Lady Hodefield an Werdo Senne

[81] Friede und Ruhe mit Ihnen, treuer, einziger Freund. Ihr Brief hat mich in einer der wichtigeren Minuten meines Lebens sanft[81] überrascht; er ist wie ein sanfter Schlaf lösend über meinen Rausch, wie ein winkender bedeutender Traum über den Zweifel meiner Handlung herabgesunken. Ich habe zweimal der eisernen Notwendigkeit den süßesten Genuß geopfert. Die Versuchung, der Zeit einen Possen zu spielen, und selbst mit unendlicher Wollust aufzudecken, was sie in ihrer stillen, folgenden Gesetzlichkeit entwicklen wird, war für ein tollkühnes Weib wie ich nicht klein; so nannten Sie mich einst, aber ich darf es ja nicht mehr sein. Nur die Blüte darf üppig wagen, darf der Frucht wie ein jauchzender Bote vorausgehen, und ich darf nichts, gar nichts mehr, das ist alles vorbei, die Zeit bereitet mir nun meine Freuden, damit ich hübsch genügsam sei. Ich habe sonst zuviel genossen, nun ist die Zeit da, daß ich den Genuß andrer genug ehre, um ihn nicht zu stören. Und diese Macht danke ich Ihnen allein; Sie lehrten mich, daß die meisten Unfälle Folgen unserer Voreiligkeit sind, mit der wir der Zeit in ihrer Konsequenz vorgreifen. Ich war in dem Kampfe gegen meine schimmerndsten Gelüsten ermüdet; auf meinem Sopha hingestreckt, blickte ich nicht ohne Neid nach dem Besiegten. Das Bild der Freude, die ich von mir in die Ferne gewiesen hatte, stand flehend und drohend vor mir, ich war so allein, so empfänglich, die Freude so reizend in ihrem Schmerz und Unwillen; »ich komme nicht wieder«, sprach sie, und schien mich zu dem zudringlichsten Besuch der verwegensten Reue zubereiten zu wollen, falscher Stolz, falsche Scham, waren ihre Vorwürfe. Doppelt einsam, indem ich die Gesellschaft des einzigen, der außer Ihnen Ansprüche auf meine Liebe hat, von mir gewiesen hatte, war ich, als ich Ihren Brief erhielt. Sie sind ganz gegenwärtig in ihm für mich, obschon Sie schon leise dem Leben drinne entschweben, denn ich kann Ihnen nachsehen. Alle meine Leidenschaften, alle meine Wünsche haben sie nun wieder zu jenem anspruchslosen Frieden gebracht, in den Sie sich Ihren Gram und so freundlich mir meine Schuld zu verschleiern wissen. –

Ich habe Karln gesehen – ich wußte nicht, daß er es war, und doch bewies die Natur ihre geheime Macht, unwiderstehlich zogen mich ihre Bande zu ihm hin, obgleich Zeit und Ferne sie versteckt hatten. Ich fühlte, daß er mir angehört, der geistvolle[82] schöne Sohn, auch er war im Innersten seines Herzens gerührt, und neigte sich gewaltsam zu mir hin, ohne es erklären zu können. Ich erkannte ihn durch die Erzählung seines Aufenthalts bei Godwi und seines Geschäfts. Ich er kannte ihn in der Trennung, und es war die höchste Wonne und der bitterste Schmerz in die nämliche Minute gelegt. Nur die Überraschung und die Menge der Menschen um uns machten mir es möglich, den sanft von meinen Blicken zurückzuweisen, den ich in meinem Herzen trage, und den ich umso fester in meine Arme schließen mochte, da ich ihn als einen edlen ausgebildeten Menschen wiedersah. Ach ich war nicht standhaft, die Entdeckung zu verhindern, es war bloßer Zufall, daß ich mich und sie nicht verriet!

Alles was Sie mir überhaupt von Eusebio und insbesondere von seiner Krankheit schrieben, scheint mir ebenso richtig, als Ihre Bescheidenheit falsch. Sie wollen gar nichts von dem wenigen, womit ich Ihnen Ihre Existenz erleichtere, verdient haben, und ich soll Ihre ewige Schuldnerin bleiben.

Die Trauer Eusebios ist mir sehr verständlich. Wäre er unter dem glücklichen Himmel seines Vaterlandes, wo sein Herz und der Himmel in einem Gleichgewichte der Glut ständen, so würde er froh sein. Er erwacht vor der Zeit, weil seine Umgebung auf seine Anlage einen zu großen Reiz ausübt. Obschon er keinen Druck und keine Geschichte zu bedenken hat, so kann er dennoch nicht mehr Kind sein. Das Mißverhältnis seines Temperaments zu seinem Leben, und zum Lande, in dem er lebt, zwingt ihn zu reflektieren; da er nun keinen bestimmten Gegenstand haben kann, so entsteht aus seiner Reflexion über das bloße Bedürfnis die Sehnsucht in ihm. Er schmerzt mich; wehe dem, der kein Kind sein konnte, er kann nicht Jüngling, nicht Mann werden – die Jahreszeiten fließen ihm in eines zusammen in seinem Verlangen – und bedarf in jedem Genusse jeden andern. Eusebio hätte noch lange Knospe sein müssen, an der der Tautropfen und die Träne hinabrollt, nun hat sich sein Busen erschlossen, und die Träne liegt still in seiner Kindheit, ein Bote innerer Trauer für sein ganzes Leben. Die Außenwelt hat ihn nicht auf der Stufe, die er einnimmt, gefesselt, es spielte kein Kind mit ihm, und so treibt ihn seine innere Glut[83] aufwärts, die ihn hätte ausbreiten sollen. Ich fühle deutlich seine Zukunft, er wird nie die Formen kennen lernen, in denen er lebt, nur in den zusammengesetztern, reichern länger verweilen, jedem halben Tone wird er entgehen, und leicht viele Stufen des Lebens übereilen. Das Verlangen ist früher und begehrender in ihm ausgebildet, als er sich die Welt gewürdiget hat, er öffnet die Arme mit Sehnsucht, und nimmer kann er mehr umarmen als sich selbst; so entsteht bei immer neuen Versuchen und einem steten Zurückkehren ohne Erfolg diese entsagende Trauer in ihm.

Sein heftiges Begehren nach mir erklärt sich leicht hieraus. Wenn er mit seiner mächtigen frühreifen Phantasie den kleinen spärlichen Kreis seiner Erfahrungen durchläuft, so ist ihm sein Aufenthalt bei mir der reichhaltigste Punkt. Das Einfache reizt ihn nicht mehr, weil es zu innig und zu schmerzlich mit ihm verwebt ist. Schmerzlich sage ich, weil er an ihm ermüdet ist. Je einfacher das Leben eines phantastischen Gemüts ist, je drückender wird ihm seine Umgebung; seine Anlage zu erfinden wird vielfältiger gereizt, und weil die Sache, an der er bildet, ihm nie entgegenkömmt, sondern er ewig an seinem Zusatze zusetzen muß, um weiterzukommen, ermüdet er eher. Um eine grade Linie können mehrere Wellenlinien gezogen werden als um die Wellenlinie. Eusebio hat sich sein Dasein schon so sehr mit den Gewinden seiner Phantasie umschlungen, daß er die einfache Linie nicht mehr kennt, und gleichsam in den selbstgesponnenen Netzen seiner Einbildungskraft gefangen liegt.

Ich würde schon zu Ihnen und dem kleinen Insassen meines Herzens gekommen sein, wenn ich Godwi, Ihren Gast, nicht vermeiden müßte, denn wir sind uns beide gleich gefährlich.

Sie haben mich gelehrt, meine Handlungen nach allgemeinen Gesetzen um der Ruhe und Gesetze willen zu beschränken, ohne deswegen meine Art zu fühlen, welche die Eigentümlichkeit meines Zusammenhangs mit der Natur bestimmt, zu erdrücken – und auch ohne dies ist es mir nie möglich gewesen, mich wie eine Bürgerin in die freie Welt hinein zu heucheln, das Gepräge meiner Seele ist zu tief, es konnte nicht erlöschen, und ich bin schon insoweit vor der Verfolgung der Bürgertugend[84] geschützt, als man von mir, als einer reichen Engländerin, sonderbare Streiche prätendiert. Doch dies hat mich nicht bestimmt, Godwin zu lieben, nicht, ihn von mir zu weisen. Ich habe das erste gemußt und das zweite gewollt. Er ist einer der wenigen, die, bei großer Macht in sich, dennoch nichts von ihrer Kraft entbehren können, weil ihnen ein ebenso großes Leben entgegenliegt. Das Leben liegt vor solchen Menschen wie ein erzhaltiges Gebirg, sie müssen hindurch, und alles gewinnen, aber die Kunst des Bergmanns und des Scheidekünstlers ist ihnen versagt, sie müssen die Strahlen des Lebens in dem Brennpunkte ihres Herzens vereinigen, um, eine einzige Glut vor sich herwerfend, sich eine Bahn durch die Goldadern zu glühen, wo andre mit tausend Hammerschlägen sich kaum den Schacht eines Grabes erarbeiten zwischen emporgeworfenem Schutte, der Pyramide ihrer Endlichkeit. Hier im Lande klettern die Kinder an diesem Denkmale des Vaters in die Höhe, um sich in der Kunst des Sturmlaufens im Dienste des Vaterlandes zu üben.

Ich habe ihn von mir gedrängt aus Liebe zu ihm. Er ist zu sehr für das Ganze, und mit zuviel Kraft ausgerüstet, als daß ich ihn hätte unterstützen dürfen, sich im Einzelnsten, in mir zu verlieren. Er ist nicht für mich gewesen; wo hätte ihn sein Engel besser hinführen können als in Ihre Arme, wo alle meine Unruhen entschlummert sind?

Lieben sie Ihren Gast, wie Abraham den Engel liebte, der ihm verkündigte, daß ihm ein Sohn auf der Schwelle des Lebens stehe.

O ich bin sehr stark geworden, ich werde der Zeit nicht vorgreifen, auch nicht für Sie. Es wäre zuviel, wenn ich vor Ihnen entwickelte, was ich ahnde, beinah versichert bin. Die lose entwurzelte Eiche würde mit allen den einsamen Reben, die sich innig an ihr hinaufschlingen, hinabstürzen über den Berg Gethsemane ihres Lebens, und von neuem in den Gräbern ihrer Freude wurzeln. Ich glaube fast ganz, daß die Ahndungen Ihrer Freuden eintreffen werden, aber dann werden Sie nicht vor Freuden sterben, Sie werden leben und Jahre mit unendlich tiefen Stunden.

Groß und reichlich ist der Tisch des Herrn, und jeglicher hat seinen freudigen Wein neben sich stehen, und wie er trinkt, so[85] genießt er. Später, früher und zu früh ergreifen die Gäste den Becher. Viele nippen sparsam vom Rande, und wahrlich ihre Höflichkeit ist dem Wirte und seinem Reichtum ein Schimpf, scheinen sie doch aus der Provinz, aus irgend einer Marktflecken-Welt des Universums hier zu Tische, und wollen fast genötigt sein. Dies sind die determiniertesten Herren, in jedem Augenblicke bereit und ge schickt, nach einer kurzen kräftigen Rede für die Tugend auf der Henkerbühne zu sterben, und träfe jeden seine Geschichte nach seiner Anlage, so wären diese Leutchen ein ausgesuchtes Chor von Revolutionsopfern, und an ihnen allein würden alle Exempel statuiert. Sie treten mit beiden Füßen auf dem Laster herum, und tragen auch die haltbarste Moral so ab, daß man die Fäden zählen kann. Ohne allen Begriff für eine edle Natur, kämpfen sie sich an der Tugend zu Tode. Ihre Herzensgüte sieht ihnen zu den Augen heraus, wie ein fauler Hausherr, der immer in der Schlafmütze am Fenster liegt. Andere Gäste fassen zu derb zu, sie leeren den Kelch zu schnell, und trinken sich krank in Gesundheiten, übersättigt sitzen sie am Mahle, wie ein nüchternes Übelbefinden nach einem tollkühnen Rausche; es sind genialische Renommisten, Sklaven der Freigeisterei, und meistens Parvenus im Leben. Sie wollten das Mahl begeistern, und fressen die Begeisterung, und viele unter ihnen, die sich Philosophen nennen, haben keinen andern Wunsch, als ihren eignen Magen zu verschlingen; sie gehen stolz in so weiten Schuhen, daß sie in den Schuhen gehen, mit denen sie gehen; zu gar nichts können sie gelangen, weil sie alles sind, ohne irgend etwas zu haben, und sollten nur sich selbst umarmen lernen. Viele sitzen noch mit zu Tische, auch wohl welche, die den Spargel verkehrt essen, oder witzige Devisen zum Munde führen, und so alle Arten. Doch unten am Tische, wer hat die stillen Kinder vergessen, die Lieblinge des Wirtes, die ruhig harren, und mit dem Vorwurfe des Unrechts das Mahl nicht stören wollen, und seine Freude? Man gebe ihnen den wohlschmeckenden Kuchen, und den süßen freundlichen Wein des Nachtisches, daß sie fröhlich von dannen gehen. Die Gäste verlassen den Tisch, sie gehen nach Hause, oder werden nach Hause geführt, so wie jeglicher getrunken hat. Wenige und auch Sie, freundlicher Greis, stehen am Ausgange,[86] sie haben das Ihrige nicht genossen, und teilen es fröhlich dem Übermäßigen und Unmäßigen mit, daß jener nicht hungernd von dannen gehe, und dieser nicht leer. – O! Ihre Freuden, Werdo, haben Sie sich selbst gepflanzt, wie die Reben um Ihre Hütte. Sie haben sie auf einen Boden gepflanzt, den Sie selbst erst urbar machten, Sie haben sie erzogen. Dankbar werden sie sich um Ihre wankenden Kniee schmiegen, Sie werden Ihre zitternden Schritte nicht mehr fühlen, wenn Sie durch diesen Frühling wandeln. Grüne blühende Lorbeern schlingen sich durch die silbernen Locken des größten Helden des Friedens, sanft umschatten sie Ihren nackten Scheitel, und leise sinkt dann die Abendsonne Ihres Lebens in das stille ruhige Meer befriedigter Hoffnung hinab.

Doch wieder auf Ihren Gast zu kommen: wie gefällt er Ihnen, hat er Sie nicht erheitert? Sprechen Sie mit ihm über mich; doch nicht eher, als Sie merken, daß sein Umgang mit Tilien bedeutender wird, denn ich bin versichert, daß er sie schon liebt, oder doch lieben wird. Sie werden ihn dann sehr überraschen, und gewiß eine Seite ganz an ihm kennen lernen. Es ist schwer, diesen jungen Menschen ganz zu beurteilen, denn sein ganzes Wesen wird durch Eindrücke beherrscht, und der, welcher vor ihm steht, muß nur zu oft falsch über ihn denken, wenn er ihn und nicht sich zu sehen glaubt. Nur das reinste und einfachste Wesen, nur ein Weib ohne Träne und ohne Flitter wird ihn begreifen, und lieben. Er ist der Spiegel der trübbarsten und beweglichsten Flut, und nichts als ein Spiegel. Wie die Welt vor ihm liegt, so sieht sie ihm aus den Augen, das grüne Blatt, das auf ihm schwimmt, ruht auf seinem eigenen Abbilde, und der unendlich hohe Himmel, der auf ihn herniederblickt, sinkt seinem Bilde entgegen, das aus seiner Tiefe heraufschwebt. Stehen Sie ruhig vor ihm, und Sie werden sich selbst verschönert sehen, und fällt eine Träne in den Spiegel, so werden Sie Ihr Bild in den Kreisen der Fläche zerrissen sehen. Er kann nur durch Liebe, die heftigste, ruhigste Liebe, in der ihm die schönste Menschlichkeit göttlich dünkt, ruhig und unendlich viel werden. –

Ich bin während vierzehn Tagen mit ihm zusammen gewesen, und habe nicht mehr getan als ihn geliebt und mich[87] von ihm lieben lassen. Seine Schmeicheleien habe ich sanft zurückgewiesen, seine Offenherzigkeit in schwachen Stunden ohne Neugierde freundlich angehört, und mich mit den Schwingen seiner Hoffnungen gefächelt, wenn die Glut seiner bilderreichen Phantasie mich erhitzte. –

Vierzehn Tage habe ich ihm gestohlen, und meine weibliche Eitelkeit glaubte ihm noch ein großes Geschenk gemacht zu haben.

Als ich einstens, unruhig über sein langes Außenbleiben, abends nach Tische mich an meinen Schreibtisch setzte, und in meinen älteren Papieren herumsuchte, fand ich mich wieder in jenen Zauberstrudel von Eitelkeit und Torheit zurückgezogen, aus dem Sie mich in England wie ein guter Geist herausführten. Sie hatten damals alle meine Papiere in Päcktchen zusammen gebunden, und ich die Überschrift gemacht. Ich habe heute aber erst bemerkt, daß auch Sie die Päcktchen damals überschrieben haben. Nun fing ich an, meine und Ihre Überschrift zu lesen:

»Briefe voll wahrer Liebe, voll Uneigennützigkeit des Lords Wallmuth, der meine Gesinnungen und mein Herz schätzte.« Ihre Überschrift – »dessen Bekanntschaft also itzt von Ihnen erst gesucht werden sollte, weil Sie itzt erst den Entschluß fassen, ein Herz und Gesinnungen zu haben.«

Ich schämte mich, und las weiter:

»Bemerkungen über einzelne Tage in einem Umgange mit Lord Derby und Chevalier Rosier, Beweise meiner innigen Freude über die untadelhafte Reinheit und den Geschmack meines Umgangs mit diesen beiden reizenden Männern.« – »Freude eines phantastischen Kindes über Schneeflocken, Seifenblasen und Tagtierchen, denen man keine Minute stehlen darf, weil es ihre Jahrzehnde sind.« Wehe mir, mein Freund bleibt lange aus! »Süße Stunden des Trostes in meiner mühsamen Arbeit, keine eitle Törin mehr zu sein, Resultate meines Umgangs mit Karl von Felsen.« – »Sonnenfleckchen, Minutenlichter, die ich, mit dem Spiegel meiner Toilette, einer Sonne und der Welt, die sie erwärmen sollte, gestohlen habe, um sie durch die langweilige Nacht meiner Moralität hüpfen zu lassen.« –[88]

O! das war zuviel, lieber Werdo, müssen Sie mich noch einmal mit Ihrem kalten Ernste beschämen – so tief hat die Torheit in mir gewurzelt, daß ihre Narbe noch zeichnen muß. Karl von Felsen und Godwi, steht ihr nach Jahren noch in der Parallele? Ich erwachte aus meinem Traum, tief rührte mich die Entheiligung Ihres Angedenkens, ganze vierzehn Tage hatte ich Sie und Ihre Lehren vergessen. – Ich konnte ihn nun kaum mehr erwarten, den Armen, den ich betrogen hatte, und so sehr beschämend mir es war, ihn mit solcher Sehnsucht erwartet zu haben, so süß war mir es jetzt, die Minuten zu zählen, bis ich seinen leisen Tritt vernehmen würde.

Es ist eine sonderbare Empfindung, in der nämlichen Handlung rückwärts Reue und vorwärts Freude zu empfinden.

Ich gab mir alle Mühe, mich bei meinem guten Vorsatze fest zu erhalten, ich verließ meine Stube, die nur zu viele Bequemlichkeiten zur Liebe hat, seufzend blickte ich nach dem wunderheimlichen Sopha, der Wiege so mancher süßen Annäherung, trat in die Bibliothek, verhüllte meinen Busen, damit mein Herz nicht zutage liege, setzte mich auf einen unbequemen Stuhl, und legte das letzte Päcktchen Briefe vor mich auf den kalten Marmortisch. Es war Nacht geworden, ich sah auf die Bildsäule der Pallas, der ernste spröde Umriß der Hohen stach schwarz von der letzten Dämmrung des Tages ab, und ich hatte mich schon so ziemlich mit der Idee beruhigt, daß ich auch so eine Pallas wäre. Der leise Schritt meines Freundes gleitete durch den Hof, er trillerte ein italienisches Liedchen, und ich erwachte aus meiner Metamorphose. Einen großen Sprung mußten meine Gedanken machen, wie Sie wohl meinen, um ihn zu erreichen? – O der Schwachheit! nein, nicht einen Schritt, ich hatte die ganze Zeit an seine liebenswürdige Gestalt, sein süßes Geschwätze gedacht, und recht mitleidig überlegt, ob ich dem armen Jungen denn gar nichts erlauben sollte.

Ich hatte alles vergessen, Sie und mich – der Kuß, den er mir raubte, hatte den ganzen stolzen Tempel meiner Weisheit zusammengestürzt. Der Kontrast war so groß, daß er mich stärkte. Ich nahm alle meine Gewalt zusammen, und bat ihn, gleich den andern Tag wegzureisen. Er kniete vor mir, und bat auch; nun mußte ich befehlen, und er reiste.[89]

Ich weiß nicht, wie ich es anfing, daß er mich nicht verstand. O er hätte ohne vielen Scharfsinn bemerken können, daß mir mein Befehl soviel Mühe kostete als einem jungen Fürsten sein erstes Todesurteil. Ich bemerkte sehr deutlich an seinem stummen Erstaunen, daß er von mir so etwas gar nicht erwartet hätte. Er konnte mich nicht begreifen und meine Kälte an diesem Abende noch weniger zu seiner größern Kühnheit passen. Mit einem rührenden Ernste fragte er mich: »Habe ich Ihre Liebe verscherzt?« und ich antwortete ihm mit einer Lebhaftigkeit, die mich zur Lügnerin und Heldin machte: »Nein, ich habe sie Ihnen genommen.« Er verließ die Stube.

– Er wohnte in meinem Hause, das hätte ich früher schreiben sollen, und warum ich es so spät als möglich sagte, ist, weil ich die Falten auf Ihrer Stirne fürchtete. Ich will mich nicht entschuldigen, er ist bei Ihnen, Sie werden den Reiz und die Empfänglichkeit, die Mäßigkeit und die Entsagung gerecht zusammen stellen.

Er war nach seiner Stube gegangen, es war zehn Uhr, und ich bemerkte, daß ich zu lange ohne Licht mit ihm zusammen gewesen war. Und war dies nicht noch mein Glück? Hätte ich ihn gesehen, hätte ich gesehen, wie alles an ihm Bitte, mächtiges Bitten gewesen, o ich hätte ihm nicht widerstanden.

Wer ist der große Mensch? der auftreten kann und sagen: »Ich habe eine Handlung mit meiner Kraft vollendet, die mir Mühe und Überwindung kostete. Ich habe alle meine Leidenschaften bekämpft, und habe mir den süßesten Genuß geraubt, der sich mir aufdrang, kein Zufall hat mich begünstigt, der Zufall, die Umstände waren meine Gegner, und doch habe ich gesiegt. Hier seht mein Auge, ich habe es ausgerissen, um nicht zu sehen, was vor mir stand.«

O du großer Mensch, ich bin nicht im äußersten Grade mit dir verwandt. Und du magst wohl einsam und allein ohne deinesgleichen in der Welt stehn, denn du kannst alle entbehren und alle benutzen. Du bist kein Glied des Ganzen, und unnütz. Unglücklich kannst du nicht sein; was soll dir denn deine Macht? Aber groß kannst du allein sein. Wenn du Gutes tust, so tust du es frei und unabhängig, selbst gegen deinen Genuß – Wo ist denn nun hier wieder das Verdienst; ist es dir nicht[90] leicht, nicht schmeichelhaft, so zu handeln, o wo ist irgend ein Verdienst? Keine Größe ohne Selbstüberwindung – auch du kannst nicht fortdaurend groß sein, du bist es nur bis zur Tat, und diese tötet deinen ganzen Ruhm – Wo soll ich sie denn finden, die Größe? sie ist ja nie da.

Ich saß so verlassen, so trostlos auf meiner Stube, ich wollte ihn bitten lassen, wiederzukommen. Ich greife im Finstern nach der Klingel, die vor mir auf dem Tische stand, und ergreife das Päcktchen Briefe. Ihre Aufschrift brannte mir unter den Fingern, und ich hätte fast einen Schrei getan, wie der Geizhals, dem ein Schalk im Gewande eines Geistes statt des versprochenen Hecketalers eine glühende Münze in die Hand drückt. Ich klingelte, man brachte Licht, und ich setzte mich nieder, an meinen unglücklichen Liebhaber zu schreiben.

Ich schrieb, und las nachher meinen Brief, der mir ein Meisterstück von Überwindung schien. Ich entdeckte ihm versteckt unsre Verwandtschaft, rechtfertigte mein Betragen, bat ihn wegen meiner Liebe um Verzeihung, schilderte ihm meine Gründe nochmals so dringend, als ich konnte, und sah am Ende des Briefs wohl ein, daß ich ihn ihm nicht geben konnte, weil er unsern Plan, meine Geschichte verborgen zu halten, augenblicklich zunichte gemacht haben würde. Aber der schöne durchdachte Brief voll Selbstüberwindung sollte umsonst geschrieben sein? – Nein – ich oder vielmehr meine Eitelkeit, (wenn man uns trennen kann!) machten die Sache noch viel reizender.

Die Liebe sagte mir: »Giebst du ihm den Brief, so mußt du ihn nochmals sehen, und dann ist dies keine Schwachheit, dann ist es Notwendigkeit;« aber die kalte Vernunft drohte mit Ihrem Unwillen, lieber Werdo! – ich wollte einen andern schreiben, da schlug es drei Uhr des Morgens, um sechs Uhr reist er ab, es ist zu spät – ich sann, und eine alte etwas vernachlässigte Freundin benutzte meine Verwirrung, sich wieder ihrer Rechte zu bemeistern, die Abenteuerlichkeit mischte sich ins Spiel, sie entschied. Ich entschloß mich, in seine Stube zu schleichen und den Brief in seine Brieftasche zu stecken. Die Adresse wurde abgeändert in: »Ich bitte meinen lieben Freund, diesen Brief nicht eher zu eröffnen, bis ich es ihm melde. Molly.«[91]

Ihn nochmals zu sehen, und das Heimliche bei der Sache, spannte meine Neugierde bis zur Angst. Es war alles so stille, ich hörte mein Herz doppelt schneller pochen, als das Pendul der Uhr. Die Zeit eilte in mir, und außer mir wollte es gar nicht vier Uhr werden.

Ich schlich so leise, so bange mit meinem Briefe über den Hof nach dem Gartenhause, wie Emma mit ihrem Eginhard durch den Schnee; wenn meine Diener mich bemerkten – wie die Hähne schon krähen – die Rosse stampfen – es ist früh und duftig – der Hofhund, o wenn er nur keine unzeitigen Anstalten zur Wachsamkeit macht – so, nun bin ich vorüber. Seine Vorhänge sind noch vorgezogen. Ich wurde von meiner Bangigkeit gleichsam schwebend die Treppe hinaufgetragen, alles war mir so leicht und schwer, so nachgebend und widerstrebend, so dumpf elastisch, wie die Handlungen im Traum. Ich trat vor die Türe der Stube, zitterte, wankte hinein, und wollte, ohne mich nach ihm umzusehen, wieder wegschleichen, wenn ich den Brief in die Brieftasche gesteckt hätte, aber dabei blieb es nicht. Ich stand vor dem Schlafenden, und schämte mich vor ihm, ich war hingewurzelt, er seufzte, meine Träne fiel auf seine Wange, und mein leiser Kuß schwebte über den sanft geöffneten Lippen. Es war die schwächste Minute meines Lebens, und nichts wollte mir den letzten kleinen Stoß geben, daß ich hinab in die tollkühnste und süßeste Umarmung gesunken wäre. O ich hätte weinen können vor Unwillen, daß die Schwäche so schwach ist, daß sie mich nicht in seine Arme werfen konnte, und nicht zurück von der Stelle bewegen. Wie ein Schwindelnder am Rande der Tiefe, der nimmer fällt und nimmer zurückweicht, stand ich da. Nun krachte ein Stuhl, ich sehe um mich, der Bediente saß auf dem Stuhle, er erwachte, rieb sich die Augen, öffnete sie etwas unmäßig, und grüßte mich etwas überlaut. Ich gab ihm Geld, und bat ihn zu schweigen, wenigstens bis sein Herr weg sei. Ich weiß nicht, was ich nachher dachte und tat, als ich wieder glücklich unten war; um zehn Uhr fand ich mich in meinem Wagen, es regnete stark, und mein Kutscher bat mich, wieder nach Hause zu fahren.

Ich habe gesiegt, und daß ich so unwillig auf diesen Sieg bin, ist mir sein Wert, es ist das Gefühl der Größe meines Kampfs.[92] Er ist weg, nicht ohne Tränen, ich bin zurückgeblieben mit dem Bedürfnisse nach einem Menschen wie er. Der Abschied war in der Dämmerung, und das ist mir Stärke gewesen. Hätte ich lesen können, was in seinen Zügen geschrieben stand, ich hätte nicht widersprechen können. Seine Gestalt zerrann in der Scheidestunde aller Gestalten, er schied in der Dämmrung des Abends, und so ist ihm ein Übergang gewesen von meinem deutlichen Besitze zum Vermissen. Ich schied in der Dämmerung des Morgens, und nun scheint mir der leere Tag in die Augen. Ich bin nicht mehr zu bewegen, so erregt bin ich, ich träume auf meinem Sopha, das ich so spröde abends verlassen hatte, und das sich mit allen Erinnerungen bitter an mir rächt. Auf das eine Kissen hat er mit Stecknadeln meinen und seinen Namen verschlungen gesteckt. Ich mag mich gar nicht mehr ankleiden. Es verbreitet sich eine allgemeine Nachlässigkeit über mich, und meine Umstände scheinen mir wie Grenzen, die ihren Inhalt suchen, und sich ewig selbst durchkreuzen. Immer will sich noch kein Genuß aus mir heraus über diese Welt verbreiten, das gewöhnliche Leben ist mir wie ein ewiges Halbdunkel, es reizt zur Handlung und zerstört den Raum dazu. Nacht! Nacht! du undurchdringliche, ewige, du liebende Geliebte, du Gipfel der unendlichen Tiefe, du Ruhe der Vollendung. –

Meine Liebe zu diesem Menschen war kunstlos, und mehr als die Kunst, denn die Kunst kann mich nicht trösten. Allgemeine Träumereien über die Kunst sind mir am zulänglichsten, ich bringe dann mit, was ihr fehlt zum Leben, die Liebe, aber sie endigen sich leider meistens mit Sehnsucht nach ihm und sind der Weg meiner Pflicht zu meiner Sünde. Wer mit einer solchen Tätigkeit in dem Herzen der Natur liegen kann wie ich, dem genügen ihre einzelnen Sinne nicht, die in das Leben wie winkende Denkmale hingestellt sind. Und was ist das Herz der Natur anders als die Minute, wo sich die Arme umschlingen und alle Trennung ein Einziges wird, und was ist die Umarmung der Liebe anders als der geistigste und körperlichste Gedanke des Lebens, wo alles nur die Kraft wird, zu bilden, ohne zu reflektieren, das Objektivste ohne Bewußtsein, das Kunstwerk der Genialität? Wenn wir die Kunst nur kennen, so werden[93] wir auch Künstler werden können –! Ja es giebt auch gesunde Kinder der Ehe, aber die Kinder der Liebe sind genialischer, und schöner, und fähiger.

Ich will umarmt sein, indem ich mich selbst umarme. Ewig kehre ich an den Ähnlichkeiten der sogenannten Kunst im Einzelnen zu jener Sehnsucht eines Umgangs mit einem Höheren, wie an dem Anblick schöner Zerstörung in verfloßne Zeit der Jugend und Fülle des Werks, zurück. Dort scheint mir der Sinn des Wortes zu liegen, das nur noch silbenweise um mich tönt, als wäre nur noch eine Silbe der Zeit da, die es ausspricht. Das Element ist in dem ganzen Raume verbreitet, aber tief unter den Bergen rauscht die kristallene Woge, in einsamen Klüften dringt sie noch im Quelle rein aus dem Grabe der Jahrtausende. O ihr werdet sie nimmer zwingen, in den häuslichen Brunnen zu dringen, ihr werdet sie nicht durch die Fontainen eures Marktes künstlich dem Himmel entgegentreiben, höchstens zum Schauspiele könntet ihr sie gebrauchen, wenn ihr sie leiten könntet, denn das Geschlecht ist wahrlich zu krank, um das Reine zu ertragen.

Mir steht die Musik, die Malerei und Bildnerei und die Poesie itzt da wie eine Relique des Ganzen, das die Liebe ist, und das mir auch die meinige immer war. Ich habe das alles umfaßt in Einem, der das alles im Einzelnen nicht war.

Der Tempel ist über mir zusammengestürzt, und mein Gebet, das so frei und unwillkürlich an dem Gewölbe der Kuppel sich in Worte ründete, durch die Räume der erhabenen Säulenordnung in Takte zerklang und in ihren Kronen liebliche Tonspiele umarmte, ist mit dem Echo zertrümmert. Am freien Himmel hallt es nicht wider, und mein Dienst trauert wortlos und ewig in sich selbst zurückesinnend an den schönen Trümmern, die alle zu Altären geworden sind. Soll ich Opfer bringen? Ein Opfer ist keine Liebe, es müßte sich sonst selbst entzünden. O dieses Nachsehen, und dieses Nachhallen!

Wenn ich Musik mache, so ist mir jeder einzelne Teil so traurig wie ein Brief an eine ferne vertraute Welt, die mich mißversteht, weil sie den Takt meines Herzens, meinen Blick, das Bild des Vorgetragenen in meiner Phantasie, die Schwäche der Maschine und die Tyrannei des Hebels nicht sieht, den mein[94] Körper so ungeschickt zwischen mich und meine Äußerung hinlegt; und doch ist dieses Stammeln, dieser Kampf zwischen Wollen und Können ein Muß, dem der Vorzug einzelner Töne vor einer weiten stillen Öde wenig Reiz giebt, denn der Starke ist lieber tot, als er tändelt.

Doch spiele ich, ich spielte anfangs fremde Erfindung. Das dauerte nicht lange, es war mir, als schriebe ich an die ferne Welt, um an der Unzulänglichkeit schuldlos zu sein, aus einem Briefbuche ab, und schämte mich. Als mich mein Freund begleitete, fand ich in dem Einstimmen seiner Flöte in meine Akkorde wenigstens das scheinbare freie Schaffen der Liebe zu ähnlichen Gegengenüssen, wie das Schachspiel ein geistreiches Gespräch scheinen kann. Wer seine Flötenuhr akkompagniert, oder mit sich selbst Schach spielen mag, der muß mehr Kraft als Stoff haben, und das habe ich nicht. – Ich phantasierte, und sprach mich ganz aus, aber bald hemmte mich die sonderbare Empfindung, ich würde selbst ein wildes gestaltloses Lied, das ewig aus sich selbst ringt, und nie wieder in sich zurückkehrt: dies war mir schrecklich, ich erschien mir wie eine kalte Bildsäule, die in der fortstrebendsten Leidenschaft ewig ruht, ohne Ruhe zu sein, und auch dies war fürchterlich. – Habe ich denn nichts, wenn man mir nichts giebt, und bin ich denn nichts, wenn ich nicht durch die Augen eines andern gesehen werde? Kein Genuß ohne Auswechselung; ich hatte gesungen, und niemand hatte mich gehört. Der Ton, der nicht gehört wird, ist nicht da, ich hörte mich nicht mehr, denn ich sang mich.

Ich sang dann in öffentlichen Konzerten und berauschte mich in der allgemeinen Stille. Es war keine Eitelkeit, es war das Gefühl, als breite ich mich über alle aus, mit weiten tausendfachen Armen, indem ich mich aus mir selbst in eine große Höhe verfolgte, und wenn ich mich in diesem Zustande in einem Bilde aussprechen sollte, so war ich der Strahl eines Springbrunnens, der aus der Mitte eines Bassins emporsteigt, sich in den Sonnenstrahlen spiegelt, und wieder zurückfällt. Es freute mich, daß ich Reize genug besitze, mir selbst alles geben zu wollen, und doch noch die Menge zu rühren. Da aber ihr Beifall im Händeklatschen über mich herfiel, war der schöne Traum geweckt. Sie schienen mit Gewalt aus sich herauspochen zu wollen, was[95] ich in sie hineingesungen hatte. Die Männer hatten allein geklatscht, ich verachte die Galanterie wie gemachte Blumen, und will keinem mehr gefallen. Der scheinbare Umriß der Musik, sein ewiger Wechsel, und dabei doch die Sklaverei gewisser Verwandtschaften, Fesseln, denen man nie entgeht, und die, wegen ihres Spielraums, doch solchen Reiz der Freiheit hinbieten, ihre bildlose Fülle, die ich zu tausend Bildern schaffen kann, diese unerschöpfliche Menge, die nie das erreichen kann, dessen Teil sie nur ist, alle Liebe und die meine, die ich doch so ganz umfaßte, ängstigte mich zuletzt, als hätte ich ein Spiel in Händen, das sich kühn über den Meister erhebt und mit ihm selbst spielt, oder zu dem ich selbst würde.

Ich bestehe selbst, und so im Kampfe, mit dem Ganzen eins zu sein, daß mir nur das schnelle Umfassen des Ganzen mit einem Blicke ein Genuß werden kann. In seinem Blicke sprach sich mir alles Licht, alle Farbe, alle Malerei meiner Welt deutlich aus. Wenn er an meinem Arme im Garten auf und ab ging, waren mir die Töne der Natur nicht mehr roher und ungebildeter als die Töne der Kunst. Er war mir der Mittler; indem ich mich mit ihm verbunden fühlte, war in ihm alle Kunst, ohne die Härte des Alleinstehens, leise aus der Natur weggeleitet, und so leise, daß keine Verwunderung, keine Unerklärbarkeit mehr zwischen ihr und mir lag. Ich war zum Selbstbewußtsein gekommen, daß ich vom Äußern und das Äußere von mir unzertrennlich sei, und daß wir in einer freundlichen lebendigen Abhängigkeit voneinander leben.

Es ist mir nur immer, als hätten die Menschen, da die Liebe die Erde verließ und mit dem süßesten, tätigsten Nichtstun, mit dem Bestehen durch aus sich selbst würkende unendliche Kraft die schreckliche Mühe und die Maschinerie ohne Perpetuum mobile abwechselte, als hätten damals die Menschen in schneller Eile das Deutlichste und Reinste aus dem herrlichen Haushalte der Welt stückweise errettet und in künstlichen Kisten und Kasten verschlossen. Das sind nun die einzelnen Künste, deren Zusammenhang sie ängstlich zusammensuchen, und sie mit den Resten des allmächtigen Verstandes zusammenkleben und beschreiben wollen. Mir stehen sie itzt nur da, wie ich Ihnen schon sagte, wie traurige Denksäulen verlorner Göttlichkeit, die uns[96] ewig winken; wir sollen hin zu jener Welt, die vor uns geflohen ist, und die wir mit unendlicher Sehnsucht erwarten.

Wir liegen halb aufgerichtet vor diesen göttlichen Aposteln, die in alle Welt versandt sind, und werden von den göttlichen Trümmern eines Ganzen gerührt, das wir selbst mitbildeten. Wir knieen vor der Reine unsrer eignen Schönheit in weinender Rührung – und die beste Theorie der Kunst scheint mir immer antiquarisch und unzuverlässig. Obschon es ein schönes Beginnen ist, die göttlichen Trümmer mit Mühe zu ergänzen und zu erläutern, so bleibt mir doch der Gedanke traurig, daß wir uns dann selbst mit zerlegen und zusammensetzen müssen, um in unserm Einzelnen die wenigen Strahlen, die das Verlorne zurückgelassen hat, aufzufinden, und so aus uns verderbten und verkehrten Wesen die entarteten Gliedmaßen herzustellen, die den Torso ergänzen sollen.

Wenige Schöne sind mehr in der Welt, die durch Unwissenheit sich schuldlos fühlen, die das Verlorne nicht suchen, weil sie es nicht vermissen, indem die freie Liebe, die Mutter aller Kunst, in ihnen wohnt. Wie reine Wesen erblicken sie den Spiegel, in dem sie sich spiegeln, und tragen aus der Welt mit ihrem eignen Bilde die Welt in sich zurück. Sie durchströmt das Leben, das sie selbst durchströmen, und das Schaffen, das sie mit dem Ganzen in sich aufnahmen, schafft unwillkürlich wieder in ihnen. Wie alle mit der süßen Gewalt der Geschlechtsliebe im Innern auf die rege Bahn treten, so treten nur wenige mit der Allmacht der freien Liebe ins Leben. Denn das Schaffen liegt im Geschaffenen. So wie die Materie aus ihrem allgemeinen Dasein in der Geschlechtsliebe in die Vereinzlung und Ähnlichkeit des Liebenden tritt, so spricht auch die freie Liebe den Geist, oder die Gottheit, in schönen Kunstwerken aus, indem sie das Unendliche in die Form ihrer Ähnlichkeit trägt und dieser Form ein Leben im Einzelnen giebt. Durch eben diese Vereinzlung werden wir sonderbar gerührt, weil die Mannichfaltigkeit bis zur Unkenntlichkeit in ihr gebunden ist, das Einzelne ungeheurer und seltsamer vor uns steht, und wir erregt werden, indem wir das vor uns und mit uns leben sehen, worin und wodurch wir leben. – Über ein schönes Kind kann ich mich ebenso sehr freuen als über ein schönes Kunstwerk, weil diese zwei Arten sehr in mir zusammenhängen[97] und ich zu der ersten eine größere Fähigkeit habe. Je mehr der einzelne Teil der Göttlichkeit in dem Werke in sich selbst geründet ist, je weniger schmerzhaft dem Blicke der Übergang von dem Alleinstehen des Einzelnen in die volle Verbindung des Lebens ist, je schöner ist das Werk, je reiner, je vollkommner ist ein Sinn hingestellt, ohne uns an das traurige Vermissen des Ganzen zu mahnen.

Die meisten Verbindungen der Künste zu einem Einzelnen werden mir daher gräßlich und erhalten etwas sonderbar Totes und Ekelhaftes. Masken und Wachsfiguren können mir nie schön werden. Unsre Stümperei erscheint hier verbunden mit unsrer Unwissenheit. Die Farbe darf nie mit der greiflichen toten Form zusammenkommen, denn sie begleitet nur den Wechsel, indem sie sich selbst nicht angehört, sondern dem Lichte. – Deswegen sind Augäpfel an der Bildsäule so unerträglich. Denn eine Bildsäule soll nur die Oberfläche aussprechen, sie erscheint mir wie ein umgekehrtes erdichtetes Leben, in dem die Seelenäußerung von außen nach innen geht. –

Ich habe Ihnen geschrieben, wie es mir mit dem Singen erging, mit dem Zeichnen und Malen wird es mir nie anders ergehen. Ja hätte ich das reizende Bild in mir, das mich in süßer Bewunderung auflösen kann, bestimmt mit allen seinen feinsten Umrissen, wie es in meinen Glauben, meine Liebe, in mich selbst hinüberschwebt, ohne Grenze ewig und vollkommen, und könnte ich es fest, wie es nur die Allmacht kann, auf eine Stelle hinbannen, ohne ängstlich die Linie an die Linie, den Punkt an den Punkt zu reihen – o des Mechanismus im Lebendigsten! – so würde ich malen. Wo ist der Künstler, der sich erreichte, und wer kann im Staube nachbilden, was seine Seele ahndet? Die großen angestaunten Bildner geben mir nichts als das Gefühl ihres Übergewichts. Wir stehen in Staunen hingerissen vor Bildern, die wir nicht begreifen können, wir schreiben dicke Bände über Gefühle bei einzelnen Kunstwerken, die uns unerklärbar sind. Sein Gemälde, das er in der Seele trug, hat der Künstler nur hingestümpert, und das Gemälde unsrer Seele bei weitem übertroffen; ihm selbst wird kein reiner Genuß, denn es ist unedel, im Gefühle des Schwächeren den Strahl seiner Stärke brechen zu lassen. Darum muß man weit über mich[98] erhaben sein, um in seinem stets mißlungenen Werke mein gelungenstes Ideal hinzustellen, und ich selbst kann mich also nicht damit trösten. Ja es ist mir mehr Genuß, mich, durch den leisen schwimmenden Nebel der Ahndung von meinem Geiste getragen, bescheiden dem größten Bilde meiner Phantasie zu nähern, als es schändend zum Spotte meiner Augen in Handgreiflichkeit vor mein Erröten herabzuzerren. Übrigens ist in meinen Idealen der Übergang, der Wechsel, die Beweglichkeit zu reißend, um sie je in den stillen bildenden Künsten zu suchen; nicht der Blick, nein der Augenblick des Blicks, ist meine Sehnsucht, nicht die Bildung der Glieder, nein der Tanz, reißt mich fort.

Wenn ich vortreffliche Kupferstiche oder Gemälde betrachte, überfällt mich eine Bangigkeit, eine Unruhe, die oft in Schwermut übergeht, wenn gleich diese Gemälde diese Empfindung nicht schildern. Ich glaube diesen Eindruck durch das Gesagte hergeleitet zu haben.

So ergeht es mir, lieber Freund, in den einzelnen Künsten; wie sollte es mir besser gelingen in der Seele aller, in der Poesie? Bin ich doch selbst ein Gedicht, und meine ganze Poesie. Aber ich lebe in einer Zeit, wo die schöne Form verloren ging, und so fühle ich mich geängstet, und unglücklich, weil ich nicht in meiner eigentlichen Gestalt lebe. Nimmer werde ich der Welt ein Lied hingeben, denn sie giebt mir nichts hin. Die Gedichte der Natur, sie gehen stille vor mir auf und nieder, und ich traure, wenn ich in das Morgenrot sehe, und in das Abendrot, in den heißen treibenden Tag, und die tiefe volle Nacht. Sie rühren mich, als träten sie vor mich und sagten flehend zu mir: O, gieb uns eine Seele und ein Leben, daß wir deinesgleichen seien, daß wir mit dir sein können und mit dir lieben. Ich stehe vor ihnen wie ein Spiegel, sie sehen in mich und ich in sie, und sie sinken vor mir hinab, denn ich kann sie nicht befestigen. Im Leben muß ich sie sehen, um sie freudig zu erblicken. Nichts kann ich umarmen, denn mir ist die freie Liebe versagt. Zwischen mir und dem Geliebten muß die Poesie stehen, die von mir selbst ausgeht. Wenn er mich umarmt, und ich mich in ihm umfasse, so ist die Gestalt in mir und ihm, und ich habe gedichtet.[99]

So wie mir das einzige Talent des Bildens in der Geschlechtsliebe liegt, so ist wohl durch die Stummheit mancher Sänger verstummt, so wie der größte Maler blind, und der größte Tonkünstler taub geblieben sein mag. Aber diesen letztern bleibt ein Ausweg, die Poesie ist und bleibt die Seele ihres Drangs zu bilden, und sie sind Maler, Sänger oder Tonkünstler geworden durch die größere Macht eines einzelnen Organs in ihnen. So kann denn aus den Gemälden des Blinden eine Musik oder ein Gedicht werden, und aus der Musik des Tauben ein Gemälde. – Nur der Größte und Gesundeste und Freudigste kann ein großer Dichter werden, der alles dichtet, denn wem die Macht der Ausübung und des Stoffs, das Leben und der Genuß im vollen blühenden Gleichgewichte stehen, der wird und muß ein Dichter werden.

Menschen mit voller Lebensfähigkeit, und so auch ich, stehen immer im Kampfe mit dem geregelten Leben. Sie sind bloß für das Dasein, und nicht für den Staat gebildet. Schmerzhaft schlägt sie die bürgerliche Gesellschaft in das eiserne Silbenmaß der Tagesordnung, und sie kämpfen, und verderben, weil die Liebe in ihr in das Handwerk des Ehestands gewaltsam eingezünftet ist. Häusliches Glück und gesellige Freude trägt man ihnen auf, die nur weltliches Glück und Freude des Universums erkennen. Viele, die frühe schon in diesem Kerker eingefangen sind, ja die in ihm die Augen eröffnen, siechen mit ihrer größern oder geringern Anlage fort, oder brechen durch übergroßen Reiz einseitig hervor, und der geringste muß wenigstens in einem Fieber, in einem Rausche, und oft schrecklich im Wahnsinn, der ewigen Poesie ihren Tribut bezahlen. Solche heftige Reize sind Einsamkeit, Freundeslosigkeit, und Eitelkeit. –

Nimmer werde ich das wunderbare Mädchen vergessen, die ein junges Opfer des Lebens fiel. Kordelia war innig an mich gefesselt, und glücklich, da ich noch unfähiger meine Glut in unbestimmte Sehnsucht ergoß, und doch wendete ich mich schon leise zur Sinnlichkeit, und konnte keine weite Aussicht ertragen. Sie war eine Schottländerin, und ihren Eltern entflohen. Sie ward dem Prediger, der mich erzog, zugeführt, man hatte sie bettelnd in den Straßen aufgefangen und meinem Pflegevater überbracht. Sie sagte ihren Namen nie, so sehr man[100] sich darum bemühte, denn sie fürchtete sich, zurückgebracht zu werden. Nach dem Tode meines Pflegevaters, der bald darauf erfolgte, blieb sie bei mir, und war enge mit mir verbunden. Sie arbeitete nie, ja sie hatte einen seltsamen Abscheu vor der Arbeit, was sie auch bewogen hatte, ihre Eltern zu verlassen, für die sie nicht ohne Zärtlichkeit war; aber auch diese Liebe war ihren Eltern nicht begreiflich gewesen, wie ihr Abscheu vor der Arbeit, wegen dem sie von ihnen öfters hart behandelt worden war. Ich fand sie einstens abends im Garten auf dem Angesichte liegen, und erschrak, weil ich glaubte, es müsse ihr etwas zugestoßen sein. Ich rief sie, da sprang sie auf, nahm mich bei der Hand, und lief mit mir den Garten hinaus, nach unsrer Wohnstube. Ich war heftig erschrocken, und da ich sie dringend bat, mir die Ursache ihres Zustandes zu erklären, sagte sie mir: »Sieh, ich saß im Garten, und sah die Abendsonne, ich war froh und glücklich, denn es war alles schön; aber plötzlich zerriß sich der Himmel, und es war alles noch herrlicher, und immer anders, und wieder und wieder, da konnte ich es nicht allein ansehen, es war zu viel und zu schnell. Mir fiel ein, daß meine Mutter einstens sagte, wie der Abend so schön sei, und mir die Tränen dabei in die Augen traten, weil ich nicht draußen am Walde sein könnte; da nahm mich meine Mutter hinaus in den Wald, setzte sich zu mir, und ich liebte sie unendlich, aber sie lief wieder zurück an die Arbeit, und war traurig, daß sie nicht dableiben durfte. Wie ich nun itzt im Garten saß, und den schönen Wechsel der Farben ansah, fühlte ich, daß meine Mutter itzt an der Arbeit sitze, und dies nicht sehe, und dies nicht; so warf ich mich denn auf das Angesicht, um es auch nicht zu sehen, denn es zerriß mir das Herz, daß die Farben so schnelle verschwanden, und nicht warteten, bis wohl die Arbeit meiner Mutter vorüber sei.«

So war ihre Liebe, die Vorstellung des Todes war ihr nur fürchterlich, insofern sie fürchtete, die Sonne nicht wieder zu finden, und den Mond; ob ein andrer stürbe oder lebte, das rührte sie wenig. Nie waren wohl verschiednere Menschen verbunden als wir beide. Zwischen ihr und der toten Natur war kein Mittler nötig, so wie ich kein Interesse für die tote Natur habe, wenn sie sich mir nicht im Auge eines andern reflektiert.[101] Der Abend- oder Morgenschimmer an den Bergen bestimmte ihre ganze Glückseligkeit. Jeder schöne Morgen war ihr ein freudiges Geburtsfest, jeder Tag ein glücklicher oder unglücklicher Freund, und jeder Abend ein Tod. Sie stiftete einzelnen Tagen, die ihr besonders lieb gewesen waren, Denkmäler, indem sie einzelne Blumen pflanzte, oder mehrere in eine bestimmte Ordnung stellte. An einem ähnlichen Tage erinnerte sie sich immer des verflossenen, und lebte mit der Zeit und ihren Gliedern in einer wunderbaren Verwandtschaft. Bei mondhellen Nächten war sie voll freudiger Wehmut, und sie saß dann oft in einer wunderbaren Begeisterung im Garten. Sie nannte die Nacht die enthüllte Zukunft und Vorzeit, jeder Stern war ihr das Bild eines Tages in weiter Entfernung, der vorbei sei oder komme, es ergriff sie dann eine heftige Sehnsucht, und sie schien sich selbst nicht gegenwärtig; »ich eile nach und eile entgegen«, so drückte sie ihren Zustand aus. Sie liebte am Tage, und betete in der Nacht, dies war ihr Leben. Ich lehrte sie mit vieler Mühe schreiben, und sie schrieb dann die Geschichte ihrer verstorbenen Freunde, der Tage, auf, schrieb Briefe an sie, und dichtete im Winter elegisch. Sie entwickelte meine Anlage zur Schwärmerei, aber meine Schwärmerei war die der Sinnlichkeit. Wenn sie in den weiten Himmel sah, so berührte ich ängstlich, mit wunderbarem Entzücken, die Blätter und Blumen der Pflanzen, ich saß oder lag immer in mich selbst verschlungen im Garten, wenn wir solche Nächte zubrachten, und sie stand aufrecht und frei, mit gehobenem Gesichte. So trennten wir uns im Innern schon bestimmt, wie wir uns nachher ganz trennten. So wie ich geschloßne heimliche Gegenden liebte, so war es ihr höchstes Entzücken, von Bergen oder Türmen weit hinaus zu sehen. Auch hatte sie das Bedürfnis nicht, sich mir zu nähern, wenn sie mit mir sprechen wollte; jede Entfernung, die die Stimme bequem erfüllen konnte, war ihr schon hinlänglich und lieber als Annäherung, und jede Umarmung war ihr unerträglich. Sie erschrak leicht, wenn sie von ungefähr meine Hand oder irgend etwas Lebendes berührte, und war, bei einem hohen Grade von Schönheit, mit wunderbar durchsichtigen Bewegungen und Mienen, das keuscheste Weib durch Anlage. –[102]

Sie liebte mich, weil ich sie duldete, sonst empfand sie keine Neigung zu mir, noch zu irgend einem andern Menschen. Als Godwi mich kennen lernte, als er mir immer näher kam, und endlich am nächsten, war sie in ein kleines Gartenhäuschen gezogen, und in der Nacht, in der ich Karln gebar, verschwand sie. Vier Jahre nachher fand ich zufällig eine Sammlung von Gedichten in London, die ich für die ihrigen erkannte. In der Vorrede fand ich die Anzeige der Herausgeberin, daß die Verfasserin tot sei. Ich konnte nie erfahren, wer die Herausgeberin war.

Meine Freundin hatte in der Zeit, da ich meinen Weg von dem ihrigen trennte, mehr gedichtet als gewöhnlich, und eines ihrer Lieder hat mich wunderbar gerührt. Es ist mit dem Namen des Tags nach der Geburt Karls überschrieben, da sie also schon geflohen war. Das Lied ist ein Quartett zwischen dem Monde, der Sonne, der Nacht und einer geblendeten Nachtigall, die sich zu Tode singt, weil sie die Stunden der Ruhe nicht mehr erkennen kann. So gehen ihre Lieder allegorisch fort, und nähern sich zum Ende einem ganz eignen Sterben in sich selbst; alles, was mit den Sinnen erkannt wird, schwindet mehr und mehr. So klagt sie, daß der Mond immer dunkler werde, und die Sonne immer matter. Auch ist ein Klagelied darunter, an die ewige Dämmerung, die schon mehrere Wochen daure; dann ein Ruf an die fliehende Natur, die Bitte, nicht so schnell zu fliehen, damit das Mädchen mitkönne; dann ein Lied an das Leben, das einzige, in dem sie von Menschen spricht, und das letzte, die Wiedergeburt genannt. Sie beschreibt in ihm, wie sie in die tote Natur zerrinnt, wie sie nun die Rolle wechseln und so nach dem Leben schauen und das Lebendige besingen werde, wie sie bis itzt der toten Natur getan habe. –

Wie wenig ich mich zur Dichterin schicke, beweist schon, daß ich immer auf den Verfasser zurückkehre. Ich kann nicht lange auf dem Gedichte verweilen, gleich überrasche ich mich auf dem Gedanken: »Welche Seele! die so dichtet«, und nie habe ich die Schönheit des Werks, immer nur die Kraft und die Fülle des Meisters geliebt. Die Dichtkunst ist mächtiger als Malerei; wie mir jene Herabzerrung des Ideals ist, so ist mir diese Beflügelung desselben oder doch wenigstens völliges Erreichen. In der Poesie übergebe ich das Werk sich selbst, und die[103] Macht, welche bildet, bildet sich selbst, denn das Werk ist in ihr die ganze Kraft des Meisters. Ich habe in ihr mit der Phantasie begehrt, und erfülle mit einer ebenso großen Gewalt, mit der Phantasie. Die Bildung verhält sich in ihr zum Ideal wie die Sprache zum Denken, in der Malerei aber wie die Farben, die Gestalt zum Denken. Ich kann mein Ideal in mir in der gedrängtesten Gestalt empfinden, und es in der Dichtung unendlich ausbreiten und entfalten, denn das Wort hat Farbe und Ton, und beide haben Gestalt. So kann ich mit den Geistern aller Sinne mein Gedicht allen Sinnen übergeben, da ich in der Malerei das ganze weite vielgestaltete Bild auf die Macht des Auges beschränken muß, ich muß einen Sinn zum Richter der unendlichen Phantasie machen, und mit den Farben die Sprache erreichen wollen. – – Die Besinger sind den Malern so unähnlich als die Sänger den Bemalern – der Dichter ist größer als der Maler, denn der erste hat mehr gedichtet als er malen konnte, der letztere aber kann nie malen, was er dichtete. Zum Maler bin ich zu klein, welch Lied würde das werden?

Alles dies hatte ich gedacht; und gefühlt, daß die Kunst mir nimmer die Liebe ersetzen kann. Diese künstliche Kunst! So war ich, als ich meinen Sohn fand – o könnte jeder, der einen Mißton in der Liebe griff, sich auf diesen Einklang retten. Diesen kann man mir nicht nehmen, nicht ich, nicht die Pflicht, nicht der Überdruß. Er ist von mir, er ist mein wieder beginnendes Leben, und wenn ich noch so viele Grundsätze zu befolgen habe, so kann dieser doch nie wegräsonniert werden.

Oft ist mirs sehr wunderbar zu Mute mit den Grundsätzen, ich kann sie dann gar nicht begreifen, und möchte dann so ein halb Dutzend Grundsätze auf den Kopf stellen, und sie umgekehrt befolgen, gar nicht aus Verachtung der Grundsätze, nein – aus lauter Langeweile. Grundsätze? – das ist mir so gar schwerfällig, als sollte ich eine Bastille aus Quadersteinen von Grundsätzen in mir erbauen, um die Gelüsten darinne einzusperren; ich sage die Gelüsten, denn wer kann die Tat erwischen, wenn sie geboren ist? Erklärt sie vogelfrei, sie ist unendlich geschwind, und fällt in die Anlage zur Handlung, wie ein Funke in das Pulver; nimmer werdet ihr sie bändigen, denn sie ist das Leben.[104]

Godwi hat seinen Bedienten, der mich in meiner Morgens-Wallfahrt so unangenehm störte, einem Landedelmann, der mit seinem Sohne hier auf dem Landtage ist, überlassen, und von diesem Bedienten weiß ich, daß er bei Ihnen ist.

Der gute naive Landjunker, der aus Unerfahrenheit mit den Sitten der Stadt einen Platz in meiner Loge nahm, erzählte mir viel von einem seltsamen Herrn Baron Godwi, der bei ihm gewohnt habe, und ich erfuhr mit einigem Unwillen, daß er mit der Schwester des Junkers recht vertraut gewesen sei, so daß es diesem wie eine pur angelegte Sache vorgekommen ist, wie er sich in seiner Unschuld ausdrückte.

Nun so bin ich dann schon vergessen; oder ist er einer von den Mächtigen, deren Leichtsinn Universalität, deren Treue Einseitigkeit, deren Langeweile Tiefe, deren Schwärmerei Höhe ist? –

Küssen Sie Ihre Otilie, danken Sie ihr für ihre Mühe an Eusebio.

Sollte Godwi nicht auf diesen Kleinen wirken, und wie wird er es tun?

Molly

Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 2, München [1963–1968], S. 81-105.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter
Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Leo Armenius

Leo Armenius

Am Heiligen Abend des Jahres 820 führt eine Verschwörung am Hofe zu Konstantinopel zur Ermordung Kaiser Leos des Armeniers. Gryphius schildert in seinem dramatischen Erstling wie Michael Balbus, einst Vertrauter Leos, sich auf den Kaiserthron erhebt.

98 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon