Zweiundzwanzigstes Kapitel.

[306] Während dieser ganzen Zeit hatte ich sehr häuslich gelebt. Es wurde ja für mich gesorgt; und so brauchte ich nicht mehr auf Abenteuer auszugehen.

Als nun aber die Einkünfte von Seiten meines Barons ausblieben und ich von meinem eigenen Gelde hätte leben müssen, da paßte mir das gar nicht; ich beschloß daher bei mir, mein früheres Gewerbe wieder aufzunehmen; und gleich mein erster Ausgang fiel ziemlich glücklich aus.

Ich hatte mich als Frau aus dem Volke angezogen, denn ich konnte ja soviel Kostümierungen annehmen, wie ich wollte; ich trug ein ganz einfaches Kleid aus grobem Stoff, eine blaue Schürze und hatte einen gewöhnlichen Strohhut auf. So angezogen, stellte ich mich an der Tür des Wirtshauses »Zu den drei Bechern« in der St. Johns-street auf. Es standen dort nämlich die Postkutschen nach Barnet, Toteridge und anderen Städten in dieser Richtung, sie hielten dort, wenn sie bald abfahren sollten. Ich aber hatte beobachtet, daß sehr häufig Leute mit großen Packen und kleinen Paketen ins Wirtshaus kamen und sich nach den Postkutschen erkundigten;[307] ferner, daß um diese Zeit gewöhnlich einige Frauen, die Frauen und Töchter der Postschaffner und Kutscher, dastanden und den Leuten helfen wollten, ihre Sachen unterzubringen.

Nun fügte es sich sonderbar, daß vor mir an dem Wirtshaustore eine Frau stand, die Gattin des Postschaffners der Kutsche, die nach Barnet ging. Sie fragte mich, ob ich auf eine abgehende Post warte. Ich antwortete: ja, ich erwarte meine Herrin, die heute abend nach Barnet fahren wolle. Sie fragte weiter, wer meine Herrin sei, und ich nannte irgend einen Namen, der mir gerade einfiel; und da muß ich zufällig den Namen einer Familie genannt haben, die in Barnet lebte; denn die Frau schien eine solche Familie zu kennen.

Eine Zeitlang sagte ich ihr nichts mehr und sie mir auch nichts. Kurz darauf jedoch rief sie jemand aus »Drei Becher«-Tür an, und sie bat mich, wenn jemand komme, um die Postkutsche nach Barnet zu benutzen, so möge ich sie doch aus dem Bierhause dort drüben herüberrufen. Ich sagte bereitwillig zu, worauf sie hinüberging ... und kaum war sie gegangen, als auch schon stöhnend und schwitzend ein junges Weibsbild mit einem Kinde ankam, eine Dienstmagd offenbar, und nach der Postkutsche nach Barnet fragte.

Ich antwortete sogleich: »Da ist sie!«

»Gehören Sie zu der Barnet-Kutsche?« fragte mich die Magd weiter.

»Gewiß,« antwortete ich, »was wünschst du?« »Ich möchte Plätze für zwei Reisende,« antwortete sie.

»Für wen denn?« fragte ich wieder.

»Hier für dies kleine Mädchen,« entgegnete sie, »und für meine Herrin, die ich jetzt sofort abhole.«

»Dann eile dich,« drängte ich, »ich glaube, die Kutsche wird sehr voll werden.«

Die Magd trug einen großen Packen unter dem Arm, und nachdem sie das Kind in den Wagen niedergesetzt hatte, sagte ich: »Am besten legst du das Bündel dazu.«[308]

»Nein,« entgegnete sie, »ich fürchte, man wird es dem Kinde fortstehlen.«

»Dann gib es mir,« antwortete ich.

»So nimm es,« meinte sie, »aber gib nur gut Obacht darauf.«

»Für den Packen will ich mich schon verbürgen und wenn er zwanzig Pfund wert wäre.«

»Da hast du ihn!« sagte sie und ging schnell hinweg.

Kaum hatte ich das Bündel in der Hand und kaum war die Magd verschwunden, als auch ich natürlich ruhig hinweg ging.

Um nicht erkannt zu werden, zog ich unterwegs meine blaue Schürze aus, wickelte den Packen darein, packte auch meinen Strohhut dazu und trug das Bündel auf dem Kopfe weiter. Es war sehr gut, daß ich diese Vorsicht gebrauchte, denn als ich durch eine der nächsten Querstraßen kam – wem begegnete ich da anders, als dem Weibsbild, das mir den Packen zum Aufbewahren gegeben! Sie war mit ihrer Herrin, die sie abgeholt hatte, auf dem Wege zur Poststation. Beide eilten schnell an mir vorüber und ich brachte mein Bündel sicher zu meiner Pflegerin. Es enthielt kein Geld, auch kein Silberzeug und keine Juwelen, doch ein Stück sehr guten indischen Damast, ein Morgenkleid, einen Unterrock, eine Spitzenhaube und ein paar Stücke sehr schöner flandrischer Spitze, sowie einige andere Dinge, deren Wert ich sehr wohl zu schätzen wußte.

Dieser Streich war übrigens nicht meine eigene Erfindung, er war mir nur von einer Person angeraten worden, die ihn schon oft mit Erfolg ausgeführt hatte. Auch meine Pflegerin hatte eine ganz besondere Vorliebe für ihn. Ich versuchte ihn noch mehrere Male, aber natürlich nie wieder an demselben Ort. Das nächste Mal ging ich beispielsweise nach White-chapel, wo gerade an der Ecke der Pettcoat-lane die Postkutschen stehen, die nach Stratford und Bow und überhaupt in diese Gegend hinausfahren. Ein anderes Mal stellte ich mich da auf, wo die Post nach Cheston wartet; und[309] jedesmal hatte ich das Glück, mit Beute nach Hause zu kommen.

Ein anderes Mal stellte ich mich auch an der Tür eines Lagerhauses am Wasser auf, da, wo die Schiffe, die von Norden kamen, von New-castle am Tyne, von Sunderland usw. ausgeladen wurden. Als das Warenhaus eben einmal geschlossen worden, kam noch ein junger Bursche mit einem Brief; er wollte eine Kiste und einen Ballen abholen, die aus New-castle angekommen seien. Ich fragte ihn, ob er die Chiffre wüßte; und er zeigte mir den Brief in dem er ermächtigt wurde, die Gegenstände abzuholen, und in dem der Inhalt derselben angegeben war: der Ballen sei voll Leinen und die Kiste enthalte Glasgegenstände. Ich las den Brief und bemühte mich, alles genau im Gedächtnis zu behalten, die Zeichen und auch den Namen des Absenders und des Empfängers. Dann sagte ich dem Boten, er möge am folgenden Morgen wiederkommen, der Expedient sei heute abend nicht mehr zu sprechen, worauf er gutgläubig abzog und ich mich auch davon machte und eiligst einen Brief von einem Herrn John Richardson aus Newcastle an seinen lieben Vetter Jemmy Cole in London schrieb, worin der erstere mitteilte, daß er mit diesem und jenem Schiff (ich erinnerte mich genau an alle Einzelheiten) einen Leinenballen und eine Glaskiste geschickt habe, die nun abgeholt werden könnten. Dann begab ich mich zu dem Warenhause zurück, fand den Expedienten vor, zeigte ihm den Brief, worauf er mir die Güter ohne Bedenken auslieferte. Das Leinen allein war ungefähr 22 Pfund wert.

Ich könnte das ganze Buch mit der Erzählung der verschiedenartigsten Abenteuer füllen. Täglich ersann ich neue Streiche und führte sie mit äußerster Geschicklichkeit und immer mit Erfolg aus.

Zum Schluß jedoch galt es auch von mir »Der Krug geht solange zu Wasser, bis er bricht.« Ich geriet in Unannehmlichkeiten, die mir zwar nicht direkt verhängnisvoll wurden, mich jedoch mit dem Gericht in Zusammenhang brachten, und das war[310] unter Umständen, nächst gehangen werden, das Schlimmste, was mir passieren konnte.

Ich hatte mich in eine Witwe verkleidet, und zwar ohne etwas Bestimmtes zu beabsichtigen; ich wollte nur aufs Geratewohl warten, bis sich etwas darbot, wie ich es oft getan. Während ich nun eine Straße in Covent-Garden entlang ging, hörte ich plötzlich ein großes Geschrei: »Diebe, Diebe!« Einige meiner Berufsgenossen schienen einen Ladenbesitzer »besucht« zu haben. Sie wurden nun verfolgt und flohen nach verschiedenen Richtungen. »Die eine trägt Witwenkleider!« hörte ich einen der Verfolger rufen. Und gleich darauf hatte sich auch schon eine große Menschenmenge um mich Unschuldige, die ich doch wahrhaftig nicht gestohlen hatte, versammelt. Die einen schrieen, ich sei die betreffende Person. Andere meinten, nein, ich sei es nicht, ich sei ja aus einer ganz entgegengesetzten Richtung gekommen. Den Ausschlag gab schließlich, daß ein Angestellter des bestohlenen Ladenbesitzers hinzukam und steif und fest behauptete und sich hundertmal dabei verschwor, daß ich und niemand anders vorhin in ihrem Laden gewesen sei. Darauf wurde ich dann ergriffen und in den Laden geschleppt. Der Ladenbesitzer meinte nun zwar sofort, ich sei die Gesuchte nicht, man möge mich freigeben. Aber andere schrieen dagegen, ich sei es doch, denn mindestens könne er sich täuschen, und es sei unter allen Umständen das Richtigste, mich solange festzuhalten, bis die übrigen Angestellten, die noch auf der Verfolgung der Diebe waren, zurückgekehrt sein würden. Und so wurde ich denn wirklich fast eine halbe Stunde festgehalten. Man hatte einen Konstabler geholt, und dieser bewachte mich jetzt in dem Laden. Ich ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein und fragte, wo er wohne und welchem Berufe er sonst nachgehe. Der Mann ahnte nicht im Entferntesten, was sich später ereignen sollte, er sagte mir bereitwilligst seinen Namen und seine Wohnung und meinte boshaft, ich würde so wie so erfahren, wie er heiße, wenn ich nach Newgate kommen werde.[311]

Auch die Angestellten behandelten mich niederträchtig, und ich glaube, es fehlte nicht viel, so hätten sie mich durchgeprügelt. Der Ladenbesitzer war höflicher zuerst als seine Untergebenen, doch wollte er mich nicht gehen lassen, obgleich er selbst nach wie vor meinte, ich sei vorher nicht in seinem Laden gewesen. Ich fing nun an, ein wenig aufzutrumpfen, und sagte ihm, er werde sich nicht wundern dürfen, wenn ich mich später an ihm schadlos halte; vorläufig bäte ich darum, mir zu gestatten, daß ich meine Freunde holen lasse, die würden dann dafür sorgen, daß mir am allerschnellsten mein Recht werde. Darauf antwortete er mir, das könne er mir nicht gestatten, ich möge den Friedensrichter um diese Vergünstigung bitten; da ich ihn aber zu bedrohen scheine, werde er sich erlauben, mittlerweile für mich zu sorgen, und zwar gut: in Newgate werde er mich einquartieren. Ich antwortete ihm, jetzt sei allerdings seine Zeit, die meinige werde aber auch schon kommen; und ich beherrschte mich, so gut es ging. Dann trug ich dem Konstabler auf, mir einen Dienstmann zu holen, was er auch tat; und ich verlangte darauf Feder, Tinte und Papier, was man mir aber nicht bewilligen wollte. Ich fragte den Dienstmann nach seinem Namen und seiner Wohnung, und der Mann gab mir beides gerne an. Ich sagte ihm, er möge wohl zusehen, wie ich hier behandelt werde und sich später erinnern, daß man mich hier mit Gewalt zurückgehalten habe, ich werde ihn an einem andern Orte noch nötig haben, und es würde nicht sein Schaden sein, wenn er dort spreche. Der Dienstmann sagte, er stünde gerne zu meiner Verfügung. »Doch, Madam,« fügte er hinzu, »lassen Sie mich hören, daß man Ihnen das Weggehen verbietet, dann kann ich später desto klarer sprechen.«

Daraufhin redete ich den Ladenbesitzer noch einmal laut an: »Mein Herr, Sie wissen ganz genau, daß ich nicht die Person bin, die Sie suchen, und daß ich nie vorher in Ihrem Laden gewesen, deshalb fordere ich Sie hiermit zum letzten Male auf, mich hier nicht länger zurückzuhalten!«[312]

Der Mensch wurde hierauf noch gröber als vorher und sagte, das tue er erst, wenn es ihm Spaß mache.

»Sehr wohl,« sagte ich zu dem Konstabler und dem Dienstmann, »seien Sie also so liebenswürdig und erinnern Sie sich später an diese Worte.«

Der Dienstmann sagte: »Gewiß, Madam,« und dem Konstabler wurde die Sache ungemütlich; er versuchte, den Ladenbesitzer zu veranlassen, mich gehen zu lassen, da er ja selbst zugestanden, ich sei nicht die gesuchte Frau.

»Guter Mann,« erwiderte ihm der Ladenbesitzer höhnisch, »sind Sie denn Friedensrichter oder Konstabler? Ich habe sie Ihnen übergeben, tuen Sie Ihre Pflicht!«

Der Konstabler entgegnete ihm darauf ein wenig erregt, doch immer noch sehr höflich: »Ich kenne meine Pflicht und weiß was ich bin, doch zweifle ich, daß Sie augenblicklich genau wissen, was sie tun.«

Und sie sagten sich noch einige grobe Worte.

Mittlerweile behandelten mich die Angestellten der Geschäftes immer unverschämter, und der Kerl, der mich auf der Straße zuerst angefaßt hatte, sagte, er wolle mich untersuchen und begann Hand an mich zu legen. Ich spie ihm ins Gesicht und rief dem Konstabler zu, er möge nur ja beachten, wie man mich hier behandle, und »bitte, Herr Konstabler,« fügte ich hinzu, »fragen Sie den Schuft nach seinem Namen.« Der Konstabler wies ihn mit friedlichen Worten zurecht und sagte, er wisse wahrscheinlich nicht, was er tue, sein Herr habe doch selbst zugegeben, daß er mich nie vorher in dem Laden gesehen. »Ich glaube, er bringt mich und sich noch in Unannehmlichkeiten,« fügte er hinzu, »wenn die Dame beweisen wird, daß sie nicht die Frau ist, die Sie verfolgen.«

»Der Teufel soll sie holen,« erwiderte der Kerl mit unverschämtem Gesicht, »ich kann einen Eid darauf leisten, daß sie das Weibsbild von Witwe ist, das hier im Laden war und dem ich das Stück Atlas zeigte, das in ihrer Hand verschwunden ist.[313]

Sie werden noch mehr darüber hören, wenn Mr. William und Mr. Antony (das waren andere Angestellte) zurückkommen. Die werden sie so gut wiedererkennen wie ich.«

Als der unverschämte Schuft noch so zu dem Konstabler redete, kamen dieser Herr William und dieser Herr Antony samt einem ziemlichen Volkshaufen zurück und schleppten die wirkliche Witwe mit sich, schnaufend und schwitzend traten sie in den Laden ein und schleiften triumphierend das arme Geschöpf, roh wie die Schlächter, vor ihren Herrn, der in der Tiefe des Ladens stand. Jubelnd riefen sie dabei: »Da ist die Witwe, Herr, wir haben sie endlich gefangen!«

»Wieso?« erwiderte jener, »wir haben sie schon längst, da sitzt sie ja, und einer will beschwören, daß sie es ist.«

Der andere, den sie Mr. Antony nannten, erwiderte: »Der mag sagen, was er will, und schwören, was er will, aber die Frau, die wir gebracht haben, ist die richtige. Da ist doch noch das Stück Atlas, das sie gestohlen hat, ich habe es mit eigenen Händen aus ihren Kleidern gezogen.«

Ich wurde nun etwas mutiger, doch lächelte ich bloß spöttisch und sagte vorläufig nichts. Der Ladenbesitzer aber wurde bleich; der Konstabler wandte sich um und sah mich fragend an.

»Lassen Sie sie nur, Herr Konstabler,« sagte ich, »lassen Sie sie nur reden.«

Die Sache stellte sich denn auch bald ganz klar heraus, und der Kaufmann erklärte mir, plötzlich sehr höflich geworden, er bedauere seinen Irrtum unendlich, und hoffe, ich werde den Fall nicht allzu übel nehmen; es begegneten ihm tagtäglich solche Sachen, und niemand könne seine Angestellten dafür tadeln, daß sie sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen suchten.

»Ich soll es nicht übelnehmen, Herr,« sagte ich, »soll ich nicht gar noch glauben, Sie hätten mir eine Gefälligkeit erwiesen? Wenn Sie mich hätten meiner Wege gehen lassen, nachdem Ihr unverschämter Bursche mich auf der Straße überfallen und hierher[314] geschleppt, und Sie selbst zugeben mußten, daß ich nicht die gesuchte Person sei, dann, ja dann würde ich die Sache auf sich beruhen lassen; denn ich glaube Ihnen schon, daß Sie wirklich tagtäglich derlei Unannehmlichkeiten auszustehen haben. Aber Sie und besonders Ihre Angestellten haben mich in einer Weise behandelt, für die ich Genugtuung haben will und muß.«

Darauf begann er mit mir zu unterhandeln; er beteuerte, er wolle mir jede vernünftige Genugtuung gewähren; und er würde es offenbar gar zu gerne gehabt haben, wenn ich ihm gesagt hätte, was ich verlangte. Ich antwortete ihm jedoch, ich wolle nicht mein eigener Richter sein, das Gesetz solle für mich entscheiden; und da man mich ja vor den Magistrat führen wolle, so würde ich ihn da hören lassen, was ich ihm zu sagen hätte.

Er antwortete, es sei ja durchaus kein Anlaß mehr vorhanden, vor den Richter zu gehen; ich könne jetzt selbstverständlich gehen, wohin ich wolle. Er rief auch sofort den Konstabler heran, sagte ihm noch ein mal ausdrücklich, meine Unschuld sei vollständig erwiesen, und er möge mich freigeben.

Der Konstabler aber antwortete ihm sehr ruhig: »Sie haben mich eben gefragt, ob ich ein Konstabler oder ein Richter sei, hießen mich meine Pflicht tun und die Dame als Gefangene behandeln. Ich finde nun, Herr, Sie haben mittlerweile vergessen, was meine Pflicht ist und wer ich bin, denn Sie wollen mir ja richterliche Befugnis erteilen. Ich muß Ihnen jedoch sagen, daß das, was Sie verlangen, nicht in meiner Macht steht; ich muß einen Gefangenen, den man mir übergeben hat, bewachen. Nur das Gesetz und der Magistrat allein können den Gefangenen freigeben. Sie befinden sich also im Irrtum, mein Herr, ich muß die Dame vor den Richter führen, ob Sie es gutheißen oder nicht.«

Der Kaufmann redete nun dem Konstabler lange zu; dieser war jedoch ein tüchtiger pflichtbewußter Mensch und wollte mich durchaus nicht freigeben, ohne vorher mit mir zum Friedensrichter gegangen zu sein.[315]

Als der Kaufmann sah, daß nichts zu machen war, sagte er zu dem Konstabler: »Gut, führen Sie sie, wohin Sie wollen, ich habe mit der Sache nichts mehr zu tun.«

»O nein, mein Herr,« erwiderte der Konstabler, »Sie werden mit uns gehen, denn Sie haben mich doch beauftragt, die Dame festzuhalten.«

»Nein, nein,« erwiderte der Kaufmann, »ich habe in der ganzen Sache nichts mehr zu sagen.«

»Aber gewiß,« entgegnete der Konstabler, »und ich rate Ihnen in Ihrem eigenen Interesse, mitzugehen, denn der Richter kann ohne Sie nichts machen.«

»Aber mein Bester,« meinte der Kaufmann dagegen, »ich bitte Sie, stecken Sie doch die Sache auf; ich wiederhole Ihnen, ich habe der Dame nichts mehr zu sagen und fordere Sie hiermit selbst auf, sie zu entlassen.«

»Herr,« erwiderte der Konstabler, »ich sehe, daß Sie wirklich nicht wissen, was ein Konstabler ist, und rate Ihnen, zwingen Sie mich nicht, Ihnen grob zu kommen und Gewaltmaßregeln zu ergreifen.«

»Das ist auch nicht nötig, Sie sind sowieso schon grob genug,« entgegnete der Kaufmann.

»O, durchaus nicht,« gab der Konstabler zurück: »Sie haben sich des Friedensbruches schuldig gemacht, indem Sie eine ehrliche Frau, die ihrer rechtmäßigen Beschäftigung nachging, von der Straße in Ihren Laden schleppen, dort festhalten und von Ihren Angestellten mißhandeln ließen; und jetzt wollen Sie noch sagen, ich sei grob zu Ihnen? Ich finde, daß ich sehr höflich bin, da ich Sie bis jetzt nur gebeten, und nicht aufgefordert habe, mit mir zu gehen; ich könnte mir ja einige Leute von der Straße holen und Sie ein fach zwingen! Sie wissen sehr wohl, daß ich die Macht, Sie mit Gewalt fortzuschaffen, habe, doch stehe ich vorläufig davon ab und ersuche Sie nur noch einmal in aller Ruhe, mit mir zu gehen.«

Dazu wollte sich der Kaufmann aber durchaus nicht verstehen und gab dem Beamten noch böse[316] Worte. Dieser jedoch behielt ruhiges Blut und ließ sich nicht reizen.

Ich kam darauf allen weiteren Auseinandersetzungen zuvor und sagte: »Kommen Sie, Herr Konstabler, und lassen Sie den Mann nur, wo er ist. Ich werde schon Mittel genug finden, um ihn vor den Magistrat zu bringen, davor ist mir gar nicht bange; aber da ist der Kerl, der mich auf der Straße festgehalten hat, als ich ruhig meines Weges ging, und der mich, wie Sie selbst gesehen haben, hier mit Roheiten behandelt hat; er hat die größere Schuld, wollen Sie daher ihn vor den Richter bringen!«

»Gut, Madam,« sagte der Konstabler und wandte sich zu dem Kerl: »Kommen Sie, Sie müssen mit uns gehen. Ich hoffe, Sie werden sich der Gewalt des Konstablers nicht entziehen wollen, wie Ihr Herr.«

Der Bursche sah aus, als ob er selbst ein ertappter Dieb sei, fiel ganz zusammen und blickte seinen Herrn hilflos an, wie wenn der ihm helfen könnte. Aber dieser, ganz verblendet, ermutigte seinen Angestellten noch, widerspenstig zu sein, so daß der Kerl wieder Mut bekam und den Konstabler frech zurückstieß, als dieser schließlich Hand an ihn legen wollte. Darauf schlug ihn der Beamte zu Boden, rief Leute von der Straße um Hilfe, und im Augenblick war der Laden wieder mit einer Menschenmenge angefüllt, die nun dem Konstabler half, den Kaufmann und den Kerl von Angestelltem festzunehmen.

Die erste üble Folge dieses Auflaufs war, daß die wirkliche Diebin sich davon machte und entkam; ebenso zwei andere Frauen, die man festgehalten, ob mit Recht oder Unrecht, weiß ich nicht.

Mittlerweile versuchten einige Nachbarn, die hinzugekommen waren und sahen, wie die Sachen standen, den Kaufmann zur Vernunft zu bringen, und er begann dann auch einzusehen, daß er im Unrecht war. Zum Schluß begaben wir uns allesamt ziemlich friedlich vor den Richter, gefolgt von[317] einer Menge von fast fünfhundert Personen. Während des ganzen Weges hörte ich Leute fragen, was denn passiert sei? und andere antworten: ein Kaufmann habe irrtümlicherweise eine Dame statt einer Ladendiebin festgenommen. Man habe dann aber die wirkliche Diebin doch gefaßt, und nun bringe die Dame den Kaufmann vor den Richter. Dies schien den Leuten außerordentlich viel Vergnügen zu machen, denn die Menge wuchs fortwährend an, und man hörte rufen: »Wo ist der Kaufmann?« »Wo ist der Schuft?« und zwar ganz besonders von Frauen. Und man wies mit Händen auf den Kaufmann: »Da ist er!« »Da ist er!« schrie man, und hin und wieder bedachte man ihn mit tüchtigen Haufen Straßenschmutz und Steinen. So schritten wir eine gute Weile fort, bis es der Kaufmann für angezeigt hielt, den Konstabler aufzufordern, eine Kutsche herbeizuholen, in die er vor dem Pöbel flüchten wolle. Und so fuhren wir den Rest des Weges, der Konstabler und ich, der Kaufmann und der Kerl von Angestelltem.

Als wir vor den Richter kamen – es war ein alter Herr, der in Bloomsbury wohnte –, stattete der Konstabler zuerst einen summarischen Bericht über die ganze Angelegenheit ab. Darauf forderte der Richter mich auf, den Hergang zu erzählen. Zuerst fragte er mich nach meinem Namen, den ich nur sehr ungern angab; es half jedoch nichts, ich mußte ihn nennen und so sagte ich denn, ich heiße Mary Flanders, sei Witwe, mein Gatte, ein Seekapitän, sei auf der Reise nach Virginia gestorben. Außerdem erwähnte ich noch einige andere Einzelheiten betreffs meiner Persönlichkeit, die man mir nie hätte widerlegen können, und erklärte, ich wohne augenblicklich in der Stadt, bei der und jener Frau, und nannte meine Pflegerin, ich sei jedoch im Begriffe, wieder nach Amerika überzusiedeln, wo die Besitztümer meines Gatten lägen, und sei gerade heute ausgegangen, um mir Kleider zur Halbtrauer zu kaufen. Ich wäre jedoch noch in keinem Laden gewesen, als dieser Kerl – damit wies ich auf den[318] Angestellten des Kaufmanns – voller Wut auf mich zugerannt sei, mich gepackt und in den Laden seines Herrn gezerrt hätte; und dieser Herr nun habe mich, trotzdem er selbst sofort zugegeben, ich sei nicht die gesuchte Person, doch nicht freigeben wollen, sondern einen Konstabler zu meiner Bewachung gerufen. Dann erzählte ich lang und breit, wie die Angestellten mich behandelt hätten; daß mir nicht einmal gestattet worden sei, nach meinen Freunden zu schicken; daß man dann aber die wahre Diebin ausfindig gemacht, und den gestohlenen Stoff noch bei ihr gefunden habe, kurz, alle Einzelheiten, die ich Ihnen eben schon auseinandergesetzt.

Darauf bestätigte der Konstabler noch, daß der Kaufmann sich geweigert habe, mich zu entlassen, und der Bursche sich nicht dazu verstehen gewollt, seiner Aufforderung, ihm zu folgen, nachzukommen, wozu ihn sein Herr noch aufgehetzt habe. Zum Schluß habe der Mensch ihn sogar zurückgestoßen – kurz, auch er stellte die Sache, wie ich sie eben erzählt habe, noch einmal in allen Einzelheiten dar.

Dann vernahm der Richter den Kaufmann und seinen Angestellten. Der Kaufmann hielt eine lange Rede über den großen Verlust, der ihm tagtäglich von Dieben und Betrügern zugefügt werde; es könne doch leicht vorkommen, daß er sich auch einmal irre; als man die richtige Diebin gefunden, habe er mich ja auch gleich entlassen wollen, und so weiter. Und was seinen Angestellten angehe, so könne er nur annehmen, die übrigen hätten diesem gesagt, ich sei die Täterin, und er habe es selbst geglaubt.

Hierauf bedeutete mich der Richter zuerst sehr höflich, ich sei vollständig entlastet, und der Eifer des Ladengehilfen, der leichtsinnig genug gewesen, eine Unschuldige festzuhalten, wäre höchst bedauerlich; es läge jedoch leider nicht in seiner, des Richters, Macht, das Geschehene ungeschehen zu machen; vor allem könne er den Ladenbesitzer nicht in Strafe nehmen, das einzige, was mir übrig bliebe, sei, ihn auf Entschädigung zu verklagen.[319]

Der Angestellte aber sollte für seinen Friedensbruch nach Newgate gebracht werden und dort die Unverschämtheiten gegen den Konstabler und mich abbüßen.

Der Bursche wurde also nach Newgate beordert und sein Herr entlassen; doch hatte ich noch die Genugtuung zu sehen, daß die Volksmenge auf sie wartete und beide, als sie das Haus des Richters verließen, mit Johlen empfing, und die Kutschen, in denen sie davonfuhren, mit Steinwürfen und Schmutz bombardierte.

Als ich nach diesem Abenteuer nach Hause kam, und meiner Pflegerin die Geschichte erzählte, begann sie laut zu lachen.

»Weshalb so lustig?« fragte ich. »Ich finde nicht, daß es in dieser Geschichte etwas zu lachen gibt, die abscheulichen Hallunken haben mir Angst genug gemacht.«

»Lache nur mit,« entgegnete meine Pflegerin, »ich freue mich zu sehr! Denn wenn du es recht verstehst, kannst du aus dieser Sache das beste Geschäft deines ganzen Lebens machen. Ich wette, du kannst 500 Pfd. Schadenersatz aus dem Kaufmann herauspressen, abgesehen von dem, was der Gehilfe zahlen muß.«

Ich sah die Angelegenheit mit anderen Augen an. Besonders beunruhigte mich, daß ich dem Richter meinen Namen angegeben hatte; ich wußte, daß dieser den Leuten in Newgate und ähnlichen Orten wohlbekannt war, und wenn man die Sache öffentlich verhandelte und meiner Person nachforschte, so würde wohl kein Gerichtshof viel Schadenersatz für die Beschädigung meines Rufes beantragen. Immerhin, es war möglich, ja wahrscheinlich, daß der Kaufmann es nicht zu einer Verhandlung kommen lassen werde, und so entschlosz ich mich denn, einen Prozesz einzuleiten. Meine Pflegerin bezeichnete mir einen sehr brauchbaren und viel beschäftigten Advokaten von bestem Rufe als Sachwalter. Und dies war sehr klug gehandelt. Denn hätte sie mir zu einem unbrauchbaren oder zu einem unbekannten[320] Manne geraten, so würde ich nur ein Geringes herausgeschlagen haben.

In meiner Unterredung mit dem Advokaten setzte ich ihm den ganzen Sachverhalt mit allen Einzelheiten auseinander, und er versicherte mir, das Gericht werde ganz fraglos auf einen bedeutenden Schadenersatz erkennen. Er setzte also die Anklage auf, der Kaufmann wurde darauf verhaftet, stellte aber Kaution. Einige Tage später kam er mit seinem Anwalt zu dem meinigen, um diesen wissen zu lassen, er wünsche die Angelegenheit gütlich beizulegen, er habe damals in einer unglückseligen Aufregung gehandelt; und des Anwalts Klientin habe eine spitze Zunge, sie habe ihn verspottet und verhöhnt, als noch nicht festgestellt war, daß sie unschuldig sei und ihn in immer gröszere Aufregung gebracht, und dergleichen mehr.

Mein Anwalt ging ebenso geschickt vor und machte die Gegenpartei glauben, ich sei eine vermögende Witwe, die sich ihr Recht verschaffen könne; ich habe einflusreiche Freunde, die mir zugeredet hätten, wenn es auch tausend Pfund koste, das Äuszerste zu versuchen, um die schmähliche Beleidigung, die man mir zugefügt, zu ahnden.

Immerhin gelang es ihnen, meinem Anwalt das Versprechen abzunehmen, das Feuer nicht noch mehr zu schüren, mir nicht abzuraten, wenn ich einem Vergleiche geneigt sei, sondern mich eher zum Frieden zu bewegen. Alles dies sagte er mir aufrichtig wieder und fügte noch hinzu, wenn er mir einen Rat geben dürfe, so sei es der, mich mit ihnen zu vergleichen, denn sie befänden sich in größter Angst und hätten nur den einen Wunsch, die Sache beizulegen, denn sie wüßten, daß sie die Kosten der Verhandlung zu tragen hätten; auch glaube er, sie würden mir freiwillig mehr geben, als mir ein Gerichtshof zusprechen werde. Ich tat, als ob ich doch noch Bedenken hätte, und fragte ihn, was sie wohl zahlen würden. Er antwortete, darüber könne er jetzt noch keine Auskunft geben, werde es mir aber bei meinem nächsten Besuche sagen. Ein paar Tage später besuchte[321] dann die Gegenpartei meinen Anwalt wieder, um zu erfahren, ob er mit mir gesprochen habe; er antwortete, ja, und ich persönlich sei einem Vergleiche nicht so sehr abgeneigt, wie einige meiner Bekannten, die über die mir angetane Schmach erbost seien und mich aufhetzten, diese bliesen im Geheimen ins Feuer und redeten mir zu, mich zu rächen und mir überhaupt Gerechtigkeit zu verschaffen, so daß er ihnen noch nicht sagen könne, wie sich die Sache entwickeln werde; er werde sich jedenfalls alle Mühe geben, um mich versöhnlich zu stimmen, doch müsse er mir dazu ihre Vorschläge zu einem gütlichen Ausgleich unterbreiten können. Sie erwiderten, es sei ihnen unmöglich, einen Vorschlag zu machen, da man denselben später zu ihren Ungunsten ausbeuten könne. Er erwiderte ihnen, er sei erst recht nicht im stande, eine Summe zu nennen, denn man könne diese vielleicht später anführen, um den höher bestimmten Schadenersatz, zu dem das Gericht sie vielleicht verurteilen werde, anzufechten. Nach einigem Hin- und Herreden jedoch und dem gegenseitigen Versprechen, aus der folgenden Verhandlung keinerlei Vorteil zu ziehen, machten sie beiderseitig die Summen, die sie für angemessen hielten, namhaft. Sie waren jedoch so ungleich, daß eine Einigung kaum zu erwarten war, denn mein Anwalt forderte 500 Pfd. und sämtliche Kosten; sie boten 50 Pfd. und wollten die Kosten nicht tragen. Sie brachen die Unterhandlungen ab, und der Kaufmann bat um eine Zusammenkunft mit mir, die ihm mein Anwalt bereitwilligst zusagte.

Mir riet er, zu dieser Zusammenkunft in guten Kleidern und mit einigem Schmuck zu kommen, damit der Kaufmann glaube, ich sei etwas mehr, als die einfache Dame, für die er mich anfangs gehalten. Ich erschien denn auch in einem reichen Anputz, in Halbtrauer, und machte mich übrigens so schön, als meine Witwenkleidung nur eben zuließ, und meine Pflegerin lieferte mir dazu ein prächtiges Perlenhalsband mit einem diamantenbesetzten Schloß, das man ihr verpfändet hatte. Auch trug ich eine sehr[322] schöne goldene Uhr, so daß ich außerordentlich stattlich aus sah, und da ich wartete, bis ich den Kaufmann schon bei meinem Anwalt wußte, fuhr ich mit einer Magd vor dessen Hause vor. Als ich in das Zimmer trat, merkte ich gleich, daß der Kaufmann sehr erstaunt war. Er stand auf und machte eine tiefe Verbeugung, von der ich jedoch nur geringe Notiz nahm; ich ließ mich vielmehr gleich auf den Sitz nieder, den mein Anwalt mir angeboten hatte. Nach einer Weile sagte der Kaufmann, er kenne mich nicht wieder, und machte mir einige Komplimente. Ich antwortete, ich glaube, er habe mich damals nicht gekannt, denn wenn er es getan, würde er mich wohl anders behandelt haben. Er erklärte mir, daß er das Vorgefallene lebhaft bedauere, und daß er diese Zusammenkunft erbeten habe, um seine Bereitwilligkeit zu zeigen, mir jede nur mögliche Genugtuung zu geben; er hoffe, ich werde die Dinge nicht auf die Spitze treiben, das wäre nicht nur ein großer Schaden für ihn, sondern könne der Ruin seines Geschäftes sein, und in diesem Falle hätte ich allerdings die Genugtuung, ein Unrecht mit einem zehnmal größeren vergolten zu haben, ich würde dann vielleicht gar nichts bekommen, während er jetzt willens sei, mir jede nur mögliche Entschädigung zu geben, ohne daß wir uns in die Unruhen und Kosten eines Prozesses zu stürzen hätten. Ich erwiderte ihm darauf, ich freute mich sehr, ihn endlich wie einen Mann mit gesundem Menschenverstand reden zu hören; in den meisten Fällen werde ja allerdings eine einfache Abbitte für eine genügende Sühne gehalten. Mein Fall sei jedoch zu schlimm, um so einfach beigelegt werden zu können; ich sei durchaus nicht rachsüchtig, noch wollte ich sein oder irgend eines Menschen Unglück, aber meine Freunde hätten alle einstimmig erklärt, ich dürfe meinen Ruf nicht so einfach aufs Spiel setzen und eine solche Beleidigung ohne genügende Sühne und Entschädigung auf mir sitzen lassen. Als Diebin festgehalten zu werden, sei eine Schmach, die sich überhaupt nicht gut machen lasse; wenn ich es als Witwe mit solchen[323] Dingen leicht nähme, würde man mich vielleicht wirklich für eine solche Person halten, und zwar ganz besonders nach der Behandlung, die er mir habe angedeihen lassen. Nun erzählte ich ihm diese mit all' ihren Einzelheiten noch einmal, und es klang allerdings so beschämend, daß er ganz demütig wurde. Er bot mir nun schon 100 Pfd. an, erklärte sich auch bereit, meinen Anwalt zu zahlen, und versprach mir noch obendrein ein vollständiges und sehr schönes Kleid samt allem Zubehör. Ich sank mit meiner Forderung auf 300 Pfd. Schließlich einigten wir uns auf 150 Pfd. und ein schwarzes Seidenkleid; worauf mich die Gegenpartei noch zu einem guten Abendessen einlud.

Als wir uns an einem bestimmten Termin zur Auszahlung und zum Empfang des Geldes wieder zusammenfanden, brachte ich meine Pflegerin mit, die wie eine alte Herzogin gekleidet war, und einen ebenfalls sehr wohl gekleideten Herrn, der als mein Freier auftreten mußte. Der Kaufmann behandelte uns sehr liebenswürdig und zahlte das Geld mit guter Laune; die ganze Geschichte kostete ihm wenigstens 200 Pfd., wahrscheinlich noch etwas mehr. Bei diesem letzten Zusammentreffen, als alles geordnet war, kam nun auch die Beleidigung durch den Ladengehilfen zur Sprache, der Kaufmann legte eine lebhafte Fürbitte für ihn ein und erzählte, der Mann habe früher ein eigenes Geschäft gehabt und in sehr guten Verhältnissen gelebt, er habe eine Frau und viele Kinder und sei jetzt sehr arm; er könne mir keine andere Genugtuung bieten, als mich auf den Knieen um Verzeihung zu bitten. Mir lag nichts daran, den elenden Wicht zu Grunde zu richten, und nachdem ich erfahren, daß bei ihm nichts zu holen war, sah ich auch keinen Grund ein, irgend eine Demütigung von ihm zu verlangen. Ich fand es im Gegenteil ganz angemessen, die Großmütige zu spielen, und sagte daher dem Kaufmann noch einmal, ich wünschte nicht, das Verderben irgend eines Menschen zu verschulden und wolle auf seine Fürsprache hin dem armen Teufel gerne verzeihen.[324] Mich rächen zu wollen, sei mir wirklich zu niedrig.

Als wir bei dem Abendessen saßen, ließ er den Burschen hereinkommen, damit er um Verzeihung bitte; und er tat es mit ebensolch niedriger Demut, als er vorher anmaßend und beleidigend gewesen; er hörte zu jener widerwärtigen Klasse von Menschen, die grausam und unerbittlich sein können, wenn sie die Macht in Händen haben, aber feig und kleinlaut sind, wenn sie eine Macht über sich fühlen. Ich sagte ihm, ich hätte ihm vergeben, wolle ihn aber nicht um mich sehen – worauf er aus dem Zimmer schlich und wir weiter tafelten.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 306-325.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders, die im Zuchthaus geboren wurde, zwölf Jahre Dirne, acht Jahre deportierte Verbrecherin in Virginien war, schließlich ehrbar lebte und reuig starb .

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Fräulein Else

Fräulein Else

Die neunzehnjährige Else erfährt in den Ferien auf dem Rückweg vom Tennisplatz vom Konkurs ihres Vaters und wird von ihrer Mutter gebeten, eine große Summe Geld von einem Geschäftsfreund des Vaters zu leihen. Dieser verlangt als Gegenleistung Ungeheuerliches. Else treibt in einem inneren Monolog einer Verzweiflungstat entgegen.

54 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon