Zehnte Geschichte

[374] Die Frau eines Arztes legt ihren Geliebten, der einen Schlaftrunk genommen hat, den sie aber für tot hält, in einen Kasten, den zwei Wucherer mit dem Scheintoten in ihr Haus tragen. Letzterer erholt sich und wird als Dieb gefangen. Die Magd der Frau redet dem Richter vor, sie habe jenen in den Kasten gelegt, den die Wucherer gestohlen. So wird er vom Galgen gerettet, die Wucherer aber werden wegen des Kastendiebstahls zu einer Geldstrafe verurteilt.


Als der König seine Geschichte beendet hatte, oblag es nur noch dem Dioneo, seine Pflicht zu erfüllen. So begann er denn im Bewußtsein derselben und auf Geheiß des Königs folgendermaßen:

Die traurigen Ereignisse unglücklicher Lieben, die uns bisher erzählt wurden, haben, von euch, ihr Damen, zu schweigen, selbst mir Herz und Augen so sehr gerührt, daß ich ihr Ende sehnlichst herbeigewünscht habe. Gottlob, daß sie nun hinter uns liegen, wenn ich nicht etwa, wovor Gott mich aber bewahren soll, dieser kläglichen Ware noch eine betrübte Zugabe beifügen wollte. Ohne mich also länger bei traurigen Gegenständen aufzuhalten, will ich von anmutigeren und heiteren zu reden beginnen, um dadurch für die Erzählungen des nächsten Tages vielleicht einen besseren Stoff anzudeuten.

Ihr müßt nämlich wissen, reizende Mädchen, daß vor nicht gar langer Zeit in Salerno ein vortrefflicher Wundarzt, namens Mazzeo della Montagna, lebte. Er hatte noch in seinem späten[374] Alter ein schönes junges Weibchen zur Frau genommen, das er zwar mit vornehmen und prächtigen Kleidungsstücken, mit Edelsteinen und allem anderen Schmuck, der ein Weib erfreuen kann, besser versah, als irgendeine andere in der Stadt dergleichen aufweisen konnte, dafür aber zuließ, daß sie sich des Nachts die meiste Zeit erkältete, weil er zu wenig dafür tat, sie im Bett gehörig zugedeckt zu halten. Und so wie Herr Ricciardo von Chinzica seiner Frau die Festtage beibrachte, so versicherte dieser der seinigen, wenn man bei einer Frau geschlafen habe, brauche man Gott weiß wie viele Tage, um sich wieder zu erholen, und erzählte ihr noch mehr solcher Albernheiten, an denen das arme Weib sich nicht sonderlich erbaute. Weil aber die Frau verschlagen und entschlossen war, faßte sie den Vorsatz, sich auf der Straße umzutun und womöglich von anderer Leute Tellern zu essen, um den Hausvorrat zu sparen.

Eine Weile sah sie sich eine Anzahl junger Leute nacheinander an. Endlich aber fand sie einen, der ganz nach ihrem Geschmack war, und setzte auf ihn allein all ihre Hoffnung, ihre Gedanken und ihr Glück. Als der junge Mann dies gewahr wurde, wandte auch er ihr, da sie ihm besonders wohlgefiel, seine ganze Liebe zu. Sein Name war Ruggieri von Jeroli, und obwohl er von edler Abkunft war, führte er doch ein so schlechtes Leben und befand sich in so traurigen Umständen, daß er weder Freund noch Verwandten behalten hatte, der ihm wohlgewollt oder ihn auch nur vor sich gelassen hätte; denn er war in ganz Salerno wegen seiner Diebereien und ähnlicher Schändlichkeiten der niedrigsten Art berüchtigt. Doch da er ihr sonst wohlgefiel, kümmerte sich die Dame nur wenig um dies alles und wußte es durch Vermittlung einer ihrer Mägde so weit zu bringen, daß sie eine Zusammenkunft hatten. Nachdem sie sich eine Zeitlang miteinander ergötzt hatten, begann die Dame sein bisheriges Leben zu tadeln und bat ihn, ihr zuliebe für die Zukunft dergleichen Dinge zu lassen. Um dies aber möglich zu machen, unterstützte sie ihn bald mit einer größeren, bald mit einer kleineren Geldsumme.

