Viertes Kapitel.

[48] Ich kam sehr von Kräften und phantasierte viel. Dabei verfolgte mich in meinen lichten Augenblicken stets die Angst, ich möchte in den Fieberdelirien etwas zu meines Geliebten Nachteile verraten. Ich verlangte schmerzlich danach, ihn zu sehen, und auch er hätte mich gerne besucht, denn er liebte mich wirklich; doch ging es nicht an, es gab weder von ihm noch von mir aus einen Grund, der ein solches Verlangen den andern in der Familie hätte natürlich erscheinen lassen.

Fast ganze fünf Wochen lag ich zu Bett; und obwohl das Fieber nach drei Wochen nachließ, kam es doch in kurzen Zwischenräumen noch mehrere Male wieder. Die Ärzte erklärten wiederholt, sie könnten nichts weiter für mich tun, sondern müßten es der Natur überlassen, mit dem Übel fertig zu werden. Nach fünf Wochen besserte sich mein Befinden, doch war ich so schwach und erholte mich so langsam, daß die Ärzte fürchteten, ich würde am Ende schwindsüchtig werden, und, was mir am peinlichsten war, ihre Meinung dahin abgaben, ich sei gemütskrank; irgend etwas mache mir augenscheinlich schweren Kummer, kurz, wahrscheinlich sei ich verliebt. Und nun bestürmte mich das ganze Haus, doch zu gestehen,[49] ob dies wahr und in wen ich denn verliebt sei; ich aber, wie's ja nicht anders möglich war, bestritt, überhaupt von Liebe zu wissen.

Eines Tages hatten sie aus diesem Anlaß bei Tisch eine Zwistigkeit, die fast die ganze Familie in Aufruhr brachte. Sie waren, mit Ausnahme des Vaters, alle gerade zum Essen versammelt; ich befand mich noch in meinem Krankenzimmer. Die alte Dame, die Mutter, die mir das Essen heraufgeschickt hatte, sagte zu einer Magd, sie möge herauflaufen und fragen, ob ich vielleicht noch etwas wünsche; die Magd kam jedoch mit dem Bescheid zurück, daß ich noch nicht die Hälfte dessen, was man mir eben geschickt, verzehrt habe und nichts mehr über die Lippen bringen könne.

»Ach,« rief darauf die Mutter, »das arme Mädchen! ich fürchte, sie wird wohl nie wieder gesund werden!«

»Wie sollte sie auch,« meinte nun der älteste Bruder, »die Ärzte sagen doch, sie sei unglücklich verliebt!«

»Ich glaube es nicht,« entgegnete die Mutter.

»Ja, ich weiß auch nicht, was man dazu sagen soll,« begann die älteste Schwester, »man hat ja allerdings ein solches Aufhebens von ihrer Schönheit, ihren Reizen und was weiß ich sonst noch gemacht, und zwar immer so, daß sie es hören konnte, daß es mich nicht wunder nehmen sollte, wenn es ihr den Kopf verdreht hätte. Wer weiß, was noch alles daraus werden kann? Jedenfalls ist etwas nicht in seiner Ordnung.«

»Nun Schwester, du mußt doch zugeben, daß sie sehr schön ist,« sagte der älteste Bruder.

»Und zwar viel schöner als du, Schwester,« fuhr Robin fort, »und das ist dein ganzer Ärger.«

»Darum handelt es sich hier nicht,« entgegnete die Schwester, »das Mädchen hat gewiß Ansehen genug, aber sie weiß es auch, und es ist nicht nötig, daß andere es ihr sagen und sie eitel machen.«

»Wir reden nicht davon, daß sie eitel, sondern daß sie verliebt sei. Vielleicht ist sie in sich selbst[50] verliebt; es kommt mir wenigstens vor, als nehme meine Schwester dies an.«

»Ich möchte, sie wäre in mich verliebt,« sagte Robin darauf, »ich würde ihrem Kummer schon schnell ein Ende machen.«

»Was willst du damit sagen, lieber Sohn,« fragte die alte Dame, »wie kannst du nur so reden?«

»Nun, Mutter,« erwiderte Robin in aufrichtigem Tone, »glaubst du, ich würde das arme Mädchen aus Liebe zu mir sterben lassen, da sie mich doch so leicht haben könnte!«

»Pfui Bruder,« meinte nun die zweite Schwester, »wie du sprichst! Würdest du ein Geschöpf nehmen, das keinen Pence hat?«

»Ich bitte dich, liebes Kind,« entgegnete ihr Robin, »ist Schönheit vielleicht keine Mitgift? Schönheit und ein fröhliches Gemüt ist sogar eine doppelte. Ich wünschte nur, du hättest in dieser Beziehung die Hälfte von ihrem Vermögen!«

»Ich finde,« meinte darauf die älteste Schwester, »wenn Betty nicht verliebt ist, so ist es mein Bruder; es sollte mich wundern, wenn er ihr's noch nicht gestanden hätte, jedenfalls wette ich, daß sie nicht Nein sagen würde.«

»Die Ja sagen, wenn sie gefragt werden,« lachte jetzt Robin, »kommen einen Schritt vor denen, die niemals gefragt werden, ob sie Ja sagen wollten, und zwei Schritte vor denen, die Ja sagen, ehe sie gefragt werden; das mag dir Antwort genug sein, Schwester.«

Dies ärgerte das Mädchen gewaltig, sie geriet in große Erregung und sagte, die Dinge wären nun so weit gekommen, daß es die höchste Zeit sei, das Frauenzimmer, damit meinte sie mich, aus der Familie zu entfernen, und wenn man sie jetzt noch nicht vor die Türe setzen könne, so hoffe sie doch, ihr Vater und ihre Mutter würden sie nicht mehr länger, als unbedingt nötig sei, im Hause dulden.

Robin erwiderte, das gehe nur den Herrn und die Frau des Hauses etwas an, und die brauchten[51] wohl von jemandem, der so wenig Urteil habe wie seine älteste Schwester, nicht belehrt zu werden.

So ging die Zänkerei noch weiter; die Schwester schimpfte, Robin spöttelte und höhnte, und die arme Betty verlor dadurch immer mehr Boden in der Familie.

