Erstes Kapitel.

[359] Von dem verdrießlichen Ende und Beschluß, welche das Regiment des Sancho Pansa hatte.


»Meint man, daß in diesem Leben alle Dinge in demselben Zustande verharren werden, so meint man etwas Törichtes; es scheint vielmehr, daß sich alles zirkelnd oder eigentlicher im Zirkel umtreibt. Der ersten Wärme folgt der Frühling, dem Frühling der Sommer, dem Sommer der Herbst und dem Herbste der Winter und dem Winter wiederum die erste Frühlingswärme, und also bewegt sich unaufhörlich die Zeit in dem nämlichen Rade. Einzig das menschliche Leben läuft seinem baldigen Ende zu, schneller als die Zeit, ohne Hoffnung sich zu erneuern, außer jenseits, wo es von keinen Grenzen beschränkt wird.«

So spricht Cide Hamete, ein mahometanischer Philosoph: denn die Einsicht von der Flüchtigkeit und dem Unbestande des gegenwärtigen Lebens sowie von der Dauer des zu hoffenden ewigen haben viele, ohne die Erleuchtung des Glaubens, vermöge des natürlichen Lichtes besessen; unser Autor führt dieses aber nur wegen der Plötzlichkeit an, mit welcher seine Endschaft, Vollendung, Vernichtung, Verwandlung in Schatten und Rauch das Regiment des Sancho er reichte. Dieser, da er sich in der siebenten Nacht seiner Regierung im Bette befand, nicht von Brot und Wein, sondern der Urteilssprüche und Entscheidungen, der Einrichtungen und des Gesetzgebens satt, als der Schlaf eben anfing, ihm, dem Hunger zum Trotze, die Augen zuzudrücken, hörte plötzlich ein großes Lärmen von Glocken und Geschrei, so als wenn die ganze Insel zugrunde gehen sollte. Er setzte sich im Bette aufrecht und horchte aufmerksam hin, ob [360] er nicht herausbringen möchte, was die Ursache dieses gewaltigen Aufruhres sei; er erfuhr es aber nicht nur nicht, sondern, da das Gelärme der Stimmen und der Glocken sich noch durch unzählige Trommeln und Trompeten vermehrte, wurde er nur noch verwirrter und voller Furcht und Schrecken; er stand auf, zog ein Paar Pantoffeln wegen des feuchten Bodens über die Füße, und ohne einen Schlafrock oder irgend etwas anderes überzuwerfen, trat er in dem Augenblick an die Tür seines Zimmers, als er von den Gängen mehr als zwanzig Menschen auf sich zukommen sah, die alle brennende Fackeln in den Händen hatten und, mit bloßen Schwertern bewaffnet, ihm alle mit einem Male laut zuschrien: »Krieg, Krieg, Herr Statthalter, Krieg, denn unzählige Feinde sind auf der Insel eingedrungen, und wir sind verloren, wenn Eure Klugheit und Tapferkeit uns nicht errettet.«

Mit solchem Lärmen, Toben und Aufruhr drangen sie auf Sancho ein, der erstaunt dastand und selber nicht wußte, was er sah oder hörte, und als sie zu ihm gekommen waren, sagte einer zu ihm: »Waffnet Euch eiligst, gnädiger Herr, wenn Ihr nicht wollt, daß Ihr und mit Euch die ganze Insel verlorengeht.«

»Wie soll ich mich waffnen?« antwortete Sancho, »oder was weiß ich von Waffen oder von Erretten? Diese Dinge wären besser für meinen Herrn Don Quixote, der sie im Umsehen vollenden und zustande bringen würde; aber ich armes, unschuldiges Kind verstehe von allem diesen Spektakel kein Wörtchen.«

»Ha, Herr Statthalter«, rief ein anderer, »welche Weichlichkeit ist dies! Bewaffnet Euch nur schnell, denn hier haben wir sowohl Schutz- wie Trutzwaffen, führt uns heraus und seid unser Feldherr, denn Euch kommt dieses Amt ohne Zweifel zu, da Ihr unser Statthalter seid.«

