Siebente Geschichte

[359] Simona liebt den Pasquino. Als sie miteinander in einem Garten sind, reibt Pasquino sich mit einem Salbeiblatt die Zähne und stirbt. Simona wird festgenommen und stirbt gleichfalls, als sie ein anderes jener Salbeiblätter an den Zähnen zerreibt, um dem Richter zu zeigen, wie Pasquino gestorben ist.


Als Panfilo sich seiner Erzählerpflicht entledigt hatte, zeigte der König kein Mitleid für Andreola, sondern gab Emilia durch einen an sie gerichteten Blick zu erkennen, er wünsche, daß sie mit einer Geschichte denen, die vor ihr gesprochen, nachfolgen möge. Sie aber begann, ohne im mindesten zu zögern, also:

Liebe Freundinnen, die Geschichte, die Panfilo uns erzählt hat, veranlaßt mich, euch eine andere mitzuteilen. Sie gleicht jener nur darin, daß die Liebende, von der ich euch erzählen will, ihren Geliebten wie Andreola in einem Garten verlor und daß sie gleich dieser festgenommen wurde, obwohl weder ihre Kraft noch ihre Standhaftigkeit, sondern allein ihr plötzlicher Tod sie von den Gerichten befreite. Wie schon früher unter uns bemerkt worden ist, verschmäht Amor, obgleich er die Schlösser adeliger Herren gern bewohnt, deshalb keineswegs die Herrschaft über die Hütten der Armen, sondern zeigt vielmehr in diesen seine Kraft zuweilen in solchem Maße, daß die Reicheren ihn eben hier als übermächtigen Gebieter kennen und fürchten lernen. Dies wird, wenn nicht vollständig, so doch zum Teil meine Geschichte erhellen, mit welcher ich in unsere Stadt zurückzukehren gesonnen bin, von der wir uns heute in unseren verschiedenen Geschichten so lange entfernt und von entlegenen Weltgegenden gesprochen haben.

Es war nämlich vor nicht gar langer Zeit in Florenz ein[359] ganz hübsches und für seinen Stand gar artiges Mädchen, das Simona hieß und eines armen Mannes Tochter war. Obgleich sie sich vom Wollespinnen ernährte und so mit ihrer Hände Arbeit das Brot verdienen mußte, das sie essen wollte, so hatte sich die Armut ihrer Gesinnung doch so wenig bemächtigt, daß sie sich von jener nicht abschrecken ließ, die Liebe in ihr Herz aufzunehmen, die seit geraumer Zeit mit dem gefälligen Betragen und den freundlichen Worten eines jungen Mannes Einlaß begehrte, der um nichts vornehmer war als sie und ihr für einen Wollweber, bei dem er diente, Wolle zu spinnen gab.

So sehr aber auch das gefällige Äußere des jungen Mannes, der Pasquino hieß und sie ebenfalls liebte, die Simona entflammt hatte, so getraute sie sich bei dem lebhaftesten Verlangen doch nicht, weitere Schritte zu tun, sondern stieß nur unter dem Spinnen bei jedem Endchen Wollfaden, das sie um die Spule wand, in Gedanken an den, in dessen Auftrag sie spann, tausend Seufzer aus, die heftiger brannten als Feuer. Auf der andern Seite war auch er ausnehmend sorgsam geworden, daß die Wolle seines Herrn gut gesponnen würde, und mahnte um die der Simona aufgetragene am häufigsten, als ob allein aus dieser und aus keiner andern alles Tuch gewoben werden sollte. Wie nun der eine fortwährend bat, die andere aber Vergnügen daran fand, gebeten zu werden, wurde er allmählich dreister, als er früher zu sein pflegte, und sie verlor einen großen Teil ihrer sonst gewohnten Furcht und Scham, bis sie sich endlich in voller Gewährung gegenseitiger Freuden einigten. An diesen Freuden fanden beide Teile solches Gefallen, daß sie, weit entfernt die Aufforderung des andern abzuwarten, sich beiderseitig mit Vorschlägen zu ihrer Wiederholung entgegenkamen.

Während sie nun diese Vergnügungen vom einen zum andern Tag fortsetzten und sich in ihrer Wiederkehr immer mehr entflammten, sagte Pasquino eines Tages zur Simona, sie müsse sich ihm zu Gefallen unbedingt so einzurichten wissen, daß sie mit ihm einen Garten, in den er sie führen wolle, besuchen könne, damit sie dort in größerer Muße und geringerer Furcht beisammen seien. Simona erklärte sich damit einverstanden. Dann redete sie eines Sonntags ihrem Vater ein, sie wolle den[360] Ablaß von San Gallo besuchen, und ging statt dessen mit einer Freundin namens Lagina in den Garten, den Pasquino ihr genannt hatte. Hier fanden sie ihn schon mit einem seiner Kameraden, der Puccino hieß, aber gewöhnlich Stramba genannt wurde, und während dieser in der Eile eine Liebschaft mit Lagina anfing, ließen Pasquino und Simona sie am einen Ende des Gartens und verloren sich am andern, um ihre gewohnten Vergnügungen zu wiederholen.

Nun stand dort, wo Pasquino und seine Geliebte sich befanden, zufällig ein Salbeibusch von besonderer Größe, neben dem sie sich niedersetzten und sich eine gute Weile miteinander ergötzten. Dann redeten sie noch lange über das Vesperbrot, das sie mit aller Gemächlichkeit in diesem Garten einnehmen wollten, wobei Pasquino sich dem großen Salbeibusch zuwendete, ein Blatt davon abpflückte und sich mit der Bemerkung, daß ihm der Salbei am besten alles wegnähme, was etwa vom Essen zurückgeblieben sei, Zähne und Zahnfleisch tüchtig damit zu reiben begann. Als er dies eine Zeitlang getan hatte, fuhr er fort, über den Imbiß zu sprechen, von dem vorher die Rede gewesen war.

Indes hatte er noch nicht lange weitergesprochen, als er plötzlich die Farbe wechselte, wenige Augenblicke darauf Gesicht und Sprache verlor und endlich binnen kurzem starb. Beim Anblick aller dieser Unfälle hub Simona laut zu weinen und zu klagen an und rief nach Stramba und Lagina. Diese kamen eilig gelaufen und fanden den Pasquino nicht allein tot, sondern auch schon aufgeschwollen und im Gesicht und auf dem Leib voll dunkler Flecke. Als Stramba dies gewahr wurde, rief er sogleich: »Abscheuliches Weib, du hast ihn vergiftet!« Dann fing er so zu lärmen an, daß viele, die in der Nachbarschaft des Gartens wohnten, davon hörten. Alle, die darüber herbeiliefen, den toten und geschwollenen Körper sahen und hörten, wie Stramba wehklagte und die Simona beschuldigte, jenen hinterlistig vergiftet zu haben, glaubten, es verhalte sich wirklich so, wie Stramba vorgab, da auch das Mädchen vor Schmerz über den Unfall, der ihr den Geliebten so plötzlich entrissen, wie außer sich war und sich nicht zu verteidigen wußte.

So wurde sie denn ergriffen und unter heftigem Weinen zum[361] Palast des Stadtrichters geführt. Hier brachten Stramba, Atticciato und Malagevole, lauter Kameraden des Pasquino, die sich inzwischen eingefunden hatten, ihre Anklage so ungestüm vor, daß einer der Richter das Mädchen ohne weiteren Aufschub über den Hergang der Sache zu befragen anfing. Da es ihm nun dabei gar nicht einleuchten wollte, daß sie in böser Absicht gehandelt habe und schuldig sei, beschloß er, die Leiche, den Ort, wo sich alles zugetragen, und die Nebenumstände, von denen sie ihm erzählte, in ihrem Beisein in Augenschein zu nehmen, denn aus ihrer Erzählung war er nicht recht klug geworden. Zu diesem Zweck ließ er sie unter Vermeidung allen Aufsehens in den Garten zurückbringen, wo der Leichnam des Pasquino, aufgeschwollen wie eine Tonne, noch immer am Boden lag.

Als der Richter nachkam, wunderte er sich sehr über das Aussehen des Toten und fragte sie, wie es denn zugegangen sei. Das Mädchen erzählte zuerst alles, was vorher geschehen war, und trat alsdann, um dem Richter das Ereignis desto vollständiger vorzustellen, an den Salbeibusch und rieb sich, so wie es Pasquino getan, mit einem Blatte die Zähne. Stramba und Atticciato nebst Pasquinos übrigen Freunden und Gefährten verhöhnten dem Richter gegenüber alles, was Simona vorbrachte, als alberne Erfindungen, verdoppelten ihre Anklagen gegen sie und verlangten nichts Geringeres, als daß sie mit dem Feuer für solche Verruchtheit bestraft werden solle. Das arme Mädchen aber, das aus Schmerz über den Verlust des Geliebten und aus Furcht vor der Strafe, die Stramba forderte, die Sprache verlor, wurde nun durch den Salbei, mit welchem es sich die Zähne gerieben, zum großen Erstaunen aller Umstehenden von denselben Zufällen betroffen, denen früher Pasquino erlegen war, und starb des gleichen Todes.

Glückliche Seelen, denen das Los zuteil ward, am selben Tage ihre glühende Liebe und dies irdische Leben enden zu sehen! Doppelt glücklich, wenn ihr beide einem gemeinsamen Aufenthaltsort zueiltet! Überselig, wenn man auch im Jenseits liebt, und eure Liebe dort ebenso fortdauert, wie sie euch im Diesseits durchdrang! Am glücklichsten aber ist nach unserer Meinung, da wir sie überlebten, Simona zu preisen, weil das[362] Schicksal nicht zuließ, daß ihre Unschuld dem Zeugnis des Stramba, des Atticciato und des Malagevole erlag, welche Wollkratzer oder noch geringeres Volk sein mochten, sondern ihr einen ehrenvollen Weg bereitete, auf dem sie durch denselben Tod, den ihr Geliebter gestorben, sich der Schmach, die jene ihr zugedacht, entzog, und der vielgeliebten Seele ihres Pasquino nachfolgte.

Der Richter, der gleich allen übrigen äußerst erstaunt über dieses Schauspiel war, wußte nicht, was er sagen sollte, und blieb in langem Schweigen. Als er sich endlich wieder gefaßt hatte, sagte er: »So muß denn dieser Salbei giftig sein, was doch sonst nicht die Art der Pflanze ist. Damit sie aber in Zukunft niemand mehr auf solche Weise schade, soll man sie bis zu den Wurzeln abschneiden und ins Feuer werfen.« Der Wächter des Gartens gehorchte alsbald diesem Befehle in des Richters Gegenwart. Kaum aber hatte er den großen Busch vertilgt, als offenbar wurde, was am Tode des unglücklichen Paares schuld gewesen war. Es saß nämlich unter diesem Salbeibusch eine Kröte von erstaunlicher Größe, deren giftiger Hauch, wie alle vermuteten, die Pflanze vergiftet hatte. Da nun aber niemand den Mut hatte, sich der Kröte zu nähern, schichtete man ringsum Reisig auf und verbrannte sie darin mitsamt dem Salbei.

So endete die Untersuchung des Herrn Richters über den Tod des armen Pasquino. Er und seine Simona wurden, geschwollen wie sie waren, von Stramba, Atticciato, Guccio Imbratta und dem Malagevole in der Kirche San Paolo, zu welcher Pfarre die Verstorbenen gehört hatten, zur Erde bestattet.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 359-363.
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