Als ich von dem Streit zuerst erfuhr, begann ich bitterlich zu weinen, und die alte Dame, die Mutter, kam selbst zu mir herauf, da sie hörte, daß ich so bekümmert sei. Ich klagte ihr, wie ungerecht ich es von den Ärzten fände, solch eine Meinung, zu der sie nicht den geringsten Grund hätten, über mich abzugeben, ja, daß es doppelt schlimm sei, eine Unvorsichtigkeit und eine Ungerechtigkeit zugleich, dergleichen von einem Mädchen zu sagen, das in solcher Lage in solch einer Familie sei; daß ich aber hoffe, nichts getan zu haben, was ihre Achtung für mich verringere oder Anlaß zu Streitigkeiten zwischen ihren Söhnen und Töchtern geben könne; ich wisse, daß es für mich angebrachter wäre, an einen Sarg als an die Liebe zu denken, und bat sie zum Schluß, mir nicht die Verschuldungen anderer Leute, nur meine eigenen anzurechnen.

Sie sah ein, wie gerecht alles war, was ich sagte, doch entgegnete sie mir, da es nun einmal zu diesen Streitereien gekommen sei und ihr jüngerer Sohn immer solch aufreizende Reden führe, bitte sie mich darum, ihr eine Frage aufrichtig zu beantworten. Ich sagte, ich wolle es tun, und zwar so ehrlich und klar, wie es mir nur immer möglich sei. So fragte sie mich denn, ob zwischen ihrem Sohne Robin und mir irgend welche Beziehungen beständen. Ich antwortete ihr mit allen Beteuerungen meiner Aufrichtigkeit, daß nichts zwischen uns schwebe, oder je geschwebt habe; daß Herr Robin nur geschäckert und gescherzt habe, wie es seine Art und Weise sei, und daß ich solche Reden immer für das gehalten, was sie auch wirklich seien, eine sonderbare und lustige Manier, mit den Menschen zu verkehren, der man keine Bedeutung beizumessen habe; und nochmals versicherte ich ihr, daß nicht der geringste Anlaß[52] vorläge, anzunehmen, daß irgend etwas zwischen uns im Gange sei und daß diejenigen, die eine solche Vermutung in die Welt gesetzt, mir bitter Unrecht getan und Herrn Robin gewiß auch keinen Dienst erwiesen hätten.

Die alte Dame war nun ganz zufriedengestellt und umarmte und küßte mich, plauderte heiter mit mir, bat mich, nur ja auf meine Gesundheit zu achten, mir nichts abgehen zu lassen, und ging dann wieder. Als sie jedoch hinunter kam, lagen sich der Bruder und die Schwestern noch immer in den Haaren. Die Mädchen befanden sich in großer Aufregung und Wut, weil er ihnen vorgeworfen, sie würden sitzen bleiben, kein Mann habe sich noch für sie interessiert, trotzdem sie doch oft deutlich genug ungefragt Ja gesagt hätten. Dann zog er sie wieder mit dem armen Fräulein Betty auf, wieviel hübscher diese sei, wie angenehm ihr Wesen, wie wohllautend ihre Stimme, wie anmutig ihr Tanz; nichts, was sie ärgern konnte, ließ er aus. Die alte Dame kam gerade in dem Augenblick ins Zimmer zurück, als das Gezänk seinen Höhepunkt erreicht hatte; und um ihm ein Ende zu machen, erzählte sie ihnen die Unterredung, die sie mit mir gehabt, und daß ich beteuert, es bestehe nichts von dem, was sie zwischen mir und ihrem Sohn vermuteten.

»Da irrt sie sich sehr,« erwiderte ihr Robin, »denn wenn nicht sogar sehr viel zwischen uns bestanden hätte, wären wir jetzt nicht soweit auseinander, als wir es sind. Ich habe ihr gesagt, daß ich geradezu toll in sie verliebt sei, aber ich konnte das Teufelsmädel nicht dazu kriegen, daß sie mir glaubte.«

»Das finde ich sehr begreiflich,« erwiderte die Mutter, »kein Mensch mit gesundem Verstande würde annehmen, du redest im Ernste, wenn er dich so zu einem armen Kinde, dessen Verhältnisse du doch so gut kennst, sprechen hörte. Und ich bitte dich, mein lieber Sohn,« fügte sie hinzu, »da du uns selbst sagst, daß sie nicht einmal glaubt, du sprächst[53] im Ernst, was sollen wir denn davon denken? Du springst ja in deinen Reden immer so unsinnig herum, daß kein Mensch wissen kann, wo die Vernunft aufhört und der Scherz anfängt. Da ich aber sehe, daß das Mädchen, deinen eigenen Worten nach, die Wahrheit gesagt hat, habe ich nur den einen Wunsch, auch du möchtest dich nun endlich einmal klar und deutlich aussprechen, damit ich weiß, woran ich bin. Ist etwas an der Sache oder nicht? Redest du im Ernst oder nicht? Hast du wirklich eine Dummheit vor oder nicht? Es ist eine gewichtige Frage, und ich wünschte, du machtest uns das Verständnis der Antwort etwas leicht.«

»Es wäre wirklich unnütz, Mutter,« begann jetzt Robin, »die Sache noch länger verschleiern oder Lügen auftischen zu wollen. Mir ist so ernsthaft zu Mute wie einem Mann, der zum Galgen geführt wird – wahrhaftig. Hört also klipp und klar: Wenn Fräulein Betty sagte, daß sie mich liebe und mich heiraten wolle, so würde ich noch morgen früh, ehe ich gefrühstückt hätte, mit ihr zum Pfarrer gehen.«

»So habe ich also einen Sohn verloren,« versetzte hierauf die Mutter, und zwar in so traurigem Tone, als habe sie wirklich den größten Kummer.

»Das hoffe ich nicht, Mutter,« erwiderte ihr Robin, »ein Mann, der eine gute Frau gefunden hat, ist doch wohl nicht verloren?!«

»Aber mein Kind,« entgegnete die alte Dame, »sie ist doch eine Bettlerin.«

»Dann hat sie also Liebe und Mitleid umso nötiger,« sagte Robin. »Ich werde sie mir, wenn es Not tut, vom Magistrat geben lassen, und sollten wir zusammen betteln gehen ... Sie und ich.«

»Es ist nicht recht von dir, mit solchen Dingen zu scherzen,« sagte die Mutter.

