Elftes Kapitel.

[128] Wir hatten eine ziemlich gute Überfahrt und bekamen nach zweiunddreißig Tagen die Küste von England in Sicht, hatten dann jedoch ein paar Stürme auszuhalten, deren einer uns an die irländische Küste verschlug. Wir liefen in den Hafen von Kinsale ein, blieben dort ungefähr vierzehn Tage, versorgten uns mit Lebensmitteln und stachen wieder in See, wonach uns von neuem schlechtes Wetter überraschte und das Schiff seinen Hauptmast verlor. Zum Schluß gelangten wir nach Milford Haven in Wales, wo wir wenigstens mit Sicherheit den Fuß an Land setzen konnten. Trotzdem wir uns noch ziemlich weit von unserem Hafen befanden, beschloß ich doch, mich nicht mehr dem schrecklichen Wasser anzuvertrauen, sondern schaffte mein Gepäck und meine Kleider ans Ufer, steckte mein Geld und die Bescheinigung meiner Schiffsladung zu mir und beschloß, mich sofort nach London zu begeben, und das Schiff mit meinen Waren ruhig nach Bristol, wo es ausladen sollte und die Geschäftsfreunde meines Bruders wohnten, weiter fahren zu lassen.

Nach ungefähr drei Wochen kam ich in London an und hörte kurze Zeit später, daß das Schiff zwar in Bristol eingelaufen sei, daß es jedoch bei dem heftigen Unwetter und seiner Seeuntüchtigkeit Wasser[129] geschöpft habe, wodurch ein großer Teil seiner Ladung verdorben sei.

Ich stand nun am Anfange eines neuen Lebens, und dieses lag schrecklich genug vor mir. Ich hatte von all den meinen endgültigen Abschied genommen; was ich an Eigentum mitgeführt, würde nicht unbedeutend gewesen sein, wenn es sicher und gut angekommen wäre, und es hätte mir gewiß ermöglicht, mich wieder erträglich zu verheiraten; so jedoch waren mir höchstens zwei- bis dreihundert Pfund geblieben, und ich konnte nicht hoffen, daß sich dies Kapital je wieder vermehren würde. Ich besaß auch keine Freunde, ja eigentlich nicht einmal Bekannte, denn ich mußte mir sagen, es sei besser, frühere Londoner Bekanntschaften nicht zu erneuern. Meine schlaue Freundin, die mir vor Jahren den Ruf verschafft, eine gute Partie zu sein, war gestorben, und ihr Gatte ebenfalls.

Es stellte sich bald heraus, daß ich mich selbst nach Bristol begeben mußte, um nach meiner Schiffsladung zu sehen. Während ich nun dort auf die Erledigung meiner Angelegenheit wartete, fiel mir ein, ich könne mir wohl das Vergnügen gestatten und nach Bath gehen, denn ich war damals ja noch jung, und mein Gemüt, das stets heiter gewesen, blieb es auch unter meinen damaligen traurigen Verhältnissen; und da ich eine Frau war, die ihr Glück versuchen mußte, konnte sich dort vielleicht noch am ehesten etwas ereignen, das meine Lage so zu bessern imstande war, wie es schon einmal geschehen.

Bath ist ein üppiger Badeort, in dem viel geliebelt wird und gar mancherlei Verführungen sind. Ich ging mit der Absicht hin, zu nehmen, was sich mir bieten werde. Doch muß ich zu meiner Ehre hinzufügen, daß ich nur Ehrliches und Anständiges im Auge hatte und mir damals noch keine Gedanken kamen, wie die, von denen ich mich später leiten ließ.

Ich blieb die ganze Saison in Bath und machte eine – ich muß sagen – unglückliche Bekanntschaft, die all die Torheiten, die ich später beging, eher einleitete, als mich gegen sie befestigte.[130]

Mein Leben war ziemlich lustig da, und ich hatte gute, das heißt muntere und feine Gesellschaft. Doch sah ich bald ein, daß mich diese Lebensweise in meinen Verhältnissen außerordentlich zurückbrachte, da ich ja kein Einkommen hatte; und stets vom Kapital leben, hieß so viel, wie mich selbst und unaufhaltsam verderben. Ich verfiel deshalb sehr oft in traurige Stimmungen, doch schüttelte ich sie immer bald wieder ab, indem ich mir vorredete, es müsse sich ja doch früher oder später irgend etwas zu meinem Vorteil ereignen.

Aber ich befand mich nicht am rechten Orte, um zu solch einer Hoffnung berechtigt zu sein. Ich war hier nicht in Redriff, wo mich, wenn ich erträglich auftrat, irgend ein ehrlicher Seekapitän oder anderer Mann in biederer Weise um meine Hand bitten konnte; ich war in Bath, wo sich die Männer wohl zuweilen ihre Geliebten holen, doch sehr selten sich nach einer Frau umsehen. Alle Bekanntschaften, die eine Frau dort machen kann, haben denn auch stets einen gewissen Stich nach jener gewissen Richtung hin.

Ich hatte die erste Saison ziemlich gut verbracht, denn obgleich ich mit einem Herrn, der auch zu seinem Vergnügen nach Bath gekommen war, Bekanntschaft geschlossen, hatte ich mich doch keinem verderbten Lebenswandel hingegeben. Einigen kleinen und gelegentlichen galanten Anerbieten war ich geschickt ausgewichen und hatte klug daran getan. Ich war nicht schlecht genug, als daß mich bloßes Laster zum Verbrechen hätte führen können, und die Anerbieten waren nicht derart, als daß sie nur irgend etwas eingetragen hätten, worauf es mir allein ankam.

Jedenfalls aber geriet ich schon in dieser ersten Saison auf meinen späteren Lebensweg, denn ich schloß mich da an die Frau an, bei der ich wohnte, und die, obwohl sie nicht gerade ein schlechtes Haus hielt, doch nicht die besten Grundsätze hegte. Ich hatte mich immer so gut geführt, daß auch nicht der geringste Makel an meinem Rufe haftete; und[131] auch die Herren, mit denen man mich sah, standen in einem solchen Ansehen, daß mir ihr Umgang nicht schaden konnte; es schien auch keiner von ihnen zu denken, daß ich je auf einen unsauberen Antrag eingegangen wäre; einer der Herren jedoch suchte meine Gesellschaft, die ihm, wie er sagte, vielen Genuß bereite, ganz besonders auf, doch ging auch er damals noch nicht weiter.

Ich hatte, als die Gesellschaft sich endlich zerstreut, manche traurige Stunde in Bath; denn obwohl ich zuweilen nach Bristol fuhr, um nach meinen Angelegenheiten zu sehen und Geld zu holen, blieb ich doch in Bath wohnen, da ich mich mit der Frau, in deren Hause ich den Sommer über gelebt, sehr gut verstand und gefunden hatte, daß ich im Winter dort eher billiger lebe, als anderswo. Hier verbrachte ich also den Winter; und er war, wie ich schon gesagt, ebenso trübselig, wie der Herbst angenehm gewesen. Da ich nach und nach mit der erwähnten Frau recht vertraut wurde, war es unausbleiblich, daß ich ihr allerlei von dem, was mich am meisten bedrückte, mitteilte und ihr besonders Einblick in meine bedrängten Vermögensverhältnisse gewährte. Ich erzählte ihr auch, daß meine Mutter und mein Bruder in Virginia in guten Verhältnissen lebten; und daß ich meiner Mutter geschrieben hatte und ihr meine Lage und den großen Verlust, den ich erlitten, mitgeteilt, verfehlte ich nicht meine neue Freundin wissen zu lassen; ferner, daß Unterstützung von dort nicht ausbleiben könne. Da aber die Schiffe von Bristol nach Virginia und von dort wieder zurück in viel kürzerer Zeit fuhren, als von London aus und die Geschäftsbeziehungen meines Bruder sich hauptsächlich auf Bristol beschränkten, war es wirklich viel angebrachter für mich, in Bath zu bleiben und hier auf Benachrichtigung zu warten, als wieder nach London zu gehen.

Meiner neuen Freundin schien meine Lage sehr nahe zu gehen, und sie war liebenswürdig und entgegenkommend genug, den Preis für meinen Unterhalt bei ihr während des Winters so niedrig zu berechnen,[132] daß ich überzeugt war, sie verdiente kaum an mir, zumal ich für meine Wohnung während des Winters überhaupt nichts bezahlte.

Auch als der Frühling kam, blieb sie gleich entgegenkommend, und ich wohnte noch eine Zeitlang bei ihr, bis sich die Notwendigkeit herausstellte, auszuziehen, denn sie bekam jetzt wieder viele angesehene Sommermieter in ihr Haus; unter anderem auch den Herrn, der mich in der vorigen Saison bevorzugt hatte. Er brachte noch einen anderen Herrn und zwei Bediente mit, die alle in demselben Hause wohnten; ich argwöhnte übrigens, daß meine Wirtin ihn eingeladen und zugleich wissen gelassen habe, ich sei noch bei ihr. Allerdings stritt sie es ab.

Um kurz zu sein: dieser Herr besuchte mich nach wie vor und zeichnete mich durch sein ganz besonderes Vertrauen aus. Er war ein wahrer Gentleman, das mußte man ihm lassen, und seine Gesellschaft war mir ebenso angenehm, als, wie ich glauben darf, die meinige ihm. Er machte mir nie andere Beteuerungen, als die der größten Hochachtung, und hatte eine solch hohe Meinung von meiner Tugend, daß er einmal durchblicken ließ, er wisse wohl, ich werde ihn mit Verachtung zurückweisen, wenn er sich mir je »anders« nähern würde. Er wußte sehr bald, daß ich mit dem letzten Schiff im Sommer als Witwe von Virginia zurückgekommen sei und daß ich in Bath wartete, bis die nächste Ladung von Virginia, die mir bedeutende Güter bringen solle, ankomme. Ich erfuhr dagegen, daß er verheiratet sei, daß seine Gattin aber geisteskrank geworden und der Obhut ihrer Verwandten anvertraut sei. Er habe darein gewilligt, um jeden Vorwurf, er lasse sie nicht richtig behandeln, unmöglich zu machen. Er komme nach Bath, um sich dort von Anfällen der Schwermut, denen er unter solchen Umständen ausgesetzt sei, zu erholen und sich überhaupt zu zerstreuen.

Meine Wirtin, die unsere Beziehungen bei jeder Gelegenheit zu festigen suchte, beschrieb mir ihn als einen Mann von Ehre und Tugend sowohl, als[133] von großem Vermögen; und ich hatte Grund, dies alles zu glauben, denn obwohl wir auf derselben Etage wohnten, und er sehr oft in mein Zimmer gekommen, mehrere Mal sogar, während ich noch zu Bett lag, und trotzdem auch ich ihn des öfteren auf seinem Zimmer besucht, bot er mir doch nie etwas anderes als höchstens einen Kuß, und erst sehr viel später forderte er einmal mehr – wie Sie sehen werden.

Ich erwähnte meiner Wirtin gegenüber sehr oft seine außerordentliche Diskretion, und sie entgegnete mir zuweilen darauf, sie glaube, ich könne mich auf einige Beweise seiner Dankbarkeit für meine Gesellschaft gefaßt machen, denn er nähme mich ja ganz in Anspruch. Ich entgegnete ihr, ich habe ihn nie, auch nur entfernt, auf den Gedanken gebracht, daß ich Unterstützung nötig habe, oder daß ich sie von ihm annehmen werde. Sie meinte darauf, sie übernehme es schon, ihn darauf hinzuweisen, und machte ihre Sache wirklich so geschickt, daß er gleich bei unserer nächsten Zusammenkunft sich ein wenig nach meinen Verhältnissen zu erkundigen begann und mich fragte, wovon ich denn gelebt habe, seit ich in England gelandet und ob ich nicht Geldverlegenheit gekommen sei.

Ich leugnete meine Armut kühnlich ab und sagte, trotzdem meine Schiffsladung Tabak Schaden gelitten habe, sei sie doch lange nicht ganz verloren. Der Kaufmann, an den ich sie weiter gegeben, habe mich so ehrlich behandelt, daß ich nicht in Verlegenheit geraten sei und bei einiger Sparsamkeit wohl hoffen dürfe, mein Kapital werde reichen, bis neues Geld oder Gut komme, was mit dem nächsten Schiff aus Virginia zu erwarten sei. Mittlerweile habe ich allerdings meine Ausgaben möglichst beschränken müssen. So habe ich zum Beispiel das Kammermädchen, das ich im vorigen Jahre gehalten, entlassen. Früher habe ich auch ein Schlafzimmer und ein Eßzimmer auf der ersten Etage gehabt. Nun begnüge ich mich, wie er wisse, mit einem Zimmer auf der zweiten Etage. »Doch bin ich deshalb,«[134] fuhr ich fort, »nicht weniger zufriedenen Gemütes als früher; seine Gesellschaft sei ja auch eine Ursache, daß ich nun heiterer sei als sonst, und ich danke ihm sehr für dieselbe.«

So wies ich jedes Anerbieten für den Augenblick zurück. Es dauerte jedoch nicht lange, so begann er wieder von meinen Angelegenheiten zu reden und fragte mich, weshalb ich so verschwiegen sei und ihm keinen Einblick in meine Verhältnisse gewähren wolle. Er frage mich nicht aus bloßer Neugierde, sondern weil er mir beistehen wolle, wenn es irgendwie nötig sei. Da ich jedoch so hartnäckig leugne, irgend welcher Hilfe zu bedürfen, bitte er mich nur um das eine, ich möge ihm versprechen, ihm offen zu gestehen, wenn ich in irgend welche Verlegenheit geriete, und zwar mit derselben Aufrichtigkeit, mit der er mir sein Anerbieten mache. Ich werde stets einen treuen Freund an ihm finden, wenn ich auch jetzt vielleicht noch zögere, mich ihm anzuvertrauen.

Ich erwiderte ihm alles, was jemand sagen kann, der sich unendlich verbunden fühlt, und ließ ihn sehen, daß ich seine Güte wohl zu schätzen wisse.

Von jener Zeit an war ich nicht mehr ganz so zurückhaltend gegen ihn wie früher, obgleich wir uns beide in den Grenzen strengster Tugend hielten. Doch wie frei wir nun auch mit einander redeten, konnte er mich doch nicht bewegen, mich zu jener Freiheit zu veranlassen, die er wünschte, das heißt, Geld von ihm zu verlangen, obgleich ich im Geheimen sehr froh über sein Anerbieten war.

Einige Wochen waren vergangen, und ich hatte ihn immer noch um nichts gebeten, als meine Wirtin, ein listiges Geschöpf, die mich schon oft gedrängt hatte, von seinem Anerbieten Gebrauch zu machen, eine Geschichte erfand und einstmals, als wir wieder allein waren, ganz plump zu uns hereinkam und rief: »Ach, liebe Witwe, ich habe Ihnen schlechte Nachrichten zu bringen.«

»Was gibts? Sind die Schiffe aus Virginia[135] von den Franzosen gekapert worden?« fragte ich. Denn das war meine größte Angst.

»Nein, nein,« erwiderte sie, »aber den Mann, den Sie gestern nach Bristol schickten, das Geld abzuholen, ist eben zurückgekommen und sagt, daß er keins gebracht hat.«

Ihre Art mißfiel mir im höchsten Grade. Es sah so aus, als wolle ich ihn herausfordern, und das war ja gar nicht nötig. Auch mußte ich mir sagen, ich verliere ja nichts dabei, wenn ich mich zurückhaltend zeige, und fiel ihr deshalb schnell in die Rede:

»Ich begreife nicht,« rief ich, »wie der Mann so etwas sagen kann, denn er hat mir doch alles Geld, um das ich ihn schickte, vorhin überbracht. Und hier ist es.« Damit zog ich meine Börse mit zwölf Guineen hervor und fügte hinzu: »Das meiste davon werden wohl sie nach und nach erhalten.«

Auch der junge Herr schien von ihrer Rede so unangenehm berührt zu sein, wie ich, denn er fand sie, wie ich mir wohl denken konnte, sehr herausfordernd. Als er jedoch meine Antwort hörte, sparte er sich jede weitere Bemerkung.

Am nächsten Morgen kam die Rede jedoch wieder auf die Angelegenheit und er sagte lächelnd, er hoffe nicht, ich sei in Geldverlegenheit, ohne es ihm zu sagen. Ich habe ihm doch versprochen, mich in jeder Bedrängnis an ihn zu wenden.

Ich antwortete ihm, die Rederei meiner Wirtin am Tage zuvor habe mich sehr geärgert. Ich könne nur annehmen, sie habe einen Betrag, den ich ihr schuldete und der sich auf etwa acht Guineen belief, sehr nötig gehabt. Ich habe ihr meine Rechnung deshalb auch gestern Abend sofort noch beglichen.

Er schien sich darüber zu freuen, daß ich die Frau schon bezahlt hatte, und begann ein anderes Gespräch. Am nächsten Morgen jedoch rief er meinen Namen in mein Zimmer hinüber, und ich antwortete. Darauf bat er mich, einen Augenblick zu ihm herüberzukommen. Ich tat es, und er forderte mich auf, Platz zu nehmen, da er mir etwas zu sagen habe. Nach einigen gütigen Worten fragte er mich, ob ich[136] ihm versprechen wolle, ihm auf eine Frage eine aufrichtige Antwort zu geben. Nach einem kleinen Wortgefecht über den Sinn des Wortes »aufrichtig«, und nachdem ich ihn gefragt, ob ich ihm je andere als aufrichtige Antworten gegeben, versprach ich es ihm endlich. Darauf bat er mich, ich möge ihn meine Börse sehen lassen. Ich zog sie sofort lachend heraus und zeigte sie ihm. Sie enthielt noch drei Guineen. Darauf fragte er mich, ob dies mein ganzes Vermögen sei. Ich lachte wieder und sagte: »bei weitem nicht!«

Nun denn, sagte er, so möge ich gehen und das übrige Geld holen, aber auf Heller und Pfennig. Ich erklärte mich bereit dazu und holte aus einer kleinen Schublade noch sechs Guineen und etwas Silbergeld, warf es auf die Bettdecke und sagte ihm, dies sei allerdings mein ganzes Vermögen. Er warf einen Blick auf das Häufchen, zählte es jedoch nicht, sondern zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und hieß mich, eine kleine Wallnußholzkiste, die auf dem Tische stand, öffnen und ihm ein kleines Fach aus derselben reichen, das eine Menge Goldgeld, ich glaube wohl 200 Guineen, enthielt. Er nahm mit der einen Hand die Kiste, mit der andern meine Hand, drückte sie hinein und hieß mich, sie geschlossen wieder herauszuheben. Ich wollte es zuerst nicht tun, doch drückte er meine Hand fest in die Schublade, so daß ich sie wohl oder übel mit so viel Guineen, als ich fassen konnte, wieder herausziehen mußte.

Dann schüttelte er meine Hand, daß alles Gold aus derselben in meinen Schoß fiel, nahm nun mein eigenes, weniges Geld von der Bettdecke, warf es dazu und sagte, nun könne ich gehen und Alles auf mein Zimmer bringen.

Ich erzähle diese Geschichte so eingehend, um eine Vorstellung von seiner Laune und der Art und Weise unserer Beziehungen zu geben.

Es dauerte nun nicht lange, so fand er jeden Tag an meinen Kleidern, meinen Spitzen und meinen Hüten etwas auszusetzen und drängte mich oft, mir doch bessere Sachen zu kaufen, was mir[137] gar nicht unangenehm war, denn ich liebte damals nichts auf der Welt mehr, als schöne Kleider. Doch antwortete ich ihm, ich müsse mit dem Gelde, das er mir geliehen, sehr sparsam umgehen, sonst wisse ich vielleicht eines schönen Tages nicht, wie ich ihm das Geld zurückgeben solle.

Hierauf erklärte er mir, daß er meine Verhältnisse kenne und mir das Geld doch nicht geliehen habe. Ich habe es übrigens reichlich um ihn verdient, da ich ihm alle meine Zeit geopfert. Dann bestimmte er mich, wieder eine Magd zu nehmen und selbst Haushalt zu führen; nachdem sein Freund abgereist war, forderte er mich auf, ihn in Pension zu nehmen, was ich sehr gerne tat, da ich allem Anschein nach dabei nicht verlieren sollte.

Als wir so drei Monate zusammen gewirtschaftet hatten, begann die Gesellschaft Bath zu verlassen, und auch er sprach von Abreisen und erklärte, er würde sehr gerne sehen, wenn ich mit ihm nach London ginge. Ich wußte nicht recht, was ich zu diesem Vorschlage sagen sollte, denn es war mir nicht klar, welche Stellung ich dort bei ihm einnehmen, oder wie und als was er mich dort behandeln werde.

Während ich noch mit mir zu Rate ging, wurde er sehr krank. Und zwar war er nach Shepton in Somersetshire gefahren, und dort hatte er sich die Krankheit wohl geholt, so daß er es nicht wagen wollte, allein weiter zu reisen. Deshalb schickte er seinen Diener nach Bath zurück mit dem Auftrage, mich zu bitten, einen Wagen zu mieten und zu ihm nach Shepton zu kommen. Vor seiner Abreise hatte er mir sein Geld und andere Wertgegenstände übergeben, ich wußte nicht, was ich mit ihnen beginnen sollte, ich verschloß alles, so gut ich konnte, verriegelte auch die Wohnung sorgfältig und begab mich zu ihm. Ich fand ihn sehr leidend vor und redete ihm zu, sich in einer Sänfte nach Bath zurücktransportieren zu lassen, wo doch besser Rat und Hilfe zu schaffen war.

Er willigte ein, und ich brachte ihn also nach[138] Bath, das, wenn ich mich recht erinnere, immerhin fünfzehn Meilen von Shepton entfernt war.

Sein Fieber verschlimmerte sich hier und hielt ihn fünf Wochen im Bett. Die ganze Zeit über pflegte ich ihn und wartete ihn so sorgfältig, wie es nur eine Gattin hätte tun können; ja, wäre ich seine Gattin gewesen, ich hätte nicht mehr für ihn gesorgt, denn ich wachte so lange, treu und oft bei ihm, daß er es schließlich nicht mehr zulassen wollte. Darauf ließ ich ein Feldbett in sein Zimmer bringen und schlief nun am Fußende seines Bettes.

Sein trauriger Zustand ging mir sehr nahe; und die Befürchtung, solch einen Freund vielleicht verlieren zu müssen, quälte mich oft zu Tränen, so daß ich manche Stunde weinend an seinem Lager saß.

Endlich trat eine Wendung zum Besseren ein und ließ auf eine Genesung hoffen, die dann auch, allerdings langsam, kam.

Auch wenn unser Verhältnis anders gewesen wäre, würde ich keinen Anstand nehmen, von ihm zu erzählen; doch betone ich noch einmal, daß ich, trotzdem ich stets in seinem Zimmer war und ihm Tag und Nacht die notwendigsten Dienstleistungen verrichten mußte, auch nicht das geringste Unpassende zwischen uns ereignete. Ach, wäre es immer so geblieben!

Doch nach Verlauf einiger Zeit kam er wieder zu Kräften und litt es nicht, daß mein Feldbett entfernt würde, bis er fähig sei, ohne fremde Hilfe aufzustehen und es wagen könne, auch des Nachts allein zu bleiben; dann erst wolle er gestatten, daß es wieder in mein Zimmer geschafft werde.

In der Folge nahm er jede Gelegenheit wahr, um seine Dankbarkeit für meine Pflege auszudrücken; und als er wieder ganz hergestellt war, machte er mir ein Geschenk von 50 Guineen als Anerkennung dafür, daß ich, wie er es geradezu nannte, mein Leben gewagt habe, um das seine zu retten.

Und nun erging er sich in den lebhaftesten Beteuerungen seiner unveränderlichen Zuneigung zu mir; doch ließen all seine Ausdrücke nur auf die[139] höchste Achtung vor meiner und seiner Ehre schließen. Und ich zeigte mich sehr zufrieden damit. Er ging sogar soweit, zu behaupten, wenn er auch nackt mit mir zu Bette läge, so werde er doch meine Tugend so heilig halten, als gälte es, sie gegen einen Wüstling zu verteidigen. Ich glaubte ihm, und sagte ihm dies auch. Doch schien ihm selbst dies noch nicht zu genügen und er sagte, er warte nur auf eine Gelegenheit, um mir die Wahrheit seiner Worte zu beweisen.

Längere Zeit nachher mußte ich mich in Geschäften nach Bristol begeben. Er mietete mir einen Wagen und wollte mich begleiten, und auf dieser Reise begannen unsere Beziehungen vertrauter zu werden.

Von Bristol führte er mich nach Gloucester. Diese Fahrt war eine Vergnügungstour, die wir unternahmen, um die frische Luft zu genießen. Hier in Gloucester nun wollte es unser Geschick, daß wir keine andere Unterkunft im Gasthause fanden, als ein großes Zimmer mit zwei Betten. Der Wirt, der uns das Zimmer zeigte, sagte sehr freimütig zu meinem Freunde: »Herr,« sagte er, »es ist nicht meine Sache, mich zu erkundigen, ob die Dame ihre Gattin ist, oder nicht, aber wenn sie es auch nicht ist, so können Sie doch in diesen beiden Betten so ehrbar schlafen, als ständen sie in zwei verschiedenen Zimmern.«

Mit diesen Worten zog er eine große Gardine herunter, die in der Tat das ganze Zimmer in zwei Teile teilte und die beiden Betten trennte.

»Gewiß,« antwortete ihm mein Freund sehr schnell, »das Zimmer genügt uns vollständig, außedem sind wir viel zu nahe mit einander verwandt, um bei einander zu schlafen, selbst wenn wir auch im selben Zimmer wohnen.« Diese Behauptung ließ die zwei Betten noch in ganz besonders gutem Lichte erscheinen. Und wie wir uns zur Ruhe begeben wollten, verließ mein Freund das Zimmer solange, bis ich im Bette war und legte sich dann in das andere. Doch plauderte er noch eine ganze Weile mit mir.

Zum Schluß wiederholte er seine gewöhnliche[140] Rede, er könne nackt bei mir im Bette liegen, ohne mir im geringsten zu nahe zu treten, und damit sprang er auch schon von seinem Lager auf. »Und nun meine Liebe,« sagte er dabei, »sollst du auch sehen, daß ich mein Wort halten kann,« und damit kam er auch schon in mein Bett.

Ich wehrte mich ein wenig, doch muß ich gestehen, ich hätte mich auch nicht sehr gesträubt, wenn er die Versprechungen nicht gemacht. So jedoch lag ich nach kurzem Kampfe still und gestattete, daß er sich neben mir ausstreckte; er nahm mich in seine Arme und so lag ich die ganze Nacht mit ihm, doch ging er nicht weiter, in der ganzen Nacht nicht, nur küßte er mich hin und wieder, und ich erhob mich am andern Morgen so unschuldig, wie ich am Tage meiner Geburt gewesen.

Doch war's mir sehr überraschend und muß auch wohl allen anderen so erscheinen, die wissen, wie die Gesetze der Natur nun einmal wirken; denn er war ein kräftiger und lebensvoller Mann. Auch handelte er nicht aus irgend welchen religiösen Bedenken so, sondern aus reiner Zuneigung zu mir; und betonte noch einmal, daß er, trotzdem ich ihm die liebste Frau auf der Welt sei, mich doch nicht berühren wolle, um mir kein Leid zu bereiten.

Ich gestehe, daß dies sehr edel von ihm war, doch da ich vorher nie dergleichen für möglich gehalten, setzte es mich in größtes Erstaunen. Wir verlebten die weitere Reise, wie wir vorher zusammengelebt, und kehrten dann nach Bath zurück, wo er ja Gelegenheit hatte, mich zu besuchen, zu welcher Zeit er nur wollte, und wo er sich dieselbe Mäßigung auferlegte; und wir schliefen oft zusammen, aber obgleich die ganze Vertraulichkeit von Ehegatten zwischen uns herrschte, machte er dennoch nie soweit Gebrauch von ihr, wie es eben nur die Rechte eines Gatten gestatten, und war nicht wenig stolz auf seine Selbstbeherrschung.

Ich kann nicht sagen, daß mich sein Betragen mit allzu großer Freude erfüllte, denn ich war viel verderbter als er.[141]

So lebten wir fast zwei Jahre zusammen, während welcher er dreimal nach London ging und einmal vier Monate dort blieb. Doch versorgte er mich bei seinem Abschiede jedesmal reichlich mit Geld, so daß ich gut leben konnte und auch lebte.

Wären unsere Beziehungen immer so geblieben, wir hätten uns wirklich ihrer rühmen können; doch wer die Gefahr liebt, kommt zum Schluß bekanntlich in ihr um. So ging es auch uns; nur muß ich ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen und erwähnen, daß nicht er es gewesen ist, der die Änderung herbeiführte.

Als wir eines Abends wieder bei einander waren und lustig zusammen im Bette lagen und ein wenig mehr als sonst getrunken hatten, allerdings durchaus nicht soviel, um nicht mehr vollständig unserer Herr zu sein, nahm er mich nach ein paar anderen Torheiten, die ich nicht beschreiben kann, in den Arm und ich sagte darauf – ich wiederhole es nur mit Scham und tiefstem Entsetzen meiner Seele – ich wolle ihn, allerdings nur für eine Nacht, und nicht für öfter, seines Versprechens entbinden.

Er nahm mich sofort beim Worte, und nun gab es kein Widerstreben mehr. Und es kam mir auch gar nicht die Neigung, ihm den geringsten Widerstand zu leisten.

So war unsere Tugend gebrochen, und ich tauschte den Namen einer Freundin gegen den unschön und unverbindlich klingenden Titel eine Dirne. Am Morgen jedoch schon faßte uns die Reue, ich weinte bitterlich, und auch er war sehr niedergeschlagen; doch das war auch das einzige, was wir zu unserer Besserung versuchten, denn nachdem wir uns so einmal auf den Weg verholfen und die Schranken der Tugend und des Gewissens übersprungen hatten, hielten sie uns immer weniger ab.

Immerhin führten wir den Rest der Woche hindurch nur trübselige Gespräche mit einander, ich konnte ihn nur mit Erröten ansehen und wagte hin und wieder die traurige Frage: »Wenn ich nun schwanger werde? Was wird aus mir?«[142]

Er sprach mir dann Mut zu und sagte, solange ich ihm treu sei, werde er es mir gewiß auch sein; und da wir nun einmal so weit gegangen seien, – was er in der Tat nie beabsichtigt hätte – werde er, wenn ich einem Kinde das Leben schenke, für dasselbe sorgen, und ebenfalls für mich.

Das brachte uns beide dann noch näher; ich versicherte ihm, ich würde lieber in Mangel und ohne Hebamme sterben, als ihn als Vater des Kindes angeben; worauf er mir beteuerte, ich werde nie Mangel leiden, wenn ich schwanger werden würde. Diese gegenseitigen Beteuerungen ermutigten uns nur, und wir wiederholten unsere Schmach noch so oft es uns gefiel, bis endlich das eintrat, was ich gefürchtet hatte, und ich mich schwanger fühlte.

Als ich dessen ganz sicher war und auch ihn davon überzeugt hatte, begannen wir darüber nachzudenken, welche Maßnahmen wohl zu ergreifen seien, und ich schlug ihm vor, das Geheimnis unserer Wirtin anzuvertrauen und sie um ihren Rat zu fragen, worein er einwilligte.

Unsere Wirtin schien an diese Dinge gewöhnt zu sein und nahm meine Mitteilung sehr leicht auf; sie sagte, sie habe sich schon immer gedacht, daß es dazu kommen werde, und hieß uns, die Wendung sehr leicht und lustig aufzufassen. Wir fanden, daß sie eine sehr erfahrene alte Dame war, die in dergleichen Dingen wirklich gut Bescheid wußte. Sie übernahm es, die Sache zu leiten, eine Hebamme und eine Wärterin zu besorgen und und allen Nachfragen so zu begegnen, daß unser Ruf keinen Schaden leide; und sie vollführte denn auch alles sehr geschickt.

Als meine Zeit herankam, drückte sie den Wunsch aus, der Herr möge nach London gehen, oder wenigstens so tun, als ginge er; und als er dann weg war, begab sie sich zu den Magistratspersonen und sagte aus, eine Dame, die in ihrem Hause weile, sehe ihrer Niederkunft entgegen. Sie kenne den Gatten der Dame sehr genau, es sei ein Sir Walter Cleave, ein ehrenwerter Mann, und sie bürge für alle ihre Aussagen und nehme die Verantwortung[143] für die Wahrheit auf sich. Dies genügte den Magistratspersonen vollständig, und ich kam nach außen hin so in allen Ehren nieder, als sei ich wirklich Mylady Cleave. Bei den Wehen standen mir sogar drei oder vier der angesehensten Bürgerfrauen bei. Dies verteuerte ja die Sache ein wenig, und ich drückte meinem Freunde mein Bedauern darüber aus, doch sagte er, ich solle mir nur wegen so was keine Gedanken machen.

Da er mir für die außergewöhnlichen Auslagen, die meine Niederkunft nötig machte, genügend Geld zurückgelassen, hatte ich alles sehr schön; dennnoch tat ich nicht sehr munter, noch machte ich irgend welchen Aufwand; überdies hatte mich meine Erfahrung gelehrt, daß solcher Wohlstand oft nicht lange anhält, und ich legte deshalb von diesem Gelde, soviel ich nur konnte, zurück, und ließ ihn glauben, es sei alles bei der Niederkunft ausgegeben worden.

Auf diese Weise besaß ich einschließlich dessen, was er mir früher gegeben und was ich von meinem Eigentum gerettet, als ich mich vom Wochenbett erhob, zweihundert Guineen.

Ich genas eines schönen Knaben, der wirklich ein ganz reizendes Kind war. Als er es hörte, schrieb er mir einen sehr gütigen lieben Brief und teilte mir in demselben mit, es würde doch wohl besser aussehen, wenn ich, sobald ich wohlauf sei, nach London komme. Er habe schon eine Wohnung in Hammersmith besorgt. Nach einiger Zeit könnte ich ja wieder nach Bath zurückkehren, und er wolle dann wieder mit mir zusammenziehen.

Sein Anerbieten war mir sehr angenehm, ich mietete einen Wagen, nahm das Kind, eine Amme, die es warten und säugen mußte, und eine Magd für mich mit – und fort ging es nach London.

Er kam mir bis Reading mit seinem eigenen Wagen entgegen. Ich stieg zu ihm, und ließ die Mädchen mit dem Kinde in dem gemieteten Wagen. Er brachte mich in meine neue Wohnung nach Hammersmith, mit der ich recht zufrieden sein konnte, denn es waren außerordentlich schön eingerichtete Zimmer.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 128-144.
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