Das Donnerwetter

[273] Herrlich und furchtbar bist du, gewaltiger

Wolkenversammler, Himmelverfinst'rer!

Kein Erdegebieter, und kreiste sein Machtwort,

So wie die Sonne kreist,

Reichet an dich.

Herrlich und furchtbar bist du. So sagte mir

Tief in der Seele dein Donner.

So lange dein Donner sprach, lag es verstummet;

Aber nun sagt es mein Harfenspiel nach:

Herrlich und furchtbar!


Heiß war der Tag. Dein Finger gebot

Nach Süden. Da zogen nach Süden

Von tausend Thälern und tausend kochenden Sümpfen

Die blaulichen Hauche, verdickten sich dort

Zu schwarzen Wolkengebirgen. Von da

Sollte dein Blitzgespann,

Sollte dein erdenerschütternder Wagen

Ueber das Antlitz der Welt ergeh'n.
[274]

Die Sonne barg sich. Immer stiller,

Stiller ward der Waldgesang.

Der Schwalbe Flügel streiften an der Erde.

Die Mücken summeten ahnend umher.

Schnaubend warf der Stier den Nacken auf,

Und suchte den strömenden Wind.

Aber von dir war ihm noch nicht zu strömen geboten.

Unbewegt, unerfrischt stand die Luft,

Und die Brust des Barden war beklemmet,

Und sein Odem schwer.


Endlich gebot'st du dem Winde zu strömen.

Da trug er in seiner weitkreisenden

Tief niederhangenden Wolkennacht

Deinen erschrecklichen Wagen herauf.

Riß auf Riß zerbarst die Nacht

Deinen geschlängelten glühenden Keilen

Vor dem Wagen her.

Aber der Wagen krachte noch nicht. Er rollte nur.

Und die Brust des Barden ward beklemmter,

Und sein Odem schwerer.


Nur war der Wagen über unserm Haupte.

Dem Drucke seiner schweren Räder[275]

Erbebten die Thürme der Kaiserstadt,

Erbebte bis in ihrem tiefen Schooß die Veste.

Jeglicher blendende Blitz,

Ereilt vom betäubenden Knalle,

War des nahen Todes Zeuge.

Bleich und stumm war mein Geschlecht,

Und ich saß mit gebog'nem Nacken,

Und in meiner Seele war kein Laut, als dieser:

Herrlich und furchtbar!


Aber die zackigen Keile

Fuhren ergrimmet umher.

Einer durchwühlte den Busen der Flur.

Ein and'rer begrub sich in der erschrockenen Donauflut.

Dieser erlosch im unendlichen Raume der Himmel.

Jener traf der schönsten Eiche Wipfel.

Morgen kömmt der Barde, will sich kränzen;

Ach sie steht versengt!


Also fuhren die Keile; doch hatte

Der auf dem Wagen den Keilen geboten,

Meines Geschlechtes zu schonen.

Und jetzo gab er seinen Wassern

Befehl, herunter zu stürzen.[276]

Da wurden die Wolkengebirge zur Eb'ne,

Und der Wagen krachte nimmer, rollte nur;

Und ich hub mein Haupt allgemach empor,

Und die Brust des Barden ward erweitert,

Und sein Odem leichter.


Nun war er hinüber der Wagen nach Norden;

Doch irrte von Berge zu Berge

Der langsam sterbende Nachhall von seinem Gerolle.

Da schwang sich mein freierer Blick zum Himmel.

Der farbige Bogen (die Brücke der Götter,

Als Odin1 noch herrschte, noch Asgard2 stand,

Und jetzo der Schatten, Allvater!

Von deinen besänftigten Augenbraunen)

Der wölbte sich hell in Osten empor.

Wie klares Gestein, so glänzte zur Luft[277]

Der Segen der Wolken auf Laub und Gras.

Da tauchten die Vögel, da tauchten die Heerden

Den munteren Fuß in's erfrischende Naß,

Und neues Gefühl des Lebens erhub

Das zagende Menschengeschlecht.


Auch mich, auch mich erhub dieß neue Gefühl.

Ich rührte die Saiten und sang:

Herrlich und gnädig bist du, gewaltiger

Wolkenverwälzer, Himmelerheiterer!

Siehe, dort dampfet der Hain, getroffen von dir.

Aber du schontest der Menschen.

Deine Sonne barg sich.

Nun erscheint sie wieder

In der Abendpracht.

Ihrer Blicke letzter

Göldet mein erwachtes,

Frohes, dankbemühtes Harfenspiel.

Fußnoten

1 Der oberste Gott der Teutschen.


2 Eine Stadt, welche die Götter im Mittelpunkte der Welt erbaut hatten. Hier war der Thron Odins an der Stelle Hlidskialf, von welcher er die ganze Welt besehen, und die Handlungen der Menschen beurtheilen konnte.


Quelle:
Michael Denis: Auserlesene Gedichte, Passau 1824, S. 273-278.
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