»Ich scherze auch nicht, Mutter,« erwiderte Robin, »das wirst du sehen, wenn ich mit ihr kommen werde und um deine und des Vaters Einwilligung bitten.«

»Die wird wohl nicht zu erlangen sein, mein[54] Sohn,« sagte die Mutter, »wenn du Ernst machst, bist du unser verlorenes Kind.«

»Ich hoffe, ich würde es nicht sein, und Ihr hättet am Ende ein Einsehen,« antwortete Robin, »aber ich fürchte zugleich auch, daß ihr nie in die Lage kommen könnt, es zu haben. Denn sie will mich ja nicht!«

»Das ist mir eine schöne Geschichte,« warf die jüngere Schwester hier ein, »aber meinst du wirklich, ich glaubte, Fräulein Betty sei eine solche Närrin?«

»Na, Fräulein Neunmalklug,« erwiderte Robin, »Fräulein Betty ist allerdings keine Närrin, aber Fräulein Betty könnte schon irgend wo anders versprochen sein, und was dann?«

»Nein,« sagte die Schwester, »wer könnte der andere wohl sein? Sie kommt ja nie heraus, es kann nur zwischen euch beiden etwas bestehen.«

»Ich habe nichts weiter zu sagen,« erwiderte hier Robin; »an mir habt ihr nun genug herumgeschnüffelt. Aber mein Bruder ist doch auch noch da. So fragt doch einmal bei ihm an!«

Dies ging dem älteren Bruder gehörig in die Glieder, denn er vermutete, daß Robin etwas erfahren habe; doch nahm er sich zusammen und zeigte seine Verwirrung nicht. »Nun muß ich dich aber doch bitten, sagte er vielmehr ruhig, mir nicht etwa deine Geschichten in die Schuhe zu schieben. Ich kann dir nur sagen, daß ich in so was nicht mache, mein teuerer Freund, ich habe mit keinem Fräulein Betty der Welt irgend etwas zu schaffen.« Und damit stand er auf und machte sich davon.

»Nein,« sagte die älteste Schwester, »für meinen Bruder will ich mich verbürgen, der kennt die Welt besser und begeht keinen Unsinn.«

So endete dieses Gespräch, das den ältesten Bruder in Wirklichkeit doch in eine große Unruhe versetzte. Er zweifelte nicht, daß Robin die ganze Sachlage durchschaue und begann zu erwägen, ob ich wohl die Veranlassung sei oder nicht; doch fand er trotz allen Nachdenkens kein Mittel, um mich in meinem Zimmer aufsuchen zu können, so daß er[55] denn in immer größere Aufregung geriet und endlich beschloß, mit mir zu reden, was es auch für Folgen haben würde.

Eines Tages nach dem Mittagessen blieb er noch eine Zeit mit seiner ältesten Schwester zusammen, und wartete, bis sie sich wie gewöhnlich nach oben begebe. Als sie die Treppe hinaufstieg, lief er ihr nach und rief: »Sag mal, Schwester, wo ist denn das kranke Mädchen? Darf kein Gebein sie mal sehen?«

»Gewiß,« erwiderte die Schwester, »warum nicht? Aber ich will zuerst zu ihr gehen und sagen, daß du kommst.«

Damit öffnete sie auch schon meine Türe, benachrichtigte mich, wer kommen wolle, und rief ihren Bruder heran: »Wenn es dir also Spaß macht, dann komm nur mal, Bruder.«

»Er kam also herein, tat, als sei's ein Ulk für ihn, und rief lustig: ›Na, wo ist denn der kranke Korpus, der Liebesgram hat? Wie geht es Ihnen, Fräulein Betty?‹«

Ich wollte aus meinem Lehnstuhl aufstehen, fühlte mich jedoch so schwach, daß ich dazu nicht im stande war; er bemerkte es und seine Schwester auch.

»Versuche nur nicht, aufzustehen,« sagte sie, »mein Bruder, der verlangt keine Förmlichkeiten, besonders jetzt nicht, da du krank bist.«

»Nein, nein, Fräulein Betty,« sagte er, »bleiben sie nur ganz ruhig sitzen,« und damit setzte er sich auf einen Stuhl mir gegenüber nieder und tat, als sei er ganz außerordentlich fidel. Er schwätzte eine Menge spaßhaftes Zeug zusammen, bald von diesem, bald von jenem, um mich und seine Schwester zu belustigen, und hin und wieder kam er auch auf mich selbst zu sprechen. »Armes Fräulein Betty,« sagte er, »es ist wirklich eine üble Sache, verliebt zu sein – was? Die Liebe hat Sie ja nicht schlecht auf den Hund gebracht.«

Darauf antwortete ich traurig lächelnd: »Ich freue mich, daß sie so heiter sind, mein Herr, aber ich glaube, der Arzt hätte auch etwas besseres tun[56] können, als seinen Spott mit seinen Kranken zu treiben. Wenn mir sonst nichts gefehlt hätte, wäre ich wahrhaftig zu klug gewesen, um ihn überhaupt herein zu lassen, glauben sie, ich kenne das Sprichwort nicht?«

»Welches Sprichwort,« fragte er, »vielleicht:


Wen die Liebe hat am Kragen,

Dem kann auch der Arzt kein Heilmittel sagen.


Meinten Sie das, Fräulein Betty?«

Ich lächelte und antwortete nichts.

»Die Wirkung der Kur beweist aber eigentlich, daß doch die Liebe im Spiel ist, denn der Doktor hat ihnen keine Dienste geleistet. Sie erholen sich nur sehr langsam, wird mir gesagt, und ich glaube auch, daß hier« – er deutete dabei auf sein Herz – »der Hund begraben liegt. Sie gehören vielleicht zu den Unheilbaren, Fräulein Betty.«

Ich lächelte wieder und sagte: »O nein, mein Herr, ich glaube, meine Krankheit hat ihren Sitz doch wo anders.«

Derartige Reden und andere, die ebensowenig bedeuteten, führten wir eine ganze Menge.

Dann fragte er beiläufig, ob er mir vielleicht etwas auf der Flöte vorspielen solle. Seine Schwester entgegnete ihm, sie glaube, mein Kopf könne das wohl noch nicht vertragen. Ich verneigte mich jedoch und sagte: »Bitte sehr darum, lassen sie es doch zu. Ich höre so gerne die Flöte spielen.«

»Gut denn, Bruder, spiele.«

Und er zog auch schon den Schlüssel zu seinem Zimmer aus der Tasche und: »Liebe Schwester,« sagte er, »ich bin heute so faul, geh doch bitte und hole die Flöte, sie liegt in der unteren Schublade links« und nannte einen Platz, an dem die Flöte bestimmt nicht lag, damit sie längere Zeit zu suchen nötig habe.

Kaum war sie gegangen, so erzählte er mir die ganze Unterredung, die er mit seinem Bruder über mich gehabt, äußerte seine Befürchtungen und gestand, das diese der Grund seien, weshalb er gewagt, mich zu besuchen.[57]

Ich versicherte ihm, daß ich meinen Mund nicht aufgetan habe, weder seinem Bruder, noch irgend jemand sonst gegenüber; ich sagte ihm, in welch schrecklicher Not ich sei, daß meine Liebe zu ihm und seine Aufforderung, ich solle meine Zuneigung vergessen und sie auf einen anderen übertragen, mich darniedergeworfen habe, daß ich tausendmal gewünscht, ich möge lieber sterben, als mich erholen und unter den gleichen Kämpfen und Umständen weiterleben. Dann fügte ich hinzu, ich sehe im voraus, daß ich, sobald ich wieder hergestellt sei, das Haus verlassen müsse, daß mich jeder Gedanke an eine Ehe mit seinem Bruder mit Abscheu erfülle, nach dem, was zwischen uns beiden vorgefallen, und daß er mir glauben könne, ich werde diesem nie mehr gestatten, auch nur mit einem Worte auf sein Ansinnen zurückzukommen. Wenn er selbst aber all seine Schwüre und Versprechen brechen wolle, so möge er es mit sich und seinem Gewissen ausmachen. Er solle jedoch nie Grund haben, sagen zu können, daß ich, die er überredet habe, sich seine Frau zu nennen, und die ihm alle Rechte eines Gatten eingeräumt, ihm nicht auch so treu gewesen, wie eine Ehefrau es sein müsse – mochte der Gatte sich auch immer gegen sie benehmen, wer weiß wie!

Er antwortete mir, er sehe mit Bedauern, daß ich mich noch immer keines Bessern belehren lasse; und er wollte noch mehr sagen, als er die Schwester wieder hinzukommen hörte. Ich erwiderte ihm nur noch schnell und kurz, daß ich mich nie werde belehren lassen, den einen Bruder zu lieben und den andern zu heiraten. Er schüttelte den Kopf und sagte; »Dann bin ich wohl verloren.« In diesem Augenblick trat die Schwester herein und behauptete, sie könne die Flöte nicht finden. »Na,« entgegnete er ihr mit dem muntersten Gesicht, »ich sehe schon, mit meiner Faulheit komme ich nicht weit,« stand auf und ging nun selbst, um die Flöte zu holen. Doch kam auch er ohne sie zurück, nicht als ob er sie nicht gefunden, sondern weil er gar keine Luft verspürte, zu spielen; der Gang der Schwester[58] hatte ja nun seinen Zweck erfüllt; es war ihm gelungen, mit mir unter vier Augen zu reden, so wie er es gewollt; ob das Gespräch auch nicht zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war.

Mir gewährte es jedoch eine große Befriedigung, daß ich mich endlich einmal frei und mit solch ehrlicher Deutlichkeit, wie ich eben erzählt, ausgesprochen hatte, und wenn meine Worte auch durchaus nicht die gewünschte Wirkung hatten, ich meine, wenn sie den jungen Herrn nicht wieder von neuem an mich fesselten, so nahmen sie ihm doch alle Möglichkeit, mich ohne eine unverblümte Unehrenhaftigkeit, die er als Gentleman unmöglich begehen konnte, zu verlassen.

Erst ein paar Wochen nach dieser Unterredung machte meine Besserung Fortschritte, und ich konnte wieder im Hause umhergehen. Doch blieb ich traurig und in mich gekehrt, was die ganze Familie in Verwunderung setzte, nur den nicht, der den Grund kannte; doch dauerte es eine lange Zeit, ehe er tat, als bemerke er etwas davon. Ich hielt mich aber ebenso zurück wie der junge Herr, benahm mich ihm gegenüber äußerlich sehr respektvoll, versuchte jedoch nie ein Wort zu sagen, oder von ihm eines zu hören, das unsere alten Beziehungen betraf; und dies dauerte sechzehn oder siebzehn Wochen lang; so daß ich, die ich jeden Tag erwartete, von der Familie um der Feindseligkeit halber, die man ohne mein Verschulden noch immer gegen mich hegte, auf die Straße gewiesen zu werden, auch noch obendrein in der angstvollen Ungewißheit leben mußte, von meinem Geliebten, trotz aller feierlicher Gelöbnisse, nichts mehr hören zu sollen, sondern einfach verraten und verlassen worden zu sein.

Schließlich war es die Mutter, durch die eine Wendung kam. Als ich eines Tages mit der alten Dame ernsthaft über meine Verhältnisse sprach und meinte, daß meine Krankheit wohl eine Störung an Geist und Gemüt bei mir zurückgelassen habe, sagte sie: »Ach ja, ich fürchte, Betty, was ich Ihnen neulich über meinen Sohn sagte, hat zu großen Eindruck[59] auf Sie gemacht und Sie sind traurig um seinetwillen. Wollen Sie mir nicht sagen, wie die Sachen zwischen Ihnen und Robin stehen? Ob da nicht doch irgend etwas Unangebrachtes geschehen ist? denn Robin schwätzt nur Unsinn und Torheit zusammen, wenn ich mit ihm von Ihnen sprechen will.«

»Gewiß, Madam, es ist wahr,« entgegnete ich, »die Sachen stehen zwischen uns so, wie ich wollte, sie täten es nicht, und ich werde ihnen ehrlich alles erzählen, was es auch für mich für Folgen haben sollte. Der junge Herr Robin hat mir mehrere Male einen Heiratsantrag gemacht, was ich bei meiner Armut nicht erwarten konnte; doch habe ich ihn immer abgewiesen und noch dazu in bestimmteren Ausdrücken, als mir vielleicht zukam, da ich doch jedem Gliede der Familie eine ganz besondere Achtung schuldig bin. Aber Madam,« fuhr ich fort, »es wäre mir ganz unmöglich gewesen, die Verpflichtungen, die ich gegen ihr Haus habe, je so weit zu vergessen, daß ich meine Einwilligung zu einer Verbindung gegeben hätte, die, wie ich weiß, ihnen nur unangenehm sein kann; und deshalb antwortete ich ihm kurz und bündig, daß ich einem solchen Heiratsgedanken niemals näher treten werde, wenn er nicht etwa die Zustimmung seiner Eltern erlange, denen ich viel zu sehr zur Dankbarkeit verpflichtet sei, als daß ich sie betrüben könne.«

»Ist es möglich, Fräulein Betty,« fragte die alte Dame, »sie wären gerechter gegen uns gewesen, als wir gegen sie? Wir haben sie alle als eine Art Schlinge für meinen Sohn betrachtet und ich wollte sie aus Furcht, es möchte ein Leichtsinn geschehen, schon auffordern, unser Haus zu verlassen. Wenn ich ihnen nichts davon gesagt habe, so geschah es nur, weil ich fürchtete, sie allzusehr zu treffen und vielleicht einen Rückfall in ihrer Krankheit herbeizuführen. Wir wissen sehr wohl, daß wir auch ihnen gegenüber Rücksichten zu nehmen haben; wenn dieselben auch nicht so weit gehen dürfen, daß wir eine Torheit unseres Sohnes ruhig geschehen lassen.[60] Wenn sich die Sache jedoch so verhält, wie sie sagen, haben wir Ihnen alle großes Unrecht getan.«

»Was die Wahrheit meiner Worte angeht,« erwiderte ich, »so kann ich die gnädige Frau nur auf Ihren Sohn selbst verweisen. Wenn er mir nur die geringste Gerechtigkeit widerfahren läßt, wird er die Sache genau so erzählen, wie ich sie Ihnen dargestellt habe.«

Sofort begab sich die alte Dame zu ihren Töchtern und teilte ihnen die Angelegenheit genau mit meinen Worten mit.

Sie waren nicht wenig überrascht, wie ich mir wohl denken konnte. Die eine sagte, dergleichen hätte man allerdings nicht erwarten können, die andere nannte Robin einfach einen Narren, die dritte meinte, sie glaube dem Fräulein Betty kein Wort und gehe jede Wette ein, daß Robin die Geschichte schon anders darstellen würde.

Die alte Dame jedoch, die fest entschlossen war, die Wahrheit zu erfahren, beschloß, mit ihrem Sohn zu reden, noch ehe ich Rücksprache mit ihm nehmen konnte, und ließ ihn sofort rufen.

Er hatte sich gerade zu einem Notar in der Stadt begeben, kehrte jedoch auf ihren Wunsch umgehend zurück.

Er fand die ganze Familie, bis auf den Vater, versammelt.

»Nimm Platz, Robin,« sagte die alte Dame, »ich habe mit dir zu reden!«

»Von Herzen gern,« erwiderte Robin heiter. »Hoffentlich handelt es sich um eine gute Frau für mich, denn bin ich wahrhaftig nicht wenig in Verlegenheit.«

»Wieso,« erwiderte die Mutter, »sagtest du nicht, du seiest entschlossen, Fräulein Betty zu heiraten?«

»Allerdings, Mutter,« rief Robin, »aber es gibt nur leider jemand, der mich hindert, diese Absicht auch zu verwirklichen.«

»Die Absicht zu verwirklichen? Wieso? Wer könnte das wohl sein?«

»Fräulein Betty selbst,« antwortete Robin.[61]

»Hast du denn schon um sie angehalten?«

»Natürlich, ich habe ehe sie krank war, nicht mehr und nicht weniger als fünf Angriffe auf sie unternommen, und bin jedesmal kräftig zurückgeschlagen worden. Das Bollwerk ist außerordentlich stark, und sie wollte nicht kapitulieren und sich nur unter unerfüllbaren Bedingungen ergeben.«

»Erkläre dich näher,« sagte die Mutter, »ich bin ganz überrascht und verstehe nicht, was das alles heißen soll. Wahrscheinlich redest du auch gar nicht im Ernst.«

»Das tu ich wohl, Mutter,« erwiderte er, »die Sache liegt so einfach, daß sie sich von selbst erklärt. Sie will mich nicht. Ist das nicht deutlich genug? Mir kam es jedenfalls so vor. Ich fand es eigentlich sogar ein wenig arg, gerade herausgesagt, von ihr.«

»Aber,« fragte die Mutter, »ich hörte da etwas von Bedingungen, die du nicht erfüllen konntest. Wie kommt sie überhaupt dazu, Bedingungen zu stellen? Dergleichen beruht doch immer auf Gegenseitigkeit. Was bringt sie dir denn etwa mit?«

»Nun, was ihr Vermögen anlangt,« sagte Robin, »sie ist reich genug, ich wäre schon ganz zufrieden. Ich selbst aber konnte ihren Ansprüchen nicht genügen. Sie besteht jedoch auf denselben und will mich nur unter diesen Bedingungen, oder überhaupt nicht haben.«

Hier fielen ihm seine Schwestern ins Wort. »Mutter,« sagten sie, »es ist ja ganz unmöglich, ernsthaft mit ihm zu reden. Er gibt niemals eine direkte Antwort. Am besten ließe man ihn ruhig seiner Wege gehen und spräche überhaupt von der Sache nicht mehr.«

Robin verlor bei solchen Worten seiner Schwester ein wenig die Ruhe, doch beherrschte er sich. »Es gibt eben zwei Arten von Menschen,« sagte er zu seiner Mutter gewandt, »die nie zu einander passen werden, Weise und Narren, und es ist vielleicht zu viel von mir verlangt, daß meine Verhandlungen mit beiden Arten zum selben Ziele führen sollten.«[62]

Nun erregte sich die jüngere Schwester. »Der Bruder muß uns in der Tat für Narren halten, wenn er glaubt, uns vorreden zu können, er habe Fräulein Betty einen ernsten Antrag gemacht, und sie habe ihn zurückgewiesen.«

»Antworte und antworte nicht, sagt Salomon,« erwiderte ihr Bruder. »Wenn ich dir sage, daß ich nicht weniger als fünfmal um sie angehalten und daß sie mich jedesmal rund abgewiesen hat, so steht meiner jüngeren Schwester, dünkt mich, nicht das Recht zu, die Wahrheit meiner Worte in Zweifel zu ziehen, zumal meine Mutter es auch nicht tut.«

»Die Mutter hat dich gewiß nicht recht verstanden,« sagte die zweite Schwester.

