Venus Urania

[53] Psalm an den alten Gott.


Der du in Gewittern hausest,

kommst du, Grollender?

Tief von unten,

über Berge und Wolken her:

suchst du Mich, im dunkeln Mantel Du,

schwarzgekrönter Wetterherr,

mit der bleiernen Stirne?


Höher doch! näher! herauf zu mir,

mir und meiner Sonne,

die ich aus Abgrundnacht an meinen[53]

Himmel setzte mit kettendem Blick,

die mich erleuchtet, von mir durchglüht,

aufgegangen in Eine große

einige einzige Strahlenwelt!


Ja, du suchst uns,

willst uns segnen,

Du mit deiner Donnerglockenstimme,

willst empor zu unserm

Strahlenherd, Strahlender du!

Sehnst dich, hell in unser helles

lichtfrohlockendes Glück zu blicken,

du auch ein Lichtsproß,

Lucifer, Lichtschleudrer,

weltbelebender Erschüttrer – komm!


Denn wir kennen dich:

du bist mein Bruder!

Komm und sieh: hell

schaun auch Wir dir

durch die nachtgraue Maske

in dein glühend blutendes Herz, das gute:

Du wirfst Kraft,

Liebe aufs schmachtende Feld herab,

wenn du mit wuchtender Faust

krachend zersprengst

die dumpf drückende Dunstlast.


Tobe nur, Kommender! nimm,[54]

hebe die splitternde Axt!

Hebe die düstern, schönen,

schattenumhangenen Lider!

Grüßt mich, sprüht, ihr jähen,

Ewigkeit aufschließenden Blicke:

ja! ich will mich satt sehn, satt

an dieser funkelnden Unendlichkeit.

Auf, ihr stürmischen Lippen auch:

aus eurem rollenden Lobgesang dröhnt mir

das machtvolle Wort vom Samen der Sehnsucht,

vom Keim der Kämpfe, der Atem der Lust!


Sonne, meine Sonne,

sieh: er hört uns!

Weh: Er: stählerne

Ströme sein Blick!

Über dir – rette dich –

Sonne, wo bist du –

hilf – o Sonne –

lieg'ich umklammert,

liege von blendenden,

wilden, sausenden Wonnen durchbohrt.


Sonne, mein zitterndes Licht:

lache! – nur den Baum,

sieh, den Felsen nur

traf sein zischendes Beil.

Hörst du ihn jauchzen?

über der klaffenden Buche,[55]

über den talab polternden Trümmern,

im flatternden Bart ihn

jauchzen sein schmetterndes Lied:

Wecke den Tod,

Echo! es loht

von Stamm zu Stamm der Strahl der Kraft;

Einer stürzt, der tausend drückte.

Stürzt der Ragende, wachsen die Ringenden;

tausend wachsen, Einer ragt.

Tod zeugt Leben – stammelt die Menschheit unten;

hochher schweigt dazu die Ewigkeit.


Auf, mein knieendes Glück!

Grolle nur, Donner! Blitz,

greller noch! triff, zerbrich,

was furchtsam zitternde Kronen trägt!

Uns segnest du,

uns prüftest du,

Blut von Deinem Blut, mit heißen

Fingern in deiner Flammentaufe.


Wir, mein Zitterndes, auf!

wir sind fromm und heilig:

mit gefeitem Diademe krönte

uns die Liebe,

unsre lichtfrohlockende Liebe,

zitternd von Andacht und Inbrunst! Und –

ja – und trifft auch Uns er,

will ein Bruderopfer Seine Liebe:[56]

nimm uns, Lucifer! herrlich

stürzen wir hin ins Licht auf,

vermählt verglühend in deiner reinen,

in unsrer eignen reinen Glut.


Nein, wir furchten dich nicht,

rasend liebender Bruder!

Wir sind Welt wie Du,

Lucifer, Lichtbringer:

Ich und meine Sonne,

die wir Eins mit allem Licht der Welt sind,

wir lieben Alles,

alle Welt muß Uns lieben!


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Aber dann ward trunkne Stille;

war's die Stille der Ermattung?

Taumelnd stand mein junger Wille

vor dem Zwiespalt der Begattung.


Sollte nicht ein Sturm von Wonne

aufsprühn, der zwei Welten einigte?

Warum zagte meine Sonne[57]

vor dem Glutwind, der mich reinigte?


Stumm vernimmt das längst entwichene

Himmelreich mein wehes Fragen.

O verzeih mir, du Verblichene!

heut versteh ich dein Verzagen.


Griechin solltest du mir werden,

Jüdin bliebst du allerwärts;

ach, mit Übermenschgeberden

griff ich in dein menschlich Herz,

Quelle:
Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus. Berlin 1907, S. 53-58.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Die Narrenburg

Die Narrenburg

Der junge Naturforscher Heinrich stößt beim Sammeln von Steinen und Pflanzen auf eine verlassene Burg, die in der Gegend als Narrenburg bekannt ist, weil das zuletzt dort ansässige Geschlecht derer von Scharnast sich im Zank getrennt und die Burg aufgegeben hat. Heinrich verliebt sich in Anna, die Tochter seines Wirtes und findet Gefallen an der Gegend.

82 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon