Zehnte Geschichte

[192] Paganino von Monaco raubt dem Herrn Ricciardo von Chinzica seine Gattin. Dieser erfährt, wo sie ist, begibt sich dorthin, befreundet sich mit Paganino und fordert sie von ihm zurück. Paganino verspricht sie ihm, wenn sie wieder zu ihm wolle. Sie hat aber keine Lust, zu ihm zurückzukehren, und wird nach Herrn Ricciardos Tode Paganinos Frau.


Jedes Mitglied der ehrenwerten Gesellschaft rühmte die Geschichte, welche die Königin erzählt hatte, als besonders schön, vor allem aber Dioneo, dem für den heutigen Tag die Mühe des Erzählens allein noch oblag. So begann er denn nach einem gründlichen Lobe seiner Vorgängerin also zu reden:

Schöne Damen, eine Stelle in der Erzählung der Königin hat[192] mich bewogen, die Geschichte, die ich im Sinne trug, für heute beiseite zu lassen und dafür eine andere zu erzählen. Ich meine nämlich die durch den glücklichen Ausgang nicht gemilderte Torheit des Bernabo, der sich, wie mancher andere Mann auch, einreden konnte, daß die Frauen daheim die Hände in den Schoß legen, während die Männer draußen in der Welt umherreisen und sich bald mit dieser, bald mit jener die Zeit vertreiben. Als ob wir, die wir ja unter den Frauen auf die Welt kommen und groß werden, nicht wüßten, wonach sie Verlangen tragen. So will ich euch denn in meiner Geschichte zu gleicher Zeit die Torheit solcher Leute und die noch größere anderer aufzeigen, die glauben, daß sie mehr vermöchten als die Natur selbst, und sich einbilden, mit eitlem Geschwätz bewirken zu können, was nicht in ihrer Macht liegt, ja, die versuchen, andere so umzubilden, wie sie selbst sind, obwohl deren Wesen dem ihrigen widerstrebt.

In Pisa lebte einmal ein Richter, der mehr mit Verstand als mit körperlichen Kräften begabt war und Herr Ricciardo von Chinzica genannt wurde. Dieser bildete sich wohl ein, daß einer Frau dieselben Fähigkeiten, wie sie zum Richteramt erforderlich sind, genügen, um etwas auszurichten. Er suchte sich daher im Vertrauen auf seinen ansehnlichen Reichtum mit allem Eifer eine schöne und junge Frau, während er doch, wenn er sich selbst so gut beraten hätte wie fremde Leute, das eine wie das andere sorgfältig hätte vermeiden sollen. Indes wurden seine Wünsche erfüllt. Herr Lotto Gualandi gab ihm eine seiner Töchter namens Bartolomea, eines der hübschesten und muntersten Mädchen in Pisa, obgleich dort die meisten so niedlich und flink sind wie die Eidechsen. Der Richter holte sie mit den größten Festlichkeiten heim und feierte eine glänzende und prachtvolle Hochzeit. Auch setzte er in der Brautnacht ein einziges Mal ernsthaft an, die Ehe zu vollziehen; doch fehlte nicht viel, so wäre es auch mißlungen. Am andern Morgen mußte er sich, da er ja dürr und mager und von kurzem Atem war, durch manchen stärkenden Trank, würzige Suppen und andere Reizmittel wieder ins Leben zurückrufen.

Durch diese nächtlichen Erfahrungen lernte der Herr Richter seine Kräfte richtiger einzuschätzen, als er zuvor getan, und er[193] begann infolgedessen seiner Frau einen Kalender beizubringen, der den Schulkindern sicherlich gefallen hätte und ursprünglich vielleicht zu Ravenna gemacht war. Denn nach seinen Erklärungen gab es keinen Tag, auf den nicht ein oder mehrere Heiligenfeste fielen, und diesen Festen zu Ehren mußten sich Mann und Frau aus mancherlei triftigen Gründen fleischlicher Vereinigungen enthalten. Zu diesen Festen kamen noch die Quatember, die Vigilien der Apostel und anderer Heiliger, die Freitage und Samstage, der Sonntag als der Tag des Herrn, die ganze Fastenzeit, gewisse Mondphasen und eine Menge anderer Ausnahmen, für welche alle er im Bette seiner Frau die gleichen Ferien in Anspruch nehmen zu können glaubte, deren er sich zuweilen in seinen Prozessen bediente. Auf diese Weise fuhr er lange Zeit fort, sehr zum Verdrusse seiner Frau, die kaum einmal im Monat auf ihre Kosten kam. Dabei achtete er höchst sorgfältig darauf, daß nicht etwa einer sie auf die gleiche Art mit den Werktagen bekannt machte, wie er sie die Festtage gelehrt hatte.

Nun geschah es, daß einmal zur Zeit der großen Hitze den Herrn Ricciardo die Lust ankam, sich auf einem schönen Landgute in der Nähe des Monte Nero, das ihm gehörte, zu erholen und während des Aufenthalts von einigen Tagen frische Luft zu schöpfen. Seine schöne Frau mußte ihn begleiten, und um sie in der Zeit, die sie dort weilten, ein wenig zu unterhalten, veranstaltete er eines Tages einen Fischzug. Auf dem einen Kahn fuhr er mit den Fischern, auf dem andern sie mit einigen Frauen. So sahen sie dem Fischfang zu, und das Wohlgefallen, das sie an diesem Schauspiel fanden, lockte sie, ohne daß sie's gewahr wurden, mehrere Meilen ins Meer hinaus. Während sie aber noch auf den Fischfang achteten, näherte sich ihnen plötzlich eine Galeere des Paganino da Mare, der damals ein berühmter Seeräuber war. Als dieser die Kähne bemerkte, machte er Jagd auf sie, und sie konnten nicht schnell genug entfliehen, so daß es Paganino gelang, den Kahn zu erreichen, auf dem die Frauen sich befanden. Hier fiel sein Blick sogleich auf die schöne Dame, und, ohne irgend etwas anderes zu begehren, nahm er sie unter Herrn Ricciardos Augen, der bereits gelandet war, auf seine Galeere und fuhr davon.[194]

Ob der Herr Richter, der auf jeden Windhauch eifersüchtig war, über diesen Anblick betrübt war, brauche ich euch nicht erst zu sagen. Er beklagte sich in und außerhalb Pisas über die Ruchlosigkeit der Seeräuber und wußte darum doch nicht, wem seine Frau in die Hände gefallen oder wohin sie gebracht worden war. Paganino aber fand an der Schönheit der jungen Frau Gefallen und schätzte sich glücklich, sie gewonnen zu haben. Da er selbst unbeweibt war, nahm er sich vor, sie für immer bei sich zu behalten, und tröstete sie auf das freundlichste, da er sie heftig weinen sah. Als nun die Nacht kam, setzte er, der keinen Kalender mit sich führte und alle Fest- und Fasttage längst vergessen hatte, seinen Trost, da ihm die Worte den Tag über geringe Frucht getragen, durch Taten nachdrücklicher fort. Er wußte sie so zu beruhigen, daß die gute Frau, noch bevor sie in Monaco ankamen, den Richter und seine Gesetze völlig aus dem Gedächtnis verloren und mit Paganino bereits das fröhlichste Leben von der Welt begonnen hatte. In Monaco dann gewährte ihr der letztere außer dem Vergnügen, das er ihr Tag und Nacht bereitete, noch die ehrenvollste Behandlung, wie wenn sie seine rechtmäßige Gemahlin gewesen wäre.

Nach einiger Zeit kam es dem Herrn Richter zu Ohren, wo seine Frau sich befand, und er entschloß sich in der Meinung, daß kein anderer die Sache richtig anzupacken wüßte, ihr selbst nachzureisen. Er war bereit, jede Summe, die für ihre Auslösung verlangt werden sollte, willig zu bezahlen. Darauf begab er sich zu Schiffe und fuhr nach Monaco, wo er bald seine Frau zu sehen bekam. Aber auch sie hatte ihn bemerkt, sagte es noch am selben Abend Paganino und teilte ihm im voraus ihren Entschluß mit.

