wahrhaft es bekunden.


Die Seufzer, welche meiner Brust enteilen,

Sind nicht, wie die der andern, bang und schwer,

Sie schweben froh und liebeswarm einher

Und schweben zu dem Liebsten ohne Weilen.

Vernimmt der sie, muß er die Sehnsucht teilen,

Eilt her zu mir, und all mein banges Klagen

Hat schnell ein End in seinem Arm gefunden!


Lebhaft lobten der König und alle Damen das Lied Neifiles. Danach aber befahl der König, da die Nacht schon weit vorgeschritten war, daß bis zum folgenden Tag sich jeder zur Ruhe begeben sollte.[743]

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 737-745.
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