Im Wandern

[125] Handwerksburschenweise.


Ein silbern Herze,

von Golde ein'n Ring

die Liebste mir gab,

als zum Scheiden es ging;


und that in das Herze

ihr Bild hinein, –

so einsam der Morgen,

bin doch nicht allein ...


Arm Fröschlein im Gleise,

zermalmt liegst du!

Ich wandre meine Straße

und wandre immer zu ...


Schon teilt sich der Nebel,

erglänzet die Welt,

im Sonnenschein glitzert

das Aehrenfeld;


die Hummeln summen,

die Lerchen singen;

die Birken wehend

die Zweige schwingen;


die Pappeln, die schütteln,

die Blätter im Wind;

sie raunen, sie lispeln

von meinem fernen Kind.


Will nehmen das Herzlein

vom seidenen Band –[126]

und leg's in das Ringlein

in meiner Hand, –


so schreit' ich und schau'

als ein Zeichen mir's an:

so halt' ich in Treuen

ohn' Ende Dich umfahn ...


Bleib sitzen nur, Häslein!

heut jag' ich dich nicht ...

Ich wandre, ich schreite;

die Sonne sticht ...


In Dorfes Mitten

der Friedhof sich hebt;

wie wird's gar kühl sich ruhen,

wenn man mich einst begräbt!


zwei weiße Rosen biegen

ums Grabkreuz die Aest',

drauf steht mein Nam' geschrieben, –

bis der Regen ihn löscht ...


Hinterm Kirchlein die Schenke

heißt »Zu den drei Linden«;

da wird zum Ruh'n ein Plätzchen

wohl auch noch sich finden ...


Ei Tausend, Frau Wirtin,

Euer Töchterlein das?!

Ei, füllt mir geschwinde

noch Einmal das Glas! – –


Was wackelt der Pfahl da?

der ist wohl betrunken –![127]

Ich wandre, ich schreite,

in Sinnen versunken.


Wir war'n ja so alleine,

und sie – war so weit!

ich will ihr Alles sagen,

und ach – wenn sie verzeiht!


Und am End' meiner Reise

steht mein elterlich Haus,

da schaut mein lieb Mütterchen

zum Fenster nach mir aus;


und drinnen sitzt mein Vater,

wie'n König auf sein'm Thron,

und will's nicht verraten,

daß er wart't auf sein'n Sohn ...


Nun will ich nicht sinnen,

ob ich glücklich kann werden:

ich hab' ja die Liebe

und 'ne Heimat auf Erden!

Quelle:
Richard Dehmel: Erlösungen, Stuttgart 1891, S. 125-128.
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