23. Der Königssohn Johannes.

[52] Es war mal ein Königssohn mit Namen Johannes, der wollte auf Reisen gehn, und ob sein Vater gleich dawidersprach, weil er fürchtete, es könnte ihm unterwegs ein Unglück zustoßen, so ließ er sich doch nicht zurückhalten, sondern zog fort in die weite Welt hinein. Mit Anbruch der Nacht kam er in einen großen Wald zu einem Hexenhause, darin wohnte ein altes Weib mit ihrem Manne. Die Hexe war aber so bös geartet, daß sie alle drei Tage wenigstens einen Menschen fraß. den sie vorher in ihrem Backofen gebraten hatte. Als sie nun den schönen Königssohn in ihr Haus treten sah, da lachte ihr das Herz im Leibe, daß sie wieder einen guten Braten kriegte. »Du[52] kommst von hier nicht wieder fort«, sprach sie zu ihm, »und sollst mir tüchtig arbeiten.«

Den andern Morgen brachte sie ihn hinaus auf ein großes Feld, gab ihm einen Spaten und sagte: »Nun grabe mir das Feld; aber das wicke ich dir, bist du bis Sonnenuntergang nicht fertig damit, so geht's dir schlecht.« Damit ließ sie ihn allein und ging fort. Der Königssohn hatte aber nie in seinem Leben einen Spaten in der Hand gehabt, und nun sollte er in einem Tage das große Feld herumbringen. Darüber gerieth er so in Verzweiflung, daß er sich bitterlich weinend auf den Boden warf.

Nun hatte die Hexe noch ein Mädchen bei sich mit Namen Jette, das mußte dem Königssohn um Mittag was zu Essen bringen, und als sie hinkam, da lag er noch immer und weinte und hatte von seiner Arbeit noch nichts gethan. »Was weinst du denn?« fragte ihn das Mädchen. »Ach!« sagte er; »ich sehe wohl, daß ich die Arbeit doch nimmer fertig bringe, darum bin ich so traurig.« »Sei nur guten Muthes«, sprach das Mädchen da; »wenn du mir getreulich beistehen willst, daß ich aus dem Hause der alten Hexe wegkomme, so will ich die Arbeit schon für dich fertig bringen. Du mußt wissen, ich bin keine gewöhnliche Magd, sondern eines Königs Tochter; aber das alte Weib hat unser Schloß verwünscht, da sind meine Brüder zu drei Riesen geworden, die werfen auf dem Schloßhofe mit Steinen, daß keiner hineinkann, und wenn sie niederwerfen, so werfen sie auf, und wenn sie aufwerfen, so werfen sie nieder. Ich selber muß bei der Hexe dienen als ihre Magd. Wenn wir aber fort wollen, so dürfen wir nicht lange mehr warten, denn von heut über drei Tage muß sie wieder Einen fressen und hat schon gesagt, sie wollte den Backofen heiß machen.« Da versprach der Königssohn dem Mädchen, daß er ihr gerne beistehen wollte, und wenn sie glücklich wegkämen, so wollte er sie zu seiner Frau nehmen. Das Mädchen hatte aber das Wünschen gelernt, und nun wünschte sie, daß das Land herum wäre, und wie sie das gethan hatte, so war auch die Arbeit geschehen. Der Königssohn legte sich nun hin und schlief, bis die Sonne hinunter war; dann ging er zu Hause und sagte, das Land wäre umgegraben. »Gut das!« sagte die Hexe; »morgen will ich dir mehr zu thun geben.«

Den andern Tag brachte sie ihn in den Wald zu einer allmächtig großen Buche, gab ihm eine Axt und sagte: »Nun fälle mir den Baum, und wenn du das gethan hast, so haue ihn in kleine Splittern, daß ich Brennholz kriege; aber das wicke ich dir, bist du bis Sonnenuntergang nicht fertig damit, so geht's dir schlecht.« Damit ging sie weg und ließ ihn allein. Der Königssohn hatte aber in seinem Leben noch keine Axt in Händen gehabt, und nun sollte er in einem Tage den allmächtig großen Baum in Splitter hauen. Darüber wurde er ganz mißmuthig, warf sich auf die Erde und fing bitterlich zu weinen an.[53]

Um Mittag hatte er noch keinen Hieb getan, und als Jettchen mit dem Essen kam, da lag er noch immer und weinte in einem fort. »Weine doch nicht mehr,« sagte sie zu ihm; »ich will die Arbeit wohl für dich thun, wenn du halten willst, was du mir gestern versprochen hast.« »Ja!« sagte der Königssohn; »das will ich dir gewiß und wahrhaftig halten.« Da wünschte sie, daß der Baum gefällt und in Splitter gehauen wäre, und wie sie es gewünscht hatte, so war es auch gleich geschehen. Der Königssohn legte sich nun hin und schlief, bis die Sonne hinunter war, dann ging er zu Hause und sagte, mit dem Baum wäre er fertig. »Gut das!« sagte die alte Hexe; »morgen will ich dir mehr zu thun geben.«

Den dritten Tag brachte sie ihn zu einem großen Teiche, gab ihm den Rand von einem Siebe und sagte: »Nun schöpfe mir den Teich aus; aber das wicke ich dir, bist du bis Sonnenuntergang nicht fertig damit, so geht's dir schlecht.« Damit ging sie weg und ließ ihn allein. Der Königssohn aber fing bitterlich zu weinen an, denn mit einem Siebrande Wasser schöpfen, das war ja eine unmögliche Arbeit.

Um Mittag kam Jettchen und brachte das Mittagessen, und als sie ihn so weinend auf der Erde liegen sah, sprach sie ihm Muth ein und sagte: »Weine nicht mehr, Johann! Wenn Du Dein Versprechen halten willst, so will ich die Arbeit für dich ausrichten.« »Ja!« sagte er; »das will ich gewiß und wahrhaftig halten.« Da wünschte sie, daß der Teich leer wäre, und wie sie das gethan hatte, so war auch gleich alles Wasser heraus bis auf den letzten Tropfen.

»Diese Nacht,« sprach sie darauf, »will ich dich wecken; dann wollen wir zusammen fortlaufen, denn es ist die höchste Zeit; morgen früh, das weiß ich, will die Alte den Backofen heizen und wird dich sicher braten und auffressen, wenn wir nicht machen, daß wir von hier wegkommen. Darum halte dich bereit.« Das versprach er auch. Als nun die Sonne untergegangen war, ging er zu Hause und sagte, mit dem Teiche wäre er fertig. »Schön!« sagte die Hexe, »so sollst du morgen Feiertag haben« und that ganz freundlich und lachte, weil sie sich schon im voraus auf den guten Braten freute. Mit dem, so gingen sie zu Bette.

In der acht aber stand Jettchen auf, spuckte dreimal vor ihr Bett, weckte den Königssohn, und dann liefen sie fort, so schnell sie nur konnten. »Ich darf mich aber nicht umsehen«, sprach das Mädchen, »sonst hat mich die Hexe wieder in ihrer Gewalt; darum mußt Du zuweilen zusehen, ob wir nicht verfolgt werden.«

Unterdes war aber die Alte auch schon aufgestanden, denn sie konnte die Zeit nicht erwarten, daß der Backofen geheizt würde, und weil Jettchen ihr dabei helfen sollte, so rief sie: »Jettchen!« »Ja!« rief die Spucke. Aber Jettchen kam nicht. »Jettchen!« rief sie wieder. »Ja!« antwortete die Spucke;[54] aber das Mädchen kam nicht. Da rief sie zum dritten Male: »Jettchen!« »Ja!« rief die Spucke. Aber Jettchen kam noch immer nicht, und als sie endlich vor des Mädchens Bett ging, so war das Nest leer und als sie nun den Königssohn auch nicht in seinem Bette fand, da sah sie wohl, daß die Vögel ausgeflogen waren. Da lief sie schnell hin und weckte ihren Mann, der mußte mit drei großen Hunden hinter den beiden her und sollte sie wieder einfangen.

Als sich nun der Königssohn einmal umsah, so war der Kerl mit den Hunden schon dicht hinter ihnen. Da wünschte das Mädchen den Königssohn zu einem Dornstrauche und sich selbst zu einer schönen Blume, die mitten darin stand. Wie da der Kerl herankam und wollte den Dornstrauch fassen, so stachen ihn die Dornen in die Hände; da lief er schnell wieder nach Hause und sagte zu seiner Frau: »Ich habe die Beiden nicht fangen können; es stand da ein Dornstrauch und eine Blume darin; aber als ich den Dornstrauch anfaßte, da stachen mich die Dornen und da bin ich weggelaufen.« »O, wie dumm!« sagte die Hexe und schalt ihren Mann tüchtig aus; »hättest du nur die Blume mitgebracht, so wäre der Dornstrauch von selbst gekommen. Mach nur, daß du gleich wieder fortkommst und schaff mir die Blume.« Da mußte der Kerl mit den drei Hunden wieder los und hinter den beiden her.

Die waren aber mittlerweile weitergelaufen. Als sich nun der Königssohn einmal umsah, so war der Kerl mit seinen großen Hunden schon wieder dicht hinter ihnen. Da wünschte sich das Mädchen zu einem großen Teiche und den Königssohn zu einem Enterich, der schwamm darauf. Indem, so kam der Kerl herzugelaufen, und weil der Enterich immer mitten auf dem Teiche schwamm, so dachte er ihn herbeizulocken und rief: »Niep, Niep! Niep, Niep!« Aber der Enterich schnatterte immer mitten auf dem Teiche herum, daß ihn der Kerl nicht greifen konnte. Da lief er wieder nach Hause zu seiner Frau und sagte: »Ich habe die beiden nicht fangen können; da war wohl ein Teich, und ein Enterich schwamm darauf, aber der Enterich hielt sich immer mitten auf dem Teiche.« »O, wie dumm!« schalt die Hexe; »hättest du nur den Enterich fangen können, so wäre der Teich von selbst gekommen. Lauf nur schnell wieder fort und schaff mir den Enterich.« Da mußte der Kerl mit den drei Hunden wieder los und hinter den beiden herlaufen.

Die hatten aber mittlerweile ihre natürliche Gestalt wieder angenommen und waren schnell weitergelaufen. Als sich aber der Königssohn einmal umsah, so war der Kerl mit den drei großen Hunden schon wieder dicht hinter ihnen. Da sagte Jettchen: »Ich will mich jetzt zu einem Gemüsegarten wünschen und du sollst ein alter Mann mit langem Barte sein, der in dem Garten herumgeht.« Und wie sie es gewünscht hatte, so war es auch gleich[55] geschehen. Indem, so kam der Mann der alten Hexe herzugelaufen, fand aber nur einen schönen Gemüsegarten, und einen alten Mann mit langem Barte darin, den fragte er, ob er nicht da eben zwei hätte vorbeilaufen sehen! »Gelbe Wurzeln«, sagte der alte Mann. »Ich meine«, schrie ihm der andere zu, »ob Ihr nicht gesehen habt, wo die zwei Leute hingelaufen sind, die hier eben vorbeigekommen sein müssen!« »Gelbe Wurzeln«, sagte der alte Mann. Da fragte der andere zum dritten Male und schrie noch lauter als vorher, aber der alte Mann sagte wieder »Gelbe Wurzeln«. »Hier ist nichts zu machen«, dachte der Mann der Hexe, »ich will nur wieder zu Hause gehen.« Damit trollte er sich heim zu seinem alten Weibe.

Als Jettchen sah, daß der Kerl fort war, wünschte sie sich und Johann wieder in ihre natürliche Gestalt; dann liefen sie weiter und kamen glücklich über die Grenze, wo das Gebiet der Hexe aufhörte, so daß sie ihnen nichts mehr anhaben konnte.

Nicht lange darnach kamen sie an Johann sein Schloß. Da sprach der Königssohn zu dem Mädchen: »Es möchte meinen Eltern nicht recht sein, wenn ich dich so ohne weiteres mitbrächte; darum will ich erst mal allein zu ihnen gehen; es soll aber nicht lange dauern, so hole ich dich auch herein.« Da setzte sich Jettchen auf einen breiten Stein, der vor dem Schlosse lag und wartete, daß der Königssohn wiederkäme und sie abholte. Als der aber hinein zu seinen Eltern kam, vergaß er das Mädchen und ließ es draußen auf dem Steine sitzen und dachte nicht mehr daran.

Über eine Zeit trug es sich zu, daß der Königssohn sein Fenster offen ließ, da flog eine weiße Taube herein, die rief:

»Johann hat Jettchen vergessen

Auf einem breiten Stein.«

Und als er die Worte hörte, da fiel ihm auf einmal alles wieder ein, was er vergessen hatte, wie das Mädchen so gut gegen ihn gewesen war und daß er sie so treulos hatte sitzen lassen. Er hatte auch nicht eher Ruhe, bis er auszog, das Mädchen aufzusuchen.

Lange Zeit mußte er wandern, da kam er endlich an Jettchen ihr Schloß, das von der Hexe war verwünscht worden. Es war gerade Mittag, und um die Zeit hatten die drei Riesen eine Stunde Frist, wo sie nicht zu werfen brauchten, so daß der Königssohn ungehindert in das Schloß gehen konnte. In dem Schlosse war aber alles ganz still und leer; nur ein alter Mann saß darin, der hatte die Hand an die Wange gelegt und schlief, und vor dem Fenster, da stand eine einzige wunderschöne Blume; und als der Königssohn hereintrat, da schlug der alte Mann die Augen auf und sagte: »Vergiß das Beste nicht!« »Das Beste, was hier zu finden ist, wird wohl die schöne Blume sein,« dachte der Königssohn, nahm sie und wollte wieder aus dem Schlosse gehen. Da waren aber die drei Riesen schon wieder dabei und warfen[56] Steine; aber der Königssohn wußte wohl, wenn sie niederwarfen, so warfen sie auf, und wenn sie aufwarfen, so warfen sie nieder. Darum so nahm er die Zeit wahr, wo sie niederwarfen, sprang schnell hinzu und berührte sie. Damit hatte er es aber getroffen; die Riesen waren erlöst und wurden drei Königssöhne und die schöne Blume wurde zu Jettchen, ihrer Schwester, die sich in die Blume verwünscht hatte. Da sprach Johann zu ihr: »Nun will ich dich auch nie und nimmer wieder vergessen, so lange ich lebe«, und das hat er treulich gehalten bis an sein Ende.

Quelle:
Wilhelm Busch: Ut ôler Welt. München 1910, S. 52-57.
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