Venus Maculata

[76] Drum komm, o komm, noch einmal schweigt

so voll ins Feld, so voll bereit

der Mond ins Feld; noch einmal zeigt

die weite Nacht,

die zweite Nacht,

mir deine nackte Seligkeit.


O komm, o komm, ich will dich sehn!

rings rauscht der alte Eichenhain;[76]

die langen Wiesenhalme stehn

so still, so weich

am kleinen Teich,

und schimmernd tauchen wir hinein.


Und schimmernd, schimmernd heb'ich dich

heraus ins dunkelgrüne Kraut;

dein schwarzes Haar umrieselt mich,

der Tau wird warm,

und Arm um Arm

erkennt den Bräutigam die Braut.


Und dann – o dann – o flieh! – denn dann:

wir hatten Schooß in Schooß geruht:

von einer weißen Blüte rann,

du sahst es nicht,

im bleichen Licht

ein Tropfen Blut – Dein Tropfen Blut –


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Eitle Rührung, frech Bedauern,

Räubermitleid nach dem Raube.[77]

Oder war's ein echt Erschauern?

Narr, was fragst du – glaube! glaube!


Selbst der Reinste muß erleben,

von Verführungen umtobt,

daß der Geist sein wahres Streben

an Verirrungen erprobt.


Und da lass ich mich von schalen

Skrupeln bis aufs Blut zerquälen?

hier, wo hochher Sterne strahlen,

die zu frischem Mut mich stählen!


Nein, ich will mir's kühn bekennen:

auch die Lüste, die wir schuldbewußt

Unnatur und Unzucht nennen,

sind Natur und neue Züchtungslust –


ich, der selber einst tiefinnen

nur empor nach freierer Menschheit ächzte,

während meine tierischen Sinne

doch nach Dir tyrannisch lechzten,

Quelle:
Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus. Berlin 1907, S. 76-78.
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