Erste Geschichte

[524] Gianni Lotteringhi hört des Nachts an seiner Tür klopfen, weckt seine Frau und läßt sich von dieser weismachen, es sei ein Gespenst. Beide machen sich daran, dies mit einem Gebet zu beschwören, und das Klopfen hört auf.


Herr König, mir wäre es lieb gewesen, wenn Ihr jemand anders als eben mich berufen hättet, um die erste Geschichte über den schönen Gegenstand, den wir heute behandeln sollen, zu erzählen. Da es aber Euer Wille ist, daß ich allen übrigen besseren Mut einflößen soll, bin ich gern bereit. Und zugleich will ich mir Mühe geben, euch, ihr lieben Mädchen, etwas zu erzählen, was euch für die Zukunft nützlich sein kann. Seid ihr andern nämlich so furchtsam wie ich, fürchtet ihr euch vor allem so vor Gespenstern, vor denen wir alle die gleiche Angst zu haben pflegen, obgleich ich weder weiß, was sie sind, noch irgendwen kenne, der es zu sagen wüßte, so könnt ihr doch aus meiner Geschichte einen frommen und wohlbewährten Spruch lernen, um sie zu verscheuchen, wenn sie euch jemals heimsuchen sollten.[524]

Vor Zeiten wohnte zu Florenz in der Straße San Pancrazio ein Wollenweber, der Gianni Lotteringhi hieß und in seinem Handwerk wohlerfahren war, in andern Dingen aber der Weisheit so ziemlich entbehrte. Er schlug nämlich etwas in die Gattung frommgläubiger Pinsel über, war häufig Anführer der singenden Brüder von Santa Maria Novella und hatte die Aufsicht über ihren Betsaal und andere ähnliche Ämtchen, die ihn nicht wenig mit sich selbst zufrieden machten. Das alles geschah aber, weil er als wohlhabender Mann den Mönchen gar vielmals treffliche Mahlzeiten gab. Wie nun aber überdies der eine ihm Strümpfe, der andere Kragen, der dritte Skapuliere mehrfach abzuschwatzen wußten, lehrten sie ihn allerhand schöne Gebete und gaben ihm das Vaterunser auf italienisch, das Lied des heiligen Alexius, den Klagegesang des heiligen Bernhard, das Loblied der Donna Mathilde und anderes ähnliches Gewäsch, das er sehr hoch hielt und zum Heil seiner Seele sorgfältig aufhob.

Nun hatte dieser Gianni ein bildhübsches und munteres Weib, welches Monna Tessa hieß und eine Tochter des Manuccio della Cuculia war, eine äußerst gescheite und umsichtige Frau. Die Einfalt ihres Mannes war ihr bekannt, und da sie in Federigo di Neri Pegolotti, einen schönen und blühenden Jüngling, so wie er in sie, verliebt war, so ließ sie mit Hilfe einer Dienerin Federigo wissen, daß er nach einem schön gelegenen Weinberg kommen möge, den Gianni in der Camerata besaß, um mit ihr zu sprechen. Dort pflegte sie den ganzen Sommer über zu wohnen; Gianni aber kam nur zuweilen heraus, um zu Abend zu essen und zu übernachten, und ging am andern Morgen in seine Werkstätte zurück und bisweilen zu seinen Betbrüdern. Federigo, dem nichts erwünschter sein konnte, verfügte sich am bezeichneten Tag gegen Abend hinauf, wo er, da Gianni die ganze Nacht nicht erschien, gemächlich und in großer Lust mit der Geliebten speiste und bei ihr herbergte, indes sie in seinem Arme ruhte und ihn die Nacht hindurch wohl sechs von den Lobgesängen ihres Mannes lehrte. Da nun weder sie noch er diese erste Nacht die letzte bleiben zu lassen gedachten, so verabredeten sie, damit die Magd ihn nicht immer erst zu bestellen brauchte, für ihre künftigen Zusammenkünfte[525] Folgendes: Sooft Federigo nach einer kleinen Besitzung, die er etwas weiter den Berg hinauf hatte, ginge, oder sooft er von dort zurückkäme, sollte er auf einen Eselskopf achten, der nahe bei Giannis Haus auf einen Rebpfahl gesteckt war. Wäre der Eselskopf mit der Schnauze nach Florenz gekehrt, so möchte er denselben Abend bei Einbruch der Dunkelheit ohne Scheu zu ihr kommen und, fände er etwa die Tür verschlossen, nur dreimal leise klopfen, worauf sie ihm schon öffnen werde. Sähe aber der Eselskopf mit der Schnauze nach Fiesole hin, so möchte er fortbleiben, weil dann Gianni draußen übernachtete.