Am andern Morgen begegnete Herr Ricciardo dem Paganino, machte sich an ihn heran und bewarb sich eifrig um sein Wohlwollen und seine Freundschaft. Paganino aber stellte sich, als kenne er ihn nicht, und war dabei voller Neugier, wo das hinauslaufen wolle.

Ricciardo wartete eine Zeit ab, die er für gelegen hielt, entdeckte dem Paganino in so wohlgesetzten und freundlichen Worten, als er nur zu finden wußte, den Grund seiner Reise und bat ihn inständig, ihm gegen beliebiges Lösegeld die Frau[195] wiederzugeben. Paganino erwiderte darauf ganz freundlich: »Herr, zunächst seid mir willkommen. Was das andere betrifft, so antworte ich Euch mit kurzen Worten: Allerdings habe ich eine junge Frau im Hause, von der ich nicht weiß, ob sie Eure oder eines andern Frau ist, denn Euch kenne ich überhaupt nicht und sie erst seit der kurzen Zeit, die sie mit mir zusammenwohnt. Seid Ihr nun ihr Gatte, so will ich Euch als einen artigen und wackeren Mann, wofür ich Euch halte, zu ihr führen und zweifle nicht daran, daß sie Euch erkennen wird. Sagt sie dann dasselbe, was Ihr mir jetzt gesagt, und will sie mit Euch heimkehren, so bin ich Eurer Artigkeit wegen damit zufrieden, daß Ihr mir als Lösegeld gebt, was Ihr für richtig haltet. Sollte dem aber nicht so sein, so wäre es unschicklich, wenn Ihr sie mir entreißen wolltet; denn ich bin noch ein junger Mann und kann mir so gut wie jeder andere auch ein Frauenzimmer halten, vor allem aber eben diese, welche die liebenswürdigste unter allen ist, die ich je gesehen.« Darauf sagte Herr Ricciardo: »Wahrhaftig, sie ist meine Frau, und wenn du mich nur zu ihr führst, so wirst du schon sehen, wie sie mir gleich um den Hals fallen wird. Darum verlange ich nichts anderes, als was du selber gesagt hast.« »Gut«, entgegnete Paganino, »so wollen wir gehen.«

Darauf gingen sie miteinander zu Paganinos Wohnung, und als sie in einen Saal eingetreten waren, ließ Paganino die Frau herbeirufen. Sie kam alsbald angekleidet und geschmückt aus einem anstoßenden Zimmer in den Saal, wo die beiden Männer sich befanden; doch sagte sie zu Herrn Ricciardo weiter nichts, als was sie auch jedem beliebigen Fremden, der mit Paganino nach Hause gekommen wäre, gesagt hätte. Darüber konnte sich denn der Richter, der geglaubt hatte, sie werde ihn mit der größten Freude empfangen, gar nicht genug wundern, und er sprach zu sich selbst: »Leicht möglich, daß die Trauer und der lange Gram, die sich meiner bemächtigt, seit ich sie verloren, mich so entstellt haben, daß sie mich nicht wiedererkennt.« So sagte er: »Frau, der Fischfang, zu dem ich dich geführt, kommt mich teuer zu stehen; denn nie empfand ich größeren Schmerz als den, welchen ich nach deinem Verluste erdulden mußte. Du aber scheinst mich nicht zu erkennen, so fremd redest du mit[196] mir. Siehst du denn nicht, daß ich dein Herr Ricciardo bin, der hergekommen ist, um dem Edelmann, in dessen Hause wir uns befinden, alles zu bezahlen, was er verlangt, nur um dich wiederzuhaben und mit nach Hause zu nehmen? Er aber gibt dich mir, dank seiner Güte, für das, was ich selbst bestimmen werde.« Bei diesen Worten wandte sich die Dame dem Richter zu, lächelte fast unmerklich und sagte: »Herr, redet Ihr mit mir? Ihr mögt mich wohl mit einer anderen verwechseln, denn was mich betrifft, so erinnere ich mich nicht, Euch jemals gesehen zu haben.« Darauf sagte Herr Ricciardo: »Bedenke, was du sprichst, und betrachte mich genau. Wenn du dich nur besinnen willst, mußt du ja sehen, daß ich dein Ricciardo von Chinzica bin.« Die Dame erwiderte: »Verzeiht mir, Herr, Euch so genau zu betrachten, möchte sich vielleicht nicht so für mich schicken, wie Ihr zu glauben scheint. Dennoch habe ich Euch hinlänglich betrachtet, um zu wissen, daß ich Euch nie zuvor gesehen.«

Nun glaubte Herr Ricciardo, sie wolle nur aus Furcht vor Paganino in dessen Gegenwart nicht gestehen, daß sie ihn kenne. Deshalb bat er nach einiger Zeit Paganino um die Erlaubnis, allein in einem Zimmer mit ihr reden zu dürfen. Paganino erklärte sich auch damit einverstanden und stellte als einzige Bedingung, daß Ricciardo sie nicht wider ihren Willen sollte küssen dürfen. Der Frau aber befahl er, mit jenem in ein besonderes Zimmer zu gehen und anzuhören, was er ihr zu sagen hätte, und ihm dann ganz nach ihrem Gefallen zu antworten.

So gingen denn die Dame und Herr Ricciardo allein in das Zimmer, und als sie sich zusammengesetzt hatten, begann Herr Ricciardo also zu reden: »Ach, mein süßestes Herz, geliebteste Seele, meine einzige Hoffnung, kennst du denn deinen Ricciardo gar nicht wieder, der dich lieber hat als sein Leben? Wie ist das möglich? Habe ich mich denn so sehr verändert? Ach, mein Augapfel, schau mich doch nur ein wenig an!«

Darüber fing die Dame zu lachen an und sagte, ohne ihn weiterreden zu lassen: »Ihr könntet doch wohl wissen, daß ich kein so schwaches Gedächtnis habe, um Euch nicht als Herrn Ricciardo Chinzica, meinen Ehemann, zu erkennen. Solange ich aber bei Euch war, habt Ihr mich schlecht erkannt. Denn[197] wenn Ihr so verständig wäret, wie Ihr Euch ausgebt, so müßtet Ihr Einsicht genug haben, um zu sehen, daß ich jung, frisch und kräftig bin, und müßtet Euch selbst sagen, was junge Frauen außer Kleidung und Essen sonst noch brauchen, wenn sie es gleich aus Schamhaftigkeit nicht gestehen wollen. Wie wenig Ihr das aber getan habt, wißt Ihr selbst. Wenn Euch die Rechtswissenschaft mehr Vergnügen machte als Eure Frau, so brauchtet Ihr ja keine zu nehmen. Mir seid Ihr aber nie wie ein Richter, sondern wie ein Kalendermacher vorgekommen, so gut kanntet Ihr alle Heiligentage, Feste, Fasten und Vigilien. Das kann ich Euch sagen: wenn Ihr die Arbeiter, die Eure Felder bestellen, so viele Festtage hättet halten lassen, wie der eine gehalten, der mein Gärtchen bearbeiten sollte, so hättet Ihr nie ein Körnchen Getreide geerntet. Nun habe ich diesen Mann getroffen, den mir Gott aus Mitleid mit meiner Jugend zugeführt. Mit ihm bewohne ich dieses Zimmer, in dem man von solchen Festen wie Ihr, der Ihr besser Gott zu dienen wißt als den Frauen, deren unzählige feiert, nicht das mindeste weiß und über dessen Schwellen weder Sonnabend noch Freitag, noch Heiliger Abend, noch Quatember, noch die schrecklich langen Fasten kommen. Hier wird den ganzen Tag gearbeitet und Wolle gezaust, und wieviel wir heute morgen schon vor uns gebracht, seit es zur Frühmesse geläutet, davon könnte ich mitreden. Darum will ich auch bei Paganino bleiben und mit ihm arbeiten, solange ich jung bin. Feste, Ablässe und Fasten hebe ich mir fürs Alter auf. Euch aber rate ich, nach Hause zu reisen, sobald Ihr nur könnt, und ohne mich so viele Feste zu feiern, wie Euch beliebt.«

Diese Rede betrübte Herrn Ricciardo unsäglich, und als er sah, daß seine Frau ausgeredet hatte, erwiderte er: »Ach, geliebtes Leben, was für Worte habe ich von dir hören müssen! So nimmst du denn gar keine Rücksicht auf die Ehre deiner Eltern und auf deine eigene? So willst du denn lieber eine Todsünde begehen und mit dem Menschen hier wie eine Hure leben, als in Pisa meine Frau sein? Wenn der dich einmal satt haben wird, so wird er dir zu deiner größten Schande die Tür weisen. Ich aber werde dich immerdar liebhaben und immer wirst du, selbst wider meinen Willen, die Gebieterin meines[198] Hauses sein. Solltest du denn wirklich um einer so unziemlichen und unmäßigen Lust willen deine Ehre und mich, der ich dich mehr als mein Leben liebe, zugleich von dir stoßen wollen? Trost meines Lebens, ich beschwöre dich, sprich nicht mehr davon und komm mit mir nach Hause. Da ich deine Wünsche jetzt kenne, will ich mich ja von nun an auch recht anstrengen. Darum, mein süßestes Herz, ändere deinen Entschluß und komm mit mir. Seit du mir geraubt bist, habe ich ja keinen frohen Augenblick gehabt.«

Darauf antwortete die Dame: »Um meine Ehre soll sich nur, nun es zu spät ist, niemand mehr kümmern, als ich es selbst tue. Hätten meine Eltern sie lieber im Auge gehabt, als sie mich Euch gegeben! Da sie sich aber damals nicht um meine Ehre gekümmert haben, so denke ich's auch jetzt nicht um ihre zu tun. Begehe ich jetzt, wie Ihr sagt, eine Todsünde, so werde ich schon gelegentlich einmal eine Leben spendende Sünde begehen. Das überlaßt nur mir. Das aber will ich Euch sagen: hier komme ich mir vor wie Paganinos Frau, während ich in Pisa glauben mußte, Eure Hure zu sein, wenn ich sah, wie unsere Planeten nur nach Mondstellungen und geometrischen Berechnungen zusammenzubringen waren. Paganino, der hat mich hier die ganze Nacht im Arm, er drückt und beißt mich, und wie er mich zurichtet, das laßt Euch vom lieben Gott erzählen. Ihr sagt, Ihr wollt Euch anstrengen. Ja, womit denn? Wollt Ihr ihn mit Schlägen auf die Beine bringen, um nach drei Zügen matt zu sein? Ihr seid ja ordentlich zu Kräften gekommen, weil Ihr mich die ganze Zeit nicht gesehen habt. Geht, geht und strengt Euch an, am Leben zu bleiben. Ich glaube wahrhaftig, Ihr wohnt in dieser Welt nur zur Miete, so ausgemergelt und jämmerlich seht Ihr aus. Ich will Euch noch mehr sagen: wenn der mich einmal gehen läßt, wozu er, solange ich nur bei ihm bleiben will, noch keine Lust zu haben scheint, so komme ich darum doch nicht zu Euch, aus dem man mit allem Drücken keine Tasse voll Brühe herausbringen könnte. Zu meinem größten Leiden und Unglück bin ich einmal bei Euch gewesen und werde mir in dem Falle schon anderswo mein Unterkommen suchen. Denn ich wiederhole es Euch: hier haben wir keine Vigilien, und darum will ich hier bleiben. Nun macht aber und[199] geht mit Gott, denn wollt Ihr nicht, so fange ich an zu schreien, Ihr wolltet mich notzüchtigen.«

Aus dieser Rede erkannte Herr Ricciardo wohl, daß keine Hoffnung für ihn sei, und er sah nun endlich ein, wie töricht er gehandelt, bei seiner Kraftlosigkeit eine junge Frau zu nehmen. So ging er denn traurig und betrübt aus jenem Zimmer, gab dem Paganino noch manches gute Wort, das aber zu nichts führte, und kehrte endlich ohne die Frau und ohne jedweden Erfolg nach Pisa zurück. Hier verfiel er vor Betrübnis in solche Torheit, daß er einem jeden, der ihn in den Straßen von Pisa grüßte oder ihn sonst nach etwas fragte, keine andere Antwort gab als diese: »Das arge Ding will keine Feste.«

Es dauerte nicht lange, so starb der Richter. Als Paganino das erfuhr, nahm er die Frau, deren Liebe ihm hinlänglich bekannt war, zu seiner rechtmäßigen Gemahlin, und sie arbeiteten beide, ohne sich um Feste, Vigilien oder Fasten zu bekümmern, solange die Beine sie tragen konnten, und machten sich vergnügte Tage.

Aus diesem Grunde, ihr lieben Damen, bin ich denn auch der Meinung, daß Herr Bernabo in seinem Streit mit Ambrogiuolo das Pferd beim Schwanz aufgezäumt hat.


Die Erzählung hatte der ganzen Gesellschaft so viel zu lachen gegeben, daß keiner war, dem nicht die Kinnladen davon wehgetan hätten. Auch gaben die Damen nun einstimmig dem Dioneo recht und sagten, Bernabo sei ein Tor gewesen. Als aber die Geschichte zu Ende war und das Gelächter nachgelassen hatte, nahm die Königin, die gewahrte, daß es schon spät war, alle ihre Geschichten bereits erzählt hatten und nach der bisherigen Ordnung ihr Regiment ablief, sich den Kranz vom Haupt, setzte ihn Neifile auf und sagte mit lachendem Munde: »Nun, liebe Freundin, sei die Regierung dieses kleinen Volkes in deine Hände gegeben.« Damit setzte sie sich nieder.

Neifile errötete ob der empfangenen Würde, und ihr Antlitz erglühte, wie eine frische Rose beim anbrechenden Tage im April oder Mai anzusehen ist. Dabei schlug sie sanft die klaren Augen nieder, die wie der Morgenstern funkelten. Als aber das freudige Gemurmel, mit dem die übrigen ihre Zuneigung für[200] die Königin kundgemacht hatten, sich gelegt und die Königin selbst ihre Befangenheit abgelegt hatte, nahm sie einen erhabeneren Sitz ein als zuvor und begann also zu sprechen:

»Da ich nun eure Königin bin, so will ich der Weise getreu, die meine Vorgängerinnen beobachtet und die ihr stillschweigend gebilligt habt, euch meine Gedanken in wenigen Worten mitteilen, damit, wenn ihr der gleichen Ansicht seid, wir sie gemeinsam ausführen. Wie ihr wißt, ist morgen Freitag und am darauffolgenden Tag Sonnabend; beides Tage, die wegen der Speisen, die an ihnen genossen werden, den meisten Leuten nicht behagen. Überdies sind wir dem Freitag als dem Tag, an welchem der gelitten hat, der für unser Leben gestorben ist, besondere Verehrung schuldig. So fände ich es denn recht und schicklich, wenn wir uns lieber mit Gedanken an Gott und mit Gebet als mit lustigen Geschichten beschäftigten. Am darauffolgenden Sonnabend aber ist es unter uns Frauen üblich, uns den Kopf zu waschen, um ihn von Staub und Schmutz zu befreien, die sich bei den Geschäften der vorhergegangenen Woche auf ihm angesammelt haben. Auch pflegen gar viele an diesem Tage aus Ehrfurcht vor der jungfräulichen Muttergottes zu fasten und dem folgenden Sonntage zu Ehren sich die ganze Zeit über jeglicher Arbeit zu enthalten. Da wir also an diesem Tage unsere sonstige Lebensweise gleichfalls nicht werden beobachten können, halte ich es für gut, daß wir auch mit unseren Erzählungen feiern. Dann sind wir aber schon vier Tage lang hier gewesen. Wollen wir nun vermeiden, daß neue Gäste uns beunruhigen, so erachte ich es für zweckmäßig, daß wir unseren Aufenthalt wechseln und anderswohin ziehen, wie ich denn schon einen solchen Ort erwogen und vorgesehen habe. Wenn wir dort am Sonntage nach dem Mittagsschlaf versammelt sein werden, habt ihr teils zum Nachdenken hinlänglich Zeit gehabt, teils aber wird es nach dem weiten Spielraum, der uns heute für unsere Erzählungen gestattet war, zweckmäßig sein, die Freiheit in der Wahl der Geschichten ein wenig zu beschränken und von den verschiedenen Wirkungen des Schicksals eine besonders herauszugreifen. Und so habe ich mir gedacht, daß wir von denen sprechen wollen, die durch Scharfsinn etwas Heißersehntes erlangten oder Verlorenes wiedergewannen.[201] Unbeschadet dem Vorrecht des Dioneo mag dann ein jeder eine Geschichte vortragen, die der Gesellschaft nützlich oder zumindest ergötzlich sein kann.«

Alle lobten die Rede und den Vorschlag der Königin, und es wurde beschlossen, diesen in allem zu befolgen. Darauf ließ die Königin ihren Seneschall rufen und gab ihm genau an, wo er am Abend die Tische decken und was er sonst während ihrer Regierungszeit tun solle. Dann erhob sie sich mit der ganzen Gesellschaft und erlaubte jedem, seinem Vergnügen nachzugehen. Damen und Jünglinge schlugen den Weg nach einem kleinen Garten ein und aßen, als die Tischzeit gekommen war, froh und vergnügt dort zu Abend, nachdem sie sich zuvor eine Weile ergötzt. Dann erhoben sie sich, und Emilia führte auf Wunsch der Königin einen Tanz an. Pampinea sang das folgende Lied dazu, in das die übrigen im Chor einfielen:


Welch Mädchen sänge wohl, wollt ich nicht singen,

Der alle Wünsche nur Erfüllung bringen?


So komm denn, Amor, Ursach meiner Freuden,

Jeglicher Hoffnung, jeglicher Gewährung;

Laß singen uns zusammen.

Nicht von den Seufzern noch den bittern Leiden,

Die ich empfind als deiner Lust Vermehrung;

Nein, von den hellen Flammen,

Aus deren Glut mir Fest und Freude stammen,

Weil meine Huldigungen zu dir dringen.


Du führtest, Amor, mir zur ersten Stunde,

Als ich aus deinem Flammenkelche schlürfte,

So holden Mann entgegen,

Daß an Schönheit, Mut und tiefer Kunde

Wohl keiner leicht sich ihm vergleichen dürfte,

Geschweig denn sein ihm überlegen.

In ihn entbrannt ich so, daß seinetwegen

Froh mein und deine Lieder rings erklingen.


Doch ist die höchste aller meiner Sonnen,

Daß Amor seine Liebe mir beschieden,[202]

Wie ich nur ihm mich weihe.

So hab ich denn hienieden schon gewonnen,

Was ich gewünscht, und hoffe dort auf Frieden,

Und daß, um meine Treu

Zu lohnen, Gott von Strafen uns befreie,

Wenn wir empor zu seinem Reich uns schwingen.


Nach diesem Liede wurden noch mehrere andere gesungen, mancherlei Tänze wurden aufgeführt und verschiedene Instrumente gespielt. Als aber die Königin meinte, es sei Zeit, sich schlafen zu legen, ging ein jedes mit vorangetragenen Fackeln in sein Gemach. Die beiden folgenden Tage blieben den Beschäftigungen gewidmet, welche die Königin vorher erwähnt, und alle erwarteten voll Verlangen den Sonntag.[203]

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 192-205.
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