Achte Geschichte

[791] Sophronia, welche die Frau des Gisippus zu sein glaubt, ist die Gattin des Titus Quinctius Fulvus und geht mit ihm nach Rom. Hier trifft Gisippus in ärmlichem Zustande ein, und da er sich von Titus verachtet glaubt, klagt er, um zu sterben, sich selbst an, einen Menschen getötet zu haben. Titus erkennt ihn wieder und gibt nun, um ihn zu retten, vor, er sei es, der jenen getötet, worauf der wirkliche Mörder sich selbst angibt. Danach werden alle von Octavian in Freiheit gesetzt. Titus gibt dem Gisippus seine Schwester zur Gattin und teilt sein gesamtes Besitztum mit ihm.


Nachdem Pampinea zu erzählen aufgehört und jeder, vor allem aber die Gibellinin, den König Peter gelobt hatte, begann Filomena auf Geheiß des Königs also:

Hochherzige Mädchen, wer von uns wüßte nicht, daß die Könige, sobald sie nur wollen, jegliches Große vollbringen können, und daher von ihnen auch ganz besonders die Großmut[791] gefordert wird? Wer, sobald er kann, das tut, was ihm zukommt, tut recht; aber wir dürfen darüber nicht so erstaunen, noch ihn genau so loben wie einen andern, der dasselbe täte und dessen geringeres Vermögen uns weniger zu verlangen erlaubte. Wenn ihr daher mit so vielen Worten die Handlungen eines Königs preist, wenn sie euch so schön erscheinen, so zweifle ich nicht, daß euch die von unsersgleichen noch weit mehr gefallen und noch weit mehr von euch gelobt werden müssen, wenn sie denen der Könige gleichkommen oder sie noch übertreffen. Deshalb habe ich mir vorgenommen, euch eine rühmenswerte und großmütige Handlung zu berichten, die sich zwischen zwei befreundeten Bürgern zutrug.

Zu der Zeit also, als Octavianus Caesar noch nicht Augustus genannt wurde, sondern in dem Amte, welches man das Triumvirat nannte, das Römische Reich regierte, lebte in Rom ein edler Bürger namens Publius Quinctius Fulvus, der seinen Sohn, Titus Quinctius Fulvus genannt, wegen seiner großen Begabung nach Athen sandte, um dort die Philosophie zu erlernen, und ihn zu diesem Zwecke nach Kräften einem edlen Bürger namens Chremes empfahl, der von alters her sein Freund war. Von diesem wurde Titus in sein eigenes Haus aufgenommen und seinem Sohne beigesellt, welcher Gisippus hieß. Unter der Anleitung eines Weltweisen, namens Aristipp, wurden nun Titus und Gisippus von Chremes zur Erlernung der Philosophie angehalten.

Während die beiden Jünglinge so miteinander verkehrten, erzeugte bald die große Übereinstimmung in ihren Sitten und Gewohnheiten eine so enge Brüderschaft und große Freundschaft zwischen ihnen, daß diese nachher durch keine anderen Unfälle als durch den Tod allein getrennt werden konnte. Beide fühlten sich nur wohl oder ruhig, wenn sie zusammen waren. Ihre Studien hatte sie gemeinschaftlich begonnen, und da beide mit gleich großen Anlagen ausgestattet waren, so erstiegen sie im gleichen Schritt zu ihrem höchsten Ruhme die glorreichen Höhen der Weltweisheit.

In dieser Lebensweise brachten sie zur großen Freude des Chremes, der keinen dem andern als Sohn vorzog, wohl drei Jahre zu. Nach deren Ablauf geschah es, wie dies allen Dingen[792] zu geschehen pflegt, daß Chremes, der schon alt war, aus dem Leben schied, worüber beide gleiche Trauer wie über einen gemeinsamen Vater trugen, so daß die Freunde und Verwandten des Chremes nicht zu unterscheiden wußten, wer von den beiden wegen des ihnen zugestoßenen Unglücks mehr zu trösten sei. Nach einigen Monaten ereignete es sich jedoch, daß die Freunde des Gisippus und seine Verwandten ihn aufsuchten und ihm gemeinschaftlich mit Titus zuredeten, eine Frau zu nehmen, und für ihn sodann eine Jungfrau von großer Schönheit und edler Abstammung aussuchten, die Sophrania hieß, Bürgerin von Athen und etwa fünfzehn Jahre alt war.

Nicht lange Zeit vor der verabredeten Hochzeit bat Gisippus eines Tages den Titus, daß er mit ihm kommen möge, um seine Braut zu sehen, die dieser bis dahin noch nicht erblickt hatte. Als sie in deren Haus gelangt waren und sie nun so zwischen beiden saß, begann Titus, um die Schönheit der Braut seines Freundes zu betrachten, sie aufmerksam anzuschauen, und bald gefiel ihm jeder Teil an ihr so über alle Maßen, daß er sich, während er jene still bei sich lobte, so heftig für sie entflammte, wie irgendein Liebender sich je für ein Weib entzündete, jedoch ohne daß ein äußeres Zeichen dies verriet.

Nachdem sie eine Zeitlang bei ihr verweilt hatten, schieden sie und kehrten nach Hause zurück. Hier begann nun Titus, sobald er allein in seinem Gemach war, an die reizende Jungfrau zu denken, immer lebhafter für sie entbrennend, je mehr er seinen Gedanken nachhing. Als er dies gewahr wurde, sprach er nach vielen heißen Seufzern zu sich: »Wehe deinem Leben, Titus! Wohin und worauf richtest du deinen Sinn, deine Liebe und deine Hoffnung? Erkennst du nicht mehr, daß du, sowohl um der von Chremes und seiner Familie empfangenen Gastfreundschaft als auch um der vollkommenen Freundschaft willen, welche zwischen dir und Gisippus besteht, diese Jungfrau, die dessen Braut ist, mit der Achtung betrachten mußt, die einer Schwester gebührt? Wozu liebst du also? Wohin läßt du dich von täuschender Sehnsucht verlocken, wohin von schmeichelnder Hoffnung? Öffne die Augen des Verstandes und erkenne dich selbst wieder, o Unglücklicher! Gib der Vernunft Raum und mäßige die Begierde deiner Sinne; zügle den[793] unverständigen Wunsch und richte deine Gedanken auf etwas anderes, widerstrebe jetzt, im Anfang, deiner Lust und überwinde dich selbst, solange du Zeit dazu hast. Nicht ziemt es dir, daß du begehrst, was deiner Ehre nicht verträglich ist. Was du zu unternehmen dich anschickst, müßtest du fliehen, selbst wenn du so sicher wärest, es zu erreichen, wie du es nicht bist, wenn du im Auge behältst, was echte Freundschaft verlangt und was du sollst. Was also willst du tun, Titus? Du wirst die ungeziemende Liebe verlassen, wenn du entschlossen bist, das zu tun, was sich ziemt.«

Dann jedoch dachte er wieder an Sophronia, und plötzlich umgewandelt, verwarf er nun alles, was er eben gesagt hatte, und sprach: »Das Gesetz der Liebe ist von größerer Gewalt als irgendein anderes. Es bricht nicht nur das der Freundschaft, sondern selbst das göttliche Gebot. Wie oft hat der Vater die eigene Tochter geliebt, der Bruder die Schwester, die Stiefmutter den Stiefsohn – alles Dinge, die weit unnatürlicher sind, als daß ein Freund des Freundes Frau liebe, wie es schon tausendmal geschehen ist. Überdies bin ich jung, und die Jugend ist dem Gesetz der Liebe ganz unterworfen. Was also der Liebe gefällt, das muß auch mir gefallen. Ehrbarkeit gebührt den reiferen Jahren. Ich kann nichts wollen, als was die Liebe will. Ihre Schönheit verdient es, von jedem geliebt und bewundert zu werden, und wenn ich nun, der ich jung bin, sie liebe, wer kann mich mit Recht deshalb tadeln? Nicht deshalb liebe ich sie ja, weil sie Gisippus gehört, nein, ich liebe sie, weil ich sie liebte, wem immer sie auch angehören möchte. Hier trägt das Schicksal die Schuld, welches sie dem Gisippus, meinem Freunde, statt einem andern verliehen hat. Und wenn sie Liebe erwecken muß, und ihrer Schönheit wegen muß sie es notwendig, so sollte Gisippus ja mehr erfreut sein, wenn er erfährt, daß ich sie liebe, als daß ein anderer es täte.«

Von diesen Trugschlüssen kehrte er dann wieder, indem er sich selbst verspottete, zu deren Gegenteil zurück, von diesem wieder zu jenen, von jenen zu diesem, und brachte so nicht nur diesen Tag und die folgende Nacht hin, sondern noch viele andere, bis er Appetit und Schlaf verlor und vor Entkräftung auf das Lager niedergeworfen wurde.[794]

Gisippus, der ihn mehrere Tage lang gedankenvoll angesehen hatte und ihn jetzt krank sah, ward darüber sehr traurig und bemühte sich mit jeglicher Kunst und Sorge, ohne je von seiner Seite zu weichen, ihm Trost zuzusprechen, während er ihn oft und mit Nachdruck bat, ihm die Ursache seiner Sorge und Krankheit zu entdecken. Titus hatte ihm schon öfter allerlei Fabeleien zur Antwort gegeben, doch da Gisippus diese für das erkannt hatte, was sie waren, und Titus immer noch von ihm mit Bitten bestürmt ward, so antwortete er ihm endlich unter Tränen und Seufzern in dieser Weise:

»Gisippus, hätte es den Göttern gefallen, so wäre mir der Tod freilich willkommener gewesen als das Weiterleben, wenn ich bedenke, daß das Schicksal mich in eine Lage gebracht hat, wo ich meine Tugend hätte bewähren sollen und wo ich sie nun zu meiner großen Scham besiegt finde. Doch fürwahr, ich erwarte nun bald den Lohn dafür, der mir gebührt, den Tod, der mir teurer sein soll als ein Leben im Bewußtsein meiner Schmach, welche ich dir, dem ich nichts verbergen kann und soll, nicht ohne tiefes Erröten entdecken werde.« Und indem er von Anfang an begann, vertraute er ihm die Ursache seiner Gedanken an und ihren Kampf und endlich, welchen der Sieg geblieben sei und wie er vor Liebe zu Sophronia vergehe. Dem fügte er hinzu, daß er sich, bewußt, wie unziemlich dies alles sei, als Buße den Tod gewählt habe und dieses Ziel nun gar bald zu erreichen glaube und hoffe.

Als Gisippus dies hörte und seine Tränen fließen sah, blieb er einen Augenblick nachdenklich, da auch er von der Anmut der schönen Jungfrau, obgleich viel mäßiger, gefesselt war. Doch alsbald erkannte er, daß das Leben seines Freundes ihm teurer als Sophronia sein müsse, und von dessen Tränen ebenfalls zu Tränen bewegt, antwortet er ihm weinend: »Titus, wärest du nicht des Trostes so bedürftig, wie du es bist, so beklagte ich mich bei dir über dich selbst als über einen, der unsere Freundschaft verletzt hat, indem du mir so lange deine gewaltsame Leidenschaft verborgen hieltest. Und schien sie dir auch ungeziemend, so ist doch das Ungeziemende dem Freunde ebensowenig zu verbergen wie das Geziemende; denn so wie der Freund sich am Schicklichen mit dem Freunde erfreut, soll[795] er sich auch bemühen, das Unschickliche aus der Seele des Freundes zu entfernen. Doch ich schweige davon und komme zu dem, was, wie ich erkenne, jetzt mehr not tut. Daß du Sophronia, die mir verlobt ist, glühend liebst, darüber wundere ich mich nicht. Vielmehr wunderte ich mich, wenn dem nicht so wäre, da ich sowohl ihre Schönheit als auch den Adel deiner Seele kenne, die einer glühenden Leidenschaft um so fähiger ist, je mehr Vortrefflichkeit der bewunderte Gegenstand in sich schließt. Mit so vielem Recht du also Sophronia liebst, mit ebenso großem Unrecht beklagst du dich, wiewohl du es nicht aussprichst, über das Schicksal, das sie mir bewilligt hat, indem es dir scheint, deine Liebe zu ihr wäre mit der Ehre vereinbar gewesen, wenn sie einem andern als mir angehört hätte. Allein, wenn du verständig bist, wie du zu sein pflegst, so sage mir: wem hätte das Glück sie denn eher gewähren können, daß du ihm zu Dank verpflichtet wärest, als mir? Jeder andere, der sie von ihm empfangen hätte, hätte sie, wie ehrenhaft deine Liebe auch gewesen wäre, mehr für sich als für dich geliebt. Von mir aber darfst du dies, wenn du mich wirklich so für deinen Freund hältst, wie ich es bin, nicht fürchten, und zwar aus dem Grunde, daß ich mich nicht erinnere, solange wir Freunde sind, je etwas besessen zu haben, was nicht so gut dein wie mein gewesen wäre. Wäre die Verbindung schon so weit gediehen gewesen, daß es nicht mehr anders sein könnte, so hätte ich dies auch hiermit getan wie mit jedem andern Gut. Aber noch steht die Sache ja innerhalb solcher Grenzen, daß ich dich zu Sophronias alleinigem Besitzer machen kann, und so will ich es tun.

