Siebente Geschichte

[139] Der Sultan von Babylon schickt seine Tochter dem König von Algarbien zur Frau, sie aber gerät durch eine Reihe von Ereignissen in einem Zeitraum von vier Jahren und an verschiedenen Orten neun Männern in die Hände. Endlich wird sie ihrem Vater zurückgebracht und reist als vorgebliche Jungfrau zum König von Algarbien, um dessen Gattin zu werden.


Es fehlte nicht viel, daß die Geschichte der Emilia und das Mitleid mit dem Unglück der Frau Beritola die jungen Damen zu Tränen gerührt hätte. Als jedoch Emilia zu Ende war, gefiel es der Königin, den Panfilo im Erzählen fortfahren zu lassen, weshalb er gehorsam und willig also begann:

Schwierig ist es für uns, ihr anmutigen Damen, zu erkennen, was uns guttut; denn wie wir oft sehen, meinen viele, wenn sie reich wären, könnten sie sorgenlos und ruhig leben. Daher bitten sie nicht allein Gott inbrünstig um Erreichung dieses Zieles, sie scheuen auch keine Mühe und Gefahr, um zu ihm zu gelangen. Werden aber ihre Bitten erfüllt, so finden sie oft ihrer Erbschaft wegen in denen Mörder, die, bevor sie reich wurden, ihr Leben beschützten und sie liebten. Andere, in niedrigem Stande geboren, bahnen sich durch tausend gefährliche Schlachten und durch das Blut ihrer Brüder und Freunde den Weg zu den Höhen des Thrones, wo sie das höchste Glück zu finden wähnen, und müssen, von der unendlichen Furcht und den Sorgen zu schweigen, die sie umgeben, bei ihrem jähen Tode erkennen, daß man an den Tafeln der Könige Gift aus goldenen Bechern trinkt. Nicht gering ist auch die Zahl derer, die körperliche Kraft und Schönheit mit dem heftigsten Verlangen, so wie andere den Schmuck, begehren, und die Torheit ihres Wunsches nicht eher erkennen, als bis sie gewahr werden, daß gerade jene Dinge ihnen den Tod oder schwere Betrübnis bringen.[139] Um aber nicht alle menschlichen Wünsche einzeln durchzusprechen, versichere ich im allgemeinen, daß es unter allen Wünschen keinen gibt, den die Sterblichen mit vollkommener Umsicht als vor allen Schicksalsschlägen gefeit zu wählen imstande sind. Deshalb sollten wir, wenn wir's richtig machen wollen, immer das hinzunehmen und festzuhalten bereit sein, was derjenige uns gibt, der allein durchschaut, was uns not tut, und es uns zu verleihen imstande ist. Wenngleich nun die Männer in dieser Hinsicht vielfach durch ihre Wünsche fehlgehen, so sündigt ihr, schöne Damen, doch ganz vorzüglich in dem einen Punkte: daß ihr schön zu sein wünscht und euch deshalb nicht einmal mit den Reizen begnügt, welche die Natur euch gewährt hat, sondern diese durch wunderbare Künste noch zu vermehren bestrebt seid. Darum will ich euch in der folgenden Geschichte erzählen, wie die Schönheit eine junge Sarazenin so sehr ins Unglück brachte, daß sie um dieser Schönheit willen in der Zeit von etwa vier Jahren neunmal neue Hochzeiten feiern mußte.

Schon vor geraumer Zeit lebte ein Sultan von Babylon namens Benminedab, dem zu seinen Lebzeiten gar vieles nach Wunsch ging. Unter mehreren andern Kindern beiderlei Geschlechts hatte er auch eine Tochter mit Namen Alatiel, welche nach der Aussage aller, die sie zu sehen bekamen, das schönste Mädchen war, das damals auf Erden gefunden werden konnte. Diese hatte er dem König von Algarbien auf dessen besonderen Wunsch zur Frau versprochen, weil jener ihm außergewöhnlichen Beistand bei einem Überfall zahlreicher Araber geleistet und zu einem glänzenden Siege verholfen hatte, und so schiffte er sie unter ehrenvoller Begleitung von Männern und Frauen mit vielen schönen und kostbaren Geräten auf einem gut bewaffneten und ausgerüsteten Fahrzeuge ein, damit sie unter Gottes Schutz zu ihrem Bräutigam reise. Die Schiffer hißten die Segel, sobald das Wetter ihnen günstig schien, verließen den Hafen von Alexandrien und hatten mehrere Tage lang eine glückliche Fahrt. Als indes Sardinien schon hinter ihnen lag und sie dem Ziel ihrer Reise nahe zu sein glaubten, erhoben sich eines Tages widrige Winde, von denen ein jeder so übermäßig ungestüm war, daß das Schiff, auf dem sich die junge Fürstin mit den[140] Matrosen befand, wild umhergeworfen und von den letzteren mehrmals aufgegeben wurde. Da diese jedoch in der Schiffahrt große Geschicklichkeit besaßen und alle Kraft und Kunst aufboten, gelang es ihnen im Kampf mit dem tobenden Meer, das Schiff zwei Tage lang zu erhalten.

Als indes bei Anbruch der dritten Nacht seit Beginn des Sturmes dieser nicht etwa nachließ, sondern immer stärker ward, wußten die Schiffer nicht mehr, wo sie sich befanden, konnten auch, weil der Himmel von dichten Wolken bedeckt und wie von dunkler Nacht verfinstert war, weder nach den Regeln der Schiffahrt noch durch Beobachtungen ihre Lage bestimmen. Darüber wurden sie, in der Nähe von Majorca, gewahr, daß ihr Schiff auseinanderzugehen begann. In dieser Lage, die jede Möglichkeit der Rettung ausschloß, dachte ein jeder an sich selbst und nicht an den andern. So sprangen die Schiffseigner in das Boot, das sie schnell aufs Meer hinabgelassen hatten, denn sie waren entschlossen, sich lieber diesem als dem auseinanderbrechenden Schiff anzuvertrauen. Ungestüm folgten ihnen die übrigen Männer nach, die im Schiff waren, obgleich die zuerst Eingestiegenen sie mit den Messern in der Hand daran hindern wollten. Während sie aber wähnten, nur so dem Tode entgehen zu können, wurden sie um so schneller seine Beute; denn weil bei dem widrigen Wetter das Boot nicht so viele Menschen tragen konnte, ging es unter, und alle, die in ihm gewesen waren, kamen um.

Inzwischen wurde das Schiff, auf dem niemand außer der Dame und ihren Frauen geblieben war, die von der Wut des Sturms und der eigenen Furcht betäubt wie Tote darauf umherlagen, von dem ungestümen Wind getrieben und in schneller Fahrt an die Küste der Insel Majorca verschlagen. Das geschah mit einem so gewaltigen Stoß, daß das Schiff etwa einen Steinwurf vom Ufer entfernt im Sand steckenblieb und, wie sehr auch die Nacht über die Fluten es umtobten, sich nicht mehr von der Stelle rühren konnte. Als endlich der helle Tag angebrochen war und der Sturm ein wenig nachgelassen hatte, hob die junge Dame, die sich dem Tode nahe fühlte, den Kopf und rief, so schwach wie sie war, bald nach dem einen, bald nach dem andern von ihrer Dienerschaft. Doch sie rief vergebens,[141] denn die Gerufenen waren allzu fern, um ihre Stimme zu hören. Als sie auf ihre Rufe keine Antwort erhielt und keinen der Ihrigen erblickte, erschrak sie gewaltig und wurde von großer Furcht überfallen. Doch richtete sie sich so weit auf, wie es ihre Kräfte zuließen, und sah die Frauen ihrer Begleitung und die übrigen Weiber alle am Boden liegen. Nach langem, vergeblichem Ansprechen rüttelte sie die eine nach der andern, fand aber nur wenige unter ihnen noch am Leben, denn die meisten waren vor Magenbeschwerden und Angst bereits gestorben. Dieser Anblick erschreckte die Dame nur noch mehr. Da sie sich jedoch so ganz allein sah und weder wußte noch erraten konnte, wo sie sei, ermunterte sie, guten Rats bedürftig, die am Leben Gebliebenen so lange, bis sie sich aufrichteten. Als aber auch diese ihr nicht zu sagen wußten, wo die Männer hingeraten waren, und als sie entdeckte, daß das Schiff auf den Strand gelaufen und voll Wasser war, fing sie zusammen mit ihnen bitterlich zu weinen an. Und schon war die dritte Nachmittagsstunde vorüber, ohne daß sie am Ufer oder sonst in der Nähe jemand gewahr geworden wären, dessen Mitleid und Beistand sie hätten anrufen können.

Um jene Stunde aber kam ein Edelmann mit Namen Pericone von Visalgo auf dem Rückweg von einer seiner Besitzungen mit mehreren seiner Leute zu Pferde zufällig dort vorüber. Sobald dieser das Schiff erblickte, erriet er sogleich, was geschehen war, und befahl einem seiner Diener, daß er so schnell wie möglich das Wrack besteigen solle, um ihm dann zu berichten, wie es sich damit verhalte. Es gelang dem Diener, aller Schwierigkeiten unerachtet, dem Befehle seines Herrn nachzukommen, und er fand die junge Dame mit der wenigen Begleitung, die ihr geblieben war, unter dem Schnabel des Schiffes ganz furchtsam verborgen. Sobald die Frauen ihn erblickten, flehten sie ihn weinend um Mitleid an und suchten, als sie sahen, daß er sie ebensowenig verstand wie sie ihn, ihm ihr Unglück durch Zeichen begreiflich zu machen. Der Diener merkte sich alles, so gut er konnte, und erzählte dann dem Pericone, was er auf dem Schiffe gesehen hatte. Dieser ließ sogleich die Frauen und die kostbarsten Dinge, die sich auf dem Wrack befanden und erreicht werden konnten, an Land bringen und ging[142] mit ihnen auf sein Schloß, wo er sie durch Speise und durch Ruhe erquickte. Aus den kostbaren Geräten erriet er, daß die Dame, die er gefunden, von gar vornehmer Herkunft sein müsse. Auch erkannte er dies bald aus der Ehrerbietung, welche die andern ihr allein bewiesen. Zudem schienen ihm, der Blässe und des Übelbefindens ungeachtet, welche die Unbilden des Meeres hervorgebracht, die Formen ihres Leibes von großer Schönheit zu sein, weshalb er augenblicklich bei sich beschloß, sie zur Frau zu nehmen, wenn sie noch keinen Gatten haben sollte, oder ihre Freundschaft zu gewinnen, wenn er sie nicht zur Frau haben könnte.

Pericone war ein Mann von kräftigem Aussehen und gewaltigem Gliederbau. Als er die Dame einige Tage lang auf das beste hatte bewirten lassen und sie sich wieder vollkommen erholt hatte, fand er sie noch um vieles schöner, als er vermutet, und gab sich deshalb alle Mühe, sie durch Liebkosungen und zärtliches Benehmen zu bewegen, daß sie ihm ohne Widerstreben zu Willen wäre. Er war von ihrer Schönheit leidenschaftlich entflammt, obgleich sie zu seinem großen Bedauern weder ihn noch er sie verstehen konnte, doch blieben alle seine Versuche ganz vergeblich. Je mehr sie indes seine Vertraulichkeiten von sich wies, desto höher loderte Pericones Glut. Als die junge Dame dies gewahr wurde und nach einigen Tagen aus den Sitten der Menschen schon erraten hatte, daß sie Christen seien, leuchtete ihr ein, daß sie mit der Zeit durch Güte oder Gewalt den verliebten Anforderungen Pericones werde nachgeben müssen und daß ihr unter diesen Umständen, selbst wenn sie sich hätte verständlich machen können, nichts daran liegen konnte, gekannt zu werden. Demzufolge beschloß sie, mit festem Mut ihrem widerwärtigen Schicksal entgegenzutreten, und befahl ihren Begleiterinnen, deren ihr nur drei geblieben waren, niemand jemals zu offenbaren, wer sie seien; es wäre denn, daß sich ihnen dadurch sichere Rettung böte. Außerdem ermunterte sie dieselben auf das nachdrücklichste, ihre Keuschheit zu bewahren, und versicherte, daß sie selbst entschlossen sei, sich niemand als ihrem Gemahl hinzugeben. Die Mädchen lobten ihren Entschluß und versprachen, den Befehlen nach Kräften zu gehorchen.[143]

Pericone aber entbrannte täglich um so mehr, je näher er sich dem geliebten Gegenstand sah und je mehr ihm alle Gunst verweigert wurde, so daß er endlich, als alle seine Aufmerksamkeiten vergeblich blieben, sich entschloß, Schlauheit und Trug anzuwenden, um erst im äußersten Fall seine Zuflucht zur Gewalt zu nehmen. Nun hatte er einige Male gemerkt, daß die junge Dame, die dem Verbot ihrer Religion zufolge des Weines ungewohnt war, an diesem besonderen Gefallen fand, und er hoffte deshalb, sie durch den Wein, den Diener der Venus, zu fangen. Zu diesem Ende stellte er sich, als ob ihn ihre Ungefügigkeit nicht störe, und ordnete eines Tages ein kostbares und festliches Abendessen an, zu dem die Dame auch wirklich erschien. Die Tafel war in jeder Weise glänzend bestellt; Pericone aber hatte demjenigen, welcher der Dame aufwartete, den Befehl gegeben, ihr mehrerlei Weine zusammenzumischen, und dieser vollzog den erhaltenen Auftrag auf das beste. Die Dame, die keinen Argwohn hegte und von dem Wohlgeschmack des Getränks verleitet ward, genoß davon mehr, als ihrer Ehrbarkeit gut tat. Der Wein machte sie mit der Zeit so lustig, daß sie all ihr vergangenes Ungemach vergaß, und als sie einige Mädchen nach der Weise von Majorca tanzen sah, fing sie selbst nach alexandrinischem Brauch zu tanzen an. Als Pericone das bemerkte, glaubte er sich dem Ziele seiner Wünsche nahe. Indem er fortwährend neue Speisen und Getränke auftischen ließ, dehnte er das Mahl bis weit in die Nacht hinein aus. Endlich entfernten sich die Gäste, und Pericone ging allein mit der Dame in deren Gemach, wo sie, vom Weine mehr aufgeregt als von der Sittsamkeit im Zaume gehalten, sich in Pericones Gegenwart ohne Scham und Scheu, als ob er eine ihrer Frauen wäre, entkleidete und zu Bett legte. Dieser zögerte nicht, ihr zu folgen, löschte alle Lichter aus, legte sich dann eilig auf der andern Seite neben ihr nieder, umfing sie mit seinen Armen und begann, ohne Widerstand von ihrer Seite, die Früchte der Liebe zu pflücken. Als Alatiel, die zuvor nicht gewußt hatte, mit was für einem Horn die Männer stoßen, das einmal empfunden, tat es ihr fast leid, sich gegen Pericones Bitten so lange gesträubt zu haben, und in Zukunft lud sie sich, ohne weitere Aufforderungen abzuwarten, oftmals selbst, zwar[144] nicht mit Worten, denn mit denen konnte sie sich nicht verständigen, wohl aber durch die Tat zu so süßen Nächten ein.

Doch es genügte dem Schicksal noch nicht, sie von der Braut eines Königs zur Bettgenossin eines Burgherrn gemacht zu haben, und ihre und Pericones Freuden wurden durch eine grausamere Leidenschaft unterbrochen. Pericone hatte nämlich einen Bruder namens Marato, der fünfundzwanzig Jahre alt und schmuck und frisch wie eine Rose war. Dieser nun hatte, sobald er Alatiel gesehen, das größte Gefallen an ihr gefunden und an ihren Gebärden zu bemerken geglaubt, daß er gut bei ihr angeschrieben sei. So meinte er denn, daß allein die strenge Aufsicht, unter der Pericone sie hielt, ihn daran hinderte, die Erfüllung seiner Wunsche von ihr zu erlangen. Er faßte darum einen ruchlosen Vorsatz, dem die schändliche Tat auf dem Fuße folgte. Es traf sich, daß eben um jene Zeit im Hafen der Stadt ein Schiff vor Anker lag, das, mit Waren beladen, unter der Leitung zweier junger Genuesen nach Chiarenza in Romania absegeln sollte. Schon waren die Segel aufgezogen, um, sobald der Wind günstig würde, abreisen zu können. Mit diesen Schiffern kam Marato dahin überein, daß sie in der nächsten Nacht ihn mitsamt der jungen Dame an Bord nehmen sollten.

Nachdem diese Verabredungen getroffen waren und es zu nachten begann, machte Marato, der sich schon ausgesonnen hatte, was er tun wollte, sich mit ein paar zuverlässigen Gefährten auf und schlich in Pericones Haus, wo er sich ungesehen versteckte. Als schon ein Teil der Nacht verstrichen war, öffnete Marato seinen Gefährten das Haus und führte sie in das Zimmer, wo Pericone mit seiner Geliebten schlief. Schnell töteten sie diesen im Schlaf. Als aber die Dame erwachte und zu weinen begann, drohten sie ihr beim mindesten Geräusch mit dem Tode und brachten sie nebst einem großen Teil der bedeutendsten Kostbarkeiten Pericones eilig ans Ufer, ohne von jemand bemerkt zu werden. Hier bestiegen Marato und die Dame das Schiff, und seine Gefährten kehrten zurück. Die Schiffer aber spannten vor dem günstigen, frischen Winde die Segel auf und fuhren ab. Die Dame beklagte sich anfangs bitter, sowohl über ihr erstes Unglück als auch über dieses zweite. Marato aber wußte sie, den uns von Gott geschenkten heiligen[145] Crescentius in der Hand, solchergestalt zu trösten, daß sie zahm gegen ihn wurde und den Pericone vergaß.

Schon glaubte sie wieder gut daran zu sein, als das Schicksal, dem die vorigen Unfälle noch nicht genügten, ihr neues Ungemach bereitete. Die beiden jungen Schiffsherrn nämlich verliebten sich in ihre – wie schon öfter berichtet worden ist – wunderschöne Gestalt und in ihr anmutiges Betragen so, daß sie alles andere darüber vergaßen und nur bemüht waren, ihr zu dienen und Gefälligkeiten zu erweisen, ohne daß Marato deren Grund erraten konnte. Da sie bald gegenseitig ihre Leidenschaft bemerkten, besprachen sie sich darüber insgeheim und beschlossen, den Gegenstand ihrer gemeinsamen Liebe – als ob Liebe dergleichen vertrüge – wie eine Kaufmannsware oder einen Gewinn miteinander zu erwerben. Weil aber Marato sie eifersüchtig bewachte und so ihren Absichten entgegentrat, gingen sie eines Tages, während das Fahrzeug besonders schnell segelte, einträchtig auf Marato zu, der am Hinterteil stand und ohne Argwohn ins Meer blickte, faßten ihn plötzlich von hinten und warfen ihn in die See. Und sie hatten schon mehr als eine Meile zurückgelegt, ehe jemand gewahr wurde, daß Marato ins Meer gefallen war. Als es aber endlich die junge Dame erfuhr, fing sie abermals auf dem Schiffe zu weinen und zu klagen an. Sogleich eilten die beiden Liebenden herbei, um sie zu trösten, und redeten ihr, so wenig sie davon verstand, mit süßen Worten und großen Versprechungen auf das eindringlichste zu, obgleich sie weniger den verlorenen Gemahl als ihr Mißgeschick beweinte.

Als sie nach langen und zu verschiedenen Zeiten vorgebrachten Reden sie einigermaßen beruhigt zu haben meinten, besprachen sie sich untereinander, wem von ihnen sie zuerst zufallen sollte. Da nun aber ein jeder von beiden der erste sein wollte und kein Mittel zur Einigung zu finden war, gerieten sie in einen heftigen Wortwechsel und erhitzten sich dabei so sehr, daß sie endlich zu den Messern griffen, wütend übereinander herfielen und ohne daß die übrigen, die sich auf dem Schiffe befanden, sie zu trennen vermocht hätten, sich so gefährliche Stöße beibrachten, daß der eine auf der Stelle tot niederfiel und der andere zwar am Leben blieb, aber an verschiedenen[146] Körperteilen schwere Wunden davontrug. Die junge Dame bedauerte dieses Ereignis gar sehr; denn nicht nur befand sie sich nun allein und ohne Beschützer auf dem Schiffe, sie fürchtete auch, der Zorn der Freunde und Angehörigen der beiden Schiffsherren möchte sich gegen sie wenden. Doch die Bitten des Verwundeten und die baldige Ankunft in Chiarenza befreiten sie von der letzteren Gefahr.

Kaum war sie an diesem Orte angelangt und mit dem Verwundeten in demselben Hause eingekehrt, als sich auch der Ruf von ihrer großen Schönheit durch die ganze Stadt verbreitete und bis zu den Ohren des Fürsten von Morea drang, der damals in Chiarenza verweilte. So wurde er begierig, sie zu sehen, und verliebte sich, sobald er sie gesehen und noch weit schöner gefunden hatte, als das Gerücht sie schilderte, so heftig in sie, daß er an nichts anderes zu denken imstande war. Als er erfuhr, auf welche Art sie nach Chiarenza gekommen war, schöpfte er Hoffnung, sie erlangen zu können, und wirklich schickten die Angehörigen des Verwundeten sie dem Fürsten ohne weiteres zu, sobald sie dessen Lust erfahren, während dieser noch darüber nachdachte, wie er sie gewinnen wollte. Die Freude des jungen Fürsten war groß, aber auch der Dame war dieses Ereignis, durch welches sie sich aus einer großen Gefahr errettet glaubte, erwünscht. Der Fürst erriet aus den königlichen Sitten, die sie außer Schönheit schmückten, obgleich er keine andere Nachricht über sie erlangen konnte, daß sie von edlem Stamme sein müsse, und dadurch steigerte sich seine Liebe zu ihr in solchem Maße, daß er sie in allen Stücken nicht als Bettgenossin behandelte, sondern als rechtmäßige Gemahlin ehrte. Durch diese Behandlung schöpfte die Dame, die ihre jetzige angenehme Lage mit ihren früheren Unfällen verglich, neuen Mut. Ihre frühere Munterkeit kehrte zurück, und ihre Reize gewannen wieder eine solche Frische, daß man in ganz Romania von nichts anderem reden hörte.

Dadurch bekam der Herzog von Athen, ein schöner junger Herr von einnehmendem Wesen, der mit dem Fürsten verwandt und befreundet war, Lust, sie zu sehen. Zu diesem Ende gab er vor, er wolle, wie er das zuweilen tat, seinen Vetter besuchen, und kam in erlesener und ehrenvoller Begleitung nach[147] Chiarenza, wo er mit Freuden und Auszeichnungen empfangen ward. Nach einigen Tagen brachte der Herzog die Rede auf die Schönheit der Dame und fragte den Fürsten, ob sie denn gar so erstaunlich sei, wie man erzähle. »Sie ist viel schöner als man von ihr sagt«, antwortete der Fürst. »Allein nicht meine Worte, sondern deine Augen sollen dich davon überzeugen.« Der Herzog drängte den Fürsten, sein Versprechen zu erfüllen, und so gingen sie miteinander dahin, wo die Dame sich aufhielt. Diese empfing sie zuvorkommend und höflich und mußte sich zwischen beiden niedersetzen, obgleich sie das Vergnügen, mit ihr zu sprechen, nicht genießen konnten, da sie von der Sprache jenes Landes wenig oder nichts verstand. So konnten denn die beiden sie nur gleich einem Wunder bestaunen, und besonders tat dies der Herzog, der sich kaum einreden konnte, daß sie ein sterbliches Wesen sei. Glaubte er indes durch das Beschauen seine Lust zu stillen, so verwickelte er sich selbst in deren Fesseln, indem er zugleich das Gift der Liebe mit den Augen einsog und in heftiger Glut für die Dame entbrannte. Als er aber dann mit dem Fürsten von ihr gegangen war und Muße hatte, sich mit sich selber zu besprechen, erachtete er diesen für glücklich vor allen andern, daß er sich des vollen Besitzes einer solchen Schönheit erfreuen durfte.

Mancherlei Gedanken stiegen in ihm auf. Endlich aber überwog die Glut der Liebe die Rechtlichkeit, und er beschloß, was immer daraus werden sollte, dem Fürsten dieses Glück zu entreißen und es selbst zu genießen. Er glaubte, sich bei der Ausführung dieses Vorsatzes beeilen zu müssen, und sann, der Vernunft und der Gerechtigkeit zum Trotz, auf nichts als Trug und List. So ließ er denn eines Tages, einer schändlichen Verabredung zufolge, die er mit einem vertrauten Diener des Fürsten namens Kyriakos getroffen hatte, seine Pferde und sein Gepäck in aller Stille zur Abreise bereiten. Die Nacht darauf öffnete Kyriakos ihm und einem Gefährten, die beide bewaffnet waren, leise das Zimmer des Fürsten. Dieser hatte sich, um der großen Hitze willen, während die Dame schlief, ganz nackt an ein Fenster gelegt, das auf das Meer hinausging, um sich in der leichten Brise, die von dort herüberkam, etwas zu kühlen. Der Herzog, der seinen Begleiter im voraus von dem unterrichtet[148] hatte, was zu tun sei, ging leise durch das Zimmer hindurch bis ans Fenster und stieß, ehe der Fürst ihn bemerken konnte, diesem ein Messer so tief in die Seite, daß es auf der andern Seite wieder herauskam. Dann ergriff er schnell die Leiche und stürzte sie zum offenen Fenster hinaus.

Der Palast war hoch gegen das Meer hinausgebaut, und das Fenster, an dem der Fürst gestanden, hatte in der Tiefe einige Häuser unter sich, die unter der Gewalt des Meeres zusammengefallen waren und daher selten oder niemals betreten wurden. So geschah es denn, wie der Herzog im voraus berechnet hatte, daß niemand es gewahr wurde oder gewahr werden konnte, als die Leiche des Fürsten hinunterstürzte. Sobald der Begleiter des Herzogs gesehen hatte, was geschehen war, warf er dem Kyriakos, unter dem Scheine ihn zu liebkosen, einen Strick um den Hals, zog diesen so fest an, daß er keinen Lärm machen konnte, und wartete, bis der Herzog dazukam, worauf sie ihn erdrosselten und eben dahin warfen, wohin sie den Fürsten bereits geworfen.

Nachdem dies alles vollbracht war und der Herzog sicher sein konnte, daß weder die Dame noch sonst jemand etwas davon bemerkt habe, nahm er ein Licht in die Hand, ging damit an das Bett und deckte die Dame, die noch ruhig schlief, leise völlig auf. Ihre Formen, die er nun enthüllt sah, schienen ihm von vollendeter Schönheit, und hatte sie ihm bekleidet gefallen, so entzückte sie ihn nackt über alle Maßen. Dieser Anblick entzündete in ihm neue Glut, und die Scheu des eben begangenen Verbrechens hielt ihn nicht ab, sich mit noch blutigen Händen neben sie zu legen und sie, die ihn im Halbschlaf für den Fürsten hielt, zu beschlafen. Als er eine Weile mit dem größten Vergnügen an ihrer Seite zugebracht hatte, erhob er sich wieder und ließ von einigen der Seinen, die er unter Vermeidung aller Geräusche herbeirief, die Dame durch die verborgene Tür, durch die er hereingekommen, davontragen. Draußen mußte sie sich zu Pferde setzen, und die ganze Gesellschaft machte sich eilig und so still als möglich auf den Weg und kehrte nach Athen zurück. Weil aber der Herzog verheiratet war, führte er die mehr denn je betrübte Dame nicht nach Athen selbst, sondern nach einem schönen Landhause, das er unweit der Stadt[149] und nahe am Meer besaß, und hielt sie dort verborgen, während sie auf das anständigste mit allem versehen ward, dessen sie bedurfte.

Am Tage nach jener Tat warteten die Höflinge des Fürsten bis nach der Mittagsstunde, daß er aufstehen sollte. Da er sich aber immer noch nicht regte, stießen sie die Türen auf, die nur zugeklinkt waren; doch sie fanden niemand und bekümmerten sich nicht weiter darüber, da sie annahmen, daß er mit seiner schönen Dame auf ein paar Tage zu seinem Vergnügen heimlich verreist sein möchte. In dieser Ungewißheit warteten sie noch, als am anderen Tage ein Narr, der in die zerfallenen Häuser gelaufen war, in denen die Leichen des Fürsten und des Kyriakos lagen, die letztere beim Stricke herauszog und hinter sich herschleppte. Mehrere Leute erkannten diese Leiche mit Erstaunen und schmeichelten dem Narren so lange, bis er sie hinführte, wo er jene herausgeholt hatte und wo sie nun zum großen Schmerze der ganzen Stadt den Körper des Fürsten fanden, der alsbald ehrenvoll begraben ward. Darauf spürte man dem Täter eines so großen Verbrechens nach und vermutete, da der Herzog von Athen nicht mehr anwesend, sondern heimlich abgereist war, er möchte, wie er es wirklich getan hatte, den Fürsten erstochen und die Dame mit sich geführt haben. Infolge dieses dringenden Verdachts wurde schnell ein Bruder des Verstorbenen an dessen Stelle gesetzt und von den Seinigen nachdrücklich zur Rache angespornt. Dieser fand die Meinung der übrigen noch durch andere Anzeichen bestätigt und forderte daher seine Freunde, Verwandten und Untergebenen in den verschiedenen Landschaften zur Hilfe. In kurzem brachte er ein ansehnliches, mächtiges und wohlbewaffnetes Heer zusammen, mit dem er gegen den Herzog von Athen in den Krieg zog.

Auch der Herzog rüstete indes, sobald er von den Maßnahmen jenseits der Grenze Kunde erhielt, nach Kräften zur Verteidigung, und viele Herren kamen zu seiner Hilfe herbeigezogen; namentlich schickte der Kaiser von Konstantinopel seinen Sohn Konstantin und seinen Neffen Manuel mit zahlreichen und schönen Truppen. Der Herzog, mehr noch aber die Herzogin, die des ersteren Schwester war, empfingen sie auf das[150] ehrenvollste. Inzwischen rückte der Krieg immer näher heran, und die Herzogin ergriff eines Tages die Gelegenheit, ließ Bruder und Vetter zu sich rufen, erzählte ihnen mit Tränen und ausführlichen Worten die ganze Geschichte und den Anlaß des Krieges und beschwerte sich über den Schimpf, den der Herzog ihr dadurch antue, daß er jenes Frauenzimmer, insgeheim, wie er meine, unterhalte. Unmutig und verletzt forderte sie beide auf, zur Wiederherstellung der Ehre des Herzogs und zu ihrer Genugtuung alles zu unter nehmen, was in ihren Kräften stehe. Da indes die beiden Jünglinge bereits wußten, wie sich alles zugetragen hatte, hielten sie die Herzogin nicht weiter mit Fragen auf, sondern suchten sie zu beruhigen, soweit sie es vermochten, und erfüllten ihr Herz mit guter Hoffnung. Darauf entfernten sie sich, nachdem sie zuvor noch über den Aufenthaltsort der Schönen unterrichtet worden waren.

Nun hatten sie früher schon oft die wunderbare Schönheit jener Dame rühmen gehört. Sie verlangten daher sehr danach, sie zu sehen, und baten den Herzog, er möchte sie ihnen zeigen. Dieser sagte es ihnen zu, uneingedenk dessen, was dem Fürsten widerfahren war, weil er sie ihm gezeigt hatte. Er ließ in dem reizenden Garten, der zu dem von der Dame bewohnten Landhause gehörte, ein prächtiges Mittagessen richten und führte sie am folgenden Tage mit wenigen anderen Bekannten dorthin zur Tafel. Bei dieser Mahlzeit mußte Konstantin, der neben ihr saß und sie voller Verwunderung betrachtete, sich gestehen, daß er noch nie eine solche Schönheit gesehen hatte, und er mußte in Gedanken nicht nur den Herzog, sondern auch jeden anderen entschuldigen, der, um ein so schönes Wesen zu besitzen, einen Verrat oder eine sonstige Schlechtigkeit beginge. Indem er sie nun ein Mal über das andere betrachtete, wobei er sie jedes Mal schöner fand, erging es ihm nicht anders, als es dem Herzog ergangen war. Er schied verliebt von ihr und dachte nicht mehr an den Krieg, sondern allein daran, wie er sie dem Herzog entreißen wollte. Dabei verhehlte er jedoch seine Liebe sorgfältig vor jedermann.

Während er aber in solchem Feuer entbrannte, wurde es Zeit, gegen den Fürsten, der sich schon dem Gebiet des Herzogs näherte, ins Feld zu rücken. Darum verließen der Herzog,[151] Konstantin und die übrigen Athen und rückten, den getroffenen Vereinbarungen gemäß, an die Grenze, um den Fürsten am weiteren Vordringen zu hindern. Nachdem sie dort mehrere Tage verweilt hatten, meinte Konstantin, der Herz und Gedanken immer bei jener Dame hatte, daß es jetzt, wo der Herzog ihr nicht mehr nahe sei, leichter gelingen könnte, ans Ziel zu kommen. Um Gelegenheit zu haben, nach Athen zurückzukehren, stellte er sich krank und nahm Urlaub vom Herzog, nachdem er zuvor dem Manuel den Oberbefehl über seine Streitmacht übertragen hatte. In Athen bei seiner Schwester angelangt, brachte er nach einigen Tagen das Gespräch auf die Kränkung, welche der Herzog ihr, wie sie meinte, durch seine Leidenschaft für die Fremde antat, und sagte, wenn sie nur wolle, könne er leicht Abhilfe schaffen, indem er jene in ihrem Aufenthaltsort aushebe und anderswohin führe. In dem Wahn, dies alles geschehe nur ihr, nicht aber der Fremden zuliebe, billigte die Herzogin den Plan vollkommen, wenn dabei so vorgegangen würde, daß der Herzog nie erfahre, sie habe in die Sache gewilligt. Konstantin sagte ihr das auf das bestimmteste zu, und die Herzogin gab nun ihre Zustimmung, daß jener nach seinem Gutdünken verfahre.

Darauf ließ Konstantin in aller Stille ein kleines Fahrzeug bewaffnen und schickte dies eines Abends, mit mehreren von seinen Leuten bemannt, die er zuvor genau unterrichtet hatte, in die Nähe des Gartens, wo die Dame verweilte. Dann begab er selbst sich mit einigen anderen nach dem Landhause und wurde dort sowohl von der ihr zugewiesenen Dienerschaft als auch von ihr selbst freundlich empfangen. Auf seinen Wunsch ging sie, von ihren eigenen Dienern und von Konstantins Gefährten begleitet, mit ihm in den Garten. Er aber führte die Dame, als ob er im Namen des Herzogs mit ihr zu reden habe, allein einer Tür zu, die aufs Meer hinausging. Diese war inzwischen schon von einem der Seinigen geöffnet worden. Das Fahrzeug erschien auf das verabredete Zeichen hin sogleich, und die Dame wurde schnell ergriffen und hineingetragen. Hierauf wendete Konstantin sich an ihre Dienerschaft und sagte: »Keiner, der nicht des Todes sein will, wage es, sich zu bewegen oder einen Laut von sich zu geben, denn ich bin nicht gesonnen,[152] dem Herzog seine Geliebte zu rauben, sondern nur die Schande zu tilgen, die er meiner Schwester antut.«

Niemand unterstand sich, darauf etwas zu antworten. Konstantin stieg mit den Seinigen ins Schiff, setzte sich neben die Dame, die noch immer weinte, und befahl, die Ruder auszuwerfen und vom Lande abzustoßen. Die Schiffer schienen nicht zu rudern, sondern zu fliegen und waren bald nach Anbruch des nächsten Tages schon in Ägina angelangt. Hier ging man an Land, um auszuruhen, und Konstantin stillte seine Lust an der Dame, die ihre unselige Schönheit beweinte. Dann ging es wieder zu Schiffe, und nach wenigen Tagen ward Chios erreicht, wo Konstantin aus Furcht vor dem Zorn seines Vaters und vor etwaigen Versuchen, ihm die Dame wieder zu entreißen, an einem sicheren Orte zu verweilen beschloß. Mehrere Tage lang beweinte die Dame noch ihr Mißgeschick; endlich aber schenkte sie den Tröstungen Konstantins Gehör und begann nachgerade sich an dem zu freuen, was das Glück ihr eben bot.

Während sich dies alles auf die angegebene Weise zutrug, kam Osbeck, der damals König der Türken war und ständig mit dem Kaiser im Kriege lebte, zufällig nach Smyrna und erfuhr dort, daß Konstantin ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen auf Chios mit einem geraubten Mädchen ein wollüstiges Leben führe. Daher schiffte er eines Nachts mit einigen bewaffneten Fahrzeugen hinüber, drang mit seinen Leuten in den Ort ein und nahm, bevor die Griechen den Einfall der Feinde gewahr wurden, deren eine große Anzahl in ihren Betten gefangen. Andere, die endlich erwacht und zu den Waffen geeilt waren, wurden getötet, der Ort niedergebrannt, Beute und Gefangene zu Schiffe gebracht und nach Smyrna abgeführt. Hier angelangt, ward Osbeck, der noch jung und kräftig war, beim Durchmustern der Beute die schöne Dame gewahr und erfuhr, sie sei dieselbe, die mit Konstantin schlafend im Bett gefangen worden war. Hocherfreut über ihren Anblick, machte er sie sogleich zu seiner Gemahlin, vollzog feierlich die Hochzeit und genoß mehrere Monate lang wohlgemut mit ihr die Freuden der Liebe.

Schon vor diesen Ereignissen hatte der Kaiser mit Basanus,[153] dem König von Kappadokien, Verhandlungen gepflogen, wonach dieser von der einen Seite mit seiner Macht über Osbeck herfallen sollte, während der Kaiser von der andern ihn mit der seinigen angriffe. Doch waren diese Verhandlungen wegen gewisser Ansprüche, die Basanus stellte und die dem Kaiser ungelegen waren, noch nicht zum Ziele gekommen. Als nun aber der Kaiser das Schicksal seines Sohnes vernahm, betrübte er sich über die Maßen, tat sogleich, was der König von Kappadokien von ihm verlangte, rüstete sich selbst zum Angriff gegen Osbeck und spornte Basanus, soviel er nur konnte, an, daß er von der andern Seite her den Türkenkönig überfalle. Sobald Osbeck davon Kunde erhielt, sammelte er sein Heer, zog, bevor zwei so mächtige Fürsten ihn in die Zange nahmen, dem König von Kappadokien entgegen und ließ inzwischen seine Schöne unter der Aufsicht eines treuen Dieners und Freundes in Smyrna zurück. In der Tat kam es bald zwischen ihm und dem König von Kappadokien zu einem Gefecht, in dem sein Heer geschlagen und vernichtet, er selbst aber getötet ward. Infolge dieses Sieges rückte Basanus dreist gegen Smyrna vor, und alles Volk auf dem Wege unterwarf sich ihm als dem Sieger.

Während dieser Zeit hatte sich Antiochus, wie der Diener hieß, dem Osbeck die Dame anvertraut, seines Alters ungeachtet und ohne der Treue zu gedenken, die er seinem Gebieter und Freunde schuldig war, um ihrer großen Schönheit willen in sie verliebt. Da er ihre Sprache verstand, war sein Umgang auch der Dame lieb geworden, die nun schon mehrere Jahre lang wie eine Taubstumme hatte leben müssen, ohne jemand zu verstehen oder von jemand verstanden zu werden. So wußte er denn, von der Liebe angespornt, in wenigen Tagen ihr Vertrauen in solchem Maße zu gewinnen, daß ihr gemeinsamer Herr, der in Waffen und im Felde war, vergessen ward, ihre Neigung sich von einer freundschaftlichen in eine verliebte verwandelte und beide sich zwischen Laken und Bettdecke auf das beste miteinander unterhielten. Als sie nun vernahmen, daß Osbeck besiegt und getötet sei und Basanus sich alles auf seinem Zuge aneigne, beschlossen sie gemeinsam, seine Ankunft nicht abzuwarten, sondern nahmen einen großen Teil der Reichtümer Osbecks an sich und fuhren heimlich nach Rhodos.[154]

Hier hatten sie noch nicht lange geweilt, als Antiochus krank wurde. Da geschah es, daß ein Kaufmann aus Zypern, den Antiochus sehr liebte und mit dem er eng befreundet war, ihn besuchte. Weil er nun sah, daß es mit ihm zu Ende ging, beschloß er, seine Güter und die Dame diesem Freunde zu hinterlassen. Schon dem Tode nahe, rief er beide zu sich und sprach: »Ich sehe, daß es für mich keine Rettung mehr gibt, und bin betrübt darüber, weil ich niemals so gern gelebt habe wie eben jetzt. Zugleich aber sterbe ich auch zufrieden, weil ich meinen Geist in den Armen der beiden aufgebe, die ich mehr als sonst jemanden auf der Welt liebe, in den deinigen, teurer Freund, und in denen dieser Frau, die ich, seitdem ich sie gekannt, mehr als mich selbst geliebt habe. Allerdings schmerzt es mich, daß sie, fremd, wie sie in diesem Lande ist, ohne Rat und Hilfe bei meinem Tod zurückbleiben soll, und noch mehr schmerzte es mich, wüßte ich nicht, daß du, mein Freund, hier bist, der du, wie ich fest überzeugt bin, ebenso für sie sorgen wirst, wie du es für mich selbst tätest. Darum bitte ich denn inständig, wenn ich wirklich sterben muß, dich ihrer und meines Vermögens anzunehmen und über beides so zu verfügen, wie du glauben wirst, daß es zur Beruhigung meiner Seele dienen könne. Dich aber, geliebtes Weib, bitte ich, mich nach meinem Tode nicht zu vergessen, damit ich mich noch im Jenseits rühmen kann, daß mich hier die schönste Frau, die je von der Natur geformt ward, liebte. Wollt ihr mir diese beiden Dinge versprechen, so werde ich getrost von hinnen gehen.« Der Kaufmann und die Dame weinten bei diesen Worten, flößten ihm Mut ein und versprachen ihm auf ihr Wort, im Falle seines Todes nach seinen Wünschen zu tun. Nicht lange darauf verschied er und wurde ehrenvoll von ihnen begraben.

Einige Tage später hatte auch der zyprische Kaufmann seine Geschäfte in Rhodos vollendet und stand im Begriff, auf einem katalanischen Schiff, das dort vor Anker lag, nach Zypern zu reisen; doch fragte er zuvor die schöne Dame nach ihren Entschlüssen, da er jetzt in seine Heimat zurückkehren müsse. Die Dame erwiderte, sie werde ihn, wenn er nichts dagegen habe, gern begleiten, da sie voraussetze, daß er sie, dem Antiochus zuliebe, als eine Schwester ansehen und behandeln werde. Der[155] Kaufmann erklärte, mit allem zufrieden zu sein, was ihr gefällig wäre, und gab sie, um sie vor aller Verunglimpfung auf der Reise nach Zypern zu schützen, als seine Frau aus. Auf dem Schiff wurde ihnen ein Kämmerchen im Hinterteil zugewiesen, und sie schliefen, um nicht durch die Tat ihren Worten zu widersprechen, in einem kleinen Bettchen beide nebeneinander. So geschah denn, was bei der Abreise von Rhodos weder des einen noch des andern Absicht gewesen war. Nacht, Gelegenheit und Wärme des Bettes, deren erregende Kräfte nicht gering sind, ließen sie die Freundschaft für den verstorbenen Antiochus vergessen, und von gleich großer Lust hingerissen, einer den anderen anziehend, feierten sie Hochzeit, noch ehe sie nach Baffa, dem Wohnort des Zypriers, gelangten.

Als nun die Dame in Baffa noch einige Zeit bei dem Kaufmann gewohnt hatte, kam glücklicherweise ein Edelmann namens Antigonus dorthin, der mit einem hohen Alter und noch höherem Geiste geringe irdische Reichtümer verband, weil ihm das Glück in mancherlei Unternehmungen, die er im Dienste des Königs von Zypern gemacht, stets zuwider gewesen war. Dieser ging eines Tages, als der zyprische Kaufmann gerade mit Waren nach Armenien gereist war, vor dem Hause vorüber, in welchem die schöne Dame wohnte, und bekam sie zufällig an einem ihrer Fenster stehend zu Gesicht. Da sie nun so schön war, wurde Antigonus aufmerksam, betrachtete sie genauer und glaubte sich zu erinnern, daß er sie schon anderwärts gesehen habe; wo das aber geschehen sei, konnte er sich durchaus nicht besinnen. Die Dame, die so lange ein Spielball des Schicksals gewesen, war nun dem Zeitpunkt nahe, der ihre Unfälle beschließen sollte; denn sie erinnerte sich, als sie den Antigonus schärfer ins Auge faßte, daß sie ihn einst zu Alexandrien im Dienste ihres Vaters als angesehenen Mann gekannt hatte. Aus diesem Grunde schöpfte sie Hoffnung, jetzt, wo ihr Kaufmann abwesend war, ihren königlichen Rang durch den Rat des Antigonus wiedergewinnen zu können. Sie ließ ihn daher, sobald sich eine Gelegenheit bot, zu sich rufen und fragte ihn schüchtern, ob er, wie sie glaube, Antigonus von Famagusta sei. Antigonus bejahte die Frage und fügte hinzu: »Madonna, ich sollte Euch[156] kennen und kann mich doch in keiner Weise besinnen, wo ich Euch gesehen habe. So bitte ich Euch denn, wenn es Euch nicht unangenehm ist, mir ins Gedächtnis zurückzurufen, wer Ihr seid.« Als die Dame hörte, er sei es wirklich, schlang sie laut weinend ihre Arme um ihn und fragte nach einer Weile den sehr Verwunderten, ob er sie jemals in Alexandrien gesehen habe. Kaum hatte Antigonus diese Frage vernommen, so erkannte er auch schon Alatiel in ihr, des Sultans Tochter, die, wie man glaubte, im Meer umgekommen war, und wollte ihr seine Verehrung in der gebührenden Form erweisen. Sie aber ließ es nicht zu und bat ihn, sich ein wenig zu ihr zu setzen. Antigonus gehorchte und fragte sie dann voller Ehrerbietung, wie, wann und woher sie nach Baffa gekommen sei, während man doch im ganzen Lande Ägypten für ausgemacht halte, daß sie schon vor mehreren Jahren in der See ertrunken sei. »Wollte Gott, ich wäre es wirklich, statt solch ein Leben führen zu müssen, wie ich es gemußt habe, und wenn mein Vater es jemals erfährt, wird er gewiß ebenso sprechen.«

Mit diesen Worten fing sie erneut gar erbärmlich zu weinen an. Darauf sagte Antigonus: »Madonna, verliert den Mut nicht eher, als bis ihr Anlaß dazu habt. Wenn es Euch beliebt, so erzählt mir Euer Mißgeschick und was für ein Leben Ihr habt führen müssen. Es ist immerhin möglich, daß alles noch so abgelaufen ist, um mit Gottes Hilfe einen günstigen Ausweg finden zu können.« »Antigonus«, erwiderte die Schöne, »als ich dich erblickte, war mir's nicht anders, als sähe ich meinen Vater, und die Liebe und die Zärtlichkeit, die ich ihm schulde, machten, daß ich mich dir entdeckte, während ich mich verborgen halten konnte. In der Tat wüßte ich wenige, mit denen zusammenzutreffen mir so lieb gewesen wäre wie gerade mit dir. Und so will ich denn dir wie einem Vater entdecken, was ich während meiner Mißgeschicke immer sorgfältig verborgen habe. Siehst du nach dem, was du gleich erfahren wirst, irgendein Mittel, mich in meine frühere Lage zurückzubringen, so bitte ich dich, es anzuwenden; siehst du aber keins, dann bitte ich dich, niemand zu sagen, daß du mich gesehen oder das mindeste von mir gehört hast.«

Nach dieser Einleitung berichtete sie ihm unter fortdauernden[157] Tränen, was ihr von dem Tage an, wo sie bei Majorca gestrandet, bis zu dem Augenblick, in dem sie erzählte, begegnet war. Auch Antigonus mußte bei diesem Bericht vor Mitleid weinen. Dann aber sagte er nach kurzem Besinnen: »Madonna, da während Eurer Unfälle Euer Name und Euer Stand immer verborgen geblieben sind, so will ich es dahin bringen, daß Euer Vater Euch lieber haben soll als je zuvor und der König von Algarbien Euch zur Gemahlin nimmt.« Auf ihre Frage, wie das geschehen solle, setzte er ihr alles der Reihe nach auseinander und kehrte dann, um anderen Zwischenfällen vorzubeugen, sogleich nach Famagusta zurück. Hier wartete er dem König auf und sagte: »Mein Gebieter, wenn es Euch beliebte, könntet Ihr zur gleichen Zeit für Euch selbst große Ehre einlegen und mir, der ich in Eurem Dienste arm geworden bin, einen ansehnlichen Nutzen verschaffen.« Der König fragte, wie dies geschehen könne, und Antigonus antwortete ihm: »Die junge und schöne Tochter des Sultans, von der so lange gesagt wurde, sie sei ertrunken, ist jetzt nach Baffa gekommen. Um ihre jungfräuliche Ehre zu bewahren, hat sie lange Zeit so großes Ungemach erlitten, daß sie sich jetzt, wo sie zu ihrem Vater zurückzukehren begehrt, in dürftigen Umständen befindet. Wenn es Euch nun beliebte, sie unter meiner Obhut dem Vater zuzuschicken, so brächte Euch das große Ehre, mir aber bedeutenden Vorteil, und ich bin überzeugt, daß der Sultan einen solchen Dienst nie vergäße.« Der König gab mit fürstlichem Sinn sogleich seine Zustimmung, ließ die Dame mit ehrenvollem Geleit nach Famagusta führen und empfing sie zusammen mit seiner Gemahlin mit der größten Auszeichnung. Auf die Fragen, die König und Königin wegen ihrer Schicksale an sie richteten, antwortete sie mit einer Erzählung, die Antigonus sie vorher gelehrt hatte.

Nach einigen Tagen sandte der König sie dann auf ihre Bitte mit einer ehrenvollen und erlesenen Gesellschaft von Herren und Damen unter der Führung des Antigonus an den Sultan zurück. Wie groß die Freude bei ihrer Ankunft war, wird mich wohl niemand erst fragen. Aber auch Antigonus und seine ganze Gesellschaft wurden nicht weniger freundlich aufgenommen. Kaum hatte die junge Fürstin sich ein wenig ausgeruht,[158] so wollte der Sultan von ihr hören, wie sie am Leben geblieben war und wo sie sich so lange aufgehalten hatte, ohne ihm jemals von ihrem Ergehen Kunde zu geben. Darauf begann die Dame, die des Antigonus Bericht vollkommen aufgefaßt hatte, also zu ihrem Vater zu sprechen:

»Es war etwa am zwanzigsten Tag nach meiner Abreise von Euch, mein Vater, als ein fürchterlicher Sturm unser Schiff zerschellte und nachts gegen eine Küste im Westen trieb, nahe bei einem Orte, der Aigues Mortes genannt wird. Was aus den Männern geworden ist, die sich auf dem Schiffe befanden, habe ich niemals erfahren und erinnere mich nur, daß ich am andern Morgen, als ich gleichsam von den Toten erwachte, nebst zwei meiner Begleiterinnen von den Bewohnern jener Landschaft, die das zerschellte Schiff inzwischen bemerkt hatten und von allen Seiten zusammengelaufen waren, um es zu berauben, ans Ufer getragen wurde. Mehrere junge Männer packten uns, und jede wurde in einer anderen Richtung davongeschleppt. Mich hatten trotz meines Widerstandes zwei junge Leute ergriffen und zogen mich Weinende an den Haaren hinter sich her. Von meinen beiden Frauen habe ich nie wieder etwas gehört. Als jene mich eben über eine Heerstraße hinweg in einen dichten Wald schleppen wollten, geschah es, daß vier Ritter desselben Weges gezogen kamen. Sobald meine Räuber jene vier sahen, ließen sie mich plötzlich los und ergriffen die Flucht. Die vier Ritter, die von ehrbarem und gesetztem Aussehen waren, kamen, als sie jene fliehen sahen, auf mich zu und fragten mich vielerlei, auch sprach ich viel zu ihnen, doch verstanden sie mich ebensowenig wie ich sie. Darauf hielten sie lange miteinander Rat, hoben mich endlich auf eines ihrer Pferde und führten mich in ein nach den Sitten ihrer Religion eingerichtetes Frauenkloster. Was die Ritter dort gesagt haben mögen, weiß ich nicht. Genug, ich wurde mit vielem Wohlwollen aufgenommen und immer mit Achtung behandelt, während ich mit den Klosterfrauen den heiligen Crescentius im tiefen Tale, den die Weiber dortzulande sehr lieb haben, verehrte. Als ich nun schon einige Zeit mit ihnen gelebt und ihre Sprache einigermaßen erlernt hatte, fragten sie mich, wer und woher ich sei. Ich überlegte aber, wo ich mich befand, und fürchtete, so ich die Wahrheit gestand,[159] sie könnten mich leicht als Feindin ihres Glaubens verstoßen. Deshalb antwortete ich, ich sei die Tochter eines angesehenen Edelmanns auf Zypern und habe auf der Fahrt zu meinem verlobten Gemahl in Kreta, vom Sturme weit verschlagen, Schiffbruch erlitten. In dieser Zeit mußte ich aus Furcht vor größerem Schaden manche ihrer Gebräuche mitmachen.

Als mich aber einmal die erste unter diesen Klosterfrauen, die man Äbtissin nennt, fragte, ob ich nach Zypern zurückzukehren wünsche, antwortete ich, daß mich nach nichts so sehr verlange. Indes wollten sie mich aus Besorgnis für meine Ehre niemand anvertrauen, der nach Zypern reiste, bis endlich, jetzt vor zwei Monaten, einige gesetzte Männer, von denen einer mit der Äbtissin verwandt war, mit ihren Frauen aus Frankreich in jene Gegend kamen. Kaum hatte die Äbtissin vernommen, daß jene nach Jerusalem reisten, um das Grab zu besuchen, in welches der, den sie für einen Gott halten, nach seiner Ermordung durch die Juden gelegt worden ist, so empfahl sie mich ihnen an und bat sie, mich meinem Vater in Zypern zu überbringen. Wie gütig diese Edelleute mich als Reisegefährtin aufnahmen, wieviel Ehre sie nebst ihren Frauen mir antaten, wäre zu weitläufig zu erzählen. Genug, wir gingen zu Schiffe und gelangten in einiger Zeit nach Baffa. Hier angekommen, ohne eine Menschenseele zu kennen, wußte ich nicht, was ich jenen Edelleuten sagen sollte, die mich infolge des Auftrags der ehrwürdigen Frau meinem Vater zuführen sollten. Doch führte mir Gott, der vielleicht Erbarmen mit mir hatte, in dem Augenblick, wo wir in Baffa an Land gingen, Antigonus am Ufer entgegen. Sogleich rief ich ihn an und sagte ihm in unserer Sprache, damit die Edelleute und ihre Frauen mich nicht verstehen sollten, er möge mich als seine Tochter aufnehmen. Er begriff mich sofort, bezeigte mir die größte Freude und bewirtete meine Reisegefährten und ihre Frauen, soweit es in seinen geringen Kräften stand. Dann führte er mich zum König von Zypern, und der hat mich so ehrenvoll aufgenommen, daß ich's nimmer erzählen könnte, und Euch zugesandt. Sollte noch etwas zu berichten übrig sein, so mag Antigonus es nachtragen, der mich diese meine Schicksale schon oft genug hat erzählen hören.«[160]

Darauf wandte sich Antigonus dem Sultan zu und sagte: »Mein Gebieter, Eure Tochter hat Euch dasselbe erzählt, was ich oftmals sowohl aus ihrem Munde als auch aus dem der Edelleute vernommen habe, mit denen sie nach Zypern kam. Nur eines hat sie zu sagen unterlassen, und das mag sie, wie ich glaube, getan haben, weil sich nicht ziemt, daß sie selbst es erzählt. Ich meine nämlich, was mir jene Edelleute und Damen, mit denen sie gereist ist, von dem ehrbaren Leben, das sie mit den frommen Frauen geführt, und von ihren Tugenden und guten Sitten berichtet haben, und wie Männer und Frauen weinten und klagten, als sie sie bei mir zurücklassen und sich von ihr trennen mußten. Wollte ich Euch alles wiederholen, was mir jene über diesen Punkt gesagt haben, reichte weder der gegenwärtige Tag noch die kommende Nacht dazu aus. Nur so viel will ich hinzufügen, daß Ihr nach den Berichten jener Leute und nach dem, was ich selbst habe wahrnehmen können, Euch rühmen dürft, unter allen Herren, die eine Krone tragen, die schönste, sittsamste und trefflichste Tochter zu besitzen.«

Über dies alles freute der Sultan sich unbeschreiblich und bat Gott mehr als einmal, ihm die Gnade zu erzeigen, daß er jedem, der sich um seine Tochter verdient gemacht, angemessenen Dank beweisen könne, besonders aber dem König von Zypern, der sie ihm auf so ehrenvolle Weise zurückgesandt. Einige Tage darauf ließ er dem Antigonus äußerst kostbare Geschenke reichen, erlaubte ihm, nach Zypern zurückzukehren, und dankte dem König brieflich und durch besondere Gesandte auf das verbindlichste für alles, was er an seiner Tochter getan.

Nach all diesem wünschte der Sultan den ursprünglichen Vorsatz verwirklicht und Alatiel an den König von Algarbien vermählt zu sehen. Daher schrieb er diesem die ganze Geschichte und forderte ihn auf, nach ihr zu schicken, wenn er noch Wert auf ihren Besitz lege. Dem König von Algarbien waren diese Nachrichten sehr willkommen. Er ließ sie auf das ehrenvollste abholen und empfing sie voller Freuden. Dann legte sie, die von acht Männern vielleicht zehntausendmal beschlafen worden war, sich als Jungfrau neben ihm nieder, machte ihn glauben, daß sie es wirklich noch sei, und lebte lange Zeit als[161] Königin glücklich mit ihm. Darum sagt man noch heute: »Neumond und geküßter Mund sind gleich wieder hell und frisch und gesund.«

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 139-162.
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