Sechste Geschichte

[552] Während Madonna Isabella den Lionetto bei sich hat, wird sie von Lambertuccio, der sie ebenfalls liebt, besucht. Da ihr Gatte zurückkehrt, schickt sie den Lambertuccio mit einem Dolch in der Hand aus dem Hause, worauf ihr Mann den Lionetto heimbegleitet.


Fiammettas Erzählung hatte allen ausnehmend gefallen, und jeder behauptete, die Frau habe so recht getan, wie es ein törichter Mann verdiente. Da die Geschichte jedoch zu Ende war, befahl der König Pampinea fortzufahren. Und diese begann:

Es gibt viele, welche einfältig genug behaupten, daß die Liebe den Menschen der Überlegung beraube und den Liebenden unbedacht mache. Diese Meinung finde ich töricht, und die erzählten Geschichten zeigen es zur Genüge; dennoch will auch ich dies zu beweisen versuchen.[552]

In unserer Stadt, die an allen Gütern reich ist, lebte eine anmutige, junge und schöne Frau, die Gattin eines tapferen und achtbaren Ritters. Wie es aber häufig geschieht, daß der Mensch nicht immer mit einer Speise zufrieden ist und zuweilen zu wechseln begehrt, so verliebte sich die Dame, der ihr Mann nicht genügte, in einen jungen Menschen, der Lionetto hieß und anmutig und gesittet war, obgleich keineswegs von hoher Geburt; und er verliebte sich gleichermaßen in sie. Und wie ihr wißt, daß selten unausgeführt bleibt, was beide Teile wollen, so währte es nicht lange, daß sie ihrem Liebeswunsche Erfüllung gaben.

Zugleich aber geschah es, daß sich in diese schöne und reizende Frau ein Ritter namens Lambertuccio heftig verliebte. Ihr war er jedoch so unangenehm und widerwärtig, daß sie sich um alles in der Welt nicht entschließen konnte, ihn zu lieben. Umsonst verfolgte er sie mit seinen Gesandtschaften; da er aber ein mächtiger Mann war, so begann er ihr mit öffentlicher Schande zu drohen, falls sie ihm nicht zu Willen wäre. Dies nun fürchtete die Frau über alles, und da sie seine Art kannte, ergab sie sich endlich seinem Verlangen.

Die Dame nun, welche Madonna Isabella hieß, war, wie es im Sommer unsere Gewohnheit ist, auf ein schönes Landgut gezogen, wo es eines Morgens geschah, daß, weil ihr Gatte über Land geritten war und mehrere Tage wegbleiben sollte, sie nach Lionetto schickte, damit er unterdessen zu ihr komme. Und unverweilt und voller Freude machte er sich auf den Weg.

Auch Herr Lambertuccio hatte indes vernommen, daß der Gatte der Dame fort sei. So stieg er ganz allein zu Pferde, eilte zu ihr und klopfte an die Tür. Die Magd der Dame sah ihn kommen und lief sogleich zu ihr, die mit Lionetto im Schlafzimmer war. »Madonna«, rief sie ihr zu, »unten ist Herr Lambertuccio ganz allein.« Als die Frau dies hörte, meinte sie, das unglücklichste Weib auf Erden zu sein. Allein sie fürchtete ihn so sehr, daß sie Lionetto bat, er möge es nicht übelnehmen und so lange hinter dem Vorhang des Bettes verborgen bleiben, bis Herr Lambertuccio wieder fort sei. Lionetto, der nicht geringere Furcht vor ihm hatte als die Dame, versteckte sich eilig, worauf sie der Magd befahl, dem Lambertuccio zu öffnen.[553]

Als die Tür ihm aufgetan und er im Hofe von seinem Pferd gestiegen war, band er dies an einer Krampe fest und eilte hinauf. Die Dame machte ein freundliches Gesicht, kam ihm bis an die Treppe entgegen, empfing ihn so liebenswürdig sie konnte und fragte, was ihn hergeführt habe. Der Ritter umarmte und küßte sie und sprach: »Mein süßes Leben, ich hörte, daß Euer Mann nicht hier ist, und bin gekommen, ein Weilchen bei Euch zu bleiben.« Nach diesen Worten traten sie in die Kammer, schlossen sich darin ein, und Lambertuccio begann sich mit ihr zu vergnügen.

Während sie so verweilten, kehrte wider alles Erwarten der Gatte der Dame zurück. Als die Magd diesen schon nahe bei dem Schlosse sah, lief sie schnell zur Kammer ihrer Gebieterin und rief: »Madonna, eben kommt der Herr zurück. Ich glaube, er ist schon unten im Hofe.« Wie die Dame dies vernahm und bedachte, daß sie zwei Männer im Hause hatte, von denen der Ritter seines Pferdes wegen nicht zu verbergen war, hielt sie sich für verloren. Nichtsdestoweniger sprang sie augenblicklich aus dem Bett, faßte ihren Entschluß und sagte zu Herrn Lambertuccio: »Herr, wenn Ihr mich nur irgend liebhabt und mich vorm Tode retten wollt, so tut, was ich Euch sage. Nehmt Euren blanken Dolch in die Hand, eilt mit zornigem und wütendem Gesicht die Treppe hinunter und ruft: ›Bei Gott, ich werde ihn schon noch anderswo zu fassen bekommen.‹ Wenn dann mein Gatte Euch aufhalten oder irgend etwas fragen sollte, so erwidert ihm durchaus nichts anderes, als was ich Euch gesagt habe, schwingt Euch auf Euer Pferd und laßt Euch auf keine Weise mit ihm ein.«

Herr Lambertuccio sagte gerne zu. Schnell zog er seinen Dolch, und mit einem Gesicht, das teils von der bestandenen Anstrengung, teils vor Zorn über die Heimkehr des Ritters ganz entflammt war, tat er alles, was die Dame ihn geheißen. Der Gatte wunderte sich, als er im Hofe abgestiegen war, über das Pferd, und als er nun die Treppe hinaufgehen wollte, sah er Lambertuccio wütend herunterstürzen. Erstaunt über seine Worte und sein zorniges Gesicht rief er ihn an: »Nun, Herr, was hat das zu bedeuten?« Doch Lambertuccio setzte den Fuß in den Steigbügel, schwang sich hinauf und erwiderte nichts[554] anderes als: »Beim Kreuze Gottes, ich will ihn schon anderswo erwischen.« Und damit jagte er davon.

Unterdessen stieg der Edelmann die Treppe hinauf und fand seine Frau am oberen Ende ganz erschrocken und zitternd vor Furcht. »Was ist denn das?« fragte er sie. »Wen sucht Herr Lambertuccio so wütend und drohend?« Die Dame näherte sich sacht der Kammer, damit Lionetto sie hören könne, und erwiderte dann: »Herr, in meinem Leben habe ich keine solche Angst ausgestanden. Ein junger Mensch, den ich nicht kenne, flüchtete sich hier herein, und Herr Lambertuccio verfolgte ihn mit dem Messer in der Hand. Zufällig fand jener diese Kammer offen und bat mich zitternd: ›Madonna, um Gottes willen helft mir, daß ich nicht in Euren Armen sterben muß.‹ Ich erhob mich, und wie ich ihn noch fragen wollte, wer er wäre und was es gäbe, stürzte Herr Lambertuccio herein und rief: ›Wo bist du, Verräter?‹ Ich vertrat ihm an der Kammertür den Weg und hielt ihn auf, während er eindringen wollte. Endlich aber nahm er soviel Rücksicht auf mein Verbot, die Kammer zu betreten, daß er nach vielen Worten davonstürzte, wie Ihr ihn wohl gesehen habt.«

Darauf sagte der Mann: »Frau, du hast recht getan. Es wäre eine arge Schmach gewesen, hätte man jemand hier im Hause ermordet; Herr Lambertuccio hat sehr unrecht getan, daß er jemand verfolgte, der sich hier hereingeflüchtet.« Dann fragte er, wo der junge Mensch sei. »Herr«, erwiderte die Dame, »ich weiß nicht, wo er sich verborgen hat.« Nun rief der Ritter: »Wo bist du? Komm nur getrost hervor.«

Lionetto, der all dies mit angehört hatte, trat ganz furchtsam, wie er denn Angst genug ausgestanden hatte, aus seinem Verstecke hervor. Da sagte der Ritter zu ihm: »Was hattest du mit Herrn Lambertuccio?« »Herr«, entgegnete der Jüngling, »nichts in der Welt, daß ich wüßte, und darum glaube ich fest, daß er entweder nicht recht bei Sinnen ist oder mich mit jemand anderem verwechselt haben muß. Denn als er mich nicht fern von Eurem Schloß auf der Landstraße erblickte, legte er die Hand ans Schwert und rief: ›Verräter, du bist des Todes!‹ Ich hatte nicht Zeit zu fragen, warum, sondern floh, so schnell ich konnte, und gelangte hierher, wo ich – Gott und dieser[555] edlen Dame sei Dank – Rettung gefunden habe.« »Nun denn«, sprach der Ritter, »so lege alle Furcht ab. Ich werde dich gesund und sicher in dein Haus bringen; du magst dann erforschen, was er mit dir vorhat.«

Als sie darauf zusammen gegessen hatten, ließ er ihn ein Pferd besteigen, brachte ihn nach Florenz und setzte ihn vor seinem Hause ab. Der Jüngling aber sprach noch am selben Abend nach der Anweisung, die er von der Dame erhalten hatte, heimlich mit Herrn Lambertuccio und einigte sich mit ihm, daß, soviel auch nachher noch von der Sache gesprochen wurde, der Ritter niemals hinter den Streich kam, den seine Frau ihm gespielt hatte.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 552-556.
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