Auf solche Weise verschafften sich die zwei manche Zusammenkunft. Einmal aber, als Federigo mit Monna Tessa zu Nacht essen wollte und sie deshalb zwei fette Kapaune hatte bereiten lassen, geschah es, daß Gianni gegen alle Abrede spät abends herauskam. Der Frau kam dies gar ungelegen. Sie ließ denn ihrem Manne ein wenig Salzfleisch, das sie nebenher hatte kochen lassen, vorsetzen und befahl der Magd, die beiden Kapaune nebst einer Anzahl frischer Eier und einer Flasche guten Weines in ein weißes Tischtuch einzuschlagen und im Garten am Fuße eines Pfirsichbaumes, der am Rande eines kleinen Wiesenflecks stand, niederzulegen. In diesen Garten aber, in dem sie schon öfter mit Federigo zu Abend gegessen hatte, konnte man gelangen, ohne durch das Haus zu gehen. So ärgerlich aber war sie, daß sie ganz vergaß, der Magd zu sagen, sie solle dort warten, bis Federigo gekommen wäre, um ihm zu sagen, daß Gianni gekommen sei, er aber solle essen, was im Garten läge.

Nun war sie gar nicht lange mit Gianni zu Bett gegangen und die Magd desgleichen, als Federigo ankam und einmal leise an die Tür klopfte, welche der Schlafkammer so nahe war, daß Gianni es augenblicklich vernahm und seine Frau ebenso; doch um in Gianni womöglich keinen Argwohn zu wecken, tat sie, als schliefe sie fest. Federigo wartete einen Augenblick und pochte zum zweiten Male. Darüber verwunderte sich Gianni, stieß die Frau an und sagte: »Tessa, hörst du nichts? Mir ist's, als würde an unsere Tür geklopft.« Die Frau, die es nur allzu gut gehört, tat, als erwache sie aus tiefem Schlafe und fragte: »Was sagst du?« »Ich sage«, antwortete Gianni, »daß es mir[526] vorkommt, als werde an unsere Tür geklopft.« »Geklopft?« fragte die Frau, »weh mir, liebster Gianni, weißt du nicht, was das ist? Das Gespenst ist es, vor dem ich all die Nächte her die entsetzliche Angst ausgestanden habe. Sobald ich es nur klopfen hörte, habe ich den Kopf unter das Bett gesteckt und nicht eher den Mut gehabt, ihn herauszuziehen, als bis es hellichter Tag war.« Darauf sprach Gianni: »Frau, laß nur gut sein und fürchte dich nicht, wenn es auch das Gespenst ist. Ich habe vorhin das ›Te lucis‹ und das ›Intemerata‹ gesprochen und viele andere Gebete, als wir zu Bette gingen, und habe das Bett auch von einer Ecke zur andern im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes gesegnet, und darum hast du nichts zu fürchten; denn, wie schlimm auch das Gespenst sein mag, uns kann es nicht schaden.«

Die Frau sorgte sich indes, daß Federigo anderweitigen Verdacht schöpfen und sich mit ihr überwerfen möchte. Daher beschloß sie, jedenfalls aufzustehen und ihm begreiflich zu machen, daß Gianni anwesend sei. Deshalb antwortete sie ihrem Gatten: »Schon recht. Du hast gut reden. Aber ich werde weder Ruhe noch Frieden finden, bevor wir nicht das Gespenst beschworen haben, da du nun einmal hier bist.« »Beschwören?« sagte Gianni, »wie soll man das aber anstellen?« »Ich verstehe mich auf das Beschwören«, antwortete die Frau. »Neulich, als ich zum Ablaß nach Fiesole ging, klagte ich meine Angst einer von jenen Klausnerinnen. Ach, Gianni, wie fromm die sind, das laß dir von Gott selbst sagen, denn ich vermag es nicht. Nun, die hatte Mitleid mit mir und lehrte mich einen heiligen und trefflichen Spruch, von dem sie, wie sie sagte, mehrmals Gebrauch gemacht, solange sie noch in der Welt gelebt, und ihn immer wirksam befunden hatte. Aber Gott weiß es, für mich allein hätte ich mich nie getraut, die Sache zu versuchen. Nun aber, da du hier bist, wollen wir hingehen und das Gespenst beschwören.«

Gianni sagte, das sei ihm ganz recht, und somit standen sie auf und gingen leise miteinander bis zu der Tür, vor der Federigo, in welchem schon allerhand böse Gedanken aufzusteigen anfingen, immer noch stand. Hier angelangt, sagte die Frau zu Gianni: »Nun gib acht, daß du ausspuckst, wenn ich's sage.«[527] »Schon recht«, sagte Gianni, und nun begann die Frau ihren Spruch folgendermaßen:


Du Gespenst, das nachts umgeht,

Wie du kamst, gehobnen Schweifes,

So geh heim! Kannst du, begreif es.

Wo der große Pfirsich steht,

Findest du, davon zu schmausen,

Innen Fettes, Fettes draußen,

Auch was Hennen abgegangen,

Und zur Flasche magst du langen.

Dann geh heim und laß in Ruh

Meinen Gianni, mich dazu.


Als sie so gesprochen hatte, sprach sie zu ihrem Gatten: »Nun spucke, Gianni!« und Gianni spuckte.

Federigo, welcher draußen stand und dies hörte, war mit einem Male aller Eifersucht ledig und fühlte trotz seines Trübsinns so herzliche Lust zum Lachen, daß er sich nicht halten konnte, und sprach, als Gianni ausspuckte, leise: »Spucke die Zähne aus!« – Als die Frau das Gespenst auf diese Weise dreimal beschworen hatte, ging sie wieder mit ihrem Manne zu Bett.

Federigo, der sich auf das Abendessen mit seiner Tessa gefreut hatte und dessen Magen leer war, verstand die Worte des Spruches wohl, ging in den Garten, nahm die beiden Kapaune, die Eier und den Wein mit nach Hause und aß dort in guter Ruhe zur Nacht. Über jene Beschwörung aber lachte er noch manchesmal mit der Frau, sooft er sie wieder besuchte.

Übrigens will ich nicht verschweigen, daß, wie einige wissen wollen, die Frau den Eselskopf allerdings mit der Schnauze nach Fiesole gewendet hatte, daß aber ein Arbeiter, der durch den Weinberg ging, zufällig mit seinem Stock daran geschlagen, so daß der Kopf sich mehrmals um und um drehte und zuletzt gen Florenz gekehrt blieb, weshalb Federigo im Glauben, daß dies Zeichen ihn rufe, gekommen sei. Die nun die Geschichte so erzählen, behaupten, der Spruch, den die Frau gesagt, habe so gelautet:
[528]

Geh fort, Gespenst, das in der Nacht umgeht,

Den Eselskopf, den hab ich nicht umgedreht.

Wer es getan, den möge Gott bestrafen.

Laß mich und meinen Gianni ruhig schlafen.


Hiernach hätte also Federigo ohne Herberge und Nachtessen heimgehen müssen.

Nun hat mir eine meiner Nachbarinnen, eine schon hochbetagte Frau, versichert, wie sie in ihrer Kindheit erfahren habe, seien beide Geschichten wahr. Nur sei die letzte nicht dem Gianni Lotteringhi, sondern einem gewissen Gianni di Nello begegnet, der am Tor von San Piero wohnte und kein geringerer Einfaltspinsel war.

So steht es denn in eurer Wahl, ihr werten Frauen, welchen von den beiden Sprüchen ihr als richtig gelten lassen wollt. Ihre Wirkung ist in solchen Fällen erprobt, wie ihr aus meiner Erzählung gehört habt; lernt sie drum, und sie können euch noch nützen.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 524-529.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Dekameron
Das Dekameron
Das Dekameron. 2 Bände
Das Dekameron (Fischer Klassik)
Das Dekameron. Vollständige Ausgabe
Das Dekameron

Buchempfehlung

Schlegel, Dorothea

Florentin

Florentin

Der junge Vagabund Florin kann dem Grafen Schwarzenberg während einer Jagd das Leben retten und begleitet ihn als Gast auf sein Schloß. Dort lernt er Juliane, die Tochter des Grafen, kennen, die aber ist mit Eduard von Usingen verlobt. Ob das gut geht?

134 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon