Schreckliche Folgen eines Bleistifts

Ballade

[68] 1. O Madrid, ich muß dich hassen,

Denn du hast ihn schnöd verkannt,

Den Murillo seinen besten

Schüler stets mit Stolz genannt.


Keiner wiegte auf dem Haupte

Solchen hohen, spitzen Hut,

Und das edle Bleistiftspitzen

Konnt' er aus dem Grunde gut.


Keiner hatte wie Pedrillo

Dieses lange Lockenspiel,

Keiner trug Hispaniens Mantel

Mit so vielem Kunstgefühl;


Meistens nahm er Nro. 7

Und mit kunstgeübter Hand

Spitzt' er ihn an beiden Enden,

Weil er dieses praktisch fand.
[68]

Einstmals merkte dies Murillo

Und er sprach mit ernstem Ton:

»Was ich eben da bemerke,

Das gefällt mir nicht, mein Sohn;


Denn ich glaube, daß du hierin

Sehr auf falschem Wege bist,

Weil es erstens sehr gefährlich,

Zweitens auch nicht nötig ist.«


Doch Pedrillo (wie gewöhnlich

Diese jungen Leute sind)

Schlug Murillos weise Lehre

Lirum, larum! in den Wind.


2. Übrigens (das muß man sagen)

Was die edle Kunst betraf,

Überhaupt in seinem Fache,

War Pedrillo wirklich brav.


Als Pedrillo nun gemalet

Dieses Mädchen als Porträt,

War der große Don Murillo

Auch nicht ungern in der Näh'.


So z.B. die Madonna;

Ja, wer hätte das gedacht?

Selbst der große Don Murillo

Hätte Bessres nicht gemacht.


Früh vom Morgen bis zum Abend

Unterweist der Meister ihn,

Und Pedrillo folgte willig

Stets mit eifrigem Bemühn.


Aber so was kostet Mühe

Und es kostet auch noch Geld,

Denn Pedrillo hatte häufig

Sich dazu Modell bestellt.


Aber abends, wo ein jeder

Gerne seine Ruhe hat,

Führt' Pedrillo jenes Mädchen

Oft spazieren vor die Stadt.


Sie war eine Schneiderstochter

Aus der Vorstadt von Madrid,

Schwarze Augen, blonde Flechten

Brachte dieses Mädchen mit.


Einstmal merkte dies Murillo

Und er sprach mit ernstem Ton:

»Was ich eben da bemerke,

Das gefällt mir nicht, mein Sohn;


Schreckliche Folgen eines Bleistifts

[69] Denn ich glaube, daß du hierin

Sehr auf falschem Wege bist,

Weil es erstens sehr gefährlich,

Zweitens auch nicht nötig ist.«


Doch Pedrillo (wie gewöhnlich

Diese jungen Leute sind)

Schlug Murillos weise Lehre

Lirum, larum! in den Wind.


3. Schon am nächsten Donnerstage,

Als ein schöner Abend war,

Sah man draußen vor dem Tore

Dieses pflichtvergess'ne Paar.


Zu dem dort'gen Myrtenhaine

Gingen sie im Mondeslicht,

Aber keiner sah sie wieder,

Wenigstens lebendig nicht.


Schreckliche Folgen eines Bleistifts

Denn es sprach zu ihr Pedrillo:

»Sprich, Geliebte, liebst du mich?«

Und sie preßt ihn an den Busen,

Sprechend: »Ja, ich liebe dich!«


Und als er die beiden Leichen

In der Nähe sich besah,

Fand er alles sehr natürlich,

Denn, ach Gott! was fand er da?


»Au!« schrie plötzlich da Pedrillo,

Und das Mädchen schrie es auch;

Tödlich fielen beide nieder

Unter einem Myrtenstrauch.


Ach! ein Bleistift Nro. 7,

Den Pedrillo zugespitzt,

Zugespitzt an beiden Enden,

Hatte dieses Blut verspritzt.


Keiner wußte, was geschehen,

Bis des Morgens in der Früh,

Denn da kam ein alter Klausner

Durch den Wald und merkte sie.


Als Murillo dies vernommen,

Sprach er sanft und weinte sehr:

»Ach! o Jüngling, spitze niemals

Einen harten Bleistift mehr;


Schreckliche Folgen eines Bleistifts

[70] Führe Mädchen nie spazieren,

Denn dies Beispiel zeigt es klar,

Daß es erstens sehr gefährlich,

Zweitens auch nicht nötig war.«


Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 1, Hamburg 1959, S. 68-71.
Lizenz:

Buchempfehlung

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Deutsche Lieder aus der Schweiz

Deutsche Lieder aus der Schweiz

»In der jetzigen Zeit, nicht der Völkerwanderung nach Außen, sondern der Völkerregungen nach Innen, wo Welttheile einander bewegen und ein Land um das andre zum Vaterlande reift, wird auch der Dichter mit fortgezogen und wenigstens das Herz will mit schlagen helfen. Wahrlich! man kann nicht anders, und ich achte keinen Mann, der sich jetzo blos der Kunst zuwendet, ohne die Kunst selbst gegen die Zeit zu kehren.« schreibt Jean Paul in dem der Ausgabe vorangestellten Motto. Eines der rund einhundert Lieder, die Hoffmann von Fallersleben 1843 anonym herausgibt, wird zur deutschen Nationalhymne werden.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon