Achte Geschichte

[162] Der Graf von Antwerpen geht einer falschen Anschuldigung wegen in die Verbannung und läßt seine zwei Kinder an verschiedenen Orten in England. Als er später unerkannt zurückkehrt, findet er beide in glücklicher Lage. Er zieht als Stallknecht mit dem Heere des Königs von Frankreich, seine Unschuld wird entdeckt, und er gewinnt seine frühere Stellung wieder.


Die Damen hatten häufig geseufzt, als sie die mannigfachen Schicksale vernahmen, welche die schöne Alatiel betroffen. Wer weiß aber, was die Ursache jener Seufzer war? Vielleicht war die eine oder andere unter ihnen, die aus Verlangen nach ebenso zahlreichen Hochzeiten nicht minder als aus Mitleid seufzte. Indes, ich will mich für jetzt nicht mit einer solchen Untersuchung aufhalten, sondern sage, daß die Königin nach den letzten Worten des Panfilo sich zu Elisa wendete und dieser auftrug, mit einer neuen Geschichte die Reihe fortzusetzen. Elisa war dazu gern bereit und begann also:

Wir ergehen uns heute auf einem weiten Plan, auf dem wohl ein jeder von uns nicht nur eine, sondern zehn und mehr Lanzen ohne Mühe zu brechen vermöchte, so reichen Vorrat an unerwarteten und harten Losen bietet uns das Schicksal. Aus dieser ungezählten Menge denn auch ich eine Geschichte heraus:

Als das römische Kaiserreich von den Franzosen auf die Deutschen übergegangen war, entstanden zwischen den beiden Völkern große Feindschaft und anhaltende, erbitterte Kriege. Infolgedessen stellten einmal der König von Frankreich und sein Sohn mit aller Anstrengung des Reiches und mit aller Unterstützung der Freunde und Verwandten ein großes Heer auf, teils zur Verteidigung des eigenen Landes, teils aber auch, um das fremde anzugreifen. Bevor sie aber auszogen, ernannten[162] sie, um das Reich nicht ohne Führung zu lassen, den Grafen Walter von Antwerpen, einen Mann von edlem Hause und großer Einsicht, der ihnen, wie sie wußten, besonders treu ergeben und befreundet war, zum allgemeinen Reichsverweser. Denn obgleich dieser in der Kriegskunst wohlerfahren war, so glaubten sie ihn dennoch mehr zu dem weichen Hofleben als zu den Anstrengungen des Kriegshandwerks geeignet. So fing denn Walter mit Verstand und Umsicht das ihm übertragene Amt auszuüben an und zog dabei jedesmal die Königin und ihre Schwiegertochter zu Rate, welche er beide, obgleich sie seiner Hut und Lenkung anvertraut waren, immer als seine Oberen und Gebieterinnen behandelte.

Walter war ein schöner Mann zu nennen. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein und war wohlgesittet und unterhaltend, wie nur ein Edelmann sein kann. Dabei war er der anmutigste und zierlichste Ritter seiner Zeit und zeichnete sich durch reichgeschmückte Kleider vor allen andern aus. Seine Frau war ihm bereits gestorben, und von ihr waren ihm nur ein Sohn und eine Tochter geblieben, die beide klein waren. So geschah es denn, daß, während der König von Frankreich und sein Sohn den erwähnten Krieg verfolgten und Walter deshalb den Hof der beiden Frauen oft besuchte und über die Angelegenheiten des Reiches mit ihnen sprach, die Gemahlin des Königssohnes ein Auge auf ihn warf, seine Gestalt und seine feinen Sitten mit leidenschaftlicher Vorliebe betrachtete und im verborgenen in glühender Liebe für ihn entbrannte. Da sie sich nun bewußt war, jung und hübsch zu sein, und es ihm an einer Frau fehlte, meinte sie, mit leichter Mühe zur Erfüllung ihres Wunsches zu gelangen. Da nach ihrem Dafürhalten nur ihre Scham im Wege stand, entschloß sie sich, diese völlig abzutun und sich ihm ganz zu offenbaren.

In dieser Absicht schickte sie eines Tages nach ihm, als sie eben allein war und die Zeit ihr zu ihrem Vorhaben gelegen schien, als ob sie über andere Dinge mit ihm zu reden habe. Der Graf, dessen Gesinnung von den Wünschen der Dame weit entfernt war, gehorchte diesem Befehle augenblicklich. Schon hatte er sich auf ihr Geheiß in einem Gemache, in welchem er mit ihr allein war, neben sie auf ein Ruhebett gesetzt und sie[163] zweimal, ohne Antwort zu erhalten, nach der Ursache gefragt, um derentwillen sie ihn habe kommen lassen, als sie endlich, von der Liebe überwältigt, purpurrot vor Scham, zitternd und stammelnd also zu reden begann: »Teurer und geliebter Freund, dem ich angehöre! Euch als einem so verständigen Manne ist die Schwachheit sicherlich nicht unbekannt, der Männer sowohl als auch Frauen unterliegen, obgleich ihr unter den Frauen aus verschiedenen Gründen die eine mehr als die andere unterworfen ist. Mit Rücksicht darauf wird ein gerechter Richter dieselbe Sünde nach Verschiedenheit der Personen nicht mit derselben Strafe belegen. Wer könnte wohl leugnen, daß ein armer Mann oder ein armes Weib, die sich ihren Lebensunterhalt durch eigenen Schweiß verdienen müssen, weit mehr zu tadeln sind, wenn sie sich von der Liebe verlocken lassen und ihren Reizen folgen, als eine Frau, die in Reichtum und Muße sich nichts von dem zu versagen gewohnt ist, wonach sie ein Verlangen empfindet? Gewiß niemand. So glaube ich denn, daß die erwähnten Umstände sehr ins Gewicht fallen und jene Frau hinreichend entschuldigen, die sich so weit vergißt, der Liebe Gehör zu geben. Hat aber die Liebende sich außerdem einen verständigen und ehrenwerten Geliebten erkoren, so meine ich, vollendet dies ihre Entschuldigung. Nun trifft, wie mich dünkt, nicht allein beides in mir zusammen, sondern mich verleiten überdies noch manche andere Ursachen zur Liebe, so zum Beispiel meine Jugend und die Abwesenheit meines Gemahls. All dies möge also jetzt verbunden auftreten, um mich in Euren Augen wegen meiner glühenden Liebe zu entschuldigen, und gelingt mir dies Bestreben, wie es bei einem verständigen Manne gelingen muß, so bitte ich Euch, mir Euren Rat und Eure Hilfe zu gewähren. Ich gestehe Euch nämlich, daß ich unfähig bin, während der Abwesenheit meines Gemahls dem Stachel des Fleisches und der Gewalt der Liebe Widerstand zu leisten, welche beide so mächtig sind, daß die stärksten Männer, geschweige denn zarte Frauen von ihnen oftmals überwältigt wurden und noch täglich werden. Im Wohlleben und in der Muße, denen ich, wie Ihr seht, ausgeliefert bin, habe ich die Schwäche besessen, dem Verlangen der Liebe nachzuhängen und in verliebter Glut mich zu entzünden. Obwohl ich weiß, daß meine Schwachheit, wenn sie bekannt würde,[164] als unziemlich gelten müßte, finde ich nichts Unehrenhaftes dabei, solange sie verborgen ist und bleibt. Ist mir doch Amor insoweit günstig gewesen, daß er mir bei der Wahl des Geliebten nicht etwa die Einsicht geraubt, sondern vielmehr sie mir in reichem Maße verliehen hat, indem er mir in Eurer Person den gezeigt hat, der die Liebe verdient, die ihm eine Dame wie ich entgegenbringt. Täuscht mich kein Blendwerk, so seid Ihr der schönste, liebenswürdigste, anmutigste und verständigste Ritter, der im Königreich Frankreich gefunden werden kann. Außerdem fehlt Euch die Frau, wie mir jetzt der Gemahl fehlt. So bitte ich Euch denn bei der heißen Liebe, die ich für Euch im Herzen trage, mir die Eure nicht vorzuenthalten und mit meiner Jugend Mitleid zu haben, die sich in Wahrheit um Euretwillen wie das Eis am Feuer völlig verzehrt.«

Diesen Worten folgte ein solches Übermaß von Tränen, daß die Dame, die noch weitere Bitten hinzufügen wollte, nicht imstande war, weiterzureden, sondern das Haupt niederbeugte und, wie vom Gefühl überwältigt, damit weinend an die Brust des Grafen sank. Der Graf dagegen schalt als ein durchaus rechtlicher Ritter so törichte Liebe, stieß die Dame zurück, die ihm schon um den Hals fallen wollte, und versicherte mit den heiligsten Schwüren, lieber ließe er sich vierteilen, als von sich selbst oder von anderen solch ein Vergehen gegen die Ehre seines Herrn zu dulden.

Jedoch kaum hatte die Dame das vernommen, so war ihre Liebe vergessen und in wütenden Haß verwandelt. »Plumper Ritter«, rief sie, »soll ich denn auf solche Weise wegen meines Antrags von Euch verhöhnt werden? Da sei doch Gott vor, daß ich, weil Ihr mich töten wollt, nicht Euch statt dessen ums Leben bringen oder aus der ganzen Welt vertreiben sollte!« Und während sie noch sprach, fuhr sie mit den Händen in die Haare, zerraufte und verwirrte sich ganz, riß sich die Kleider auf, zerschlug sich den Busen und schrie, so laut sie konnte: »Zu Hilfe, zu Hilfe, der Graf von Antwerpen will mir Gewalt antun!«

Als der Graf dieses Benehmen sah, sprang er auf, so rasch er nur konnte, weniger um der Reinheit seines Gewissens willen als aus Furcht vor dem höfischen Neide, der, wie er ahnte,[165] der Bosheit der Fürstin mehr Glauben schenkte als seiner Unschuld. Er verließ das Zimmer und den Palast und floh in seine Wohnung. Hier hob er, ohne sich weiter zu besinnen, seine beiden Kinder aufs Pferd, stieg selber auf und ritt, so schnell er nur konnte, nach Calais. Inzwischen liefen auf das Geschrei der Dame viele Leute herbei, und als sie diese im beschriebenen Zustand antrafen, glaubten sie nicht allein dem von ihr vorgegebenen Grund ihres Schreiens, sie behaupteten noch außerdem, die Artigkeit und das zierliche Wesen des Grafen hätten nur zur Erreichung dieses Zieles dienen sollen. So lief denn alles wütend nach dem Hause des Grafen, um ihn festzunehmen, und als er nicht mehr gefunden ward, plünderte und zerstörte man es, bis es dem Erdboden gleichgemacht war. Auch gelangte die Neuigkeit, entstellt wie sie zu Paris erzählt wurde, in das Heer des Königs und seines Sohnes. Diese verurteilten, hocherzürnt über solchen Frevel, den Grafen und seine Nachkommen zu ewiger Verbannung und versprachen jedem, der sie lebend oder tot einbrächte, die größte Belohnung.

Es betrübte den Grafen, daß er, seiner Unschuld ungeachtet, durch die Flucht den Schein der Schuld auf sich nehmen mußte, doch ließ er darum nicht in seiner Eile nach, kam unerkannt mit seinen Kindern nach Calais, schiffte von dort eilig nach England hinüber und machte sich in ärmlicher Kleidung auf den Weg nach London. Bevor er indes die Stadt betrat, unterwies er seine Kinder ausführlich, besonders aber in zwei Dingen, daß sie nämlich erstens die dürftige Lage, in welche sie das Schicksal ohne ihre Schuld alle zusammen gestürzt, geduldig ertragen möchten, und daß sie zum andern, so lieb ihnen ihr Leben sei, mit der größten Sorgfalt verborgen halten möchten, woher sie gekommen und wessen Kinder sie seien. Der Sohn hieß Ludwig und zählte etwa neun Jahre, die Tochter, die Violante hieß, hatte deren ungefähr sieben, und beide faßten, soweit ihr zartes Alter es zuließ, die Unterweisungen ihres Vaters gut auf, wie sie es später durch die Tat bewiesen. Damit sie es leichter hätten, glaubte der Vater, die Namen der Kinder ändern zu müssen, und nannte den Knaben Pierrot, das Mädchen Jeannette.

Nachdem sie nun in ärmlicher Tracht nach London gekommen[166] waren, fingen sie an, so nach Almosen umherzugehen, wie wir es täglich die französischen Bettler tun sehen. Als sie eines Morgens in dieser Absicht eine Kirche besuchten, geschah es, daß eine vornehme Dame, welche mit einem der Marschälle des englischen Königs vermählt war, den Grafen und seine beiden Kinder gewahrte, wie sie eben um Almosen baten. Die Dame fragte ihn, woher er sei und ob die Kinder ihm gehörten. Er erwiderte, er sei aus der Pikardie und habe wegen der Verbrechen seines ungeratenen älteren Sohnes mit diesen beiden, die auch seine Kinder seien, fliehen müssen. Die Dame hatte ein gar mitleidiges Herz. Sie warf ein Auge auf die Kleine, die ihr wohlgefiel, weil sie hübsch, sittsam und zutraulich war, und fragte: »Guter Freund, wenn du nichts dawider hast, mir dein Töchterchen zu lassen, so will ich es um seines günstigen Aussehens willen gern nehmen, und wenn ein ordentliches Mädchen aus ihm wird, werde ich es zur gegebenen Zeit angemessen verheiraten.« Dem Grafen war der Vorschlag höchst willkommen. Er willigte sogleich ein, übergab der Dame mit Tränen das Kind und empfahl es ihr auf das dringlichste.

Als nun der Graf das Töchterchen untergebracht hatte und in guten Händen wußte, beschloß er, nicht länger in London zu bleiben, sondern durchwanderte bettelnd die Insel und gelangte endlich mit Pierrot, von der ungewohnten Anstrengung der Fußreise ermüdet, nach Wales. Hier wohnte ein anderer königlicher Marschall, der ein stattliches Hauswesen und zahlreiche Dienerschaft hielt und an dessen Hofe der Graf und sein Sohn häufig vorsprachen, um eine Mahlzeit zu erhalten. Dieser Marschall hatte einen Sohn, der sich mit den Söhnen anderer Edelleute im Laufen, Springen und dergleichen übte, wie es Kinder tun. Pierrot gesellte sich zu ihnen und tat es ihnen in allem gleich oder übertraf sie sogar. Einige Male sah der Marschall diesen Spielen zu, und das Betragen des Knaben gefiel ihm so sehr, daß er fragte, wem er gehöre. Man erwiderte, er sei der Sohn eines armen Mannes, der zuzeiten komme, um ein Almosen zu erbitten. Darauf ließ der Marschall den Vater um den Knaben ansprechen, und dieser, der Gott um nichts dringlicher gebeten hatte, willigte gern ein, so leid es ihm auch tat, sich von dem Knaben trennen zu müssen.[167]

Da nun der Graf Sohn und Tochter versorgt sah, gedachte er nicht länger in England zu verweilen, sondern sah, wie er hinüber nach Irland kam. Hier angekommen, verdingte er sich in der Nähe von Stamford bei einem Grafen auf dem Lande als Knecht, versah sämtliche Arbeiten, die einem Knecht oder Pferdejungen obliegen, und blieb dort unter vielem Ungemach und großer Mühe lange Zeit, ohne von irgend jemand erkannt zu werden.

Inzwischen nahm Violante, die jetzt Jeannette hieß, bei der Edeldame in London an Jahren und an Schönheit zu und gewann die Gunst der Dame, ihres Gemahls, der übrigen Hausbewohner und aller, die sie sonst kannten, in erstaunlichem Maße. Denn es war niemand, der nicht gestehen mußte, daß ihr sittsames Wesen der höchsten Auszeichnung und des schönsten Lohnes wert sei. Aus diesem Grunde hatte die Dame, die sie von ihrem Vater empfangen und über ihre Abkunft nie etwas anderes hatte erfahren können, als was sie von diesem selber gehört, sich schon vorgenommen, sie ihrem vermeintlichen Stande gemäß gut zu verheiraten. Gott aber, der die Verdienste der Menschen mit gerechtem Auge durchschaut, erwog ihre adelige Geburt und ihre Unschuld, die für fremde Sünde büßte, und lenkte es anders; denn wir müssen glauben, daß seine Gnade, was sich nun ereignete, zuließ, um das Mädchen nicht in niedrige Hände geraten zu lassen.

Die Edelfrau, die Jeannette aufgenommen, hatte von ihrem Manne einen einzigen Sohn, den sie und sein Vater innig liebten, nicht allein, weil er ihr Sohn war, sondern auch um seiner Tugenden und Verdienste willen, denn er war wohlgesittet, tapfer, schön von Gestalt und von adeliger Gesinnung wie kein anderer. Er mochte etwa sechs Jahre älter sein als Jeannette, und ihre Schönheit und Anmut machten solchen Ein druck auf ihn, daß er sich aufs heftigste in sie verliebte und nur noch sie sah. Weil er aber glaubte, sie sei von geringer Herkunft, wagte er es nicht, sie von seinen Eltern zur Frau zu begehren, und aus Furcht vor Tadel verbarg er seine Liebe, so gut er nur konnte. Dieses Bestreben fachte jedoch seine Glut noch viel mehr an, als wenn er sie offenbart hätte, und so geschah es, daß er, von übermäßiger Leidenschaft verzehrt, in eine[168] schwere Krankheit verfiel. Viele Ärzte wurden herbeigerufen, um ihn zu heilen; soviel sie aber auch alle Zeichen der Krankheit beobachteten, so vermochten sie doch nicht, den wahren Grund zu erkennen, und mußten ihn endlich insgesamt aufgeben. Die Betrübnis der Eltern des Jünglings war sehr groß, und oft baten sie ihn auf das liebevollste, ihnen die Ursache seines Übels zu entdecken. Er aber antwortete ihnen nur mit Seufzern oder erklärte, daß er sich innerlich aufzehre.

Als nun eines Tages ein junger, aber tief in die Wissenschaft eingedrungener Arzt neben dem Kranken saß und dessen Arm da hielt, wo die Sachverständigen nach dem Pulse fühlen, geschah es, daß Jeannette, die den Kranken der Mutter zuliebe sorgfältig pflegte, ins Zimmer trat, um etwas für ihn zu besorgen. Sobald der Jüngling sie gewahrte, fühlte er, obgleich er kein Wort sprach und seine Miene nicht veränderte, in seinem Herzen die Glut der Liebe heftiger aufflammen, so daß der Puls stärker als zuvor zu schlagen begann. Der Arzt bemerkte das sogleich und wunderte sich darüber, doch schwieg er, um zu sehen, wie lange der schnellere Pulsschlag anhalten werde. Nun hatte Jeannette das Zimmer kaum wieder verlassen, als der Puls sich auch beruhigte. Der Arzt vermutete, der Krankheitsursache auf die Spur gekommen zu sein, und ließ nach einiger Zeit Jeannette unter dem Vorwand, daß er sie etwas zu fragen habe, wieder hereinrufen, wobei er den Arm des Kranken noch immer in der Hand hielt. Sie gehorchte sogleich, und kaum hatte sie das Zimmer betreten, als der Puls des Jünglings zunahm und ebenso nachließ, als sie wieder aus dem Zimmer ging. Jetzt glaubte der Arzt seiner Sache vollkommen gewiß zu sein. Er stand auf, nahm Vater und Mutter des Kranken beiseite und sagte zu ihnen: »Die Gesundheit eures Sohnes liegt nicht in den Händen der Ärzte, sondern in denen Jeannettes. Sichere Zeichen haben mich überzeugt, daß euer Sohn sie glühend liebt, obgleich sie, soviel ich gemerkt habe, nichts davon ahnt. Jetzt wißt ihr, was ihr zu tun habt, wenn sein Leben euch am Herzen liegt.«

Der Edelmann und seine Gemahlin waren erfreut über diese Nachricht, weil nun doch wenigstens Aussicht auf Heilung bestand, so hart es sie auch ankam, das zu tun, was unvermeidlich[169] schien, nämlich Jeannette ihrem Sohne zur Frau zu geben. So gingen sie dann, nachdem sie den Arzt entlassen hatten, zu dem Kranken, und die Mutter sagte: »Mein Sohn, ich hätte nie gedacht, daß du mir einen deiner Wünsche verhehltest, am wenigsten aber nun, wo dein unerfülltes Verlangen dich inwendig verzehrt. Du durftest und darfst sicher sein, daß ich, um dich zufriedenzustellen, alles tun würde, was ich vermag, genau so, wie ich's für mich selbst täte, selbst wenn es sich um etwas handelt, das den guten Sitten nicht ganz entspricht. Weil du aber dennoch nicht ganz offen gegen mich gewesen bist, hat Gott größeres Mitleid mit dir gehabt als du selbst. Damit diese Krankheit dir nicht tödlich werde, hat er mir die Ursache deines Übels entdeckt. Es besteht in nichts anderem, als daß du in übergroßer Liebe zu einem Mädchen entbrannt bist, dessen Namen ich jetzt nicht nennen will. Warum hast du dich aber gescheut, mir dies zu entdecken? Bringt es dein Alter nicht mit sich? Müßte ich nicht sogar eine geringe Meinung von dir hegen, wenn du nicht verliebt wärest? So fürchte dich denn nicht länger vor mir, mein Sohn, sondern entdecke mir offen alle deine Wünsche. Verscheuche den Trübsinn und die Bedenken, die du hegst und die allein dir diese Krankheit zugezogen haben. Fasse Mut und sei überzeugt, daß du nichts von mir fordern kannst, was ich nicht, soweit es in meinen Kräften steht, gern täte, um dich, den ich mehr als mein Leben liebe, zufriedenzustellen. Verbanne deine Scheu und deine Besorgnis, sage mir, ob ich deine Liebe irgendwie fördern kann. Du darfst mich für die grausamste Mutter halten, die je einen Sohn geboren hat, wenn du mich dann nicht auf das eifrigste bemüht findest, dich zum Ziele zu führen.«

Als der Jüngling diese Worte seiner Mutter vernahm, errötete er, weil er sein Geheimnis entdeckt sah. Da er aber bedachte, daß niemand besser als sie imstande sei, seinem Verlangen Gewährung zu verschaffen, überwand er seine Scheu und sagte: »Mutter, ich habe meine Liebe nur vor Euch verborgen gehalten, weil ich bemerkt habe, daß die meisten Menschen, wenn sie zu Jahren kommen, sich nicht mehr daran erinnern wollen, daß auch sie einmal jung waren. Weil ich Euch aber hierin so verständig finde, will ich nicht leugnen, daß es sich[170] so verhält, wie Ihr vermutet. Mehr noch, ich will Euch auch offenbaren, wen ich liebe, vorausgesetzt, daß Ihr Euer Versprechen nach Kräften erfüllt, denn nur dadurch könnt Ihr mich gesund machen.«

Im Vertrauen darauf, daß ihr gelingen werde, was ihr nicht gelang, zumindest nicht so, wie sie sich's gedacht hatte, erwiderte die Dame in zuversichtlichem Ton, er möge ihr seine Wünsche ohne Bedenken mitteilen, und sie werde sich sogleich bemühen, sein Verlangen zu stillen.

Darauf sagte der Jüngling: »Liebe Mutter, die hohe Schönheit und das mustergültige Benehmen unserer Jeannette, die Unmöglichkeit, sie meine Liebe erkennen zu lassen, geschweige denn ihr Mitleid zu wecken, und meine eigene Scheu, die mich gehindert hat, zu jemandem von meiner Liebe zu sprechen, haben mich in den Zustand versetzt, in dem Ihr mich jetzt seht. Und sollte aus irgendeinem Grund das unterbleiben, was Ihr mir versprochen habt, so dürft Ihr überzeugt sein, daß mein Leben bald ein Ende nimmt.«

Die Dame, die spürte, daß es im Augenblick besser war, ihn zu ermutigen, statt ihm Vorwürfe zu machen, antwortete lächelnd: »Darum also hast du dich krank gegrämt? Nun, wenn es das ist, so sei guten Mutes und lasse mich sorgen, sobald du wieder gesund bist.«

Von froher Hoffnung erfüllt, wies der Jüngling binnen kurzem Zeichen entschiedener Besserung auf, und die Dame, hocherfreut über den Erfolg, dachte nun daran, wie sie das dem Sohn gegebene Versprechen erfüllen wolle. Zu diesem Zweck rief sie eines Tages Jeannette und fragte sie unter freundlichen Scherzen, ob sie einen Liebsten habe. Jeannette errötete über und über und erwiderte: »Gnädige Frau, für ein armes, von Hause verstoßenes Mädchen wie mich, das in fremden Diensten steht, ziemt es sich nicht, sich mit der Liebe abzugeben.« Darauf sagte die Dame: »Wenn Ihr denn keinen Liebhaber besitzt, so wollen wir Euch einen verschaffen. An dem sollt Ihr Eure Freude haben und Eurer Schönheit erst recht froh werden. Ein so schönes Mädchen wie Ihr darf nicht ohne einen Liebsten sein.« »Gnädige Frau«, entgegnete darauf Jeannette, »Ihr habt mich der Armut meines Vaters entrissen und wie eine Tochter[171] aufgezogen. Darum wäre es meine Pflicht, alles zu tun, was Ihr verlangt. In diesem einen Punkte aber kann ich Eurem Willen nicht gehorchen und glaube, daran recht zu tun. Wenn es Euch gefällt, mir einen Mann zu geben, so werde ich den lieben, aber keinen andern; denn mir ist von dem Erbe meiner Vorfahren nichts geblieben als die Sittsamkeit, und so will ich die hüten und bewahren, solange mein Leben währt.«

Diese Worte waren dem Plane sehr entgegen, den die Dame ersonnen hatte, um das dem Sohn gegebene Versprechen zu erfüllen, obwohl sie, verständig wie sie war, in ihrem Herzen das Mädchen dafür um so höher achten mußte. Sie sagte darauf: »Wie aber, Jeannette, wenn unser gnädiger Herr König, der ein junger Ritter ist, von deiner Liebe eine Gunst begehrte, weil du ein schönes Mädchen bist? Würdest du sie ihm abschlagen?« Sogleich erwiderte jene: »Gewalt könnte mir der König antun, aber mit meinem Willen erlangte er nie etwas anderes von mir, als was der Sittsamkeit gemäß ist.«

Die Dame sah nun wohl, wie es um die Gesinnung des Mädchens stand. Deshalb sparte sie sich weitere Reden und sann darauf, sie durch die Tat auf die Probe zu stellen. Deshalb sagte sie zu ihrem Sohn, sie werde ihn, sobald er genesen sei, mit dem Mädchen in eine Kammer bringen. Dann möge er versuchen, selbst ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen; denn es scheine ihr unschicklich, wie eine Kupplerin ein gutes Wort für ihren Sohn einzulegen und ein Mädchen zu bitten, das in ihren Diensten stehe.

Der junge Mann war mit diesem Vorschlag keineswegs zufrieden und wurde alsbald wieder um vieles kränker. Als die Mutter das sah, gab sie Jeannette in aller Offenheit ihre Wünsche zu erkennen, fand diese aber noch standhafter als zuvor. Darauf erzählte sie alles, was sie bisher getan hatte, ihrem Gemahl. So schwer es ihnen auch fiel, entschlossen sie sich dennoch gemeinsam, Jeannette ihrem Sohn zur Frau zu geben, da sie immer noch lieber den Sohn unstandesgemäß verheiratet, aber lebendig, als unverheiratet und tot sehen wollten. Und so taten sie denn nach vielem Hin- und Herreden wirklich. Jeannette freute sich dessen innigst und dankte Gott aus vollem Herzen, daß er sie nicht vergessen habe, sagte aber dennoch nichts[172] anderes, als sie sei die Tochter eines Pikarden. Der junge Mann genas, feierte sein Hochzeit, fröhlich wie kein anderer, und begann die Freuden zu genießen, welche die Liebe ihm bot.

Inzwischen hatte sich Pierrot, bei dem anderen Marschall des Königs von England aufwachsend, ebenfalls die Gunst seines Herrn erworben. Er war schön von Gestalt und so wacker wie kein anderer auf der Insel, so daß in Kampfspielen und Turnieren niemand unter den Einheimischen sich der Waffen so mächtig erwies wie er. So war er denn unter dem Namen Pierrot, der Pikarde, den sie ihm beigelegt, überall gekannt und geehrt. Wie aber Gott seine Schwester nicht vergessen hatte, so zeigte sich bald, daß er auch seiner gedachte. Es kam über jene Gegenden eine verheerende Seuche, die fast die Hälfte der Bevölkerung hinwegraffte, davon ganz zu schweigen, daß auch von den übrigen so viele in ferne Landschaften flohen, daß das Land völlig verlassen zu sein schien. In diesem allgemeinen Sterben kamen auch Pierrots Herr, der Marschall, dessen Gemahlin und Sohn nebst mehreren anderen Brüdern, Neffen und Verwandten des Hauses um, so daß niemand übrigblieb als eine schon mannbare Tochter, Pierrot und einige andere Diener. Als die Seuche ein wenig nachgelassen hatte, entschloß sich die junge Dame auf den Rat und zur Freude einiger am Leben gebliebener Nachbarn, Pierrot als einen tapferen und tüchtigen Menschen zum Manne zu nehmen, und machte ihn zum Herrn über alles, was ihr durch Erbschaft zugefallen war. Auch dauerte es nicht lange, so vernahm der König von England den Tod des Marschalls und ernannte darauf Pierrot, den Pikarden, dessen Tüchtigkeit ihm bereits bekannt geworden war, an Stelle des Verstorbenen zu seinem Marschall.

Dies sind in kurzen Zügen die Schicksale der beiden unschuldigen Kinder des Grafen von Antwerpen, die dieser als verloren zurückgelassen hatte.

Es waren schon achtzehn Jahre verstrichen, seit der Graf aus Paris entflohen war, als er nach mancherlei Leiden und gar dürftigem Leben Lust bekam, Irland, wo er sich bisher aufgehalten hatte, zu verlassen, um nun, im Alter, zu vernehmen, was aus seinen Kindern geworden war. Er sah wohl, daß er[173] in der langen Zeit seine Gestalt völlig verändert hatte, auch war er durch die langen körperlichen Anstrengungen rüstiger geworden als zuvor, während er in der Muße lebte. So verließ er, arm und schlecht gekleidet, wie er war, den Herrn, bei dem er lange Zeit gelebt hatte, und fuhr nach England hinüber. Zunächst ging er an den Ort, wo er Pierrot zurückgelassen hatte, fand ihn als einen großen Herrn und königlichen Marschall wieder und sah, daß er gesund und kräftig und schön von Gestalt geworden war. Zwar freute er sich darüber herzlich, doch wollte er sich nicht eher zu erkennen geben, als bis er über Jeannette Auskunft erhalten hatte.

Zu diesem Zweck machte er sich auf den Weg und gönnte sich keine Ruhe, bis er in London angekommen war. Hier fragte er sorgfältig nach der Dame, welcher er die Tochter gelassen, und nach ihren Familienverhältnissen und erfuhr, daß Jeannette die Frau ihres Sohnes geworden war. Seine Freude darüber war so groß, daß er alles vergangene Ungemach gering achtete, weil er seine Kinder lebend und in glücklicher Lage wiedergefunden hatte. Voller Verlangen, die Tochter wiederzusehen, ging er nun täglich in der Nähe ihres Hauses betteln. Hier sah ihn eines Tages Jakob Lamiens, denn so hieß der Gemahl Jeannettes, und er erbarmte sich des armen alten Mannes. Er befahl einem seiner Diener, ihn ins Haus zu führen und ihm zu essen zu geben. Der Diener tat willig, was ihm geboten war. Jeannette aber hatte Jakob schon mehrere Kinder geboren, von denen das älteste nicht mehr als acht Jahre zählte und die sämtlich die hübschesten und artigsten Kinder von der Welt waren. Als diese den Grafen essen sahen, waren sie gleich alle um ihn her und taten ihm schön, als ob sie, von einer verborgenen Kraft getrieben, geahnt hätten, daß er ihr Großvater sei. Der Graf wurde bald gewahr, daß er seine Enkel vor sich hatte, und herzte und liebkoste sie, weshalb denn die Kinder nicht von ihm lassen wollten, soviel auch der, dem die Aufsicht über sie oblag, nach ihnen rief. Jeannette hörte das und kam aus einem anstoßenden Gemach in das Zimmer, wo sich der Graf befand. Sie drohte den Kindern nachdrücklich mit Schlägen, wenn sie nicht täten, was ihr Lehrer wollte. Da fingen die Kinder zu weinen an und erklärten, sie wollten bei[174] dem wackeren Manne bleiben, der sie lieber hätte als ihr Erzieher, worüber Graf und Gräfin herzlich lachen mußten.

Inzwischen hatte sich der Graf erhoben, nicht um die Tochter als Vater zu begrüßen, sondern um als armer Mann einer vornehmen Dame die schuldige Ehrfurcht zu erweisen, und hatte sich in der Stille unsäglich über ihren Anblick gefreut. Sie aber erkannte ihn weder damals noch späterhin, so sehr hatte er sich verändert; denn alt und grau und mager, bärtig und braungebrannt wie er war, glich er eher einem Wildfremden als dem Grafen von Antwerpen. Als die Dame sah, daß die Kinder nicht von ihm ablassen wollten, sondern weinten, sagte sie dem Hofmeister, er möge sie nur eine Weile gewähren lassen.

Während aber die Kinder noch bei dem wackeren Manne verweilten, kam Jakobs Vater zufällig nach Hause und erfuhr vom Hofmeister, was sich zugetragen hatte. Jeannette war ihm ohnehin zuwider, und so sagte er zu diesem: »Laßt sie, beim Henker, der sie holen mag, wenn er Lust hat. Ihr Benehmen zeigt ja nur ihre Abkunft. Von mütterlicher Seite sind sie Bettelkinder, darum ist's kein Wunder, wenn sie sich am liebsten mit Bettlern abgeben.« Der Graf hörte diese Rede und fühlte sich schwer gekränkt, doch zuckte er die Achseln und trug diesen Schimpf geduldig wie so manchen andern. Jakob hingegen liebte die Kinder sehr und hatte gesehen, wie freundlich sie gegen den wackeren Mann gewesen waren. Obwohl ihm das nicht paßte, ließ er, nur um keine Tränen sehen zu müssen, jenem sagen, wenn er im Hause einen Dienst annehmen wolle, werde er willkommen sein. Der Graf antwortete, er wolle gern bleiben, er verstehe sich jedoch nur darauf, die Pferde zu warten, was er sein ganzes Leben lang getan habe. Darauf wurde ihm ein Pferd zugewiesen, und sobald er das besorgt hatte, scherzte und spielte er mit den Kindern.

Derweilen das Schicksal auf die bisher geschilderte Weise den Grafen und seine Kinder geleitet hatte, war der König von Frankreich, nachdem er mit den Deutschen mehrmals Waffenstillstand geschlossen, von hinnen gefahren. An seiner Stelle war sein Sohn gekrönt worden, dessen Gemahlin die Ursache gewesen war, um derentwillen der Graf vertrieben wurde. Als der letzte Waffenstillstand mit den Deutschen abgelaufen war,[175] fing der junge König den Krieg mit neuer Erbitterung wieder an, und der König von England als sein neuer Vetter sandte ihm zahlreiche Hilfstruppen, die unter Führung seines Marschalls Pierrot und des Jakob Lamiens standen, welcher der Sohn seines zweiten Marschalls war. In dem Gefolge des letzteren zog auch der wackere Mann, der Graf nämlich, mit, lebte geraume Zeit im Lager als Pferdeknecht, ohne erkannt zu werden, und bewirkte hier infolge seines Verstands und seiner Erfahrung durch Rat und Tat viel mehr Gutes, als sich für seine Lage schickte.

Während dieses Krieges nun wurde die Königin von Frankreich von einer schweren Krankheit befallen; und als sie erkannte, daß der Tod nahe war, bereute sie ihre Sünden und beichtete sie zerknirscht dem Erzbischof von Rouen, der allgemein für einen besonders frommen und aufrechten Mann gehalten wurde. Unter anderen Sünden bekannte sie ihm auch das schwere Unrecht, das sie dem Grafen von Antwerpen zugefügt, und begnügte sich nicht damit, dies dem Bischof zu berichten, sondern schilderte den ganzen Hergang der Sache in Gegenwart vieler anderer angesehener Personen und bat diese, sich beim König dahin zu verwenden, daß der Graf selbst, oder, wenn er nicht mehr am Leben sei, seine Nachkommen wieder in den früheren Stand eingesetzt würden. Nicht lange nach diesem Geständnis starb die Königin, und ihre Leiche wurde ehrenvoll begraben.

Als dem König diese Aussage seiner Gemahlin hinterbracht ward, beseufzte er zuerst das schwere Unrecht, das er einem so wackeren Manne angetan; dann aber ließ er im ganzen Heere und überdies noch weit und breit im Lande ausrufen, daß er den, der ihm Kunde vom Grafen von Antwerpen oder von seinen Kindern bringe, für jedes einzeln reich belohnen werde; denn der König habe aus den Geständnissen seiner Gemahlin entnommen, daß der Graf sich des Vergehens nicht schuldig gemacht habe, um dessentwillen er verbannt worden sei. Er beabsichtige deshalb, ihn in die alten Ehren und Würden wieder einzusetzen und ihm noch größere zu verleihen.

Diesen Aufruf hörte auch der gräfliche Stallknecht, und da er wußte, daß sich wirklich alles so verhielt, ging er sogleich[176] zu Jakob und bat diesen, ihn mit Pierrot zusammenzubringen, denn er wolle dem König zeigen, was dieser suche. Als sie nun alle drei zusammen waren, sagte der Graf zu Pierrot, der selbst schon daran dachte, sich zu entdecken: »Pierrot, Jakob, der hier steht, hat deine Schwester zur Frau, ohne jemals eine Mitgift bekommen zu haben. Damit aber deine Schwester nicht ohne Aussteuer sei, so will ich, daß er und niemand anders die große Belohnung erhalte, die der König dem verspricht, der dich anzuzeigen weiß. So möge er denn dich als den Sohn des Grafen von Antwerpen angeben, seine Frau als deine Schwester Violante und mich, euren Vater, als den Grafen von Antwerpen.« Bei diesen Worten blickte Pierrot dem Redenden genauer ins Gesicht, erkannte ihn plötzlich, warf sich ihm weinend zu Füßen, umarmte ihn und sagte: »Vater, seid tausendmal willkommen.« Jakob aber war zuerst von der Rede des Grafen und dann von dem Benehmen Pierrots so verwundert und freudig überrascht, daß er anfangs gar nicht wußte, was er tun sollte. Doch bald maß er den Worten des Grafen vollen Glauben bei und war voller Scham wegen der harten Reden, die er gegen jenen als Pferdeknecht wohl geführt. Er sank weinend zu seinen Füßen nieder, um für das Geschehene demütig Verzeihung zu erbitten. Der Graf aber erteilte sie ihm willig, indem er ihn aufstehen hieß.

Als sich alle drei ihre verschiedenen Schicksale unter vielen Tränen und ebensoviel Freude gegenseitig erzählt hatten, wollten Pierrot und Jakob den Grafen mit neuen Kleidern versehen. Er gab es indes auf keine Weise zu, sondern bestand darauf, daß Jakob, nachdem ihm die Belohnung zuvor gesichert wäre, ihn im Knechtsgewand dem König vorführte, um diesen desto mehr zu beschämen. So ging denn Jakob, dem der Graf und Pierrot in einiger Entfernung folgten, vor den König und versprach ihm, den Grafen und dessen Kinder zu bringen, wenn er ihn dem ergangenen Aufruf gemäß belohnen wolle. Sogleich ließ der König die für einen jeden bestimmten Belohnungen, über deren Größe Jakob sich nicht genug wundern konnte, herbeibringen und hieß ihn, diese hinzunehmen, wenn er wirklich den Grafen und dessen Kinder nachzuweisen wisse. Darauf wandte Jakob sich um, ließ den Grafen, seinen[177] Knecht, und Pierrot vortreten und sagte: »Gnädigster Herr, hier sind Vater und Sohn. Die Tochter, die meine Gemahlin ist, habe ich zwar nicht zur Stelle, doch sollt Ihr sie mit Gottes Hilfe bald sehen.«

Der König blickte den Grafen an, und obgleich dieser sich sehr verändert hatte, erkannte er ihn dennoch, nachdem er ihn eine Weile betrachtet hatte, und schier tränenden Auges hob er den Knienden zu sich empor, küßte und umarmte ihn. Auch den Pierrot empfing er freundschaftlich und befahl, daß der Graf sogleich mit Kleidern, Dienerschaft, Pferden und Geräten versehen werde, so reichlich, wie es seinem hohen Rang angemessen sei. Alsbald wurde dieser Befehl vollzogen. Dann erwies der König dem Jakob ebenfalls vielfache Ehre und verlangte von ihm einen Bericht über die vorhergegangenen Begebenheiten. Als aber Jakob die Belohnung wegtragen ließ, die er für die Auskunft über den Grafen und dessen Kinder erhalten hatte, sagte dieser: »Nimm das als ein gnädiges Geschenk unseres Herrn, des Königs, und vergiß nicht, deinem Vater zu sagen, daß deine Nachkommen, seine wie meine Enkel, von mütterlicher Seite keine Bettelkinder sind.«

Jakob nahm die Geschenke und ließ seine Gattin und seine Mutter nach Paris kommen. Auch Pierrots Frau wurde herbeigeholt, und alle lebten in großen Freuden mit dem Grafen zusammen, den der König in alle seine Güter wieder eingesetzt und mit größeren Würden begabt hatte als je zuvor. Dann beurlaubten sich alle und kehrten in ihre Heimat zurück. Er aber lebte noch viel ruhmvoller als zuvor bis an sein Ende in Paris.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 162-178.
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