Ich wüßte ja nicht, was meine Freundschaft dir wert sein könnte, wenn ich in einer Angelegenheit, die sich ehrenvoll ins Werk setzen läßt, nicht dein Verlangen zu dem meinigen zu machen verstände. Es ist wahr, Sophronia ist meine Braut, und ich liebte sie sehr und erwartete mit großer Freude unsere Hochzeit. Allein, da du hierin viel einsichtiger als ich und mit größerer Begierde einen so seltenen Gegenstand, wie sie einer ist, begehrst, so sei sicher, daß sie nicht als meine, sondern als deine Frau in meine Kammer kom men wird. Darum laß das Grübeln, verscheuche den Trübsinn, rufe die verlorene Gesundheit,[796] den Trost und die Heiterkeit zurück und erwarte von diesem Augenblicke an den Lohn, dessen deine Liebe viel würdiger ist, als die meine es war.«

Da Titus den Gisippus so reden hörte, machte ihn, soviel die schmeichelnde Hoffnung darin ihm auch Freude gewährte, die pflichtmäßige Überlegung doch schamrot, indem sie ihm vorhielt, je größer die Großmut des Gisippus sei, desto größer erschiene auch bei ihm die Unziemlichkeit, sie anzunehmen. Darum hörte er mit seinen Tränen nicht auf und antwortete ihm mit Mühe also: »Gisippus, deine großmütige und echte Freundschaft weist mich klar auf das hin, was der meinigen zu tun geziemt. Gott wolle nicht, daß ich diejenige, welche er dir als dem Würdigeren gewährt hat, von dir als die Meinige empfange. Hätte er gefunden, daß sie mir zukäme, so darfst weder du noch sonst jemand glauben, daß er sie dir bewilligt hätte. Genieße also froh die Frucht deiner Wahl, des verständigen Rates deiner Freunde und der göttlichen Gunst und laß mich in meinen Tränen vergehen, die Gott mir, dem eines solchen Gutes Unwürdigen, bereitet hat. Ich werde sie entweder überwinden, und das wird dir lieb sein, oder sie überwinden mich, und dann bin ich frei von Pein.«

»Titus«, erwiderte Gisippus hierauf, »kann unsere Freundschaft mir ein Recht geben, daß ich dich zwinge, einem meiner Wünsche zu folgen, und kann sie dich bewegen, ihm nachzugeben, so gedenke ich entschieden, sie in diesem Sinne geltend zu machen, und wenn du dich meinen Bitten nicht willig ergibst, so gedenke ich mit derjenigen Gewalt, die wir zum Heil unserer Freunde anwenden dürfen, zu erreichen, daß Sophronia dein wird. Ich kenne die Macht der Liebe und weiß, daß sie nicht einmal, sondern viele Male die Liebenden zu unglücklichem Tode geführt hat, und ich sehe dich diesem so nah, daß du weder umkehren noch deine Tränen besiegen kannst, sondern weiterschreitend besiegt unterliegen mußt, worauf ich dir dann ohne Zweifel bald genug folgte. Liebte ich dich also auch um nichts anderes, so muß mir dein Leben schon um meines Lebens willen teuer sein. Sophronia werde also dein, denn nicht leicht fändest du eine andere, die dir gefiele wie sie. Ich aber kann meine Liebe leicht einer andern zuwenden und habe dann[797] dich und mich beglückt. Ja, vielleicht wäre ich in diesem Stücke nicht so freigebig, wenn die Frauen so selten und so schwierig zu finden wären wie ein Freund, und deshalb, weil ich gar leicht eine andere Gattin, nicht aber einen andern Freund finden kann, so will ich sie lieber – ich sage nicht verlieren, denn ich verliere sie nicht, indem ich sie dir gebe, sondern übertrage sie damit nur meinem andern Selbst, und zwar zu ihrem eignen Besten – dir übertragen als dich verlieren. Darum, wenn meine Bitten irgend etwas über dich vermögen, so beschwöre ich dich, reiße dich von diesem Kummer los, richte dich und mich zugleich wieder auf und schicke dich mit froher Hoffnung an, die Wonne zu empfangen, die deine heiße Liebe zu der Geliebten begehrt.«

Wiewohl Titus sich immer noch schämte, darin einzuwilligen, daß Sophronia seine Frau werde, und deshalb noch eine Zeitlang Widerstand leistete, so zog ihn doch von der einen Seite die Liebe, und von der andern trieb ihn das Zureden des Gisippus, so daß er endlich sprach: »Sieh, Gisippus, ich weiß nicht, ob ich sagen soll, daß ich mehr meinen oder mehr deinen Wunsch erfülle, indem ich tue, was dir, wie du mir unter Bitten versicherst, so sehr gefällt, und da deine Großmut von der Art ist, daß sie selbst meine schuldige Scham überwindet, so will ich es tun. Aber davon sei überzeugt, daß ich es nicht tue wie jemand, der nicht wüßte, daß er damit von dir nicht nur die Geliebte, sondern das Leben selbst wiederempfängt. Mögen die Götter mir gewähren, wenn es sein kann, daß ich dich noch einst gebührend ehren und dir zu deinem Heil beweisen könne, wie teuer mir ist, was du für mich, mitleidiger mit mir als ich selbst, getan hast.«

Nach diesen Worten sagte Gisippus: »Titus, wenn wir wollen, daß diese Sache Wirklichkeit wird, so scheint es mir, daß nur der folgende Weg einzuschlagen ist. Wie du weißt, ist Sophronia nach langen Verhandlungen meiner Verwandten und der ihrigen meine Braut geworden. Wenn ich daher jetzt aufträte und sagte, ich wollte sie nicht zur Frau, so entspränge daraus ein großes Ärgernis, und ich brächte ihre und meine Angehörigen dadurch auf. Daraus machte ich mir nun zwar wenig, wenn ich sie deshalb nur sicher die Deinige werden sähe.[798] Allein ich fürchte, wenn ich sie jetzt im Stiche ließe, daß ihre Verwandten sie gar bald einem andern geben möchten, welcher andere du vielleicht nicht wärest, und so hättest du dann verloren, was ich nicht gewonnen hätte. Darum scheint mir das beste, wenn du damit zufrieden bist, daß ich in dem fortfahre, was ich begonnen habe, sie als die Meinige nach Hause führe, die Hochzeit halte, du aber alsdann heimlich, wie wir das schon einrichten wollen, mit ihr als deiner Frau schlafen gehst. Später, wenn Zeit und Ort günstig sind, machen wir dann die Sache bekannt. Ist es ihnen dann recht, so ist es gut, wo nicht, so ist es doch geschehen, und da es nicht ungeschehen zu machen ist, so werden sie endlich damit zufrieden sein müssen.«

Dem Titus gefiel dieser Rat vollkommen. Gisippus empfing daher Sophronia als die Seinige in seinem Hause, nachdem Titus inzwischen wiederhergestellt und wohlauf war. Groß waren die Festlichkeiten, und als die Nacht herankam, verließen die Frauen die Neuvermählte im Bett ihres Gemahls und gingen fort. Das Gemach des Titus stieß an das des Gisippus, und man konnte von dem einen in das andere gelangen. Sobald daher Gisippus jedes Licht ausgelöscht hatte, schlich er sich heimlich zu Titus und forderte diesen nun auf, er solle sich zu seiner Geliebten legen. Als Titus dies sah, wollte er, von Scham besiegt, alles rückgängig machen und weigerte sich zu gehen. Doch Gisippus, der mit ganzer Seele so gut wie mit Worten bereit war, den Wunsch des Titus zu erfüllen, bewog ihn nach langem Kampfe zu gehen. Als dieser nun zu ihr ins Bett kam, umarmte er die Jungfrau und fragte sie wie scherzend leise, ob sie seine Frau sein wolle. Sie, die ihn für Gisippus hielt, bejahte, worauf er, ihr einen schönen und kostbaren Ring an den Finger steckend, sprach: »Und ich will dein Mann sein.« Dann vollzog er mit ihr die Ehe und erfreute sich ihrer lange in Liebe, ohne daß sie oder sonst jemand je bemerkt hätte, daß ein anderer als Gisippus bei ihr lag.

Während es nun um die Ehe von Sophronia und Titus also stand, schied Publius, sein Vater, aus diesem Leben. Man schrieb ihm daher, daß er ohne Säumen zurückkehren möge, um seine Angelegenheiten in Rom zu ordnen, weshalb er denn mit Gisippus übereinkam, daß er reisen und Sophronia mit sich nehmen[799] wolle. Dies aber sollte und konnte füglich nicht geschehen, ohne ihr zu offenbaren, wie die Sache stand. Deshalb riefen denn beide sie eines Tages in ihr Gemach und entdeckten ihr offen, wie sich alles verhielt, indem Titus ihr dies durch viele kleine Begebenheiten, die sich zwischen ihm und ihr zugetragen hatten, überzeugend nachwies.

Sophronia begann, nachdem sie den einen wie den andern vorwurfsvoll angeblickt hatte, zu weinen, indem sie bei sich selbst die von Gisippus ausgegangene Täuschung beklagte, und ohne in seinem Hause ein Wort davon zu sagen, begab sie sich ins Haus ihres Vaters und erzählte ihm und der Mutter den Betrug, welchen Gisippus ihr und ihnen gespielt, durch den sie des Titus und nicht, wie sie bis dahin geglaubt hatte, des Gisippus Gemahlin sei. Ihr Vater fühlte sich durch das Geschehene sehr verletzt und begann nun mit seinen Verwandten gegen die des Gisippus lange und gewaltige Beschwerde zu führen, woraus denn großer und vielfacher Verdruß und vielfache Händel entstanden. Gisippus ward seinen und den Angehörigen Sophronias verhaßt, und jeder sagte, er habe nicht nur Tadel, sondern harte Strafe verdient. Er dagegen behauptete, er habe etwas durchaus Ehrenhaftes getan und Sophronias Verwandte müßten ihm vielmehr Dank wissen, daß er sie mit einem besseren Gemahl vermählt habe, als er selbst sei.

Auf der andern Seite hörte Titus dies alles wieder und litt sehr darunter. Da er aber wußte, es sei die Art der Griechen, sich so lange mit Lärmen und Drohungen breitzumachen, bis sie einen gefunden hätten, der ihnen antwortete, dann aber nicht allein demütig, sondern sogar kriechend würden, so meinte er, daß ihr Gerede nicht länger ohne Antwort zu ertragen sei. Da er nun von römischem Mute und athenischer Klugheit war, so ließ er auf geschickte Weise die Verwandten des Gisippus und die der Sophronia in einem Tempel zusammenkommen und trat hier, nur von Gisippus begleitet, mitten unter sie und sprach zu den Harrenden: »Gar viele Weltweise glauben, daß alles, was von den Sterblichen vollbracht wird, Vorsehung und Bestimmung der unsterblichen Götter sei. Deshalb wollen denn auch einige, daß alles, was wir tun oder jemals tun werden, notwendig sei, wiewohl einige andere der Meinung sind, diese[800] Notwendigkeit komme nur dem wirklich Geschehenen zu. Wenn wir diese Meinungen bedachtsam erwägen, so erkennen wir deutlich genug, daß das Tadeln eines Ereignisses, welches nicht mehr ungeschehen zu machen ist, nichts anderes heißt, als den Göttern an Weisheit überlegen sein zu wollen, von denen wir doch glauben müssen, daß sie mit ewiger Einsicht und ohne irgendeinen Irrtum über uns und unsere Dinge verfügen und sie leiten. Hieraus könnt ihr leicht ersehen, welche törichte und einfältige Anmaßung es ist, ihre Werke zu tadeln, und zugleich, welche Ketten diejenigen verdienen, die sich von ihrem Übermut so weit hinreißen lassen. Zu diesen aber gehört ihr meiner Meinung nach alle, wenn ihr, wie ich höre, dagegen geredet habt und noch redet, daß Sophronia mein Weib geworden ist, während ihr sie dem Gisippus bewilligt hattet, ohne Rücksicht darauf, daß es von Ewigkeit an bestimmt war, daß sie nicht des Gisippus, sondern mein werde, wie sich jetzt daraus, daß es so geschehen ist, deutlich ergibt.

Doch da das Reden von der geheimen Anordnung und Absicht der Götter vielen dunkel und schwer zu verstehen scheint, so will ich einen Augenblick annehmen, daß sie sich um keine unserer Angelegenheiten kümmern, und mich auf die Entschließungen der Menschen beschränken, wiewohl ich, indem ich hiervon spreche, zweierlei tun muß, was meinen Gewohnheiten sehr entgegen ist. Das eine ist, daß ich mich selbst ein wenig loben, das zweite, daß ich andere tadeln oder herabsetzen muß. Doch da ich mich beim einen so wenig wie beim andern von der Wahrheit zu entfernen gedenke und der gegenwärtige Fall es erfordert, so will ich es tun.

Eure Klagen, mehr von blinder Wut als von Überlegung eingegeben, tadeln mit beständigem Murren, ja mit Lärmen den Gisippus, schwärzen ihn an und verdammen ihn, weil er mir durch seinen Beschluß die zur Gattin gegeben hat, welche ihr durch den eurigen ihm gegeben hattet, während ich meine, daß er deshalb aufs höchste zu loben sei, und zwar aus folgenden Gründen: zuerst, weil er damit getan hat, was ein Freund tun muß, und zweitens, weil er viel verständiger gehandelt hat als ihr. Was die heiligen Gesetze der Freundschaft fordern, daß ein Freund für den andern tue, will ich euch jetzt nicht[801] auseinandersetzen. Ich begnüge mich, euch daran zu erinnern, daß das Band der Freundschaft enger verbindet als das des Blutes oder der Schwägerschaft; denn die Freunde haben wir, wie wir sie uns wählen, die Verwandten aber, wie das Glück sie uns gibt. Wenn daher Gisippus mein Leben höher anschlug als euer Wohlwollen, so darf sich niemand darüber wundern, da ich sein Freund bin, wie ich mich dafür halte.

Doch kommen wir zu dem zweiten Grund, bei dem ich euch mit mehr Nachdruck werde zeigen müssen, daß er weiser war als ihr; denn von der göttlichen Vorsehung scheint ihr mir freilich nichts und von den Wirkungen der Freundschaft noch viel weniger zu verstehen. Es war eure Berechnung, euer Ratschluß und eure Abrede, welche Sophronia dem Gisippus übergab, einem Jüngling und Weltweisen, und es war des Gisippus Ratschluß, der sie gleichfalls einem Jüngling und Philosophen übergab. Euer Beschluß gab sie einem Athener, der des Gisippus einem Römer; der eurige einem edlen Jüngling, der des Gisippus einem noch edleren; der eurige einem reichen jungen Mann, der des Gisippus einem sehr reichen; der eurige einem Jüngling, der sie wenig liebte und kaum kannte, der des Gisippus einem jungen Mann, welcher sie mehr als jedes Glück, ja mehr als sein eigenes Leben liebte.

Doch laßt uns im einzelnen betrachten, ob das, was ich sage, wahr und also mehr zu loben ist, als was ihr getan hattet. Daß ich jung und ein Philosoph bin wie Gisippus, können mein Aussehen und meine Studien, ohne weiter davon lange zu reden, erweisen. Wir sind gleichen Alters und mit gleichen Schritten immer in den Studien fortgeschritten. Es ist wahr: er ist Athener, und ich bin ein Römer. Wenn indes über den Ruhm der Vaterstadt gestritten werden soll, so werde ich anführen, daß ich aus einer freien Stadt stamme, er aber aus einer zinspflichtigen, werde erwähnen, daß ich aus einer Stadt bin, welche die Beherrscherin der Welt ist, er aus einer, die der meinigen gehorcht, werde daran erinnern, daß ich aus einer Stadt komme, welche durch Waffenruhm, Herrschaft und Weisheit blüht, während er die seinige nur wegen ihrer Wissenschaften rühmen kann. Überdies aber stamme ich, wenn ihr mich hier auch als einen ziemlich demütigen Schüler erblickt,[802] keineswegs aus der Hefe des römischen Volkes. Mein Haus und die öffentlichen Plätze Roms sind voll von alten Bildsäulen meiner Ahnen, und die römischen Annalen finden sich mit Triumphzügen gefüllt, welche die Quinctier auf das römische Kapitol führten. Auch ist der Ruhm unseres Namens nicht etwa durch das Alter eingerostet, sondern blüht heute mehr denn je. Ich schweige aus Scham von meinen Reichtümern, indem ich eingedenk bin, daß eine ehrenvolle Armut ein ebenso altes wie glänzendes Erbgut der edlen Bürger Roms ist. Wird diese Armut aber von der Meinung des Pöbels verworfen und werden die Schätze gerühmt, so habe ich deren nicht wie ein Habsüchtiger, sondern wie ein vom Glück Geliebter im Überfluß.

Wohl erkenne ich, daß es euch wert war, und so mußte es und muß es sein, den Gisippus hier als Verwandten zu haben; allein aus keinem Grunde darf ich in Rom euch minder wert sein, wenn ihr erwägt, daß ihr in mir einen trefflichen Gastfreund, einen nützlichen, eifrigen und mächtigen Beschützer nicht nur in den öffentlichen Angelegenheiten, sondern auch für eure besonderen Bedürfnisse dort haben werdet. Wer also, wenn er von Vorurteilen absieht und verständig überlegt, wird euren Entschluß mehr loben können als den meines Gisippus? Gewiß niemand! So ist denn Sophronia wohl vermählt an Titus Quinctius Fulvus, einen edlen, ahnenreichen und vermögenden Bürger von Rom und einen Freund eures Gisippus, und wer sich darüber beklagt oder wen es verdrießt, der tut nicht, was er soll, und weiß nicht, was er tut.

Vielleicht werden einige behaupten, nicht darüber klage Sophronia, daß sie die Gattin des Titus sei, sondern nur über die Art, wie sie seine Gemahlin geworden, heimlich, verstohlen, ohne daß Freunde oder Verwandte etwas davon gewußt hätten. Doch ist dies weder etwas Wunderbares, noch etwas, das zum ersten Male geschähe. Gern übergehe ich alle die, welche gegen den Willen ihrer Väter Männer nahmen; alle die, welche mit ihren Geliebten entflohen und früher Bettgenossinnen als Ehefrauen waren; alle, die früher durch Schwangerschaft und Entbindung als durch die Zunge ihre Ehe offenbarten, welche die Not gutzuheißen zwang. Dies alles ist mit Sophronia nicht[803] geschehen, vielmehr ist sie in ordentlicher, überlegter und ehrbarer Weise von Gisippus dem Titus übergeben worden.

Vielleicht wenden andere ein, dann habe sie jemand vermählt, dem es nicht zukam, sie zu vermählen. Doch dies sind törichte und weibische Klagen, die nur aus geringem Nachdenken entspringen können. Bedient sich denn das Schicksal nicht oft neuer Wege und neuer Werkzeuge, um die Dinge zu dem von ihm bestimmten Ausgang zu führen? Was habe ich mich darum zu kümmern, ob statt eines Philosophen ein Schuster über eine meiner Angelegenheiten heimlich oder öffentlich verfügt hat, wenn nur das Ende gut ist? Nur davor habe ich mich zu hüten, wenn der Schuster nicht verständig ist, daß er dergleichen je wieder tun könne; für das Geschehene aber muß ich ihm danken. Hat nun Gisippus die Sophronia wohl vermählt, so ist das Schelten über die Art und Weise und über ihn eine überflüssige Torheit. Traut ihr seinem Verstande nicht, so hütet euch in Zukunft, daß er die Eurigen nicht mehr vermählen könne; aber für diesmal habt ihr ihm zu danken.

Überdies müßt ihr wissen, daß ich weder durch List noch durch Trug versucht habe, die Ehre und Reinheit eures Blutes in Sophronias Person zu beflecken. Wiewohl ich sie heimlich zur Frau nahm, benahm ich mich doch nicht als ein Räuber ihrer Jungfräulichkeit, noch wollte ich als Feind sie auf eine minder ehrbare Art vorübergehend gewinnen, indem ich es verschmäht hätte, mich euch dauernd zu verschwägern. Heftig entflammt von ihrer hohen Schönheit und von ihrer Tugend sah ich wohl ein, daß ich sie, wenn ich versucht hätte, sie auf die Weise zu gewinnen, die euch allein geziemend dünkt, nicht von euch bekommen hätte, weil ihr besorgt gewesen wäret, daß ich sie, die ihr liebt, nach Rom führen möchte. Ich bediente mich also des heimlichen Kunstgriffs, der euch jetzt bekannt sein mag, und bewog den Gisippus, in das, was er selbst zu tun nicht gesonnen war, in meinem Namen einzuwilligen. Danach aber, so heftig ich sie auch liebte, habe ich doch nicht als Liebhaber, sondern als Gemahl ihre Umarmungen begehrt, indem ich mich ihr nicht eher näherte, wie sie selbst wahrhaftig bezeugen kann, als bis ich sie mir mit gebührenden Worten und mit dem Ringe vermählt hatte, wobei ich sie fragte, ob[804] sie mich zum Manne wolle, und sie mir ja antwortete. Dünkt sie sich dennoch getäuscht, so bin nicht ich deshalb zu tadeln, sondern sie selbst, daß sie mich nicht fragte, wer ich sei.

Dies ist nun das große Übel, die große Sünde, das große Unrecht, das von Gisippus als dem Freunde und von mir als dem Liebenden begangen wurde, daß Sophronia heimlich des Titus Quinctius Gattin geworden ist; und deswegen verleumdet ihr Gisippus, droht ihm und stellt ihm nach. Und was könntet ihr mehr tun, wenn er sie einem Schuft, einem Elenden oder einem Sklaven gegeben hätte? Welche Ketten, welcher Kerker und welches Kreuz genügten euch dann? Doch lassen wir das jetzt. Die Zeit, die ich noch nicht erwartete, ist gekommen; mein Vater ist gestorben, und ich muß nach Rom zurück. Da ich nun Sophronia mit mir nehmen will, so habe ich euch entdeckt, was ich euch sonst vielleicht noch verborgen hätte. Seid ihr klug, so werdet ihr dies froh hinnehmen; denn hätte ich euch betrügen oder beschimpfen wollen, so konnte ich sie euch ja entehrt zurücklassen. Aber das wolle Gott nicht, daß je in einer römischen Brust solche Verworfenheit wohnen könnte.

Sie also, Sophronia, ist mit der Einwilligung der Götter, durch die Kraft irdischer Gesetze, durch die lobenswerte Klugheit meines Gisippus und durch meine liebende List die Meinige geworden. Dies verdammt ihr nun, vielleicht weil ihr euch für weiser haltet als andere Menschen, töricht genug auf zweierlei Weise, deren jede mir widerwärtig ist; zuerst, indem ihr Sophronia zurückhaltet, auf die ihr weiter kein Recht habt als das, welches ich euch einräume, und zweitens, indem ihr den Gisippus, dem ihr zu hohem Dank verpflichtet seid, wie einen Feind behandelt. Wie töricht ihr an beidem tut, das will ich euch jetzt nicht weiter auseinandersetzen; nur als Freunden will ich euch raten, euren Zorn abzulegen, euren Unwillen zu begraben und mir Sophronia zurückzugeben, damit ich froh als euer Verwandter scheide und als der eurige leben kann. Denn dessen seid gewiß, mag euch nun gefallen oder nicht, was geschehen ist: wenn ihr anders zu handeln gedenkt, so nehme ich den Gisippus mit mir, und wahrlich, sobald ich nach Rom gelange, will ich, euch allen zum Trotz, schon die zurückerhalten,[805] welche rechtmäßig die Meine ist. Durch die Erfahrung will ich euch dann belehren, was der Zorn einer römischen Seele vermag, indem ich für alle Zeit euer Feind bin.«

Nachdem Titus so gesprochen hatte, erhob er sich mit zorniger Miene, ergriff den Gisippus bei der Hand, und indem er zu erkennen gab, wie wenig er sich aus all denen machte, die im Tempel waren, verließ er denselben mit erhobenem Haupt und drohender Gebärde.

Die, welche darin zurückgeblieben waren, erachteten nun einmütig, teils durch die von Titus vorgebrachten Gründe zu seiner Verwandtschaft und Freundschaft hingezogen, teils von seinen letzten Worten erschreckt, daß es besser sei, den Titus als Schwager anzunehmen, da Gisippus es nicht habe sein wollen, als den Gisippus als Schwager verloren und den Titus zum Feind gewonnen zu haben. Deshalb eilten sie, den Titus wieder aufzusuchen und ihm zu sagen, es sei ihnen genehm, daß Sophronia die Seine sei, und sie wollten hinfort sowohl ihn für ihren werten Verwandten, als den Gisippus für ihren guten Freund ansehen. Hierauf begrüßten sie sich mit aller Herzlichkeit wechselseitig als Verwandte und Freunde, und wieder heimgekehrt, sandten Sophronias Verwandte ihm diese zurück. Klug wie sie war, machte sie aus der Not eine Tugend und übertrug die Liebe, die sie für Gisippus empfunden hatte, bald auf Titus, ging mit ihm nach Rom und wurde hier mit großen Ehren empfangen.

Gisippus blieb indessen in Athen zurück. Allein, fast von allen gering geachtet, ward er nicht lange darauf durch gewisse Zwistigkeiten unter der Bürgerschaft mit allen Angehörigen seines Hauses arm und elend aus Athen verjagt und zu ewiger Verbannung verurteilt. In diesem Zustande, und nicht bloß arm, sondern zum Bettler geworden, schleppte sich Gisippus nach Rom, so gut er's vermochte, um zu versuchen, ob Titus sich seiner noch erinnerte. Nachdem er erfahren hatte, daß jener noch lebe und bei allen Römern in großem Ansehen stehe, erforschte er sein Haus, stellte sich vor dasselbe hin und harrte so lange, bis Titus herauskam. Bei dem Elend, in dem er sich befand, wagte er es nicht, ihn anzureden, sondern sann darauf, sich ihm bemerklich zu machen, damit Titus ihn erkenne[806] und alsdann herbeirufen lasse. Doch Titus ging vorüber, und da Gisippus glaubte, er habe ihn gesehen und schäme sich seiner, so eilte er, in der Erinnerung an das, was er einst für ihn getan hatte, von Unwillen und Verzweiflung ergriffen, von dannen.

Es war bereits Nacht geworden, und während er noch nüchtern, ohne Geld und ohne zu wissen wohin, vor allem nach dem Tode verlangend, umherirrte, geriet er in eine sehr wüste Gegend der Stadt. Hier erblickte er eine weite Grotte und trat in diese ein, um hier die Nacht zuzubringen. Übel bekleidet wie er war, warf er sich auf die nackte Erde nieder und verfiel endlich, vom langen Weinen erschöpft, in Schlaf.

Zu dieser Grotte kamen am frühen Morgen zwei Menschen, die nachts auf Diebstahl ausgewesen waren, mit dem gestohlenen Gut. Sie gerieten in Streit, und der eine, welcher der Stärkere war, erschlug den andern und entfloh. Dies alles hatte Gisippus mit angehört und gesehen, und er glaubte, nun zu dem Tod, den er so sehr begehrte, den Weg gefunden zu haben, ohne sich selbst töten zu müssen. Deshalb blieb er, ohne sich zu entfernen, so lange an dem Orte, bis die Schergen des Gerichts, die schon von diesem Vorfall gehört hatten, herbeikamen und den Gisippus gefangen ungestüm hinwegführten. Beim Verhör gestand er, daß er diesen Menschen getötet und nicht vermocht habe, aus der Grotte zu entfliehen. Deshalb gebot denn der Prätor, welcher Marcus Varro hieß, daß Gisippus, wie es damals Brauch war, am Kreuze sterben solle.

Zufällig war Titus zu dieser Stunde auf das Prätorium gekommen, blickte dem unglücklichen Verurteilten ins Gesicht, vernahm das Warum seiner Verurteilung und erkannte ihn plötzlich als Gisippus, nicht minder über dessen elendes Geschick als darüber erstaunt, wie er hierhergekommen sein könne. Von Verlangen ergriffen, ihn zu retten, und ohne einen andern Weg zu seinem Heil zu wissen, als wenn er sich selbst anklagte, um ihn von der Anklage zu befreien, trat er hervor und sagte laut: »Marcus Varro, rufe den armen Mann zurück, den du verurteilt hast, denn er ist schuldlos. Ich habe die Götter durch eine Schuld genug beleidigt, indem ich den erschlug, den deine Schergen heute morgen getötet fanden, und will sie jetzt[807] nicht zum zweitenmal durch den Tod eines andern Unschuldigen beleidigen.«

Varro erstaunte und war unzufrieden, daß das ganze Prätorium dies vernommen hatte. Doch da er nun mit Ehren nicht umhin konnte, zu tun, was die Gesetze vorschrieben, ließ er den Gisippus zurückkommen und sprach in Gegenwart des Titus zu ihm: »Wie warst du, ohne daß dir irgendein Zwang angetan wurde, so töricht, zu bekennen, was du nicht getan hast, wobei doch dein Leben auf dem Spiele stand? Du behauptest, der gewesen zu sein, welcher in der vergangenen Nacht jenen Menschen erschlug, und jetzt kommt dieser her und versichert, daß nicht du, sondern er ihn getötet hat.«

Gisippus blickte auf, sah, daß es Titus war, und erkannte gar wohl, er tue dies, um ihn zu retten und aus Dankbarkeit für den ihm einst erwiesenen Dienst. Weinend vor Rührung sprach er daher: »Varro, fürwahr ich tötete ihn, und des Titus Mitleid kommt für meine Rettung jetzt zu spät.« Von der andern Seite entgegnete Titus: »Prätor, wie du siehst, ist dieser ein Fremdling, der ohne Waffen an der Seite des Ermordeten gefunden wurde, und leicht kannst du erkennen, daß sein Elend ihm Anlaß gab, den Tod zu begehren. Darum laß ihn frei und strafe mich, der ich es verdient habe.«

Varro wunderte sich über die Hartnäckigkeit der beiden Männer und ahnte jetzt wohl, daß keiner von ihnen der Schuldige war. Während er noch über die Art nachdachte, wie beide loszusprechen seien, siehe, da trat ein Jüngling hervor, Publius Ambustus genannt, ein aufgegebener und allen Römern als Räuber bekannter Mensch. Dieser hatte in der Tat den Mord begangen, und da er wußte, daß keiner von jenen beiden der Tat schuldig sei, deren er sich bezichtigte, so kam eine solche Rührung über deren Unschuld in sein Herz, daß er, von Mitleid tief bewegt, vor Varro hintrat und also sprach: »Prätor, mein Geschick ruft mich herbei, um die schwere Streitfrage zwischen diesen beiden zu lösen. Ich weiß nicht, welch ein Gott mich innerlich stachelt und antreibt, dir meine Schuld zu bekennen, und darum wisse denn, daß keiner von beiden dessen schuldig ist, wessen jeder sich selbst anklagt. Ich bin in der Tat der, welcher jenen Menschen heute früh bei Tagesanbruch[808] erschlug, und diesen Unglücklichen, der hier steht, sah ich dort schlafend, während ich das gestohlene Gut mit dem teilte, den ich nachher ermordete. Titus aber braucht nicht erst von mir gerechtfertigt zu werden. Sein makelloser Ruf bekundet hinlänglich, daß er nicht der Mann ist, um dergleichen zu tun. Darum laß beide frei und verhänge über mich die Strafe, welche die Gesetze befehlen.«

Oktavian hatte bereits von dieser Sache gehört. Er ließ daher alle drei vor sich kommen und wollte die Ursache wissen, weshalb jeder der Verurteilte sein wollte. Alle erzählten sie ihm, und Oktavian ließ darauf die beiden frei, weil sie unschuldig waren, und den dritten ihnen zuliebe. Nun nahm Titus seinen Gisippus bei der Hand, und nachdem er ihn zuvor wegen seiner Lauheit und seines Mißtrauens gar sehr getadelt hatte, bezeigte er ihm unaussprechliche Freude und führte ihn in sein Haus, wo Sophronia ihn mit Tränen der Rührung wie einen Bruder empfing. Nachdem er ihn hier wieder einigermaßen erquickt, bekleidet und ausgestattet hatte, wie es seinen Tugenden und seinem Adel zukam, teilte er zuerst alle seine Schätze und jede seiner Besitzungen mit ihm und gab ihm dann eine seiner Schwestern, die noch jung war und Fulvia hieß, zur Gattin. Hierauf aber sprach er: »Gisippus, bei dir steht es nun, ob du hinfort bei mir weilen oder mit all dem, das ich dir geschenkt habe, nach Griechenland zurückkehren willst.« Gisippus, den einerseits das Exil, welches ihn aus seiner Vaterstadt verbannte, andererseits die Liebe bewog, die er mit Recht für die dankbare Freundschaft des Titus empfand, entschloß sich, ein Römer zu werden.

Hier lebten sie nun, er mit seiner Fulvia und Titus mit seiner Sophronia, in einem Hause lange und froh beisammen und wurden mit jedem Tage, wenn anders das noch möglich war, innigere Freunde.


Eine gar heilige Sache ist es also um die Freundschaft, und nicht nur besonderer Achtung würdig ist sie, sondern auch wert, mit ewigem Lobe gepriesen zu werden als verständige Mutter der Großmut und edler Gesinnung, als Schwester der Dankbarkeit und der Nächstenliebe, als des Hasses und des Geizes[809] Feindin, die immer, ohne die Bitten abzuwarten, bereit ist, kräftig für andere das zu tun, was sie wünscht, daß für sie selbst getan werde.

Dafür aber, daß ihre heiligen Wirkungen in unsern Tagen selten in zwei Menschen entdeckt werden, fallen Schuld und Schmach auf die elende Habgier der Menschen, welche, indem sie nur auf den eigenen Vorteil sieht, jene über die äußersten Grenzen der Erde hinaus in ewige Verbannung gewiesen hat. Welche Liebe, welche Reichtümer, welche Verwandtschaft hätten die Glut, die Tränen und Seufzer des Titus so wirksam im Herzen des Gisippus widertönen lassen, daß er darum seine schöne, edle und von ihm selbst geliebte Braut zu der des Titus gemacht hätte, wenn nicht sie, die Freundschaft, es getan? Welche Gesetze, welche Drohungen und welche Furcht hätten die jugendlichen Arme des Gisippus an einsamen und dunklen Orten, ja im eigenen Bett davon abgehalten, die junge Schöne zu umschlingen, welche ihn vielleicht selbst gelegentlich dazu einlud, wäre nicht die Freundschaft gewesen? Welcher äußere Glanz, welche Belohnung, welcher Vorteil hätten es den Gisippus gering achten lassen, seine eigenen Verwandten und die Sophronias zu verlieren, hätten ihn bewogen, das verletzende Murren des Volkes zu überhören, Hohn und Spott aller zu verachten, nur um dem Freund genugzutun, als eben sie?

Und auf der andern Seite, wer hätte den Titus bereit gemacht, den eigenen Tod zu suchen, obwohl er sich gut so stellen konnte, als sehe er nichts, um Gisippus vom Kreuze, das er sich selbst bereitete, zu retten, hätte sie es nicht getan? Wer hätte den Titus ohne jedes Zögern so freigebig gemacht, sein großes Erbe mit Gisippus zu teilen, dem das Schicksal seines geraubt hatte, als nur sie? Und wer endlich hätte den Titus ohne alles Bedenken dazu gebracht, die Verbindung des Gisippus mit seiner Schwester eifrig zu betreiben, obwohl er ihn arm und im höchsten Elend fand, als wiederum nur sie?

Mögen die Menschen daher nach der Menge der Genossen, nach zahllosen Brüdern, nach vielen Kindern verlangen, mögen sie mit ihrem Geld die Zahl ihrer Diener vermehren, ohne zu bedenken, daß diese alle, wer sie auch sein mögen, bei der geringsten[810] eigenen Gefahr mehr an sich denken als daran, die großen Gefahren zu beseitigen, die den Vater, den Bruder oder den Herrn bedrohen – während der Freund von diesem allen das Gegenteil tut.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 791-811.
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