»Sie bat mich nur um eine Erklärung und zweifelte an der Wahrheit meiner Worte nicht im mindesten.«

»Nun, mein Sohn,« begann die alte Dame wieder, »da du uns dein Geheimnis schon offenbaren willst, welches waren denn ihre unerfüllbaren Bedingungen?«

»Ich hätte sie dir schon längst mitgeteilt,« antwortete Robin, »wenn diese Quälgeister mich nicht immer mit ihren Zwischenbemerkungen belästigt hätten. Ihre Bedingungen sind, daß ich den Vater und dich dazu bewege, die Einwilligung zu geben, ohne welche sie mir noch nicht einmal mehr gestatten will, von meiner Liebe überhaupt zu reden. Diese Bedingungen werde ich aber wohl, wie ich schon sagte, nie zu erfüllen im stande sein. Und nun hoffe ich, daß meine eifrigen Schwestern meine Antwort deutlich genug finden und sich mal ein bischen tüchtig schämen.«

Seine Worte kamen allen sehr überraschend, der Mutter eigentlich noch am wenigsten, weil sie ja schon mit mir gesprochen hatte. Die Töchter dagegen standen einige Zeit stumm da.

Die alte Dame nahm dann das Wort: »Man hat mir schon etwas ähnliches gesagt, doch wollte ich es nicht glauben. Da ich jetzt aber nicht anders kann, sehe ich ein, daß wir Fräulein Betty großes[63] Unrecht getan haben und daß sie sich besser zu benehmen gewußt hat, als ich erwartete.«

»Ich finde sogar,« meinte die älteste Schwester, »daß sie sich vorzüglich benommen hat.«

»Und ich glaube,« rief die Mutter, »daß es nicht ihr Verschulden war, daß er töricht genug gewesen, eine Neigung zu ihr zu fassen; daß sie ihm jedoch eine derartige Antwort gab, läßt auf mehr Achtung für uns schließen, als sich in ein paar anerkennenden Worten überhaupt sagen läßt. Ich werde das Mädchen dafür, so lange ich sie kenne, um so höher schätzen.«

»Ich nicht,« erwiderte Robin, »es sei denn, ihr gebt mir eure Einwilligung.«

»Alles weitere will erst überlegt sein, aber ich versichere dir, wenn ich nicht sonst noch meine Bedenken hätte, würde mich Fräulein Bettys ganze Haltung vielleicht schon zu einer Einwilligung bestimmen.«

»Ich wünsche natürlich nichts lebhafter,« sagte Robin, »als eure bedingungslose Zustimmung. Und wenn ihr mich wirklich ebenso gerne froh, als reich sehen wolltet, würdet ihr mir sie nicht lange verweigern.«

»Ist es dir also ein so voller Ernst, Robin?« fragte die Mutter. »Möchtest du sie wirklich so gern haben?«

»Wirklich, Mutter,« erwiderte Robin. »Ich finde es beinahe grausam, mich überhaupt noch zu fragen. Was nützt es mir, daß ich sie haben will, da ich sie nicht ohne eure Einwilligung haben kann. Ich will nur das eine nochmals sagen, daß es mir voller Ernst ist und daß ich niemals jemand anders heiraten will, noch werde. Ich wiederhole noch einmal ganz einfach: Betty oder niemanden, und es ist nur die Frage, welche von den beiden mir dein Herz bestimmt, Mutter, wobei ich nur hoffe, daß meine wohlgesinnten Fräulein Schwestern hier keine Stimme abzugeben haben.«

Dies ganze Gespräch, als es mir berichtet wurde, brachte mich in argen Schrecken, denn die Mutter[64] schien ja nun nachgeben zu wollen, und Robin drängte immer eifriger. Auch befragte die alte Dame ihren ältesten Sohn um Rat und dieser kam ihr natürlich mit tausend Gründen, um sie zu bewegen, nur ja ihre Zustimmung zu geben. Er betonte immer wieder die leidenschaftliche Liebe seines Bruders zu mir, meine großmütige Rücksicht auf die Familie, mein feines Ehrgefühl, das mich meinen eigenen Vorteil ganz außer acht lassen ließ, und tausend Dinge mehr ... Was den Vater anging, so war dieser stets in eine Menge geschäftlicher und öffentlicher Angelegenheiten verwickelt, kam selten nach Hause, hielt es für die Hauptsache, viel Geld zu verdienen, und überließ alle häuslichen Angelegenheiten seiner Frau.

Sie können sich denken, daß es jetzt, nachdem das Komplott ans Tageslicht gekommen war, für den ältesten Bruder, auf den niemand Verdacht hatte, lange nicht mehr so schwer und gefährlich war, Zutritt zu mir zu erlangen. Ja, die Mutter kam seinen Wünschen sogar entgegen, indem sie ihn aufforderte, sich mit Fräulein Betty doch des Öfteren zu unterhalten.

»Ich glaube, mein Sohn,« sagte sie zu ihm, »du siehst in solchen Dingen klarer als ich, und wirst bald herausfühlen, ob sie in der Tat so entschieden geantwortet hat, wie Robin sagte, oder nicht.«

Kein Auftrag konnte ihm gelegener kommen. Er ließ sich allerdings erst noch ein wenig bitten, ehe er den Wunsch seiner Mutter erfüllte. Sie ließ uns jedoch beide in ihr Zimmer rufen, sagte mir, ihr Sohn habe in ihrem Auftrage mancherlei mit mir zu reden, schloß die Tür hinter sich und ließ uns allein.

Er kam auf mich zu und umarmte mich mit vieler Zärtlichkeit; dann jedoch sagte er, die Dinge hätten sich nun so zugespitzt, daß ich vor entscheidende Fragen gestellt sei, und ich könne mich heute für mein ganzes Leben lang glücklich oder unglücklich machen. Ja, wenn ich seinen Wunsch nicht erfülle, brächte ich uns beide ins Verderben.[65] Dann erzählte er mir von der Szene, die sich zwischen Robin, seiner Mutter, seinen Schwestern und ihm selbst zugetragen. »Und nun, liebes Kind,« sagte er, »stelle dir doch vor, was es heißt, den Sohn einer guten Familie, der sich in solch glänzenden Verhältnissen befindet, mit der Einwilligung des ganzen Hauses zu heiraten und alles, was die Welt nur bietet, genießen zu können, – und was es andererseits bedeutet, als ein alleinstehendes Mädchen zu leben, um dessen Ruf es so schlecht bestellt ist, – und daß ich ferner, selbst wenn ich, so lange ich lebe, im Geheimen dein Freund bliebe, doch allerlei Mißdeutungen ausgesetzt wäre, so daß du bald Mühe hättest, mich wieder zu sehen, und es mir sehr schwer werden würde, mit dir in Verbindung zu bleiben.«

Er ließ mir gar keine Zeit, zu antworten, sondern fuhr hastig fort: »Was zwischen uns vorgekommen ist, mein Kind, kann ja, wenn wir wollen, begraben und vergessen sein. Ich werde immer dein aufrichtiger Freund bleiben und nicht mehr als das, wenn du meine Schwägerin bist. Wir können auf die ehrenhafteste Weise unsere Gesellschaft genießen, ohne uns Vorwürfe machen zu müssen, und ohne das Bewußtsein, je etwas Übles getan zu haben. Ich bitte dich noch einmal, dies alles zu erwägen und deinem eigenen Wohlergehen nicht im Wege zu stehen. Und um dir zu beweisen, daß ich es ganz aufrichtig mit dir meine, biete ich dir hiermit 500 Pfd. als Schadenersatz an und hoffe, daß wir beide die – sagen wir – Torheiten, die nun einmal hinter uns liegen, nicht allzusehr bereuen.«

Er sagte dies alles in so eindringlichen Worten, wie es nur möglich ist. Und Sie können sich vielleicht eine Vorstellung von seiner Rede machen, wenn ich noch hinzufüge, daß sie wiederum anderthalb Stunden dauerte. Er suchte meine Entgegnungen zu widerlegen und brachte alle Argumente herbei, die Witz und Verstand nur ersinnen können.

Ich kann jedoch nicht behaupten, daß er mich überzeugte, oder mich die Sache auch nur mit anderen Augen ansehen ließ.[66]

Zuletzt erklärte er mir ganz einfach, daß er, da ich noch immer nicht auf ihn hören wolle, nur noch hinzuzufügen habe, daß er die Beziehungen zu mir, wie sie bis jetzt bestanden hätten, gänzlich ändern müsse; daß er, obwohl er mich immer noch so wie früher liebe und ich ihm noch immer so teuer wäre wie je, doch das Gefühl für Tugend noch nicht so weit verloren habe, um jemals wieder bei der Frau zu schlafen, die sein Bruder zu seiner Gattin zu machen gedenke; und daß er, wenn er sich mit einem abschlägigen Bescheid von mir entferne, gezwungen sei, mir zu sagen, daß er, wiewohl er mich, seinen Versprechungen eingedenk, stets unterstützen werde, doch nicht mehr sehen könne. Das möge mich nicht überraschen, ich könne nichts anderes von ihm erwarten.

Diese Worte erfüllten mich mit furchtbarem Schmerz, so daß ich mich krampfhaft aufrecht halten mußte; denn ich liebte ihn wirklich so übermäßig, wie man es sich kaum denken kann.

Er sah meinen Kummer denn auch und bat mich, doch noch einmal ernsthaft zu überlegen und mit mir zu Rate zu gehen, dies sei der einzige Weg, auf dem wir unsere Zuneigung zu einander bewahren könnten; daß wir uns ja in diesem neuen Verhältnis als Freunde weiter lieben könnten, mit so viel Leidenschaft als uns zu Gebote stände, und doch von allen Vorwürfen und dem Verdacht der anderen befreit; ferner, daß er sich des Glücks, das ich ihm gegeben, stets erinnern werde, daß er, so lange er lebe, mein Schuldner bleibe und diese Schuld bis zu seinem letzten Atemzuge abbezahlen wolle.

Durch solche Reden brachte er es am Ende wirklich fertig, daß ich in meinem Entschluß wankend wurde, besonders, als er mir noch auf der andern Seite in lebhafter Farbe die Leiden ausgemalt hatte, denen ich entgegenginge, wenn ich gleichsam als eine verworfene Dirne in die Welt hinausgestoßen würde, ohne die Mittel zu haben, für mich zu sorgen, ohne Freund, ohne Bekannten, in eine fremde Gegend, denn in der Stadt könne ich doch nicht bleiben. All dies erschreckte[67] mich sehr und er ließ es sich angelegen sein, mir meine Zukunft möglichst schwer dahinzustellen. Anderseits jedoch wieder unterstrich er, welch leichtes und glückliches Leben mich sonst erwarte.

Alles was ich von unserer Zuneigung und von seinen früheren Versprechungen dazwischen warf, beantwortete er damit, die Not zwinge uns eben jetzt, ganz andere Maßnahmen zu ergreifen; was sein Eheversprechen angehe, so liege es doch nur in der Natur der Sache, daß ich ihm dasselbe zurückgäbe, da ich doch vor der Zeit, auf die es sich bezöge, die Gattin seines Bruders werden könne.

So, kann ich wohl sagen, rässonierte er mich um meinen Verstand. Er widerlegte all meine Be-weise; ich sah, was ich bisher noch nicht so klar getan, in welch bedrängter Lage ich mich befand, das heißt, daß ich in Gefahr war, von beiden Brüdern fallen gelassen und in die Welt geschickt zu werden, um mich dort durchs Leben zu schlagen.

Endlich kam ich denn mit mir überein, dem jüngeren Bruder mein Jawort zu geben. Ich tat es allerdings mit soviel Widerwillen, daß jedermann sah, ich ging zur Kirche ungefähr so, wie ein Verurteilter in seinen Kerker.

Hinzu kam, daß mich die Furcht nicht losließ, mein neuer Gatte, dem ich übrigens wirklich nicht die geringste Zuneigung entgegenbrachte, möge mich, wenn wir zum erstenmale zusammen zu Bette gingen, nach ... nach ... nun, er möge mich eben befragen. Aber ob es nun mit Absicht geschah oder nicht, das weiß ich nicht, jedenfalls machte ihn sein älterer Bruder am Hochzeitstage dermaßen beschwipst, daß ich die Genugtuung hatte, in der ersten Nacht einen ganz betrunkenen Bettgenossen neben mir zu sehen. Ich schloß, daß der ältere Bruder ihn gewiß nur in diesen Zustand versetzt hatte, damit er den Unterschied zwischen einer Jungfrau und einer, nun, einer, die keine Jungfrau mehr war, nicht bemerke. Jedenfalls machte mein neuer Gatte sich nie irgend welche Gedanken, oder machte gar mir gegenüber irgend eine Bemerkung.[68]

Ich hätte aber eigentlich nicht vorgreifen, sondern die Geschichte da weiter erzählen sollen, wo ich abgesprungen bin.

Nachdem also der ältere Bruder so auf mich eingeredet hatte, war seine nächste Aufgabe, auch die Mutter zu bestimmen, und er ließ nicht nach, bis er sie dazu gebracht, sich wenigstens passiv zu verhalten und dem Vater – der sich damals gerade für eine längere Zeit fern von Colchester befand – einstweilen keine andere als eine rein sachliche Meldung durch die Briefpost zu machen. So willigte sie also in unsere Heirat ein und überließ es einer späteren Zeit und Gelegenheit, den Vater nach dem Willen ihrer Sohne zu lenken.

Dann machte er sich bei seinem Bruder sehr beliebt, indem er ihm zu verstehen gab, welch großen Dienst er ihm erwiesen, und mit wie vieler Mühe er die Mutter zu der Einwilligung gebracht, was ja gewiß richtig war, jedoch nur geschehen, um nicht jenem, sondern nur sich selbst einen Dienst zu erweisen; denn er wußte ihm so lieb zu kommen, daß er noch tausend Dank dafür erntete, daß er seine Dirne seinem Bruder als Frau in die Arme geschmuggelt.

So leicht spricht sich der Mensch von jeder Ehre und Gerechtigkeit los, wenn es gilt, sich selbst vor irgend einem Übel zu retten.

Doch muß ich auch von Bruder Robin, wie wir ihn alle nannten, weiteres berichten. Als er die Einwilligung seiner Mutter erhalten hatte, kam er ganz voll von der Neuigkeit zu mir, erzählte mir die Geschichte lang und breit mit solch aufrichtiger Freude, daß es mir innerlich in meinem Herzen leid tat, einen so ehrenhaften guten Menschen zu betrügen. Aber da war nun nichts mehr zu ändern. Er wollte mich nun einmal haben, und ich konnte ihm doch nicht sagen, daß ich schon die Geliebte seines Bruders gewesen – und einen andern Weg, ihn abzuweisen, gab es jetzt nicht mehr. So machte ich mich also nach und nach mit meiner Brautschaft vertraut, und siehe da, eines Tages waren wir, wie ich schon vorweg erzählt, richtig verheiratet.[69]

Der Anstand verbietet mir ja, die Geheimnisse des Ehebettes auszuplaudern, immerhin – es hätte sich nicht günstiger treffen können, als daß, wie ich auch bereits erzählte, mein Gatte so betrunken war, daß er sich am andern Morgen überhaupt nicht mehr erinnern konnte, ob er mich nun in der Nacht eigentlich besessen hatte oder nicht. Ich selbst sagte natürlich, es sei der Fall gewesen, obwohl es gar nicht der Wahrheit entsprach, aber ich wollte sicher sein, daß er mich nun nichts mehr zu fragen hatte.

Es hätte keinerlei Beziehung zu meiner Geschichte, wollte ich weitere Einzelheiten aus der Familie oder meinem Leben in derselben erzählen. Fünf Jahre lang lebte ich mit meinem Gatten zusammen und will nur noch bemerken, daß ich zwei Kinder von ihm hatte und daß er am Ende des fünften Jahres starb. Er war mir ein guter Mann gewesen, und wir waren vortrefflich mit einander ausgekommen. Da er jedoch von seiner Familie nicht sehr bedacht worden war und in der kurzen Zeit unserer Ehe auch nichts nennenswertes dazu erworben hatte, befand ich mich nicht in den besten Verhältnissen und sah meine Lage durch meine Heirat eigentlich gar nicht sehr verbessert. Zwar hatte ich den älteren Bruder bei seinem Worte gehalten, mir die 500 Pfd., die er mir für meine Einwilligung zu der Heirat mit seinem Bruder angeboten, auszuzahlen, und diese Summe machte mit allem, was ich mir von dem Gelde, das er mir früher gegeben, erspart, und was mir mein Gatte hinterlassen, zusammen 1200 Pfd. aus.

Glücklicherweise nahmen mir die Eltern meines Gatten die beiden Kinder weg; das war dann alles, was Fräulein Betty der Familie eingebracht hatte.

Ich muß gestehen, daß mich der Verlust meines Gatten nicht so betrübte, wie es hätte sein müssen; auch kann ich nicht behaupten, daß ich ihn jemals gebührend geliebt, oder die gute Behandlung, die er mir zu teil werden ließ, genügend gewürdigt hätte; denn er war aufmerksam, zärtlich und gutmütig gewesen, wie es sich eine Frau nur immer wünschen kann;[70] aber der Anblick seines Bruders – ich sah ihn fast jeden Tag – war mir eine stete Qual; und niemals fand ich mich im Bett meines Gatten, ohne zu wünschen, ich läge im Arm seines Bruders; und obgleich dieser Bruder mir nach der Verheiratung nie den Austausch von Zärtlichkeiten antrug, sondern sich stets so benahm, wie es einem Schwager zukam, war es mir doch ganz unmöglich, seinem Beispiel zu folgen; kurz, ich beging in meinen Wünschen täglich schmählichen Ehebruch mit ihm und war darum gewiß nicht weniger schuldig, als wäre es in Wirklichkeit geschehen.

Der ältere Bruder verheiratete sich vor dem Tode meines Gatten. Wir waren damals gerade nach London übergesiedelt, und die Mutter, die alte Dame, lud uns durch einen Brief ein, der Hochzeit doch beizuwohnen. Mein Gatte ging, ich schützte jedoch ein Unwohlsein vor und blieb zu Hause, denn ich konnte es nicht über mich gewinnen, zuzusehen, wie der andere mit einer anderen verbunden wurde, ob ich gleich wußte, daß er nie wieder der meine sein konnte.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 48-71.
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