Fünfte Geschichte

[544] Ein Eifersüchtiger hört, als Priester verkleidet, seiner Frau die Beichte. Sie macht ihm weis, sie liebe einen Geistlichen, der jede Nacht zu ihr komme. Während der Eifersüchtige diesem an der Tür auflauert, läßt die Frau ihren Liebhaber über das Dach zu sich kommen und vergnügt sich mit ihm.


Lauretta hatte ihre Erzählung beendet, und jeder billigte das Verfahren der Frau, die recht gehandelt und dem gemeinen Wicht angetan hatte, was ihm gebührte. Doch schon wandte sich der König, um keine Zeit zu verlieren, an Fiammetta und übertrug ihr freundlich das Amt des Erzählers, worauf diese folgendermaßen begann:

Edle Damen, die vorhergehende Geschichte legt mir gleichsam die Pflicht auf, ebenfalls von einem Eifersüchtigen zu erzählen, weil ich der Meinung bin, was die Frauen solchen Männern antun, besonders aber denen, die ohne Grund eifersüchtig sind, sei wohlgetan. Hätten die Gesetzgeber alles wohl erwogen, so hätten sie, wie ich glaube, für dieser Frauen Tun keine anderen Strafen festsetzen dürfen, als sie die treffen, welche, um sich selbst zu verteidigen, jemanden verletzen. Denn in der Tat stellen die Eifersüchtigen dem Leben ihrer jungen Frauen nach und tun alles, um deren Tod herbeizuführen. Die ganze Woche sitzen die Frauen eingeschlossen zu Hause und verlangen, ewig mit den Bedürfnissen des Hauswesens und der Familie beschäftigt, wenigstens an den Festtagen etwas Freude und Ruhe zu finden und auch ihrerseits ein Vergnügen zu genießen, wie es den Arbeitern auf dem Felde, den Handwerkern in den Städten und den Lenkern der Gerichtshöfe zuteil wird, ja, wie Gott selbst es getan, als er am siebenten Tag von allen seinen Mühen ausruhte, und wie sowohl die heiligen als auch die bürgerlichen Gesetze es verlangen, die zur Ehre Gottes und[544] zum gemeinen Besten eines jeden die Tage der Arbeit von denen der Ruhe unterschieden haben.

Dem aber widersetzen sich gerade die Eifersüchtigen; ja sie wählen sogar die Tage, die allen andern zur Freude sind, aus, um ihre Frauen, die sie dann nur noch fester verschlossen und eingekerkert halten, desto unglücklicher und trostloser zu machen. Wie traurig und welcher Gipfel des Unglücks dies aber für die Ärmsten ist, das können nur die wissen, die es selbst erfahren haben. Darum, zum Beschluß, sollte man gewiß das, was eine Frau ihrem mit Unrecht eifersüchtigen Gemahl zum Possen tut, nicht verdammen, sondern ihm vielmehr Beifall zollen.

Einstmals also lebte in Rimini ein Kaufmann, reich an Besitzungen und Geld, welcher auf die wunder schöne Frau, die er zur Gattin hatte, über die Maßen eifersüchtig ward. Hierzu hatte er jedoch keinen andern Grund als den, daß er sie sehr liebte, sie sehr schön fand und wußte, daß sie sich alle Mühe gab, ihm zu gefallen. Eben darum meinte er aber auch, daß jeder andere sie lieben müsse, daß sie jedem andern schön erscheine, und endlich, daß sie sich auch jedem andern so zu gefallen bemühe wie ihm: die Schlußfolge eines schlechten Gemütes und ein Beweis geringen Verstandes.

Eifersüchtig wie er nun war, hielt und hütete er sie so streng, daß viele zum Tod Verurteilte in den Gefängnissen minder streng gehütet werden als sie. Abgesehen davon, daß es ihr weder zu einer Hochzeit noch zu einem Feste oder in die Kirche zu gehen verstattet war, durfte sie unter keinerlei Vorwand den Fuß aus dem Hause setzen, ja sie wagte es nicht einmal, an ein Fenster zu treten oder um irgendeines Anlasses willen hinauszublicken. Ihr Leben war daher äußerst traurig, und um so ungeduldiger ertrug sie diese Pein, je unschuldiger sie sich fühlte.

Als sie nun sah, wie ihr schuldlos solches Unrecht von ihrem Gatten angetan wurde, verfiel sie darauf, zu ihrem Troste Mittel zu ersinnen, daß ihr solche Härte wenigstens mit Recht erwiesen würde. Ans Fenster treten durfte sie nicht, und so konnte sie freilich niemandem, der im Vorübergehen zu ihr aufgeblickt hätte, zu erkennen geben, daß seine Huldigung ihr angenehm wäre. Allein sie wußte, daß in dem Haus, welches[545] an das ihre stieß, ein schöner und anmutiger junger Mann wohnte, und dachte nun, wenn nur in der Mauer, die das Haus von dem ihrigen trennte, eine Öffnung wäre, wollte sie so lange hindurchschauen, bis sie den jungen Mann sähe, ihn sprechen und ihm ihre Liebe schenken könnte, wenn er sie nur annehmen wollte. Danach hoffte sie Mittel zu finden, mit ihm zusammenzutreffen und so ihr trauriges Leben zu erheitern, bis ihrem Gatten der Satan aus dem Leibe führe und er zur Einsicht gelangte.

Lange spähte sie, wenn ihr Gatte nicht zu Hause war, bald hier und bald dort an der Mauer umher und entdeckte endlich, daß an einer ziemlich verborgenen Stelle die Wand von einem kleinen Spalt durchbrochen war. Sie schaute hindurch, und obschon sie wenig von dem erkennen konnte, was auf der andern Seite war, erkannte sie doch, daß sie der Spalt in ein Zimmer sehen ließ, und sprach zu sich selbst: »Wenn dies Filippos, des jungen Nachbarn Zimmer wäre, so hätte ich halb gewonnen.« Und vorsichtig ließ sie nun von einer Magd, die Mitleid mit ihr hatte, danach spähen und erfuhr so, daß der junge Mann wirklich in diesem Zimmer ganz allein schlief. Daher trat sie nun häufiger an den Spalt, warf, wenn sie den Jüngling dort hörte, kleine Steinchen oder Holzstückchen hin durch und fuhr damit so lange fort, bis der Jüngling, um zu sehen, was dies wäre, herantrat. Leise rief sie ihn beim Namen, und er, der ihre Stimme erkannte, antwortete ihr. Da sie nun eine Gelegenheit gefunden hatte, eröffnete sie ihm in kurzen Worten ihr ganzes Gemüt. Der junge Mann, welcher hierüber äußerst erfreut war, sorgte dafür, daß von seiner Seite das Loch größer gemacht wurde, immer jedoch so, daß niemand es bemerken konnte. Hier sprachen sie sich denn häufig und reichten sich die Hände; allein weiter konnten sie bei der strengen Wache des Eifersüchtigen nicht gelangen.

Darüber nahte das Weihnachtsfest, und die Frau sagte zu ihrem Gatten, wenn es ihm gefalle, wolle sie am Morgen des Festtages zur Kirche gehen, beichten und kommunizieren, wie alle übrigen Christen es täten. »Und was für Sünden hast du denn begangen«, entgegnete ihr der Eifersüchtige, »daß du beichten willst?« »Wie«, erwiderte die Frau, »glaubst du, ich[546] sei eine Heilige, weil du mich so eingekerkert hältst? Du weißt wohl, daß ich meine Sünden so gut habe wie jeder andere, der auf Erden lebt; aber dir will ich sie nicht sagen, denn du bist kein Priester.«

Aus diesen Worten schöpfte der Eifersüchtige Argwohn und überlegte sich, wie er wohl erfahren könnte, was für Sünden sie begangen hätte. In der Tat fiel ihm das Mittel ein, wie es ihm gelingen möchte, und er erwiderte, daß er's zufrieden sei; doch solle sie zu keiner andern Kirche gehen als zu ihrer Kapelle, und zwar morgens ganz früh. Dort solle sie dann bei ihrem Kaplan oder bei einem andern Priester, den er ihr zuweisen werde, beichten, nicht aber bei einem dritten, und danach solle sie gleich nach Hause zurückkehren. Die Frau glaubte ihn zur Hälfte verstanden zu haben und versprach, ohne mehr zu entgegnen, daß sie es so halten wolle.

In der Frühe des hohen Festtages stand die Frau mit der Morgenröte auf, kleidete sich an und ging in die von ihrem Gatten bezeichnete Kirche. Ebenso stand auch der Eifersüchtige auf und begab sich zur selben Kirche, wo er vor ihr eintraf. Und da er mit dem Kaplan schon verabredet hatte, was er tun wolle, warf er sich schnell eines der Gewänder des Priesters um, das eine große Kapuze mit Backen hatte, wie wir die Priester tragen sehen, zog sich die Kapuze vorn über die Stirn und setzte sich dann im Chore nieder.

Als die Frau die Kirche betrat, ließ sie nach dem Kaplan fragen. Dieser kam und sagte ihr auf ihr Begehren, ihm zu beichten, er könne ihr jetzt nicht die Beichte hören, würde ihr aber einen seiner Genossen schicken. Dann ging er fort und schickte ihr den eifersüchtigen Gatten zu dessen Unstern. Dieser erschien gravitätisch, und obschon es noch nicht heller Tag war und er sich die Kapuze ganz über die Augen gezogen hatte, konnte er sich nicht so verstellen, daß die Frau ihn nicht augenblicklich erkannt hätte. Als diese ihn so sah, sprach sie bei sich selbst: »Gott sei Dank, der ist nun aus einem Eifersüchtigen zu einem Priester geworden! Doch gemach, ich will ihn schon finden lassen, was er sucht.«

Sie tat daher, als kenne sie ihn nicht, und setzte sich sogleich ihm zu Füßen nieder. Der eifersüchtige Herr hatte ein paar[547] kleine Steinchen in den Mund genommen, damit ihn diese etwas im Sprechen hinderten und er von seiner Frau nicht an der Stimme erkannt würde. In allen übrigen Stücken indes glaubte er sich so völlig entstellt, daß er es nicht für möglich hielt, von ihr erkannt zu werden. Als es nun zur Beichte kam, sagte die Frau, nachdem sie ihm berichtet hatte, daß sie verheiratet sei, unter andern Dingen, die sie ihm bekannte, daß sie in einen Geistlichen, der sie jede Nacht besuche und bei ihr schlafe, verliebt sei.

Als der Eifersüchtige dies hörte, war es ihm, als würde sein Herz von einem Messerstiche durchbohrt, und hätte ihn nicht der Wunsch festgehalten, noch mehr zu hören, so hätte er die Beichte Beichte sein lassen und wäre davongerannt. Indes bezwang er sich und fragte die Frau: »Wie, schläft denn Euer Mann nicht bei Euch?« »Freilich, Herr«, erwiderte die Frau. »Nun«, sagte der Eifersüchtige, »wie kann dann auch der Priester bei Euch liegen?« »Herr«, entgegnete die Frau, »mit welcher Zauberei er es treibt, weiß ich nicht; aber im ganzen Hause ist keine Tür so fest verschlossen, daß sie sich nicht öffnete, sobald er sie nur berührt, und kommt er dann, wie er mir sagte, zu meiner Kammertür, so spricht er, ehe er sie öffnet, gewisse Worte, die bewirken, daß mein Gatte sogleich in tiefen Schlaf verfällt. Wird er dann gewahr, daß dieser schläft, öffnet er die Tür, tritt ein und verweilt bei mir – und das trügt nie.«

»Madonna«, erwiderte der Eifersüchtige, »das ist sehr übel getan, und durchaus müßt Ihr davon lassen.« »Herr«, erwiderte die Frau, »das glaube ich nimmer zu können, so sehr liebe ich ihn.« »Dann«, sprach der Eifersüchtige, »kann ich Euch nicht lossprechen.« »Das betrübt mich sehr«, entgegnete die Frau. »Ich bin nicht hierhergekommen, um Euch Unwahrheiten zu erzählen, und wenn ich glaubte, ich vermöchte zu tun, was Ihr verlangt, so sagte ich's Euch.« »Wahrhaftig, Madonna«, sprach der Eifersüchtige hierauf, »Ihr tut mir leid, denn ich sehe, wie Ihr um dieser Sünde willen Eure Seele ins Verderben stürzt. Doch will ich zu Eurer Rettung keine Mühe scheuen und meine besonderen Gebete in Eurem Namen zum Himmel schicken; vielleicht, daß sie Euch helfen. Nicht minder will ich von Zeit zu Zeit einen jungen Geistlichen zu Euch senden, dem Ihr[548] sagen mögt, ob jene Gebete Euch geholfen haben oder nicht, und wenn sie Euch Beistand leisten, so wollen wir weiter zusehen.« Hierauf antwortete die Frau: »Herr, tut das beileibe nicht. Mein Mann ist so eifersüchtig. Erführe er davon, dann brächte ihm die ganze Welt den Gedanken nicht aus dem Kopf, daß jener aus unlauteren Gründen komme, und keine leidliche Stunde im ganzen Jahr hätte ich mehr mit ihm.« »Madonna, fürchtet das nicht«, entgegnete der Eifersüchtige hierauf, »denn ich will schon Mittel und Wege finden, daß Ihr darüber nie ein Wort von ihm hören sollt.« »Nun«, sprach die Frau, »wenn Ihr Euch das zutraut, so bin ich zufrieden.«

Als nun die Beichte geschlossen, die Buße übernommen und die Frau wieder aufgestanden war, ging sie fort, die Messe zu hören. Der Eifersüchtige aber schnaubte über sein Mißgeschick und kehrte, sobald er das Priestergewand abgelegt hatte, nach Hause zurück, begierig, den Geistlichen und die Frau beisammen zu finden und beiden ein böses Spiel zu bereiten.

Als die Frau von der Kirche heimkehrte, sah sie an den Mienen ihres Gatten wohl, daß sie ihm ein schlimmes Festgeschenk gemacht hatte. Er aber bemühte sich, so gut er konnte, vor ihr zu verbergen, was er getan hatte und was zu wissen er sich einbildete. Bei sich aber hatte er beschlossen, in der folgenden Nacht an der Haustüre Wache zu halten und zu warten, bis der Priester käme. So sagte er zu seiner Frau: »Ich muß diesen Abend auswärts essen und schlafen. Du wirst daher die Haustür sowie die Tür auf der Treppenmitte und deine Zimmertür wohl verschließen und zu Bett gehen, wenn es dir an der Zeit scheint.« »In Gottes Namen«, antwortete die Frau, und sobald sie nun Zeit fand, ging sie an den Spalt und gab das gewohnte Zeichen, worauf Filippo, sobald er es hörte, herbeikam. Ihm erzählte sie nun, was sie diesen Morgen getan und was der Gatte ihr nach dem Essen gesagt hatte, und fügte hinzu: »Ich bin gewiß, daß er nicht aus dem Hause gehen, sondern unten die Tür hüten wird. Darum sieh zu, diese Nacht über das Dach herüberzukommen, damit wir zusammen sein können.« Der Jüngling, der hiermit zufrieden war, sagte: »Laßt mich nur machen, Madonna.«

Als nun die Nacht kam, schlich der eifersüchtige Mann sich[549] heimlich mit seinen Waffen in ein Zimmer des Erdgeschosses, und nachdem die Frau alle Türen und besonders die auf der Treppenmitte hatte verschließen lassen, so daß ihr Mann durchaus nicht zu ihr kommen konnte, kam der Jüngling vorsichtig herüber, worauf sie miteinander, als es an der Zeit schien, zu Bett gingen und sich in aller Muße aneinander freuten, bis der Tag gekommen war und der junge Mann wieder in sein Haus zurückkehrte.

Der Eifersüchtige wartete indes trostlos, ohne Abendessen und halb tot vor Kälte fast die ganze Nacht mit seinen Waffen neben der Tür, daß der Priester käme. Erst als der Tag nahe war und er nicht länger wachen konnte, legte er sich im Erdgeschoß zum Schlafe nieder. Von hier erhob er sich erst um die neunte Morgenstunde, als die Haustür schon geöffnet war, tat dann, als käme er woanders her, schlüpfte in seine Wohnung und frühstückte.

Nicht lange darauf ließ er einen Knaben kommen, als wäre es der Gehilfe des Geistlichen, der seiner Frau die Beichte gehört hatte, und ließ sie fragen, ob der, von dem sie wüßte, wiedergekommen sei. Die Frau, die den Boten wohl kannte, antwortete, diese Nacht sei er nicht gekommen, und wenn es so bliebe, könnte sie ihn vielleicht vergessen, obschon sie gar nicht wünschte, daß dies geschähe.

Was soll ich euch noch weiter erzählen? Der eifersüchtige Tor verbrachte viele Nächte damit, den Priester an der Haustür ertappen zu wollen, während die Frau sich mit ihrem Liebhaber fort und fort eine gute Zeit machte. Endlich jedoch hielt der Eifersüchtige es nicht länger aus, und mit erzürnter Miene fragte er die Frau, was sie dem Priester am Morgen ihrer Beichte bekannt habe. Die Frau antwortete, sie wolle es ihm nicht sagen, denn das sei weder recht noch geziemend. »Abscheuliches Weib«, erwiderte der Eifersüchtige, »dir zum Trotz weiß ich, was du ihm bekannt hast. Ich will und muß wissen, wer der Priester ist, in den du verliebt bist und der durch seine Zauberkünste jede Nacht bei dir schläft – oder, fürwahr, ich schneide dir den Hals ab.« Die Frau entgegnete, es sei gar nicht wahr, daß sie in einen Geistlichen verliebt sei. »Wie«, sprach der Eifersüchtige, »sagtest du nicht so und so zu dem[550] Priester, der dir die Beichte abnahm?« Darauf antwortete die Frau: »Meinetwegen kann er es dir wiedergesagt haben, ebensogut wie wenn du selbst dabeigewesen wärest. Ja, allerdings habe ich ihm das gesagt.« »Nun also«, sprach der Eifersüchtige, »sag mir, wer der Priester ist, und das auf der Stelle.«

Da lächelte die Frau und sagte: »Ich habe meine Herzensfreude daran, wenn ein kluger Mann von einer einfachen Frau am Narrenseil geführt wird, wie man einen Hammel bei den Hörnern zur Schlachtbank führt, obschon du solch ein kluger Mann nicht bist oder wenigstens von der Stunde an nicht warst, da du diesen bösen Geist der Eifersucht in deinem Herzen sich einnisten ließest, ohne zu wissen warum. Je törichter und tölpischer du aber bist, desto mehr vermindert sich mein Verdienst. Glaubst du denn, mein lieber Mann, daß ich mit den leiblichen Augen so blind bin wie du mit den geistigen? Fürwahr nicht! Ich sah und erkannte, wer der Priester war, der mir die Beichte hörte, und weiß recht gut, daß du es warst. Aber ich nahm mir vor, dir zu geben, was du suchtest, und ich habe dir's treulich gegeben. Wärest du aber so weise gewesen, wie du dich dünktest, so hättest du nicht versucht, auf solche Weise in die Geheimnisse deiner guten Frau einzudringen, und ohne falschen Verdacht zu hegen, hättest du erkannt, daß das, was sie dir beichtete, die Wahrheit war, ohne daß sie darum im geringsten gesündigt hätte. Ich sagte dir, daß ich einen Priester liebte, und hattest du, den ich so unverdient liebe, dich nicht zum Priester gemacht? Ich sagte dir, daß keine Tür meines Hauses vor ihm verschlossen zu halten wäre, wenn er bei mir schlafen wollte, und welche Tür im Hause wurde dir je versperrt, wenn du zu mir kommen wolltest? Ich sagte dir, daß der Priester jede Nacht bei mir schliefe, und wann hattest du das nicht getan? Und sooft du deinen jungen Meßhelfer zu mir schicktest, ließ ich dir antworten, da du ja nicht bei mir gewesen warst, der Priester sei nicht bei mir gewesen. Welcher Unbedachte außer dir, der sich von Eifersucht verblenden ließ, hätte alles das nicht verstanden? Und im Hause hast du dich versteckt, um die Nacht über die Tür zu hüten, und mich wähntest du glauben zu machen, du seist zum Essen und zur Herberge ausgegangen! Komm endlich zur Besinnung und werde wieder[551] der Mann, der du zu sein pflegtest, und laß dich nicht von denen auslachen, die deine Art kennen wie ich. Vor allem aber unterlaß dieses peinliche Wachehalten, das du ausübst; denn ich schwöre dir beim Himmel, wenn mich die Lust ankäme, dir Hörner aufzusetzen, und hättest du hundert Augen statt ihrer zwei, so getraute ich mich, meine Lust zu stillen, ohne daß du etwas davon gewahr würdest.«

Der eifersüchtige Pinsel, welcher bis dahin geglaubt hatte, das Geheimnis seiner Frau gar schlau erkundet zu haben, hörte dies nicht sobald, als er sich angeführt erkannte. Ohne etwas zu entgegnen, hielt er fortan seine Frau für gut und verständig, und gerade nun, da seine Eifersucht not tat, legte er sie ebenso ab, wie er sie angetan hatte, als er ihrer nicht bedurfte. Daher konnte denn die kluge Frau fast ungestört ihren Wünschen leben und ihren Liebhaber, anstatt ihn nach Katzenart übers Dach kommen zu lassen, vorsichtig durch die Tür einlassen und sich noch oft mit ihm eine frohe Stunde und ein heiteres Leben bereiten.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 544-552.
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