Der Vogel Wandelbar

[12] Ein Märchen


War einst ein Vöglein Wandelbar,

an dem fast Alles seltsam war.

Ein rechter Wildfang wollt es sein

und hatte doch ein Humpelbein

und viel zu krumme Flügel.


Allein die Flügel sah man kaum,

so schön war sein Gefieder;

das schimmerte wie Purpurschaum,

und auf der Brust der weiche Flaum

wie ein Perlmuttermieder.


Vom vielen Zwitschern eigner Art

bekam's ein Schnäblein silberzart;

und Augen trug's im Köpfchen,

so lieblich-launisch-glitzerblau

wie Morgens die Tautröpfchen.
[12]

Das gab dem Vöglein Wandelbar

ein Aussehn, sonderlich fürwahr.

Doch was das Sonderlichste war:

tief innen trug's unwandelbar

ein Herz von lautrem Golde.


Und Alles war dem Vöglein gut,

wie's humpelte und glänzte;

und Jeder nahm's in seine Hut,

solang es brav im Hofe saß,

der hoch sein Nest umgrenzte.


Bis unser Vöglein endlich

ein Vogel wurde; ei der Daus,

da lief es aus dem sichern Haus

allein ins weite Land hinaus,

und da erging's ihm schändlich.


Die Andern liefen gar so schnell,

das Ihre zu erjagen;

da kommt mit seinem Wackelschritt

solch armes Entlein nicht gut mit,

und muß den Spott noch tragen.


Sie stießen es und traten es

und rupften es gescheit;

und in dem wilden Drängen

blieb bald sein schönes Schimmerkleid

an Busch und Dornen hängen.
[13]

Zwar mancher blieb auch stehen;

vermahnten dann und schalten

den ungeschickten Wandelbar,

und wußten doch, wie lahm er war,

und – blieben selbst die alten.


Doch schließlich war es ihm geglückt,

mit letzten Kräften, arg zerpflückt,

ein Bäumlein zu erschwingen;

da dacht er heimlich auszuruhn

und sich in Schutz zu bringen.


Verwandelt war nun ganz und gar

der arme Vogel Wandelbar;

nur hier und da noch glänzte ein

zerschlissnes Purpurfederlein

in seinem grauen Kittel.


Und auch der Augen helles Licht

war blaß, wie welk Vergißmeinnicht;

nur noch das Silberschnäbelein

war ihm geblieben, blank und rein,

wenn's auch recht kläglich zirpte.


So saß er weitab vom Gewühl

und fragte sich voll Wehgefühl,

warum er so verlassen;

und wußte doch, daß Lahme nicht[14]

zu so viel Schnellen passen.


Ein Rabe aber kam vorbei;

den ärgerte die Melodei

und auch das Silberschnäbelein.

Er schrie: "Ich mag nicht solch Geschrei!

marsch, lamentier wo anders!


Ich will mir hier mein Nest her baun,

und für uns Beide ist kein Raum!"

und stieß das Vögelchen vom Baum

und riß ihm aus dem Kleide

auch noch sein letzt Geschmeide.


Da war ihm aller Mut dahin,

der Mut sogar zum Klagen.

Mit seinem müden Humpelbein

lief's weinend in die Nacht hinein

und dachte voll Verzagen:


Jetzt ist rein garnichts mehr an mir,

jetzt kann ich nur gleich sterben;

jetzt will ich in die Wüstenei,

wo Keinen ärgert mein Geschrei,

und still für mich verderben.


Ja, garnichts, garnichts mehr war sein

von all dem schönen bunten Schein;[15]

sogar das Schnäblein hatte ganz

verloren seinen Silberglanz

von all den vielen Tränchen.


Und als das Vöglein Das gesehn,

ist fast sein Herz gebrochen.

Zum Sterben hat sich's hingesetzt.

Da kam der goldne Mond zuletzt

und hat zu ihm gesprochen:


"Du armes Vöglein Wandelbar,

was grämst du dich denn immerdar

um deine paar Juwelen?

Du dummes Vöglein Wandelbar,

vergaßest du denn ganz und gar,

was Keiner dir kann stehlen!


Hast du denn nicht viel mehr in dir

als diese ganze Lust und Zier,

worauf die Andern sinnen?

Was weinst du denn und machst dir Schmerz?

denkst du denn garnicht an dein Herz

von lautrem Gold tief innen!"


Da ward dem Vogel Wandelbar

auf einmal Alles licht und klar,

und lebte gerne weiter;

da pfiff er bis an seinen Tod

auf allen Spott, auf alle Not,

unwandelbarlich heiter.

Quelle:
Richard Dehmel: Gesammelte Werke, Band 6, Berlin 1908, S. 12-16.
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