Der Chronographist

[223] 1762.


Manche machen so viel Wesen,

Wenn sie Poesien lesen.

Ich begreife nicht warum!

Was sind aller Dichter Werke?

Ich, ich setze meine Stärke

In ein Chronographicum.


Mag doch Stax beim Hübner fluchen,

Sylben zählen, Reime suchen;

Was entgehet mir darum?

Ich muß seines Fleißes lachen;

Er kann Epopöen machen!

Ich? ein Chronographicum.


Wenn ein Namenstag erscheinet,

Um ein Grab die Freundschaft weinet,

O da bleib' ich niemal stumm!

Wird ein Fürstenkind geboren,

Hat der Feind die Schlacht verloren,

Flugs ein Chronographicum.
[224]

Zeigt sich mir ein neu Gebäude,

Sprech' ich oft mit Herzeleide:

Uns're Zeiten werden dumm!

Ueber's Thor ist nichts geschrieben!

Kann ein Frontispice belieben

Ohne Chronographicum?


Sind Altäre, sind Trophäen,

Ist ein Trau'rgerüst zu sehen,

O da guck' ich um und um.

And're mag die Kunst entzücken,

Ich such' unter Meisterstücken

Nur ein Chronographicum.


Hör' ich einen Namen nennen,

Gleich beginn' ich auf zu brennen.

Lüstern denk' ich ihn herum.

Nur ein M – ein D – Gewonnen!

Dieser Namen ist ersonnen

Für ein Chronographicum.


Und so soll im Letternhaschen

Einst der Tod mich überraschen.

Doch dieß sey mein letzter Ruhm,[225]

Daß er mich nicht eh' bezwinge,

Bis ich noch mein Sterbjahr bringe

In ein Chronographicum.


Gräber, die mit Spieß und Stangen,

Wappen, Helmen, Fahnen prangen,

Sind der Helden Eigenthum.

Dichtergräber mögen glänzen

Mit ersung'nen Lorbeergränzen!

Mir ein Chronographicum!

Quelle:
Michael Denis: Auserlesene Gedichte, Passau 1824, S. 223-226.
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