Venus Pandemos

[41] Das war das letzte Mal. Im Nachtcafé[41]

der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch

der schwülen Sofapolster und des Punsches,

der vor mir glühte, und vom Frauendunst

der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.


Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter

und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen

und Derer, die drum warben. Das Gerassel

der Alfenidelöffel am Büffet

ermunterte den Lärm des Liebesmarktes,

ununterbrochen, wie ein Tamburin.


Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend,

und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters,

der drüber hing, sich mühsam mit den Farben

auf den Gesichtern um die Marmortische

in seiner gelben Sprache unterhielt;

wozu der schwarze Marmor blank auflachte.


Ich war schon bei der Wahl – da teilte sich

die rote Türgardine neben mir:

ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug

schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte;

die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm.

Mir grade gegenüber, quer am Ende

des Ganges, als beherrschten sie den Saal,

nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter

hing über ihnen wie ein schwerer alter[42]

Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen.

Doch hört'ich rechts von mir ein heisres Stimmchen:

»Bejejent muß ik die woll schon wo sein.«


Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft

schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne,

die wachsbleich an die schwachen Haare stieß.

Die großen blassen Augenlider waren

tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag

ihr Schatten um die eingeknickte Nase;

der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen.

Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin

ihm kichernd einen Satz zuzischelte,

sah man sein eines schwarzes Auge halb

und drehte sich sein langer dünner Hals,

langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch,

wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.


Es wurde immer stiller durch den Raum;

sie blickten Alle auf den stummen Mann

und auf das sonderbar geduckte Weib.

»Sie ist ganz jung« – war um mich her ein Flüstern;

auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind.

Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zunge

durch eine Lücke ihrer trüben Zähne

spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während

ihr grauer Blick den Saal belauerte;

das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün.[43]

Jetzt stand sie auf. Sein Glas war unberührt;

ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor.

Sie ging; er folgte automatisch nach.

Die rote Türgardine tat sich zu,

der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze,

doch fluchte Keiner; und mir schauderte.


Ich blieb für mich – ich kannte sie auf einmal:

es war die Wollustseuche und der Tod.


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Weicht, ihr Schatten! – Wie sie zucken,

wie die Fensterhöhlen drohn!

Ja, ihr mögt manch Opfer schlucken;

aber ich, ich sprech euch Hohn!


Die Laternen flackern greller,

jäh erlosch das letzte Fenster;

jeder Stern erscheint noch heller –

niemals sah ich die Nacht beglänzter!
[44]

Ich! Denn ach –: ich kannte Einen,

der sah nie zu gleicher Zeit

Sterne, Fenster und Laternen scheinen –

dieser Ärmste tut mir leid.


Beim Geschmetter einer Blechkapelle

kann er keine Nachtigall hören,

ohne daß sich auf der Stelle

seine zarten Ohren empören.


Ich indessen – o Mirakel –

höre das Lied der Nachtigallen

durch den ärgsten Höllenspektakel

nur noch himmlischer erschallen.


Ich Barbar! ich brauch mir meine

Nerven nicht zu vergesundern;

ich kann beim Laternenscheine

manchen Stern erst recht bewundern.


Mir wehrt keine Kunstscheuklappe

meinen freien Blick durchs Fenster,

weder Holz noch Blech noch Pappe –

niemals sah ich die Nacht beglänzter!


Leucht auch Du mit deinem reinsten

Licht, du Spürkraft meiner Seele,[45]

die mitfühlend im gemeinsten

Wicht noch scheut die eignen Fehle!


Denn ich weiß, wie Du mich Einsamen

einst zum edelsten Trotz anschürtest,

als ich dich, du Allgemeinsame,

selbst im schmutzigsten Elend spürte,

Quelle:
Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus. Berlin 1907, S. 41-46.
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