[413] In welchem der Canonicus die Materie von den Ritterbüchern fortsetzt, nebst anderen Dingen, die seines Verstandes nicht unwürdig sind.
»Ihr habt vollkommen recht, Herr Canonicus«, sagte der Pfarrer, »und deshalb verdienen diejenigen sehr scharf getadelt zu werden, die bisher dergleichen Bücher schrieben, ohne auf eine verständige Anordnung, auf Kunst und Regeln Rücksicht zu nehmen, wodurch sie sich in Prosa ebenso berühmt hätten machen können, als es in Versen die beiden Fürsten der griechischen und lateinischen Poesie geworden sind.«
»Ich wenigstens«, versetzte der Canonicus, »bin in großer Versuchung gewesen, ein Ritterbuch zu verfassen, in dem ich alles beobachten wollte, wovon ich soeben gesprochen habe; und die Wahrheit zu gestehen, so habe ich schon mehr als hundert Bogen davon geschrieben; und um die Probe zu machen, ob ich auch meinen Endzweck erreicht hätte, habe ich es Leuten mitgeteilt, die solche Lektüre mit Leidenschaft lieben, sowohl Verständigen und Unterrichteten als auch Unwissenden, die nur ein Vergnügen daran finden, Unsinn zu hören, und alle haben mir einstimmig ihren Beifall bezeugt. Ich habe aber dessenungeachtet nicht fortgefahren, weil es mir vorkam, daß dies eine Beschäftigung sei, die sich für meinen Stand nicht zieme, und weil ich bedachte, daß es mehr Narren als Kluge in der Welt gibt, und ob es freilich wohl vorzuziehen ist, von wenigen Verständigen gelobt als von vielen Toren getadelt zu werden, so mochte ich mich doch nicht dem verwirrten Urteile der nichtigen Menge unterwerfen, [414] die doch nur meistenteils dergleichen Bücher lieset. Was mir aber diese Arbeit am meisten verleidete, daß ich sogar den Gedanken daran aufgab, war ein Argument, das ich mir selber vorlegte und das ich von den Komödien entlehnte, die jetzt vorgestellt werden, indem ich zu mir sagte: Wenn die Schauspiele, die jetzt gebräuchlich sind, sowohl die erfundenen als die aus der Historie entlehnten, alle oder doch die meisten für unsinnig erkannt und Dinge sind, die weder Hand noch Fuß haben, und der große Haufe sie dennoch mit dem größten Vergnügen anhört und sie für vortrefflich hält, so weit sie auch davon entfernt sind, und wenn die Verfasser, die sie machen, sowie die Schauspieldirektoren, die sie vorstellen, sagen, daß sie so sein müssen, weil sie der große Haufe so verlangt, und durchaus nicht anders und daß diejenigen, die die Fabel nach der Kunst behandeln, nur für vier Verständige schreiben, die es begreifen, und alle übrigen bei ihrem Kunstwerke nur Langeweile empfinden und daß sie es für besser halten, von vielen Brot zu erwerben als Ehre bei wenigen, so wäre es mir am Ende mit meinem Buche auf gleiche Weise ergangen, daß ich mir die Finger abgenagt hätte, um den Vorschriften zu folgen, und am Ende nichts weiter getan als Wasser im Siebe geschöpft. Ich habe zwar etliche Male die Direktoren überzeugen wollen, daß die Meinung, die sie haben, irrig sei und daß sie mehr Leute herbeiziehen und mehr Ehre erwerben würden, wenn sie Komödien darstellten, die nach der Kunst gedichtet sind, als mit jenen unvernünftigen; aber sie sind in ihrem Glauben so tief eingewurzelt, daß sie kein Beweis und kein Beispiel wieder herausreißen kann. Ich erinnere mich, daß ich einst zu einem von diesen Halsstarrigen sagte: ›Erinnert Ihr Euch nicht mehr, daß vor einigen Jahren in Spanien drei Tragödien vorgestellt wurden, die ein berühmter Poet dieses Reiches erdichtet hatte und die so beschaffen waren, daß alle, die sie sahen, sich verwunderten und ergötzten, sowohl Unwissende als Verständige, sowohl der große Haufe als die Kenner, und daß den Schauspielern diese drei mehr Geld eintrugen als dreißig der besten, die seitdem gespielt sind?‹ – ›Ohne Zweifel‹, versetzte jener Autor, ›meint Ihr die ›Isabella‹, ›Philis‹ und ›Alexandra‹.‹ – ›Wohl meine ich diese‹, antwortete ich, ›nun seht, ob diese nicht alle Vorschriften der Kunst beobachteten und ob sie durch diese Beobachtung wohl anders erschienen, als sie waren, und ob sie nicht aller Welt gefielen, so daß der Fehler nicht im großen Haufen liegt, der Unsinn verlangt, sondern in denjenigen, die keine andere Sachen vorstellen können. So war auch nichts Unverständiges in der ›Gerächten Undankbarkeit‹, ebensowenig in der ›Numancia‹ noch in dem ›Verliebten Kaufmanne‹ oder in der ›Günstigen Feindin‹, noch in einigen anderen, die einige verständige Poeten, zur Ausbreitung ihres Ruhmes, gedichtet haben und die den Schauspielern reichlichen Gewinn eintrugen.‹ Ich fügte noch einige Dinge hinzu, so daß er in Verwirrung geriet, aber doch nicht hinlänglich überzeugt war, daß er seinen Irrtum hätte ablegen können.«
»Ihr seid da auf eine Materie gestoßen, Herr Canonicus«, sagte hierauf der Pfarrer, »die meinen alten Haß gegen die jetzt gewöhnlichen Komödien wieder erweckt hat, die mir ebenso widerwärtig wie die Ritterbücher sind. Die Komödie soll nach des Tullius Meinung ein Spiegel des menschlichen Lebens sein, ein Musterbild der Sitten, eine Darstellung der Wahrheit; diejenigen aber, die jetzt vorgestellt werden, sind ein Spiegel der Tollheit, ein Musterbild der Narrheit und eine Darstellung der Wollust; denn welchen größeren Unsinn kann es doch in diesen Dingen geben, wovon wir sprechen, als wenn ein Kind in Windeln in der ersten Szene auf die Bühne kommt und dieses in der zweiten schon ein bärtiger Mann geworden ist? Was ist unsinniger als ein tapferer Greis, ein feiger Jüngling, ein rhetorischer Lakai, ein ratgebender Page, ein König als Sänftenträger und eine Prinzessin als Küchenmagd? Was soll man von jener Art sagen, mit welcher die Zeiten beobachtet werden, in denen es denkbar ist, daß die dargestellten Begebenheiten vorfallen konnten, so daß ich eine Komödie gesehen habe, in der der erste Tag in Europa anfing, der zweite in Asien und der dritte in Afrika beschloß, so daß, wenn die Komödie vier [415] Tage oder Handlungen gehabt hätte, der vierte in Amerika beschlossen hätte, so daß die Begebenheit alsdann in allen vier Teilen der Welt vorgefallen wäre? Wenn die Nachahmung ein Haupterfordernis der Komödie ist, wie ist es möglich, daß sich ein kaum mittelmäßiger Verstand damit zufriedenstellen kann, daß erdichtet wird, eine Begebenheit gehe zu den Zeiten des Königs Pipin und Karl des Großen vor, und in dem nämlichen Stücke als Hauptperson der Kaiser Heraclius erscheint, der mit dem Kreuze in Jerusalem einzieht und das Heilige Grab wie Gottfried von Bouillon erobert, da doch ein unendlicher Zwischenraum zwischen diesen Zeitaltern ist; und wenn die Komödie auf Erdichtungen gegründet ist und dennoch Begebenheiten aus der wirklichen Geschichte hineingezogen werden und einzelne Bruchstücke von einzelnen Begebenheiten, von verschiedenen Personen und aus mancherlei Zeiträumen darein verwebt, und dies auf keine wahrscheinliche Art, sondern so, daß die Fehler jedem in die Augen fallen und durchaus keine Entschuldigung vertragen? Das schlimmste aber ist, daß es Unwissende gibt, die dies für die Vollkommenheit ausgeben, und daß das andere etwas Unmögliches fordern heiße. Wenn wir nun aber gar von der geistlichen Komödie zu reden anfangen! Wie viele falsche Wunder werden da erfunden, wie viele apokryphische und schlecht verstandene Dinge, wenn einem Heiligen die Wunder eines anderen zugeschrieben werden! Ja, sie unterstehen sich sogar, in weltlichen Komödien Wunder zu tun, ohne alle Rücksicht und Vernunft, bloß weil sie glauben, daß sich an dem und dem Orte ein Wunderwerk oder eine Erscheinung, wie sie es nennen, gut ausnehmen würde, damit sich unverständige Menschen darüber freuen und der Komödie zulaufen. Alles dies geschieht zum Nachteil der Wahrheit, zum Verderben der Geschichte, ja zur Schande der spanischen schönen Geister; denn die Fremden, die die Gesetze der Komödie sehr genau beobachten, halten uns für barbarisch und unwissend, wenn sie die abgeschmackten Schauspiele sehen, die bei uns geschrieben werden. Es wäre keine hinlängliche Entschuldigung, wenn man sagen wollte, daß die Hauptabsicht, die gut eingerichtete Staaten haben, wenn sie die öffentliche Vorstellung der Komödien erlauben, darin bestehe, die Leute mit irgendeiner unschuldigen Ergötzung zu unterhalten und zugleich die bösen Gedanken zu zerstreuen, die der Müßiggang zu erzeugen pflegt; und da das durch jede Komödie geschieht, sie mag gut oder schlecht sein, so sei es unnötig, Gesetze darüber zu geben oder diejenigen, die sie schreiben oder vorstellen, einzuschränken, als wenn sie es so tun müßten, wie es recht ist, denn mit einem jeden Schauspiel werde ja der Endzweck erreicht, den man sich vorgesetzt hat. Worauf ich aber antworten würde, daß dieser Endzweck ohne alle Vergleichung besser durch die guten Komödien als durch die schlechten erreicht wird, denn derjenige, der die kunstreiche, gut angeordnete Komödie sieht, wird über den Scherz beim Anhören vergnügt, von der Wahrheit unterrichtet, über die Begebenheit erstaunt, durch das Räsonnement vernünftig, durch die Hindernisse vorsichtig, scharfsinnig durch die Beispiele, empört gegen die Laster und enthusiastisch für die Tugend; alle diese Wirkungen bringt die gute Komödie in dem Gemüt des Zuschauers hervor, wenn er auch noch so bäurisch und unempfindlich ist; und es ist durchaus unmöglich, daß eine Komödie, die diese Eigenschaften besitzt, nicht in einem höheren Grade unterhalten und vergnügen sollte als diejenige, der alles dieses fehlt, wie es denn dem größten Teile von denen daran mangelt, die gewöhnlich vorgestellt werden. Die Poeten, die sie schreiben, sind nicht schuld daran, denn einige von ihnen wissen recht gut, worin sie irren, und sind erfahren in allem, was sie hervorbringen sollen; da aber die Komödien eine verkäufliche Ware geworden sind, so sagen sie, und das mit Recht, daß die Schauspieler sie nicht kaufen, wenn sie nicht von der Art sind, und darum richtet sich der Poet nach dem Schauspieler und macht die Komödie so, wie der sie haben will, der sie bezahlt. Daß dieses die Wahrheit sei, sieht man aus außerordentlich vielen Komödien, die eines unserer glücklichsten Genies geschrieben hat und die so geschmückt, so zierlich sind, die Verse so wohlklingend, die Reden so gut, die Sentenzen so tiefsinnig [416] und kurz, die so voll Beredsamkeit und in einem so erhabenen Stile gedichtet sind, daß die Welt von seinem Ruhme durchdrungen ist; da er sich aber nach dem Geschmack der Schauspieler richtet, haben nicht alle so, wie einige darunter, die Vollkommenheit erreicht, die sie erfordern. Andere schreiben so ohne Überlegung, daß, wenn ihre Stücke einmal gegeben sind, sich die Schauspieler sogleich entfernen und verbergen müssen, um nicht bestraft zu werden, wie es schon einige Male geschehen ist, weil sie etwas dargestellt hatten, das gegen einen König oder zur Unehre einer vornehmen Familie war. Alle diese Mißbräuche würden wegfallen, nebst anderen, deren ich gar nicht erwähnt habe, wenn bei Hofe ein verständiger Mann dafür angesetzt würde, der alle Komödien, ehe sie dargestellt werden, untersuchte: nicht nur diejenigen, die in der Residenz vorgestellt werden, sondern auch die, die man in ganz Spanien spielt, und ohne dessen Bewilligung und Unterschrift die Obrigkeit nirgends eine Komödie aufführen ließe. Alsdann würden die Komödianten Sorge tragen, die Komödien in die Residenz zu schicken, worauf sie sie mit Sicherheit darstellen könnten, diejenigen aber, die sie schreiben, würden sie mit mehr Sorgfalt und Studium ausarbeiten, weil sie sich fürchten müßten, ihr Werk der strengen Prüfung eines Mannes zu unterwerfen, der der Sache kundig ist; auf diese Weise würden gute Komödien entstehen, und das würde glücklich ausgeführt werden, was man von ihnen erwarten kann: nämlich die Unterhaltung des Publikums, der Ruhm der spanischen schönen Geister und der Nutzen wie die Sicherheit der Schauspieler, denn sie dürften dann nicht in Sorgen stehen, in irgendeine Strafe zu verfallen. Wenn einem andern oder demselben Zensor zugleich aufgetragen würde, die Ritterbücher zu untersuchen, die jetzt neu geschrieben werden, so würden gewiß welche mit den Vorzügen erscheinen, mit denen Ihr sie geschildert habt, unsere Sprache würde alsdann mit dem köstlichen Schatze der Redekunst bereichert und verschönert; die alten Bücher würden durch den Glanz der neuen verdunkelt, die zum vernünftigen Zeitvertreibe nicht nur der Müßiggänger, sondern auch der fleißigsten Arbeiter dienen könnten, denn ein Bogen kann nicht immer gespannt bleiben, und ebensowenig verträgt es die menschliche Schwäche, daß sie sich lange ohne irgendeine erlaubte Ergötzung erhalte.«
Als der Canonicus und der Pfarrer auf diesen Punkt ihres Gesprächs gekommen waren, kam der Barbier zu ihnen und sagte zum Pfarrer: »Dies, mein Herr Lizentiat, ist die Stelle, die ich Euch vorhin gelobt habe, um hier unsere Mittagsruhe zu halten, hier finden auch die Ochsen frische und reiche Weide.«
»So scheint es mir auch«, antwortete der Pfarrer, worauf er dem Canonicus sagte, was er zu tun gedenke; dieser bekam die Lust, bei ihnen zu bleiben, von der Annehmlichkeit des schönen Tals, in dem sie sich befanden, eingeladen, um sowohl die frische Luft als auch die Gespräche des Pfarrers zu genießen, zu dem er schon viele Freundschaft empfand, und um genauere Umstände von Don Quixotes Begebenheiten zu erfahren; er befahl also seinen Dienern, sich nach der Schenke zu begeben, die nicht mehr weit war, und dort für alle Speise herzuholen, denn er sei entschlossen, an diesem Ort ziemlich lange Ruhe zu halten. Worauf einer von den Dienern antwortete, daß der Küchenesel, der schon in der Schenke sein müsse, hinlänglich versorgt sei, so daß sie in der Schenke nichts als Hafer zu kaufen brauchten.
»Wenn es so ist«, sagte der Canonicus, »so führt alle unsere Tiere dorthin und bringt den Esel hierher.«
Als dieses vorging, sah Sancho, daß er mit seinem Herrn reden konnte, ohne daß ihn der Pfarrer und Barbier beobachteten, denen er gar nicht traute, er ging also zum Käfig, in welchem sein Herr saß, und sagte: »Gnädiger Herr, es liegt mir schwer auf meinem Gewissen, daß ich Euch etwas sagen muß, wie es um Eure Verzauberung steht; die nämlich, die mit den verdeckten Gesichtern mit uns gehen, sind der Pfarrer und der Barbier aus unserem Dorfe, und ich glaube, daß sie Euch den Streich spielen; Euch so wegzubringen geschieht nur aus Neid, weil Ihr größere Taten verrichtet als sie. Wenn dies nun [417] wahr ist, so seid Ihr nicht verzaubert, sondern übertölpelt und zum Narren gemacht. Zum Beweise davon will ich Euch nur um ein Ding fragen, und wenn Ihr mir so antwortet, wie ich glaube, daß Ihr antworten müßt, so werdet Ihr es mit Händen greifen, daß Ihr nicht bezaubert, sondern im Kopfe übergeschnappt seid.«
»Frage, soviel du willst, Sohn Sancho«, antwortete Don Quixote, »ich will dir Antwort geben, soviel du nur immer haben willst; wenn du aber sagst, daß diejenigen, die mit uns gehen und stehen, der Pfarrer und der Barbier, unsere Landsleute und gute Bekannte sind, so mag es wohl sein, daß sie dir also erscheinen, daß sie es aber wirklich und in der Tat sein sollten, wirst du mir auf keine Weise glauben machen; was du aber glauben und meinen sollst, ist, daß, wenn sie dir so erscheinen, es also zusammenhängt, daß diejenigen, die mich bezaubert, diese Ähnlichkeit an sich genommen haben, denn es ist den Zauberern etwas Leichtes, jede Gestalt anzuziehen, die sie nur immer wollen, und sie haben die unserer Freunde angenommen, um zu machen, daß du das denkest, was du jetzt denkst, und dich in ein Labyrinth von Einbildungen zu verwickeln, aus dem du dich nicht herausfinden magst, und wenn du den Faden des Theseus hättest; sie tun es aber auch darum, daß ich in meiner Überzeugung schwankend werden soll und nicht einsehen, von wem dieses mein Unglück herrührt; denn wenn du sagst, daß der Pfarrer und der Barbier aus unserem Orte mich begleiten und ich mich denn doch in diesem Käfig finde und weiß, daß keine menschliche Kraft, sondern nur übernatürliche mich hier hereinbringen konnte; was willst du denn, daß ich anders spreche und denke, als daß die Art meiner Bezauberung alles übertrifft, was ich jemals in den Geschichten gelesen, in denen irrende Ritter vorkommen, die bezaubert gewesen? Deshalb magst du dich wohl zur Ruhe geben, denn das, was du glaubst, sind sie ebensowenig, als ich ein Türke bin. Was aber dasjenige betrifft, daß du mich etwas fragen willst, so sprich nur, denn ich will dir antworten, und wenn du mich auch bis morgen fragtest.«
»Heilige Mutter Gottes!« schrie Sancho mit lauter Stimme, »ist es denn möglich, daß Ihr so hartköpfig und so ganz ohne Gehirn sein könnt, daß Ihr es nicht einseht, wie ich die reine Wahrheit spreche, und daß Ihr in dies Gefängnis und Unglück mehr durch Bosheit als Bezauberung geraten seid? Da es aber so steht, will ich es Euch doch unumstößlich beweisen, daß Ihr nicht bezaubert seid; antwortet mir also, so gewiß Euch Gott aus dieser Qual helfen soll und Ihr Euch gern in den Armen der gnädigen Dulcinea befändet, wenn Ihr es am wenigsten denkt.«
»Höre auf mit deinen Beschwörungen«, sagte Don Quixote, »frage, was du willst, denn ich versichere dich noch einmal, daß ich dir mit der größten Gewissenhaftigkeit antworten will.«
»Darum bitte ich eben«, versetzte Sancho, »und nun möchte ich gern von Euch wissen, ohne daß Ihr etwas hinzufügen noch ableugnen sollt, sondern daß Ihr die Wahrheit so sagen mögt, wie ich hoffe, daß sie alle diejenigen sagen müssen und auch sagen, die sich zum Handwerk der Waffen bekennen, zu welchem Ihr Euch, gnädiger Herr, unter dem Namen eines irrenden Ritters zählt.«
»Ich sage dir, daß ich niemals lügen werde«, antwortete Don Quixote, »tue endlich deine Frage, denn, in Wahrheit, diese Versicherungen und Vorbereitungen fallen mir zur Last, Sancho.«
»Ich kann mich freilich wohl auf die Redlichkeit und Wahrhaftigkeit meines Herrn verlassen, und also, weil dies zu unserem Gespräche gehört, frage ich, aber mit aller Ehrfurcht sei es gesagt, ob, seit Ihr eingebauert oder, nach Eurer Meinung, verzaubert in diesem Vogelbauer reiset, ob Euch niemals die Lust angekommen ist, die großen oder die kleinen Geschäfte zu machen, wie man zu sagen pflegt?«
»Ich verstehe dieses Geschäftemachen nicht, Sancho, erkläre dich deutlicher, wenn ich dir geradezu antworten soll.«
»Ist es möglich, daß Ihr nicht einmal wißt, was das heißt, große und kleine Geschäfte machen? Das [418] lernen ja die Kinder in der Schule, wenn sie gewöhnt sind; so wißt denn, daß ich soviel sagen will, ob Euch noch nicht die Lust angekommen ist, das zu tun, was Ihr nicht lassen könnt?«
»Nun endlich, endlich verstehe ich dich, Sancho, und oftmals habe ich diese Lust gehabt und jetzt wieder, erlöse mich aus dieser Gefahr, denn es ist die höchste Zeit.«