Während das liebende Paar auf solche Weise vorsichtig seine Freuden fortsetzte, traf es sich, daß unser Wundarzt einen[375] Kranken bekam, der an dem einen Bein einen beträchtlichen Schaden hatte. Als der Arzt das Übel untersucht hatte, sagte er zu den Angehörigen des Kranken, wenn man diesem nicht einen angefressenen Knochen herausnehme, müsse er notwendig entweder das ganze Bein verlieren oder sterben, während er infolge jener Operation genesen könnte. In jedem Falle aber, erklärte er, könne er ihn nur als einen vollkommen Aufgegebenen in die Kur nehmen. Auch damit waren die Verwandten zufrieden und übergaben ihm den Kranken unter der erwähnten Bedingung. Der Arzt überzeugte sich indes, daß dieser Patient ohne einen Schlaftrunk die Schmerzen nicht ertrüge und die Operation nicht geschehen ließe. Zu dem Ende ließ er am Morgen – da er gegen Abend das Geschäft vorzunehmen gedachte – über gewissen Ingredienzien ein Wasser abziehen, das die Kraft besaß, den Leidenden, wenn er es getrunken hatte, so lange schlafend zu erhalten, wie der Wundarzt über dem Schnitte zuzubringen glaubte. Als das Wasser bereitet war, ließ er es sich ins Haus bringen und stellte es ins Zimmer, ohne jemand zu sagen, was es wäre und wozu es diente.

Wie es aber Abend wurde und unser Wundarzt eben zu seinem Patienten gehen wollte, erhielt er einen Boten aus Amalfi von einigen seiner liebsten Freunde, daß er sich ja durch nichts auf der Welt abhalten lassen möge, sogleich hinüberzukommen, da bei einer eben vorgefallenen Schlägerei viele verwundet worden seien. In der Tat verschob der Wundarzt die Operation auf den nächsten Morgen und fuhr sogleich mit einem Boote nach Amalfi.

Da nun die Frau wußte, daß ihr Mann diese Nacht nicht mehr nach Hause käme, ließ sie nach alter Gewohnheit heimlich den Ruggieri rufen und schloß ihn so lange in ihre Stube ein, bis gewisse Leute, die zum Hauswesen gehörten, zu Bett gegangen wären. Während Ruggieri die Frau noch in ihrem Zimmer erwartete, überfiel ihn entweder infolge der Anstrengungen des Tages oder weil er Gesalzenes gegessen hatte, oder vielleicht auch weil er das Trinken gewohnt war, ein unmäßiger Durst. Da ihm nun auf dem Fensterbrett die Flasche mit dem Wasser in die Augen fiel, die der Arzt für den[376] Kranken bereitet hatte, setzte er sie in der Meinung, es sei Trinkwasser, an den Mund und trank sie völlig leer. Natürlich dauerte es gar nicht lange, so überfiel ihn eine unendliche Müdigkeit, und er schlief ein.

Die Frau des Arztes kam, sobald es ihr möglich war, in dasselbe Zimmer und rührte den Ruggieri, als sie ihn schlafend fand, zuerst nur leise an und sagte ihm halblaut, daß er aufstehen möge. Da dies aber gar nichts fruchtete und er weder antwortete noch sich bewegte, rüttelte die Dame ihn ziemlich unwillig mit aller Kraft und sagte: »Nun, du Siebenschläfer, wach auf! Wenn du schlafen wolltest, hättest du nach Hause gehen und nicht zu mir kommen sollen.« Durch das Rütteln fiel Ruggieri von dem Kasten, auf dem er gesessen hatte, zu Boden und gab dabei nicht mehr Lebenszeichen von sich, als es ein Toter getan hätte. Darüber erschrak die Dame ein wenig und schüttelte ihn, als sie ihn wieder aufgerichtet hatte, noch heftiger als zuvor, kniff ihn in die Nase und zupfte ihn am Bart; aber alles war umsonst, denn er hatte den Gaul an einen guten Pflock gebunden. Die Dame fing nachgerade zu fürchten an, er möge tot sein. Doch ließ sie sich dadurch nicht abhalten, ihn nach Kräften zu zwicken und mit einem Lichte zu brennen. Als er sich aber immer noch nicht regte, glaubte die gute Frau, die trotz der ärztlichen Kenntnisse ihres Gatten keine Heilkundige war, nicht mehr zweifeln zu dürfen, daß Ruggieri tot sei. Wie sehr sie sich darüber betrübte, brauche ich nicht erst zu sagen, da sie ihn über alles liebhatte. So begann sie denn, da sie kein Geräusch zu machen sich getraute, ihn in aller Stille zu beweinen und sich über ein so herbes Schicksal zu beklagen.

Nach einiger Zeit aber bedachte sie, daß sie ihrem Unglück nicht noch Schande hinzufügen dürfe, und fühlte wohl, daß sie zu diesem Ende ohne Aufschub ein Mittel finden müsse, um den Toten aus dem Hause zu schaffen. Da sie selbst aber keinerlei Rat wußte, rief sie insgeheim ihre Magd, zeigte ihr das Mißgeschick, das sie betroffen, und sprach sie um ihren Beistand an. Die Magd erschrak nicht weniger und sagte, nachdem sie ihn genau so vergeblich wie ihre Gebieterin gezupft und gezwickt hatte, daß er ohne allen Zweifel tot sei. Auch[377] hielt sie, wie jene, dafür, man müsse ihn aus dem Hause bringen. Die Dame entgegnete: »Wo sollen wir ihn aber hinschaffen, damit nicht bei denen, die ihn morgen früh finden werden, der Verdacht entsteht, er sei aus unserem Hause herausgetragen worden?« Das Mädchen erwiderte: »Madonna, ich sah erst heute abend spät gegenüber der Werkstätte unseres Nachbarn, des Tischlers, einen Kasten von mäßiger Größe stehen, der uns, wenn der Meister ihn nicht wieder ins Haus hineingenommen hat, zu unserem Vorhaben trefflich zustatten kommen wird. Da können wir ihn hineintun, ihm zwei oder drei Messerstiche versetzen und ihn dann ruhig liegenlassen. Wer ihn alsdann dort finden wird, kann unmöglich Grund zu der Annahme haben, daß er von hier aus und nicht von anderswoher dahin gebracht worden sei. Jeder wird vielmehr voraussetzen, daß einer seiner Feinde ihn, als einen übermütigen Menschen, auf bösen Wegen angetroffen, ermordet und dann in jenen Kasten getan habe.«

Die Dame billigte den Rat der Magd bis auf die Messerstiche, die diese ihm versetzen wollte; denn das zu tun, sagte sie, brächte sie um nichts in der Welt übers Herz. So ließ sie denn die Magd nachsehen, ob der Kasten noch dastehe, worauf diese eine bejahende Antwort zurückbrachte. Dann nahm die Magd, die jugendkräftig war, den Ruggieri auf die Schultern, wobei ihr die Dame behilflich war und nun vorausging, um aufzupassen, ob jemand käme. So brachten sie den vermeintlichen Toten zu dem Kasten, taten ihn hinein und ließen ihn, nachdem sie jenen wieder verschlossen, ruhig darin zurück.

Nicht weit von eben diesem Hause waren seit einigen Tagen ein paar junge Männer eingezogen, die Geld auf Wucherzinsen liehen. Im Verlangen, viel zu gewinnen und wenig auszugeben, hatten sie, als sie tags zuvor jenen Kasten gesehen, miteinander verabredet, ihrem Bedürfnis nach Hausgeräten abzuhelfen und ihn, wenn er die Nacht über dort stehenbliebe, in ihr Haus zu tragen. Als die Mitternacht gekommen war, schlichen sie sich aus ihrem Hause und nahmen den Kasten, den sie noch an seinem Platze fanden, obgleich er ihnen ein wenig schwer vorkam, dennoch, ohne sich auf eine weitere Untersuchung einzulassen, eilig mit sich zurück und stellten ihn neben der[378] Kammer auf, wo ihre Frauen schliefen. Dabei nahmen sie sich nicht einmal die Zeit, ihn gehörig zurechtzurücken und zu befestigen, sondern ließen ihn stehen, wie er eben stand, und gingen schlafen.

Als Ruggieri nun schon gar lange geschlafen, das Getränk verdaut und dessen Kraft besiegt hatte, erwachte er kurz vor dem Frühgeläute. Obgleich ihn der Schlaf verlassen und die Sinne ihre Tätigkeit wiedergewonnen hatten, blieb ihm doch eine Betäubung im Gehirn zurück, die ihn nicht allein in dieser Nacht, sondern auch noch während der folgenden Tage verwirrte. Wie er also jetzt die Augen auftat und nichts sah und beim Umhertappen mit den Händen sich in den Kasten eingeschlossen fand, besann er sich hin und wieder und sagte bei sich selber: »Was will das nur bedeuten? Wo bin ich? Schlaf ich oder wach ich? Ich erinnere mich doch noch, daß ich heute abend in das Zimmer meiner Geliebten kam, und jetzt ist mir, als wär' ich in einem Kasten. Wie in aller Welt hängt das zusammen? Sollte der Arzt zurückgekommen sein oder sonst etwas sich zugetragen haben, um dessentwillen die Frau mich, während ich schlief, hier eingesperrt hätte? So denk ich es mir, und so ist es ganz gewiß.« Infolge dieser Vermutung hielt er sich ganz ruhig und horchte nur, ob er etwas vernähme.

Als er aber eine geraume Zeit in einer wegen der Kleinheit des Kastens ziemlich unbequemen Stellung zugebracht hatte, und als die Seite, auf der er lag, ihn sehr zu schmerzen anfing, wollte er sich auf die andere umwenden und stellte sich dabei so ungeschickt an, daß er durch einen Stoß mit der Hüfte gegen die eine Seite des Kastens, der auf etwas ungleichen Boden gestellt war, diesen erst ins Schwanken brachte und nachher völlig umwarf. Dieser Fall machte einen solchen Lärm, daß die Frauenzimmer, die ganz in der Nähe schliefen, davon aufwachten, zugleich aber auch aus lauter Furcht ganz stillblieben. Ruggieri war über das Umstürzen des Kastens gewaltig erschrocken. Da er aber gewahr wurde, daß dieser von dem Fall aufgesprungen war, zog er es vor, sich lieber draußen als dort drinnen antreffen zu lassen. Weil er indes nicht recht wußte, wo er war, und ihm alles durcheinanderging, fing er[379] an, im Hause umherzutappen, um zu sehen, ob er keine Treppe oder Tür zum Entwischen fände. Die Frauenzimmer, die noch wach waren, hörten dieses Tappen und riefen: »Wer da?« Ruggieri gab aber, da er die Stimmen nicht erkannte, keine Antwort. Nun riefen die Frauen den beiden jungen Männern, doch diese schliefen, weil sie lange aufgeblieben waren, gar fest und vernahmen von all dem Lärm nichts. Dadurch wurden die Frauenzimmer noch furchtsamer, sprangen auf, liefen ans Fenster und schrien: »Diebe, Diebe!« Auf das Geschrei hin kamen die Nachbarn auf verschiedenen Wegen, der eine über das Dach, der andere hier, der dritte dort herum in das Haus gelaufen, und auch die jungen Männer wachten von dem Lärm auf. Da nahmen sie denn den Ruggieri gefangen, der vor Verwunderung, sich in jenem Hause zu befinden, fast die Besinnung verloren hatte und keinen Ausweg sah, auf dem er hätte entfliehen können oder sollen, und übergaben ihn den Lanzenknechten des Statthalters von Salerno, die über dem Auflauf bereits herbeigeeilt waren. Diese führten ihn vor ihren Gebieter, welcher den Ruggieri, weil er allgemein für einen ruchlosen Menschen galt, sogleich auf die Folter spannen ließ. Ruggieri gestand auch, er habe sich in das Haus der Wucherer geschlichen, um dort zu stehlen, und der Statthalter war gesonnen, ihn ohne viel Federlesens aufknüpfen zu lassen.

Inzwischen verbreitete sich noch während des Vormittags die Nachricht, daß Ruggieri im Hause der Wucherer beim Stehlen betroffen worden sei, durch ganz Salerno und drang auch zu den Ohren der Dame und ihrer Magd. Diese aber waren darüber so erstaunt und betroffen, daß sie schier der Meinung waren, was sie in der vorigen Nacht getan, hätten sie nicht wirklich getan, sondern nur zu tun geträumt. Zugleich aber betrübte sich die Dame so über die Gefahr, in der Ruggieri schwebte, daß sie fast den Verstand darüber verloren hätte.