»Nun so bewaffnet mich in des Himmels Namen«, versetzte Sancho; und alsbald nahmen sie auch zwei große Schilde, die sie zu dem Endzwecke mitgebracht hatten, und legten sie ihm auf dem Hemde an, ohne ihm eine andere Kleidung unterzuziehen, ein Schild vorn und das andere hinten, und durch einige Löcher, die sie hineingeschlagen hatten, steckten sie seine Arme und banden ihn mit Stricken so fest, daß er, ganz eingeschnürt und eingetäfelt, aufrecht wie eine Bohle dastand, ohne zu vermögen, die Knie zu rühren oder einen einzigen Schritt zu tun; sie gaben ihm eine Lanze in die Hand, auf welche er sich stützte, um sich aufrecht zu erhalten. Als sie ihn so zubereitet hatten, sagten sie zu ihm, er möchte nun gehen, sie anführen und alle befeuern, denn er sei ihr Leitstern, ihre Laterne und ihr Licht, so daß sie ihre Händel wohl auf das beste schlichten würden.

»Wie soll ich gehen, ich geschlagener Mann«, antwortete Sancho, »da ich die Kniescheibe nicht zu rühren vermag, so wie diese Hölzer mich hindern, an die ich mit dem Leibe so fest angeschnürt bin? Das einzige Mögliche ist, daß Ihr mich auf den Armen forttragt und mich in der Quere oder aufrecht an eine Pforte hinstellt, die ich entweder mit dieser Lanze oder mit meinem Leibe behaupten will.«

»Frisch auf, Herr Statthalter«, sagte ein anderer, »denn die Furcht hindert Euch mehr am Gehen als diese Hölzer; macht fort und führt uns an, denn es ist die höchste Zeit, die Feinde nehmen zu, das Geschrei vermehrt sich, und die Gefahr ist aufs äußerste gekommen.«

So überredet und geschmäht, versuchte der arme Statthalter sich zu bewegen, aber er fiel mit einem so gewaltigen Schlage zu Boden, daß er meinte, er sei in Stücke gesprungen. Wie eine Schildkröte blieb er liegen, von seinen Schalen eingeschlossen und zugedeckt, oder wie ein Schweinebraten, der zwischen zwei Schüsseln ruht, oder auch wie ein Kahn, der umgekehrt auf den Sand geworfen ist; auch selbst sein Fall erregte bei diesem spaßenden Volke kein Mitleid; sondern sie löschten vielmehr die Fackeln aus und fingen von neuem an zu schreien und griffen wieder mit der größten Hast zur Verteidigung, indem sie über den armen Sancho wegrannten und ihm unzählige Hiebe auf die Schilde gaben, so daß, wenn er sich nicht zusammengebogen und eingezogen hätte, den Kopf zwischen die Schilde steckend, es dem armen Statthalter übel ergangen wäre, der in seinem engen Zufluchtsort heftig schwitzte und Gott von ganzem [365] Herzen bat, daß er ihn aus dieser Gefahr erlösen möchte. Einige stolperten über ihn, andere fielen auf ihn, und es gab sogar einen, der sich eine geraume Zeit auf ihn stellte und von dort herunter, wie von einem Anstande, die Armee kommandierte, indem er mit lauter Stimme rief: »Hierher welche von den Unsrigen, denn hier dringen die Feinde am häufigsten ein! Jener Posten muß verteidigt werden, jenes Tor verschließt! Werft jene Leitern ab! Die Feuermörser her! Bringt Schwefel und Pech in Kesseln mit brennendem Öle! Sichert die Gassen mit Schanzkörben!« Kurz, er nannte mit dem größten Eifer alle Werkzeuge, Geräte und Instrumente des Krieges, mit denen man beim Sturme eine Stadt zu verteidigen pflegt, und der gequetschte Sancho, der alles hörte und erduldete, sagte zu sich selber: O wollte Gott, daß die Insel nur erst völlig verloren und daß ich tot wäre oder aus dieser großen Angst errettet!

Der Himmel erhörte sein Gebet, und als er es am wenigsten dachte, hörte er rufen: »Sieg! Die Feinde sind aufs Haupt geschlagen! Auf, Herr Statthalter, erhebt Euch und freut Euch mit uns dieses Triumphes, teilt die Beute mit uns, die wir den Feinden durch die Tapferkeit Eures unüberwindlichen Armes abgenommen haben.«

»Hebt mich auf«, sagte mit kläglicher Stimme der beklagenswerte Sancho. Sie halfen ihm auf, und als er stand, sagte er: »Den Feind, den ich besiegt habe, mögt Ihr mir vorn an den Kopf nageln; ich verlange keinen Teil an der Beute von den Feinden, sondern warum ich einen Freund, wenn ich einen habe, bitte und ersuche, ist, daß er mir einen Schluck Wein reichen möge, denn ich bin ganz trocken, und daß er mir den Schweiß abtrockne, denn ich fließe ganz auseinander.«

Sie trockneten ihn, brachten den Wein, banden die Schilde los, er setzte sich auf sein Bett und fiel von dem Schrecken, der Angst und den Schmerzen in Ohnmacht. Nun tat es denen leid, die den Spaß angestellt, daß sie ihn so weit getrieben hatten; nachdem aber Sancho wieder zu sich gekommen war, verminderte sich der Kummer, den ihnen seine Ohnmacht verursacht hatte. Er fragte, welche Zeit es sei; sie antworteten, daß der Morgen schon anbreche. Er schwieg still, und ohne etwas anderes zu sagen, fing er an sich anzuziehen, in das tiefste Stillschweigen versunken, und alle sahen ihm voll Erwartung zu, was aus seinem eiligen Anziehen herauskommen würde. Er war nun angekleidet, und leise, leise, denn er war ermattet und konnte nicht schnell und heftig gehen, begab er sich nach dem Stalle, wohin ihm alle folgten, die sich zugegen befanden; hier ging er auf den Grauen zu, umarmte ihn und gab ihm einen Kuß des Friedens auf die Stirn, worauf er nicht ohne Tränen in die Worte ausbrach: »Komm du zu mir her, mein Gefährte, mein Freund und Mitträger meiner Leiden und Nöten, als ich mit dir noch Kamerad war und ich keine anderen Gedanken hatte, als deinen Sattel und Zeug immer im Stande zu halten und dein Bäuchelchen zu füttern, waren meine Stunden, Tage und Jahre glückselig; aber seit ich dich verließ und mich auf die Türme des Stolzes und der Hoffart begab, sind mir tausend Leiden in die Seele gefahren, tausend Mühseligkeiten und viertausend Bekümmernisse.«

Und indem er diese Worte sagte, zäumte er selbst den Esel auf, ohne daß irgendeiner ein Wort gesprochen hätte. Als er den Grauen aufgezäumt hatte, stieg er mit großer Mühe und Anstrengung auf und wandte sich mit seinen Reden an den Haushofmeister, den Sekretär, den Speisemeister und Pedro Recio, den Doktor, nebst vielen anderen, die zugegen waren, also sprechend: »Macht Platz, meine Herren, und laßt mich in meine vorige Freiheit zurück; laßt mich mein ehemaliges Leben wieder suchen, damit ich von diesem gegenwärtigen Tode wieder auferstehe. Ich bin nicht dazu gemacht, Statthalter zu sein oder Inseln oder Städte zu verteidigen, die von den Feinden, den ersten besten, bestürmt werden. Mir steht es besser, zu pflügen und zu ackern, die Weinstöcke zu binden und zu beschneiden als Gesetze zu geben oder Provinzen und Königreiche zu verteidigen. Sankt Peter befindet sich wohl in Rom; ich meine, daß jeder sich wohl befindet, wenn er das Handwerk treibt, wozu er geboren wurde. In meiner Hand nimmt [366] sich eine Sichel besser aus als das Szepter des Statthalters; ich will mich lieber an Wassersuppe satt essen als der Knickerei eines abgeschmackten Arztes unterworfen sein, der mich mit Hunger umbringt; ich will mich im Sommer lieber im Schatten einer Eiche ausruhen und mich im Winter nach meiner Gemächlichkeit in zwei Schafpelze wickeln als bei der Qual der Statthalterschaft auf dem feinsten Leinen liegen und mich mit Zobelfellen zudecken. Gott behüte Euch, meine Herren, und sagt dem Herzoge, meinem Gebieter, daß ich nackt geboren wurde und mich noch nackt befinde, ich habe weder gewonnen noch verloren; das heißt, ohne einen Dreier bin ich in die Statthalterschaft gekommen, und ebenso ziehe ich wieder hinaus: gar sehr gegen die Art und Weise, wie die Statthalter von anderen Inseln fortzuziehen pflegen; Platz denn und laßt mich gehen, ich will mir Pflaster auflegen lassen, denn ich glaube, daß mir alle Rippen zerbrochen sind; dank sei es den Feinden, die diese Nacht über mich herspazierten.«

»Nicht also, Herr Statthalter«, sagte der Doktor Recio, »denn ich will Euer Gnaden einen Trank für die Beulen und Quetschungen geben, daß Ihr sogleich zu Eurer vorigen Stärke und Gesundheit zurückkehren sollt; und was das Essen betrifft, so verspreche ich Euer Gnaden, mich hierin zu bessern und Euch im Überflusse alles essen zu lassen, wozu Ihr nur immer Lust habt.«

»Der Senf kommt nach der Mahlzeit«, antwortete Sancho; »ich will ebenso gewiß bleiben, als ich Türke werden will. Dergleichen Späße sind nicht für zwei Mal. Bei Gott, wenn ich in dieser Statthalterschaft bleibe oder eine andere annehme, wenn man sie mir auch auf einer Schüssel brächte, so will ich ebenso gewiß ohne Flügel zum Himmel fliegen. Ich bin vom Geschlechte der Pansas, die alle starrköpfig sind, und habe ich einmal ungerade gesagt, so muß es auch ungerade bleiben, und wenn es auch gerade wäre, mag die ganze Welt reden, was sie will. In diesem Stalle sollen die Flügel der Ameise liegenbleiben, die mich in die Luft getragen haben, damit mich Zaunkönige und andere Vögel fressen konnten, ich will nun wieder auf dem Boden gehen mit recht und schlechten Füßen, die, wenn sie auch nicht mit Schuhen vom feinsten korduanischen Leder geschmückt sind, doch wenigstens ein Paar grobe von Rindsleder haben werden; jede Ziege in ihrem Stalle sich füge, und keiner das Bein weiter strecke, als ihm reicht die Decke, und so laßt mich gehen, denn es wird mir zu spät.«

Worauf der Haushofmeister sagte: »Herr Statthalter, wir wollten Euch von Herzen gern ziehen lassen, so sehr uns auch Euer Verlust dauert, denn Euer Verstand wie Euer christlicher Wandel verpflichten uns, Euer Bleiben zu wünschen; aber Ihr wißt selbst, daß jeder Statthalter verbunden ist, vor seinem Abzuge von der Verwaltung seiner Würde Rechenschaft abzulegen; diese gebt uns von den acht Tagen, die Ihr regiert habt, und zieht in Gottes Namen.«

»Keiner kann das von mir fordern«, antwortete Sancho, »wenn es nicht der Herzog, mein gnädiger Herr, befiehlt; ich gehe hin, ihn zu besuchen, und für ihn wird alles parat sein; vollends, da ich so nackt fortziehe, wie ich es tue, braucht es keines andern Beweises, um daraus abzunehmen, daß ich wie ein Engel regiert habe.«

»Bei Gott, der große Sancho hat recht«, sagte der Doktor Recio, »und ich bin der Meinung, daß wir ihn ziehen lassen, denn der Herzog wird sich unendlich freuen, ihn wiederzusehen.«


Alle stimmten darin ein und ließen ihn ziehen, indem sie ihm noch ihre Begleitung und alles anboten, was er zur Pflege seiner Person und zur Bequemlichkeit seiner Reise nur verlangen möchte. Sancho sagte, daß er nur etwas Gerste für den Grauen und ein Stück Brot und Käse für sich begehre, denn der Weg sei so kurz, daß er weder mehr noch weniger Futterung dazu bedürfe. Alle umarmten ihn, und er umarmte mit Tränen alle und ließ sie sowohl über seine Reden als über seinen ebenso schnellen als verständigen Entschluß verwundert zurück.

Quelle:
Cervantes Saavedra, Miguel de: Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von la Mancha. Berlin 1966, Band 2, S. 359-361,365-366.
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