Indes waren noch nicht viel mehr als anderthalb Stunden seit Sonnenaufgang verstrichen, als der Arzt von Amalfi zurückkehrte und, da er nun die Operation an dem Kranken vorzunehmen gedachte, nach dem bereitgestellten Wasser verlangte. Als er aber das Fläschchen leer fand, schimpfte er gewaltig, daß er nichts im Hause in seiner rechten Ordnung erhalten[380] könne. Die Frau, der anderer Gram durch den Kopf ging, antwortete verdrießlich: »Meister, was sagtet Ihr erst über eine Sache von Bedeutung, wenn Ihr über ein Fläschchen Wasser schon solchen Lärm vollführt, als ob in der ganzen Welt kein Wasser mehr zu haben wäre.« Darauf erwiderte der Arzt: »Frau, du bildest dir ein, das sei reines Wasser gewesen. So verhält es sich aber keineswegs; vielmehr war es ein Wasser, das bereitet war, um jemand einzuschläfern.« Und damit erzählte er ihr, wozu es ihm habe dienen sollen. Als die Frau diesen Aufschluß erhielt, erriet sie wohl, daß Ruggieri dieses Wasser getrunken habe und deshalb von ihnen für tot gehalten worden sei. Darum sagte sie zu ihrem Gatten: »Meister, das haben wir nicht gewußt, und so bereitet es Euch noch einmal.« In der Tat ließ der Wundarzt, da er sah, daß es keine andere Möglichkeit gab, den Schlaftrunk aufs neue bereiten.

Bald darauf aber kehrte die Magd heim, die auf Befehl der Dame ausgegangen war, um zu hören, was über Ruggieri gesagt werde, und erzählte ihr: »Madonna, von Ruggieri hört man überall nichts Gutes. Soviel ich erfahren habe, hat sich weder ein Freund noch ein Verwandter für ihn verwendet, noch ist Hoffnung, daß es in Zukunft geschehen werde. So glaubt man denn mit Gewißheit, der Blutrichter werde ihn morgen hängen lassen. Außerdem will ich Euch aber eine Neuigkeit erzählen, aus der ich zu erraten glaube, wie er in das Haus der Wucherer gekommen ist. Damit verhält es sich nämlich so: Ihr kennt ja den Tischler, vor dessen Haus der Kasten stand, in den wir den Ruggieri taten. Diesen nun traf ich eben im heftigsten Wortwechsel mit einem andern, dem der Kasten vermutlich gehören muß. Der verlangte das Geld für den Kasten, der Meister aber antwortete, er habe ihn nicht verkauft, sondern er sei ihm in der vorigen Nacht gestohlen worden. Darauf entgegnete jener wieder: ›Das lügst du, denn du hast ihn an die zwei Wucherer verkauft, wie sie mir selbst heute früh erzählt haben, als ich ihn bei Ruggieris Festnahme in ihrem Hause sah.‹ Der Tischler erwiderte: ›Da lügen sie, und ich habe ihn nicht an sie verkauft, wohl aber mögen sie ihn diese Nacht bei mir gestohlen haben. Darum wollen wir[381] gleich zu ihnen hingehen.‹ Und so gingen sie friedlich miteinander in das Haus der Wucherer, ich aber eilte heimwärts. So scheint mir denn klar, wie auch Ihr schon durchschaut haben werdet, auf welche Weise Ruggieri in jenes Haus gebracht worden ist, in dem er gefangen wurde. Wie er aber dort auferstanden ist, das begreife ich noch nicht.«

Die Dame erkannte indes den ganzen Zusammenhang nun völlig und erzählte auch der Magd, was sie von ihrem Gatten vernommen hatte. Dann aber bat sie dieselbe inständig, bei Ruggieris Rettung mitzuwirken, da sie, wenn sie wolle, zur gleichen Zeit Ruggieris Leben und die Ehre ihrer Gebieterin erhalten könne. Die Magd erwiderte: »Madonna, sagt mir nur wie, und ich will gern alles tun.«

Die Dame, der das Messer an der Kehle saß, hatte in aller Eile einen Plan gefaßt, um alles wieder ins rechte Lot zu bringen, und teilte diesen der Magd ausführlich mit. Diesem Plan zufolge ging die letztere weinend zu dem Arzt und sagte: »Ach, Herr, ich habe Euch wegen eines argen Vergehens, das ich wider Euch begangen, um Verzeihung zu bitten.« »Und was wäre das?« entgegnete der Meister. »Herr«, sagte die Magd, ohne darum im Weinen innezuhalten, »Ihr wißt ja, was für ein Mensch der Ruggieri von Jeroli ist. Nun, der hat ein Auge auf mich geworfen, und da habe ich heuer, halb aus Furcht und halb aus Liebe, seine Liebste werden müssen. Und als er gestern abend erfahren hatte, daß Ihr auswärts wäret, hat er mir so viel vorgeredet, daß ich ihn zuletzt mit in Euer Haus und in meine Kammer nahm, um ihn über Nacht bei mir zu behalten. Wie er nun solchen Durst bekam und ich in der Eile nicht wußte, wo ich sonst Wein oder Wasser hernehmen sollte – denn Eure Frau war im Saal, und vor ihr wollte ich mich nicht sehen lassen –, fiel mir ein, daß ich in Eurem Zimmer ein Fläschchen mit Wasser hatte stehen sehen. Geschwind holte ich's ihm, er trank es aus, und ich setzte es wieder hin, wo ich's hergenommen hatte. Nun habt Ihr darüber so schrecklich gescholten, und gewiß, ich habe unrecht getan. Wer vergeht sich aber nicht zuweilen? Ich hab es auch schon bitterlich bereut, und zwar nicht allein um dessentwillen, sondern infolge der ganzen Geschichte soll Ruggieri nun auch[382] noch sein Leben verlieren. Darum bitte ich Euch denn, so sehr ich nur kann, vergebt mir und erlaubt mir, hinzugehen und dem Ruggieri zu helfen, so gut ich's vermag.« Als der Arzt diese Erzählung vernommen hatte, antwortete er, seines Ärgers ungeachtet, mit einem Spaße: »Nun, du hast dir die Buße selbst auferlegt; denn während du dir einen Bettgenossen versprachst, der dir die Glieder wacker durchschütteln sollte, hattest du einen Siebenschläfer. So gehe denn für jetzt nur und rette deinen Liebsten vom Galgen. In Zukunft aber laß ihn mir aus dem Hause, denn träf ich ihn wieder an, so solltest du mir für diesmal noch mit bezahlen.«

Die Magd meinte, der erste Wurf sei ihr nicht übel gelungen, und begab sich in aller Eile zu dem Gefängnis, in dem Ruggieri saß. Dort wußte sie dem Schließer so viel vorzureden, daß er sie mit dem Gefangenen sprechen ließ. Sobald sie ihn zur Genüge über alles belehrt hatte, was er, um loszukommen, dem Richter sagen solle, ging sie selbst zum letzteren und wurde wirklich vorgelassen. Da das Mädchen ein frisches und derbes Ding war, befand der Richter für gut, die mitleidige Fürbitterin genauer zu sondieren, ehe er ihr weiteres Gehör schenkte, was sie sich denn auch, zu besserer Förderung ihres Anliegens, gern gefallen ließ. Als sie mit dieser Untersuchung fertig geworden waren, sagte sie: »Herr, Ihr habt den Ruggieri von Jeroli als einen Spitzbuben gefangen, tut ihm aber unrecht.« Und damit erzählte sie ihm die alte Geschichte wieder von Anfang bis zu Ende, wie sie seine Liebste sei, wie sie ihn über Nacht in des Arztes Haus geführt, wie sie ihm, ohne es zu wissen, den Schlaftrunk gegeben und ihn für tot in den Kasten getan habe. Dann berichtete sie ihm auch die Reden, die sie zwischen dem Tischlermeister und dem Eigentümer des Kastens mit angehört, und machte ihm dadurch begreiflich, auf welche Weise Ruggieri in das Haus der Wucherer gekommen war.

Der Richter sah wohl ein, daß es bei dieser Angelegenheit nicht schwer sei, die Wahrheit zu entdecken, und fragte zu diesem Zwecke zunächst den Arzt, ob es sich mit dem Schlaftrunk wirklich so verhalte. Dann ließ er den Tischler, den Eigentümer des Kastens und die Wucherer kommen und brachte[383] nach vielem vergeblichem Gerede wirklich heraus, daß die letzteren in der vergangenen Nacht den Kasten gestohlen und in ihr Haus gebracht hatten. Endlich schickte er auch nach dem Ruggieri und fragte ihn, wo er die letzte Nacht zugebracht habe. Dieser erwiderte, wo er sie wirklich zugebracht habe, das wisse er nicht. Wohl aber erinnere er sich, zur Magd des Meisters Mazzeo gegangen zu sein, in der Absicht, die Nacht über dort zu bleiben. Auch besinne er sich noch, vor übermäßigem Durst dort Wasser getrunken zu haben. Von dem aber, was nachher aus ihm geworden, wisse er weiter nichts, als daß er bei seinem Erwachen im Hause der Wucherer sich in einem Kasten befunden habe. Der Richter war über das Zusammentreffen dieser Aussagen sehr erfreut und ließ sie sich von der Magd, von Ruggieri, von dem Tischler und den Wucherern mehr als einmal wiederholen. Dann ließ er den Ruggieri, den er nun als vollkommen unschuldig erkannte, frei und verurteilte die Wucherer, die den Kasten gestohlen hatten, zu zehn Unzen Goldes.

Wie sehr Ruggieri sich über diesen Ausgang freute, ist überflüssig zu sagen. Aber auch seiner Dame war er kaum minder erwünscht. Lange Zeit noch lachte und scherzte sie darüber mit ihm und ihrer lieben Magd, die ihm die Messerstiche hatte versetzen wollen, und förderte ihre Liebe und ihre Lust noch jahrelang vom Guten zum Besseren. So, wollt ich denn, geschähe auch mir, ohne jedoch in den Kasten gesperrt zu werden.


Hatten die früheren Geschichten die Herzen der Damen betrübt, so erregte diese letzte des Dioneo und besonders seine Beschreibung, wie der Blutrichter die Magd mit der Sonde untersucht habe, wieder ein solches Lachen bei ihnen, daß dieses wohl als Ersatz für ihre Betrübnis über die vorhergehenden Erzählungen gelten konnte.

Als nun der König sah, daß die Sonne sich golden zu färben begann und das Ende seines Regiments herbeiführte, entschuldigte er sich zunächst mit gar artigen Worten bei den schönen Damen wegen seines Verfahrens, demzufolge über einen so traurigen Gegenstand, wie es die Unglücksfälle der Liebenden sind, hatte geredet werden müssen. Dann aber stand er auf,[384] nahm den Lorbeerkranz vom Kopfe und setzte ihn, während die Damen neugierig erwarteten, wem er ihn übergeben werde, mit folgenden Worten auf das golden leuchtende Haupt der Fiammetta: »Dir übertrage ich diese Krone, denn du wirst besser als irgendeine andere unsere Gefährtinnen durch den morgigen Tag für den bitteren zu entschädigen wissen, den sie heute erleben mußten.«

Fiammettas langes, lockiges, goldenes Haar fiel ihr anmutig auf die weißen Samtschultern, das sanft gerundete Gesicht schimmerte in den lebendigen Farben weißer Lilien und roter Rosen. Die Augen leuchteten darin wie die eines ungezähmten Falken, und das kleine Mündchen prangte mit einem Lippenpaar, das zwei dunklen Rubinen glich. Jetzt aber antwortete sie lächelnd: »Wohl denn, Filostrato, willig nehme ich deine Krone an, und um dich um so vollkommener von der Verkehrtheit deines heutigen Verfahrens zu überzeugen, will und befehle ich alsbald, daß jeder sich auf morgen rüste, um von den Glücksfällen zu erzählen, die nach widrigen und betrübenden Ereignissen Liebende betroffen haben.«

Allen gefiel die Aufgabe. Die Königin aber ließ sich den Seneschall kommen, traf mit ihm einige notwendige Verabredungen und entließ alsdann, indem sie sich gleich den übrigen erhob, die ganze Gesellschaft bis zum Abendessen. Jünglinge und Mädchen gingen nun zum Teil innerhalb des Gartens, dessen Schönheit man nicht so rasch überdrüssig werden konnte, zum Teil auf dem Wege nach den außerhalb gelegenen Mühlen je nach ihrer Neigung, der eine hier, die andere dort, bis zur Stunde des Abendessens verschiedenerlei Vergnügungen nach. Sobald diese aber gekommen war, versammelten sie sich alle wie gewohnt in der Nähe der schönen Quelle und aßen heiter und wohlbedient zu Nacht.

Als die Tafel aufgehoben war, ergötzten sie sich wie an den vorigen Tagen unter Filomenas Vortritt mit Tanz und Gesang. Dann aber sagte die Königin: »Filostrato, ich gedenke von meinen Vorgängern nicht abzuweichen, sondern beabsichtige, so wie sie es getan haben, ein Lied singen zu lassen. Weil ich aber überzeugt bin, daß deine Lieder so ausfallen werden wie deine Erzählungen, so wünsche ich, daß du, um nicht noch[385] andere Tage durch deine Leidensgeschichten zu verstimmen, uns gleich heute ein Lied singst, wie dein Geschmack es dir eingibt.« Filostrato erklärte sich gern bereit und begann ohne Säumen so zu singen:


Warum mein Herz so klage,

Daß es Verrat in Amors Dienst gewann,

Künd ich mit tausend Tränen jedermann.


Als Amor in mein Herz zuerst getragen

Das Bild der Ursach meiner jetz'gen Schmerzen,

Für die ich Trost nicht ahne,

Erschien sie mir im liebevollen Wahne

So voller Huld, daß ich für sie im Herzen

Gern jede Qual getragen.

Doch nun fühl ich nur Plagen,

Und welch ein Trugbild ich mir ersann,

Erkenn ich jetzt mit bittern Schmerzen an.


Daß ich von ihr, in deren schönen Armen

Ich alles Glück mir träumte, ward verlassen,

Ließ meinen Wahn verdunsten,

Denn als ich schon von ihrer Huld und Gunsten

Das letzte Ziel bald hoffte zu erfassen,

Sah ich, wie ohn Erbarmen

Mit mir auf ewig Armen,

In ihrer Brust sich neue Lieb entspann

Und über mich verhängte herben Bann.


Als ich mich so vertrieben nun erkannte,

Beklagte sich mein Herz ob seiner Qualen,

Und noch brennt seine Wunde.

Oft auch verwünsch ich Tag sowohl als Stunde,

Wo ich zuerst ihr Antlitz sah, das Strahlen

Von Schönheit ringsum sandte

Und hold in Glut entbrannte.

Ob Glauben, Lieb und Hoffnung fluchet dann

Die Seele, die zu sterben schon begann.
[386]

Wie leer an Trost die Schmerzen, die ich leide,

Weißt du, o Herr, an meiner Stimme Klange,

Mit der ich oft dich rufe.

So sag ich denn, ich steh auf solcher Stufe,

Daß ich zur Linderung den Tod verlange.

Drum komm, o Tod, zerschneide

Mein Leben voller Leide

Durch deinen Schlag. Wo immer hin ich dann

Auch gehe, glücklich, wenn ich hier entrann.


Nichts kann mir mehr in meinem Leiden frommen

Als nur der Tod, nur er kann Hilfe geben.

Drum send ihn mir, o sende

Ihn, Amor, schnell, als meines Jammers Ende,

Befrei das Herz von so betrübtem Leben.

Er ist mir ja willkommen,

Denn Glück ist mir benommen.

Erfreu sie denn durch meinen Tod, Tyrann,

Wie neue Liebe sie durch dich gewann.


Mein Lied, laß es geschehen, wenn – weil du kläglich –

Dich niemand lernen mag; es kann ja keiner

Dich so wie ich betonen.

Drum sollst du mir nur in dem einen fronen:

Geh hin zu Amor, und sobald allein er,

Sag ihm, wie unerträglich

Mir dieses Leben täglich.

Dann rufe flehentlich um Hilf ihn an,

Der in der Ruhe Port uns führen kann.


Warum mein Herz so klage,

Daß es Verrat in Amors Dienst gewann,

Künd ich mit tausend Tränen jedermann.


Die Worte dieses Liedes schilderten den Gemütszustand des Filostrato und dessen Ursache deutlich genug. Noch deutlicher indes hätten die Gesichtszüge eines der am Tanze teilnehmenden Mädchen die letztere vielleicht zu erkennen gegeben, wenn[387] die Dunkelheit der inzwischen hereingebrochenen Nacht die Glut ihrer Wangen nicht verhüllt hätte.

Nach Beendigung dieses Liedes wurden bis zur Stunde des Schlafengehens noch viele andere gesungen. Dann zog sich auf Befehl der Königin jeder in sein Gemach zurück.[388]

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 374-389.
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